Gedanken

Wenn du ein Teil eines Fahrrades wärst; welches Teil, wärst du und warum? Wenn du ein Tier wärst, welches wärst du und warum? Folge dabei deinem Impuls, ein Lexikon ist dazu nicht nötig, es gibt kein Richtig oder Falsch.

Insgeheim musste ich doch etwas schmunzeln als ich diese beiden Fragen im Bewerbungsportal der „Freude der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ sah, war ich doch darauf vorbereitet Fragen zu beantworten, die mehr in die Richtung „Was bringst du für Qualifikationen für einen Freiwilligendienst mit“ gingen. Diese Fragen waren mehr…menschlich, statt rational kapitalistisch.

„Nun“, überlegte ich. Was war ich denn für ein Tier und welches Teil würde ich rein metaphorisch am Fahrrad sein?
Nach langem Hin und Her entschied ich mich für eine Lampe und ein von mir selbst kreiertes Fantasiewesen. Dem „Schlahungo.“ Ich war das Licht, dass den Menschen den Weg durchs Dunkle leitete und kreative Ideen mit in einen Schaffungsprozess mit einbaute, sodass die Gemeinschaft davon profitierte. Ich war ein Schlahungo, ein Mix aus den guten Seiten der Schlage, des Hundes und des Mungos. Einerseits listig, ruhig und im Geheimen Pläne schmiedend, dann treu und bereit alles zu tun was man verlangte und zu guter Letzt fähig Kräfte aufzubringen, um außergewöhnliches zu leisten. Wie der kleine wieselähnliche Mungo, der in der Lage war eine ausgewachsene Schlange zu töten.
Auch durch diese beiden Aussagen wurde ich letztlich Teil der Freiwilligendienst-Gemeinschaft, wofür ich monatelang gekämpft hatte.
Damals war nichts wichtiger, nichts existenzieller, nichts… außergewöhnlicher als diese Zusage für einen Freiwilligendienst, um endlich hinaus in die Welt zu ziehen.

 

Doch nun gelten meine Gedanken etwas anderem. Das ganze Prozedere ist jetzt für mich de facto Wirklichkeit geworden. Der Flug ist gebucht, das Visum für Indien ist fast eingereicht und ich habe nur noch einen Monat hier in Deutschland. Meinem Zuhause.
Damals, vor drei Monaten hab ich noch fröhlich allen Leuten erzählt, dass ich „irgendwann im August“ „irgendwie“ nach Indien fliegen und dort den Eingeborenen helfen werde. Der August lag damals noch in weiter Ferne und es war…. nun, wie soll ich es formulieren….noch nicht wirklich real. Es war lediglich die Idee eines Jungen, der sein Nest verlassen wollte und noch nicht ganz wusste wie. Nun weiß er es und es macht ihm mehr Angst zu fliegen, als er dachte.

Ich kann sicher sagen, dass ich am 15. August um 10:45 Uhr ab Berlin Tegel über Frankfurt und Mumbai fliege und am nächsten Tag um 4:20 Uhr in Hyderabad lande. Einen Tag später werde ich dann meinen Dienst antreten.
Und diese Sicherheit, dass mein Dasein in Berlin ein punktgenaues Ablaufdatum hat, erschreckt mich und lässt in mir leichte Panik aufsteigen. Panik nicht alles geschafft zu haben, bevor ich dann meiner Heimat ein Jahr den Rücken kehre…

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich mich bei einer anderen Organisation für einen Freiwilligendienst beworben. Dort beschrieb ich mein Interesse andere Kulturen zu sehen wie folgt:

„ Es sind die Menschen die unser Leben erst zu etwas Lebendigem machen.“

Und weiter schrieb ich, dass genau diese Menschen ein wichtiger Grund sind hinaus in die Welt zu ziehen. Und das stimmt immer noch. Bereits jetzt erfüllt es mich mit Vorfreude mit meiner Dhaatri-Crew zusammen arbeiten zu dürfen, so sind wir vier, die ein Jahr aufeinander hocken werden, doch wahnsinnig motiviert. Wir haben bereits Pläne geschmiedet, die abstrus aussehen mögen, wie den Mount Everest zu besteigen, oder stundenlang Mensch-ärgere-dich-nicht zu spielen, aber dennoch uns irgendwie tief miteinander verbinden.

Voller Freude blicke ich dem zehntägigen Vorbereitungsseminar in Freudenstadt entgegen, weil ich auch hier wieder mehr als 50 Menschen treffen werde, die wirklich Lust darauf haben, etwas auf die Beine zu stellen, die Welt zu verändern. Sie alle werden bald gen Indien reisen und zusammen mit mir ein unbeschreiblich, inspirierendes Jahr haben!

 

 

Und genau hier liegt das Problem. Inspirierende Leute…Vor ein paar Wochen war ich das erste Mal bei einer Ferienlagerfahrt als Teamer dabei. Die Organisation – „Wildfang“ – war schon immer irgendwie ein Teil von mir. Meine Mutter und mein Vater, als erste Generation an Ferienlager-Betreuern dieser Organisation haben sich dort kennengelernt und daraus bin im Endeffekt Ich entstanden. Jetzt bin ich sozusagen in ihre Fußstapfen getreten und wer weiß, vielleicht werde ich dort auch die Liebe meines Lebens finden. 😀
Doch es waren nicht nur die Kinder im Camp, sondern meine kongenialen Partner, mit denen ich fast jeden Abend bis nach Mitternacht zusammen saß, lachte und feierte. Irgendwann verschmolzen wir zu einer richtigen, wenn doch auch sehr müden Gemeinschaft. Wenn man bis um vier in der Nacht Spiele spielt, aber ab 8:00 Uhr Morgens wieder die ausgeschlafenen, wilden Kinder im Zaum halten muss, kommt das schon mal vor. 🙂
Jene Freude und jene Euphorie konnte ich dann auf einem Seminar der selbigen Organisation, kurz nach meinem Camp erleben, wo gut dreißig bis vierzig Leute gemeinsam Spaß hatten. Unter anderem saßen wie des Abends am Lagerfeuer nahe eines Sees und sangen, in Begleitung einer Gitarre.  Auch da gab es Momente, wo ich die Zeit einfach hätte anhalten können, um sie nicht verfliegen zu lassen.

So saß ich einen Abend lang bis um drei am Lagerfeuer und redete mit einem interessanten Mädchen, bis mir der Rauch des Lagerfeuers etwas zu Kopf stieg und ich doch lieber schlafen ging. Den Moment, das Gespräch, hätte ich aber liebend gern weitergeführt, von mir aus bis zum nächsten Morgen…

Was ich hiermit sagen will, dass ich hier ebenfalls tolle, motivierende Leute gefunden habe und nur zu gern würde ich auf ein weiteres Ferienlagercamp fahren, um diesen Zusammenhalt des Teams wieder zu erleben. Keine Frage wird das in Indien mit meiner kleinen Crew auch so sein und es wird definitiv Momente geben, die man schlicht und einfach einfrieren würde, um sie nicht gehen zu lassen….
Doch…dadurch, dass man weiß, dass man „die Menschen, die dein Leben zu etwas Lebendigem machen“ auch bei sich in der Gegend findet, fällt es schwer nicht Angst zu haben, sie innerhalb des nächsten Jahres aus den Augen zu verlieren. (Das sollte bei späterer Betrachtung auch der Fall sein)
Weiterhin klammert sich ein weiterer Gedanke um die ganze Sache mit den Menschen, oder konkreter formuliert um die Menschen, die ich verlassen werde:

Wie verabschiede ich mich für ein ganzes Jahr ?

Sich verabschieden ist nichts Neues. Man sagt dem anderen ein baldiges Wiedersehen zu und schwindet dann für kurze Zeit aus dessen Welt. Dann sieht man sich wenig später wieder und alles wirkt vertraut, einem bestimmten Ablauf folgend, an dem man sich bereits gewöhnt hat.
In meinem Fall jedoch funktioniert das so nicht. Ich will mich am liebsten gar nicht verabschieden, ich will mich einfach umdrehen, gehen und nach dem Jahr fröhlich in die Arme meiner Familie und meiner Freunde fallen. Ich will nicht meine Leute mit traurigen Gesichtern sehen, wenn ich gehe. Ich weiß, ich muss und werde es vermutlich auch tun. Aber ich habe Angst davor.

Wie verabschiede ich mich? Wie? Bisher habe ich noch keine Idee und eben diese Ideenlosigkeit verleitet mich dazu den Abschied aufzuschieben, nicht einzugestehen, dass es eventuell das letzte Mal sein könnte, diese eine bestimmte Person zu sehen. Es kommt mir nicht richtig vor, aber was ist denn in diesem Fall richtig?

Um zurück zu dem Licht am Fahrrad und meinem Fantasiewesen, dem Schlahungo, vom Anfang meiner Gedanken zu kommen; was ist, wenn ich es trotz meiner Versicherung genauso zu sein, es nicht schaffe in Indien zu leuchten und nicht diese bestimmten Charaktereigenschaften der Tiere in mir zu vereinen? Was ist, wenn ich es nicht schaffe, die Ziele der Chefin der NGO, die bei den momentanen Freiwilligen in Hyderabad als Visionärin gilt, umzusetzen? Was ist, wenn ich es nicht schaffe stark zu sein?

Vielleicht ist es auch irrelevant sich solche Gedanken zu machen. Immer dann, wenn man gerade zu viel Zeit hat ( ich habe seit April eigentlich nichts mehr wirklich zu tun, seitdem die Schule vorbei ist) kommen diese Gedanken, die immer klarer werden und  insbesondere dann muss ich aufpassen, dass sie nicht meine Vorfreude und Träume kaputt machen. Dieses Jahr wird mir ein Haufen Erfahrungen einbringen und bald werde ich nicht mehr auf meine Bedenken achten, besonders weil kaum Zeit dafür sein wird. Vielleicht werden sie sich an schweren Tagen an die Oberfläche kämpfen, doch am Ende wird bestimmt alles gut, oder um es in einem Zitat von „König der Löwen“ auszudrücken:

Hakuna Matata! Keine Sorgen…