Von isländischen Trampern und inspirierenden Abendessen – Am Anfang aller Dinge –

Man könnte es als Sturzgeburt bezeichnen, als überhastete Entscheidung, oder auch als kompletten Sinneswandel, dass ich mich vor nicht allzu langer Zeit dafür entschied einen Freiwilligendienst zu machen. Ja, vor einigen Monaten war mir dieses Wort mitsamt seines Hintergrundes nicht einmal bekannt. 

Für mich stand damals fest sofort zu studieren, bis mich eine Reise nach Island vom vermeintlich rechten Pfad abbrachte. Daran hatten einige Tramper Schuld, die mit ihren riesigen Rucksäcken in unseren kleinen Mietwagen kaum Platz fanden und so detailliert von ihren Reisen berichteten, dass mich das Fernweh weckte. Alle kamen aus ganz unterschiedlichen Ecken der Welt, hatten diverse Ziele im Leben, sahen anders aus, hatten aber im Endeffekt die gleichen Vorstelllungen zum Thema reisen: „ Mach es jetzt, wo du noch jung bist. Komm raus aus deiner eigenen Blase!“ Und damit hatten sie meines Erachtens nach auch Recht. Wenn nicht jetzt, wann dann? Später geht die Zeit dafür verloren, da man bereits zu fest im Leben steht,  arbeitet, oder eine eigne Familie gründet und fest im unabdingbaren Alltag steht. Die Zeit, um auf Reisen zu gehen, war gekommen! 

Seitdem träumte ich davon in den nächsten Jahren mit einigen Freunden durch die Wildnis zu trampen. Ich wollte Dinge sehen, die mir den Atem rauben würden, Abenteuer erleben, die ich später jedem erzählen könnte.  Seien Wasserfälle, wunderschöne Landschaften oder Sonnenuntergänge, ich war verzaubert von dem mystischen erhabenen Neuen, was davor nichts als Illusion gewesen war.

 

Dem nicht genug kam es zu einem sehr besonderen Abendessen. Da saßen Deutsche, Syrer, Kolumbianer, junge und alte Menschen an einem Tisch und lachten und scherzten. Gemeinsam. So etwas hatte ich bisher nicht oft erlebt und doch war diese Gruppe vieler Nationen mit ihren unterschiedlichen Kulturen und Sprachen etwas, was ich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr missen wollte. So saßen auf der einen Seite des Tisches zwei junge Brüder, sie waren vor einem Jahr aus Syrien geflohen, sprachen nun ein respektables Deutsch und unterhielten sich wild gestikulierend mit zwei gleichaltrigen Jungs aus Deutschland über deren nächtlichen Besuch in einem Berliner Nachtclub. Auf der anderen Seite saß ein mittelaltes Paar. Die Frau kam aus Kolumbien, der Mann aus Deutschland. Sie hatten ihre drei Kinder mitgenommen, das Jüngste, vielleicht ein halbes Jahr alt, saß bei einem Syrer auf dem Schoß und gluckste fröhlich in die Gegend. Daneben aß ein älterer Mann, er stammte auch aus Syrien, aber war schon vor 40 Jahren dort weggezogen. Er sprach einwandfrei deutsch, arabisch und spanisch und konnte sich so mit allen Anwesenden auf gleichem Sprachniveau unterhalten. Und mittendrin im Gewühl: Ich. Total zufrieden mit der Gesamtsituation.

Der ältere Mann erzählte mir vom alten Syrien, von großen Basaren voller orientalischer Kostbarkeiten und von einem riesigen Stoffmarkt, wo sich ein Stoffverkäufer an den anderen reihte. Für mich stellte sich hierbei die Frage, wie sich ein einzelner Stoffhändler in mitten eines so großen Aufgebots an Konkurrenz überhaupt über Wasser halten konnte, ohne seine Existenz zu verlieren. Die Antwort kam schnell:

Wenn ein Händler in einer Stunde drei Kunden betreut, einer davon aber einen Stoff verlangt, den er gar nicht auf Lager hat, so kann er ihn an einen anderen Verkäufer weiter empfehlen. So herrscht ein Gleichgewicht zwischen den Kaufmännern. Und dem nicht genug, leiten sie auch dann ihre Käufer weiter, wenn sie bereits das Maximum an Gewinn für einen Tag erzielt haben, ihr Gegenüber aber nicht. Sie helfen und unterstützen einander, sodass keiner wirklich leer ausgeht. Das System funktioniert so lange, bis einige Stände entfernt werden, sei es durch Brandschatzung oder Vernichtung dessen durch den Krieg. Dann kollabiert dieses Gebilde der Hilfe und keiner kann sich und seiner Familie ein gutes Leben mehr sichern.

Diese Geschichte war eine riesengroße Inspiration für mich, weil ich sie aus dem Stoffmarkt-Universum loslösen und auf mehrere Bereiche aus dem Leben übertragen konnte. Jeder sollte einander unterstützen und helfen. 

Seit diesem Abend war also mein Interesse für einen größeren Austausch von Wissen und Kultur geweckt. Hinein in die weite Welt! Hinein in ferne Länder! Hinein in eine Zukunft weiterer Zusammenkünfte mit spannenden Menschen aus allen Nationen dieser Welt. Zwar brauchte es noch einige Zeit und mehrere Motivationsversuche seitens meiner Eltern mich auf die Freiwilligendienst-Schiene zu schieben, doch letztendlich fesselte mich schließlich die Ideen gleichzeitig zu reisen und Menschen zu helfen, sodass der Gedanke zum Selbstläufer wurde.

Ich weiß, dass ich die große weite Welt keinesfalls verändern kann, aber ich werde versuchen einen Teil, ein kleines Fleckchen, ein paar Leute dazu zu bringen glücklicher auf die Welt zu schauen, als vorher. 

Und nun stehe ich hier – am Anfang aller Dinge – und werde in ein paar Monaten meine behütete Blase verlassen. Ich will Vorurteile abbauen und eventuell dazu beitragen, dass wir alle ( ja auch du, der gerade diesen Blog ließt ) ein Stückchen weltoffener werden.

Auch der Nachhaltigkeit wegen, will ich in ein Land reisen, wo man von den Leuten lernen kann, dass es nicht jeden Tag auf Fleisch, jeden Monat auf eine neue Designer-Hose, oder jedes Jahr auf ein moderneres Handy ankommt, sondern auf viel weniger und man trotzdem glücklich sein kann.

Und warum gerade Indien? Wegen der Kultur, der Musik, des Essens, der Mentalität und der Freundlichkeit der Leute und den ganz verschiedenen Mysterien, die das Land im Moment noch vor mir verbirgt. Wegen des Fernwehs, wenn ich die Blogs der momentanen Freiwilligen in Indien lese und danach einfach nicht aufhören kann von deren Erlebnissen südseits des Himalaya-Gebirges zu träumen…. 

Bis zur Abreise ist es noch Zeit, doch trotzdem gibt es schon vorher einiges zu tun, bis ich endlich den langen Weg nach Indien antreten kann. Doch dazu eines späteren Tages mehr! Macht´s gut! 🙂