Indien, wie es leibt und lebt

Man erwartet genau das, von dem immer schon Geschichten erzählt wurden. Man hat seine eigenen Vorstellungen von dieser neuen Realität, die auf dich einwirken wird. Doch am Ende ist man von fast genau derselben Vorstellung, total überwältigt und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mit offenen Mündern und total baff, stelle ich mir jetzt die drei Personen vor, die nach der Landung in Hyderabad ins Freie treten, das erste Mal indische Luft schnuppernd.

Doch, anfangs scheint alles halbwegs seinen gewohnten Gang zu gehen, wir laufen, zusammen mit den beiden Mädels, die wir nun bald ablösen sollen, durch die Pforten des Flughafens und…..die erwartete drückend heiße, tropische Luft, die sich wie eine Decke um uns herum ausbreitet….bleibt aus. Es ist angenehm warm, gar kühl, was uns drei doch etwas erstaunt. Zusammen warten wir auf ein Taxi, das uns nach Hause bringen soll. Doch anscheinend hat um fünf Uhr nachts kein Taxifahrer Lust fünf gestrandete Deutsche abzuholen. So warten wir gut eine Stunde, währenddessen, der Himmel nach und nach aufklart und den Morgen einläutet. Was uns jedoch schon bekannt vorkommt, sind die überaus stagnierenden Hupkonzerte, die aus der Stadt zu uns herübertönen. Ein Inder scheint einzig und allein das Hupen drauf haben zu müssen, um gut Autofahren zu können. Schließlich scheint es auch egal zu sein mit wie vielen Kratzern und Beulen du fährst und das Auto so aussieht, als würde es gleich auseinanderfallen.

Nach besagter Stunde kommt schließlich unser Taxifahrer, wir laden unser Gepäck ein und ich habe das Privileg vorne zu sitzen. Links, versteht sich, da in Indien Linksverkehr herrscht.

Creators Comment from the future:

„Noch Monate später nach meinem Dienstabschluss und dem Ausreisen aus Indien, sollte ich mich stets wundern, warum denn das Steuer auf der Seite war, wo ich, als Beifahrer, einstiegen wollte. Das ist immer noch sehr frustrierend.“

 

Die ersten zehn Minuten der Fahrt kommt es mir so vor, als führen bloß eine südeuropäische Straße entlang, wo ab und zu ein paar Palmen wachsen. In der Tat, wirkt dies etwas schwach auf mich, habe ich doch anderes erwartet. Dieses Andere kommt jedoch schneller als gedacht, als uns ein hupendes Motorrad mit drei Männern drauf, jeweils ohne Helm und Schutzkleidung, überholt.

Dann kann sich unser Freund der Taxifahrer auch nicht mehr zurückhalten und brettert mit 100 Sachen durch die sechziger Zone. Auch die südeuropäische Straße mit einigen Palmen verwandelt sich aus dem Nichts heraus in das Indien wie es leibt und lebt. Wir sehen Kühe, die komplett gelassen und entspannt auf den vermüllten Straßenrändern entlang schlendern. Wir sehen eine ganze Familie auf einem Motorrad an uns vorbeiziehen, einen Karren voller Ziegen und überall Menschen, die liegend auf dem Absatz ihrer Geschäfte zu schlafen scheinen. Unser Taxifahrer wagt tapfere Überholmanöver, streift beinahe eine Rikscha und wird dann selbst wieder gekonnt von wem anders überholt.

 

Rikshas sind gelbe dreirädrige Dieselmotorgefährte, die überwiegend als Taxi fungieren und nebenbei sogar recht billig sind. Mit den Fahrern kann man tatsächlich noch über den Preis verhandeln, da die meisten Taxometer im Endeffekt nichts anderes sind als Deko. Die Fahrer haben meist ihre eigenen Vorstellungen, wie viel sie vom Kunden wollen. Der Preis über eine bestimmte Kilometeranzahl deckt sich aber bei den meisten, sodass wir in der nächsten Zeit eine gute Vorstellung darüber bekommen würden, was man für eine halbstündige Fahrt bezahlen sollte und was nicht. Die Riksha-Wallahs sind unterschiedlich hart in ihrer Art Preise zu verhandeln. Manche lassen sich kaum um 10 Rupien erweichen, mache gehen jedoch, um einfach endlich einen Kunden zu bekommen, auf die eigene Forderung ein und verzichten tatsächlich auf gut die Hälfte ihres Vorschlags.

 

Einige Male bleibt mir, als sonst entspannter Beifahrer, bei diesem Verkehr in der Tat der Atmen weg.

Und hey, warum sich auch zwischen zwei Fahrspuren entscheiden, wenn man durchgehend in der Mitte fahren kann?! Bisher ist es ziemlich kühl, doch als wir bei unserem zukünftigen Zuhause halten, fällt auf, dass die Klimaanlage, die ganze Zeit an gewesen sein musste, denn draußen herrscht nun wirklich sehr dicke Luft. Wir sind in eine kleine sandige Nebenstraße eingebogen, auf dem sich sehr viele Straßenhunde tummeln. Wir drei haben bereits auf dem Vorbereitungsseminar beschlossen einen Projekthund zu beschaffen und was wir jetzt so alles angeboten bekommen gefällt uns. Doch, wahrscheinlich leben diese Hunde sowieso gerne mitten im Getümmel, als fein in einem Haus auf seinen Besitzer zu warten.

Unser Haus ist niedlich und beschaulich, es gibt einen kleinen Balkon mit einen schönen Vorgarten mit einem großen knorrigen Baum davor. Dessen Blätter, so wird später erwähnt, dienen dem Office für homöopathische Malaria-Tabletten, die wir zusätzlich in die Bergdörfer, unsere Einsatzgebiete mitnehmen können. Zu dritt werden wir uns vorerst ein Zimmer teilen, ein Toilettenraum ist vorhanden, Klopapier eher weniger. Dafür gibt es eine „Arschdusche“, wie wir sie später nennen werden würden. Auch eine Dusche können wir im Nebenraum ausmachen. Wir lernen einige Frauen von Dhaatri kennen und was mir sofort auffällt: Sie wirken auf mich stark und selbstständig. Sie sind waschechte Inderinnen, von ihrer Sicherheit jedoch, wirken sie wie Europäerinnen. Kein Wunder, dass sie als solche Personen in einer Frauenrechtsorganisation arbeiten. Das Klischee der untergeordneten Frau kann ich hier nicht wiederfinden. Es gibt ein kurzes Frühstück, Chapati ( dünnes Fladenbrot) mit leckeren Aufstrichen und dazu einen sehr sehr leckeren Chai, selbst gekocht, versteht sich. Eine aufgeweckte junge Frau, namens Raji bringt ihn uns. Sie wird in Zukunft für uns kochen und wie wir schnell, in Laufe der Tage herausfinden werden, mag sie es gar nicht, wenn wir ihr Hilfe anbieten. Das Essen ist ihre Sache.

Die Mahlzeiten, die wir bisher zu uns genommen haben, sind übrigens ausgesprochen lecker. Momentan verzichtet Raji darauf zu scharf zu kochen. Gute Entscheidung!

Den Tag verbringen wir wahlweise mit dösen und Mitarbeiter kennenlernen. Unsere Chefin, namens Bhanu gibt uns eine kleine Einführung in die Aufgabengebiete ihrer Organisation. Leider sind wir während der Vorstellung im kompletten Delirium, die lange Reise zerrt an uns, das dahin-genuschelte indische Englisch ist schwer verständlich und generell, will ich einfach nur auf meine Matratze fallen und schlafen.

Etwas später stehlen wir uns außer Haus und wagen uns ins Schlachtfeld der Vehikel. Wir wollen auf die andere Straßenseite, doch das scheint nahezu unmöglich. Es kommt eigentlich immer irgendetwas, was im Stande ist zu Hupen. Nach fünf Minuten kommen wir gesund und munter drüben an und sind schon ein wenig stolz auf uns.

 

 

Am Abend werden wir von den Mädels, die schon ein ganzes Jahr hier sind, in einem nahen anliegenden Reichen-Viertel geführt. Wie uns erklärt wird, lebt hier unsere Chefin und zudem sei es hier möglich frühmorgens einen Yoga-Kurs zu besuchen. Hier hupt nichts und es wirkt beinahe so als entstammen diese rosa bestrichenen Häuser einer südeuropäischen Siedlung. Wir besteigen ein Haus bis zum Dach, wo uns ein großartiger Ausblick auf die umliegende Stadt geboten wird. Hier lässt es sich in der Tat gut zurückziehen, falls das mal nötig werden sollte. Die Sonne geht über den Dächern Hyderabads unter und so grau, vermüllt und laut, diese Stadt bisher zu sein vermag…auf irgendeine Art und Weise wirkt sie schön, trotz des Schmutzes und dem Geruch von verbranntem Müll, der schwer in der Luft liegt.

Hier lässt es sich leben, auch wenn ich nicht für immer hier sein würde wollen. Im Laufe des Jahres würde sich diese Einstellung jedoch ändern…..