Bereit

Wie beschreibt man Tage, die unterschiedlicher nicht sein konnten? Wie beschreibt man ein ganz bestimmtes Seminar voller schöner Momente die nicht nur Glück ausgelöst haben, sondern auch Wut und Traurigkeit? Kann überhaupt eine Bedeutung für jemanden entstehen, der nicht dabei war? Bestimmt nicht, es sei denn man ist Stephen King, gar Shakesspeare und kann geschriebene Wörter in pure, klare Bilder und Empfindungen verwandeln. Ich bin weder der eine, noch der andere, aber versuchen, um der Einstellung wegen, die ich jetzt, im Gegenzug zum vergangenen Eintrag habe, kann ich´s ja mal… 🙂

 

50 Leute, vereint in der Sache zusammen nach Indien loszuziehen und bereit ein Jahr in einer fremden Kultur zu leben. Was ergibt das? Eine Gruppe von Menschen, wo jeder Einzelne den anderen bis in die Fußspitzen motiviert und inspiriert. Ein Haufen von unterschiedlichen Charakteren; Laut, leise, lustig, leidenschaftlich, charmant, tiefsinnig, verrückt, warm, herzlich, nachdenklich, ängstlich, offen, feurig, oder verplant, egal wie du warst, du schienst willkommen unter Gleichgesinnten, die alle einen Teil von Geborgenheit in die Gruppe und in die Jugendherberge brachten, in der wir ganze 10 Tage unser Unwesen trieben.

Mit dabei, unsere Teamer, Rückkehrer, die vor nicht allzu langer Zeit aus Indien wiederkamen. Sie planten die Tage, erzählten uns ihre Geschichten aus der Ferne, beschrieben ihre Projekte, die nur bald zu unseren werden würden, unterrichteten uns in Dingen wie Anthroposophie, der Lehre des Menschen, die, da wir uns hier in einer Waldorforganisation befinden, nicht weniger Aufmerksamkeit auf sich lenkte, als der Rest. „Unterrichten“ war hier allerdings das falsche Wort. Zu keiner Zeit gab es dieses allseits bekannte Schüler-Lehrer-Verhältnis, sondern vielmehr ein Verhältnis auf gleicher Ebene, wo Denkanstöße hin und her gereicht wurden und auch mal ein Waldspaziergang mit in die Frage, was der Freiwilligendienst uns eigentlich bringen würde, integriert wurde. So lief meine Kleingruppe ( oft, wurde die große Gruppe in Bezugsgruppen a 10 Leute unterteilt) gut 14 Kilometer durch den Wald, auf unterschiedlichen Fragen herumkauend. Während der ganzen 10 Tage wurden Lieder gesungen, die bald zu Ohrwürmern wurden und nicht selten hörte man zwischenzeitlich ( gerne auch im Wald) wie sich drei bis vier Personen zu einem Chor zusammenschlossen und fröhlich „Motherland“, eines der Lieblingslieder der gesamten Gruppe, trällerten. Selbst nicht so gute Sänger, mich eingeschlossen, wurden dort zu leidenschaftlichen Bassisten, oder Tenören.

Abends, zusammen in der Gruppe, wurde aus so manchen Lied ein Kanon, der manche Gemüter mit Wärme erfüllte und jemanden wie mich in fremde Welten brachte, die ich davor noch nie gesehen hatte. Ich konnte träumen.

Als am letzten Tag all die Lieder, die uns 10 Tage lang begleitet hatten, ein letztes Mal angestimmt wurden, erging es bestimmt nicht nur mir so, dass eine Gänsehaut, über meinen Körper lief und ich wie verrückt, wie die Grinsekatze aus „Alice im Wunderland“ grinsen musste.

Ein weiteres Thema, was die Kleingruppen lange diskutierten, waren wir selbst. Unsere Gedanken. Wir selbst sind unsere größten Kritiker, wenn wir uns, unsere Gedanken, einigermaßen in den Griff bekommen, lässt es sich erheblich leichter leben. Tatsächlich war dies bei anderen, auch bei mir, der Fall, dass man sich selbst manchmal zu verrückt macht. Es war erstaunlich wie viele sich innerhalb der Gruppe über ihre Gedanken äußerten, offen zu einander waren, obwohl man sich kaum kannte und doch einander vertraut vorkam. Diese Vertrautheit zeigte sich auch in den letzten zwei Tagen, wo jeder seine Notizbücher auslegte und die anderen dort begannen liebe Worte in Form eines kleinen Textes hineinzuschreiben. Dinge, die man am anderen bewunderte, Insider, Wünsche….

Auch hatte jeder einen sogenannten „secret friend“, einen geheimen Freund, der im Untergrund schöne Dinge für einen tat. Manchen wurde ihr Bett gemacht, manche bekamen kleine nette Texte und manche bekamen edle Schokolade. Ich beispielsweise erhielt von meinem „secret friend“ eine hübschen, selbst gefalteten Origami-Kranich und eine kleine Schokolade mit einem Zettel, wo einige liebe Worte drauf standen. Danke dafür im Hinein, mein lieber Freund. Allein das, die Taten, wo sich mancher „secret friend“ immer mehr Mühe gab, um sein „Opfer“ glücklich zu machen, hat einen selbst total frohsinnig gestimmt.

Ebenfalls dadurch, dass alle vier der zukünftigen „Dhaatri-Generation“(Gestatten: Merlin, Antonia, Skrollan und Ich) nun alle beisammen waren und Pläne, sowie Spinnereien für das kommende Jahr schmiedeten, wurden die Tage umso interessanter. 😉

 

Oft wurde es in den Kleingruppen emotional, Personen, auch ich, erzählten von ihren aufkeimenden miesen Gedanken, alles sei irgendwie nicht richtig. Dann wiederum gab es die Personen, die drauf und dran waren, die anderen von diesen Gedanken wegzubringen, zu motivieren, aufzupäppeln. Besonders ein Abend war dermaßen emotional aufgeladen, anfangs negativ, aber zum Ende hin mehr als positiv, dass unser Teamer eine Gruppenumarmung vorschlug und alle, ohne mit der Wimper zu zucken, sofort zustimmten. Schaue ich in die Aufzeichnungen meines Notizbuches des beschriebenen Abends dann beschreiben eigentlich folgende Passagen und Wortfetzen, die Gefühle zu dieser Zeit ganz gut: Berührt, erfüllt, sprachlos, jeder fühlt mit, Chaos an positiven Gefühlen, man kann nicht mehr traurig sein und will einfach grinsen und lachen, nachdenklich….Stille. Oft, zwischen den Themen, erfüllte eine wundersame Stille den Raum. Eine Stille, die weder unangenehm noch fehl am Platze war. Stille der Einkehr, Stille, des Glücklichseins, Stille der Traurigkeit. Nie war sie in irgendeiner Weise peinlich berührt, nein. Sie gehörte ebenso zum Seminar dazu, wie das Singen.

 

So schön es auch in der Gemeinschaft war, eines Tages kamen bei mir die Gedanken auf nicht gemocht zu werden, gar langweilig für alle zu sein und praktisch in der Masse in ein einsames Loch zu stürzen ( natürlich eigentlich alles Unsinn, aber komische Gedanken kommen eben manchmal, trotz Zeiten von „secret friend“, gemeinsamen Singsang, Gemeinschaftsspielen und inspirierenden Menschen).

Es war für mich ungeheuer schwierig mit 50 Leuten zu leben, wo alle so cool drauf waren, dass man sich gerne mit allen unterhalten hätte. Dies führte bei mir zur größten Unschlüssigkeit überhaupt. Mit wem sollte ich mich denn jetzt über weltverändernde Themen unterhalten? Meine Gedanken arteten aus und das ging so weit, dass ich am Morgen jenes Tages nicht aufstehen wollte, und kurz vorm ersten Programmpunkt immer noch im Bett lag, ohne Frühstück gegessen zu haben. Dann kam aber ein Mädchen aus meinem Zimmer, stellte sich vor mein Bett und sagte: „ So, wenn du jetzt nicht aufstehst, dann bringe ich dir was zu Essen. Was willst du?“

„ Vielleicht ein Glas Wasser und eine Banane…?“ fragte ich jämmerlich und eigentlich überhaupt nicht hungrig.

Das Mädchen machte kehrt und kam wenig später mit einem Glas Wasser und einen hübsch dekorierten Teller aus allerlei Obst-, und Gemüsestücken, die sie im Speiseraum aufgetrieben hatte, wieder und stellte diesen sanft vor mein Bett. Ungläubig schaute ich auf. Sie hatte sich ehrlich für mich diese Mühe gemacht. Für mich, der doch, laut eigener Gedanken allein war. Mein Lächeln ging in der Tat von Ohr zu Ohr, ich lachte kurz auf und wenig später befand ich mich außerhalb des Bettes, pfeifend und fröhlich. Ab dem Moment wurde der Tag wunderbar, ich erlebte ihn anders, beschwingter, führte inspirierende Gespräche und lebte genüsslich in die Nacht hinein. Einfach, durch eine kleine menschliche Geste.

 

 

So wurden die Tage so verschieden, wie sie nur sein konnten. Einige vergingen ( ungefähr am Anfang des Seminars) wie Wochen. Man glaubte Abends einfach nicht, dass man die morgendliche Aktion am selbigen Tag erlebt hatte, war sie doch schon zu lange her, überschattet von zu viel unterschiedlichen Aktionen und Gefühlen.

Und eben diese Tage, mal in schlechter Stimmung, mal in guter Stimmung machten dieses Seminar umso schöner, scheinen sie mir jetzt eine Miniaturversion eines ganzes Jahres mit unterschiedlichen Höhe-und Tiefpunkten darzustellen. 

 

Letztendlich hat es das Seminar geschafft mir meine Ängste zu nehmen, mich verrückt auf Indien zu machen, mir einige wichtige Lektionen beizubringen und mich mit vielen tollen, coolen Leuten anzufreunden. Zudem habe ich Vertrauen in meine Organisation bekommen, das Wissen, das Richtige getan zu haben, als ich mich damals als „Licht“ und „Schlahungo“ ausgab. Ich habe keine Angst mehr vor dem was kommt. Ich werde es auf mich zukommen lassen und beneide jetzt bereits die Personen der 50, die schon in Indien angekommen sind und Bilder auf Instagram, oder Facebook hochladen. Am liebsten würde ich sofort mit ihnen tauschen, koste es was es wolle. Dafür riskiere ich gerne die ganzen Verabschiedungen von Freunden und der Familie. So macht es jetzt sogar ein wenig Spaß, sich mit den Worten „Frohe Weihnachten, frohes neues Jahr, Happy Birthday, April April und frohe Ostern“ zu verabschieden, wo man doch ein ganzes Jahr lang fehlt.

Krass, wie doch zehn Tage die anfängliche Angst in enthusiastische Aufbruchstimmung verwandeln können.

Fest steht: Ich bin bereit! Auf nach Indien!

Wo wir gerade über Indien reden: Bewusst habe ich es in diesem Eintrag vermieden über Indien und deren Menschen zu sprechen. Wir haben viel über sie gelernt, haben absolute No-Gos erfahren und wie man Fettnäpfchen, die garantiert auf uns zukommen werden, ausweicht. Aber am Ende ist das jedoch nur Theorie. Wir haben zwar diese Infos aus erster Hand bekommen, würde ich diese jetzt aber, sehr geehrte Internet-Community, weiter erzählen, kämen sie schon aus zweiter Hand, möglicherweise nicht ganz richtig erzählt und allein das reicht schon, um Gerüchte zu verbreiten. Drum wartet, liebe Lesenden, bis ich dort bin. Dann gibt es reichlich zu erzählen….

PS: Eine der wichtigen Lektionen, die mir das Seminar gelehrt hat, war diese hier im Bezug auf die Obstteller-Tat: „Egal wie sehr du dich vor Menschen fürchtest und vor ihnen weglaufen willst; es sind Menschen, die dich auffangen und glücklich machen…