Chaos

Die Sonne brennt, die Ventilatoren brummen, die Autos hupen; guten Morgen Hyderabad und raus aus den Federn!“ weckt uns Skrollan, bereits frisch geduscht und strahlend, währenddessen Merlin und ich noch schlaftrunken auf unseren dünnen Matratzen dösen. Es ist halb zehn indischer Zeit, drei Stunden später als in Deutschland. Die Nacht hat uns Jungs übel mitgenommen. Wir haben uns gegen elf schlafen gelegt, unser Biorhythmus hatte aber anderes im Sinn, da unser deutsches Gehirn nach wie vor nach mitteleuropäischer Zeit tickt. So wälzten wir uns gut drei Stunden hin und her, bis wir endlich einschliefen. Skrollan hingehen, kam zwischendurch einfach ins Zimmer, legte sich hin und weg war sie, die Gute. Ein wahres Überlebenstalent!
Der dritte Tag in Indien bricht an, am zweiten war nicht viel los, da wir lediglich Passbilder machen lassen haben. Dort habe ich mich das erste Mal wirklich anders gefühlt. Als mir der Fotograf mein Foto zeigte, lächelte mich ein weißer, fast bleicher Junge mit einem leichten Schweißfilm im Gesicht, an und irgendwie war das komisch. Klar, ich sah schon immer so aus, aber hier bemerkte ich das erste Mal meine Andersartigkeit.

 

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Hier fiel ich durch meine Hautfarbe auf. Persönlich waren mir Hautfarben immer egal gewesen, doch hier, wo ich selbst der Minderheit angehörte, rückte eben jener Alltagsrassismus der etwas dunkleren Menschen, die plötzlich auf helle Hauttypen stießen und sich darüber wunderten, wie jene weißen Menschen hierher kamen, in den Vordergrund. 

Die Einheimischen schauten uns, wenn sie auf ihren Motorrädern an uns vorbei brausten,  sehr schockiert an und ich konnte es nicht anders beschreiben, aber teilweise waren ihre Blicke düster.  Einen kleinen Lichtblick gaben uns jedoch an jenem zweiten Tag in Indien vier Schulmädchen in einer Riksha, die uns auf dem Rückweg vom Fotografen kichernd begrüßten. Als ich zurück grüßte bekamen sie sich gar nicht mehr ein vor Lachen und Erstaunen, so nach dem Motto: „Oh mein Gott, es kann reden!“ 

 

Der Plan des dritten Tages sieht vor, dass wir zu einem Markt in der Stadt fahren, um dort Stoffe zu kaufen. Am Abend wollen wir auf alte Bekannte aus dem Vorbereitungsseminar treffen und mit ihnen feiern gehen. Unter „feiern gehen“ kann ich mir bisher noch kein klares Bild schaffen, da mir das gerade hier absolut absurd vorkommt. 

Um auf den Markt zu gehen, brauchen wir Geld. Wir haben kein Geld, also machen wir uns auf zum nächstbesten Automaten und heben 15.000 Rupien ab. Mit dreißig 50er Scheinen verlassen wir die Bank und fühlen uns ordentlich reich! Dabei haben wir eigentlich nur 200 Euro abgehoben.

Die indische Rupie steht zum Euro im Verhältnis 75: 1. 

Kurz ein Update, wie es um meine verlorene Kreditkarte bestellt ist. Sie muss wohl immer noch in Mumbai ihr Dasein fristen. Meine Eltern haben dem Flughafen eine Mail geschickt, in der sie fragen, ob das Personal eine kleine Tasche gefunden hat. Mumbai antwortet strikt mit „nein“, was ich jedoch nicht glaube. 

Bisher sind wir also so verblieben, dass ich das Geld, was auf mein Konto geht, an Merlin überweise und er es für mich abhebt. Im Oktober kommt die Vierte im Bunde, Antonia, zu uns und ich werde sie bald fragen, ob sie mir meine neu beantragte Kreditkarte von zu Hause aus mitbringt. Bis dahin, bin ich wohl oder übel abhängig von den anderen, was mir ehrlich gesagt nicht gut gefällt, aber da muss ich durch.

 

 

Der „General Market“ ist eine Stunde von uns entfernt und wir entschließen uns das erste Mal Bus zu fahren. Für uns scheint diese Fahrt das eigentliche Highlight des Ausflugs zu sein, so erwarten wir doch wilde Überholmanöver und wahre Hupkonzerte. 

Doch erst einmal heißt es an der Bushaltestelle warten. Es gibt keinen Busfahrplan, die Leute warten einfach auf das nächste rostige Vehikel, das sie zu ihrem Zielort bringt. In der Mittagszeit auf Busse zu warten ist übrigens ganz schlecht. Da machen die Busfahrer nämlich gerade Mittagspause, aber ein Glück sind wir vormittags da und stehen nur fünf Minuten bis unser Bus kommt. Die Männer sitzen hinten, die Frauen vorne. Merlin und ich quetschen uns also auf die hintere Rückbank, wo wir zeitnah von einem buseigenen Kontrolleur nach einem Ticket gefragt werden. Wir verweisen auf die Mädels vorne, die unser ganzes Geld haben.

Eigentlich gar keine so schlechte Idee für jeden Bus einen Kontrolleur zu haben. Das senkt die Schwarzfahrer-Quote definitiv auf drastische Weise gegen Null. 

In Deutschland undenkbar, aber in Indien Realität. Immerhin hat man mit knapp 1,4 Milliarden Menschen auch genügend Leute, um ihnen entsprechende Jobs zuzuteilen.

Wir fahren los, hüpfen über Schlaglöcher hinweg und schweben tatsächlich für einige Zeit in der Luft, bevor wir wieder unsanft in unseren Sitz gedrückt werden. Der Bus hupt laut und lange, als sei er ein riesiger Orientexpress, der gerade in einen Bahnhof voller Menschen einfährt. Nur doof, dass er eben keiner ist und bestimmt nur seinen Kollegen im Bus nebenan grüßen will.

Wir sehen eine Horde Hängebauchschweine, die sich gegen einen Haufen Straßenhunde formiert, um die Vorherrschaft ihres kleinen beschaulichen Müllberges zu sichern.

Nach knapp einer Stunde steigen wir aus und nun sind wir wirklich mitten in der Stadt, es hupt, es schreit, es stinkt, es riecht, es tröpfelt.

Wir sehen die unterschiedlichsten Menschen, Frauen in bunten Saris, oder russisch ähnelnden Kopfbedeckungen und auch Frauen, von denen wir nur ihre Augen sehen können, da die Burka, die sie tragen, alles verdeckt. Teilweise sehen diese Frauen, die teilweise auch auf Motorrädern fahren, aus, wie Ninjas auf dem Weg zur Arbeit. Sie sind jedoch offensichtlich nur einfache Frauen, hinduistischem, oder muslimischen Glaubens. Der Hinduismus ist offen für alles und erlaubt somit meist, dass andere Religionen friedlich miteinander zusammenleben können.

Und jetzt mal ganz kurz ein politisches Statement, dass an die Politiker daheim rausgeht, die ein Burkaverbot in Deutschland fordern: Bisher habe ich in drei Tagen in Indien mehr Frauen in Burkas gesehen als in meinen ganzen achtzehn Jahren in Deutschland. Also liebe AFD, die in Berlin mit Wahlplakaten mit dem Slogan „Burkas? Nein! Wir stehen auf Bikinis“ versucht Wahlstimmen zu haschen: Das ist von meiner Warte her mehr als peinlich, so einen großen Wirbel zu veranstalten! 

Unterwegs entdeckt uns ein Rikschafahrer und ist total hin und weg von uns! Er stellt sich mit seinem Gefährt vor uns, sodass er den gesamten Verkehr auf der Spur lahm legt, (wir laufen nämlich auch auf der Straße) nur um uns zu grüßen. Aber alles kein Problem! Shanti, Shanti!

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Shanti kommt aus dem Sanskrit und bedeutet so viel wie „innerer Frieden“, oder „innerliche Stille“ und kommt oft im Yoga als Singsang vor. Hier wird sowohl am Anfang, als auch am Ende der Yogastunde dreimal Shanti gesungen: Frieden für Körper, Geist und Seele. Frieden für den Mitmenschen, Frieden für die ganze Welt.  Wir Freiwilligen benutzten „Shanti“ oftmals als Wort für Entspannung, oder dann, wenn man sich nicht so aufregen sollte.

Es gibt schließlich noch eine andere Spur, wo sich Motorräder, Rikschas und normale, ramponierte Wagen drängeln können. Wir grüßen zurück und er freut sich wie ein kleiner Junge am Weihnachtsabend und brettert davon.

Woher die begeisterte Freude über weiße Menschen stammt, das kann ich mir bis heute nicht wirklich beantworten. Mag sein, dass durch die Kolonialisierung der Briten immer noch das Bild in Indien vorherrscht, dass Weiße mächtig, schlau und absolute Übermenschen sind und deshalb alle Inder darauf abfahren mit ihnen Fotos zu machen. Hyderabad ist zudem kaum touristisch geprägt. Es ist eine Arbeiterstadt wo sich selten Touristen aus den Westen verirren. So mag gerade dieser Punkt entscheidend für die Frage sein, warum uns so eine große Verwunderung und Begeisterung entgegenschlägt: Weil wir für viele etwas wirklich Exotisches und Neues sind.

Der Markt befindet sich versteckt in vielen kleinen Gassen, doch das heißt noch lange nicht, dass das Hupen aufhört. So schmal die Gassen auch sind (wenn man etwas Fantasie hat, sehen diese etwas aus wie eine kleinere Versionen der Winkelgasse aus Harry Potter), es gibt immer noch Motorräder, die hupend die Leute dazu zwingen in den Eingang der Geschäfte zurückzuweichen.

Hier stoßen wir das erste Mal auf Bettler. Wir werden von alten gebrechlichen Großmütterchen angebettelt, Mira und Ann-Kristin, die beiden Vorfreiwilligen, ignorieren sie. Also versuchen wir Frischlinge dies auch. Etwas mies, kommt ich mir dabei schon vor, diese alten Frauen nicht mal eines Blickes zu würdigen. Doch die Inder in den Geschäften tun dies auch und scheuchen die Bettler von uns weg.

Ein Mann kommt begeistert auf uns zu. 

„Hey strangers! Where are you from?“ 

„Germany! 

„Oh, good, good! I was in Germany, too! Berlin, Hamburg, Frankfurt! Very, very nice country!”

Nach einem kurzen Gespräch wünscht er uns einen schönen Tag und zieht von dannen, nur um einen anderen komischen Kauz zu weichen, der uns alle fünf mit Handschlag begrüßt, die Mädels, die gerade am Flip Flops kaufen sind halb aus dem Laden zieht, aber die englische Sprache eher weniger beherrscht und uns breit lächelnd, sodass wir seine, vom Betelnuss-Kautabak rot gefärbten Zähne sehen können, beispielsweise eine gute Nacht wünscht . 

„Take care! Take care! Okee?“ sagt er zum Abschluss und verschwindet im Gewimmel. Wir beobachten zwei Männer, die einen Karren voller schwerer Behälter in einem Laden räumen. Mit dabei, der junge Sohn, vielleicht gerade mal dreizehn, der schon voll mit anpackt. Uns wird bewusst, dass dieser Junge wahrscheinlich nie etwas Anderes machen wird, als diesen Karren zu ziehen und die Behälter in den Laden zu räumen, sobald er nicht durch intrigante Spielchen in eine höhere Kaste aufsteigt. Etwas bedrückt, machen wir uns weiter zum Stoffladen, wo uns eine Vielzahl an Stoffen erwartet. Wir verbringen eine ganze Stunde in diesem Geschäft, was tatsächlich auch nötig ist, da es so viele bunte Stoffe gibt, dass man sich nicht entscheiden kann, was man nehmen will. Merlin und Skrollan haben schon eine genaue Peilung, welcher Stoff für welches Kleidungsstück verwendet werden soll. Ich habe absolut keinen blassen Schimmer, packe einfach vier verschiedene Stoffe aus einem Haufen, lasse dem Verkäufer 1500 Rupien (umgerechnet 20 Euro) da und trete leicht überfordert ins Freie.

Hier zeigt sich schon mein aufkeimendes Talent dafür, alles anzunehmen, was mir angeboten wird. In den kommenden Monaten sollte ich jene Überforderung noch oft bei mir erleben und jedes Mal würde ich mich dafür schämen, nicht nein gesagt zu haben.

 

Wir machen uns auf den Rückweg, zurück durch das Getümmel an Fahrzeugen und Menschen. „Chaos“ ist wohl das Wort, was alles in Hyderabad am besten beschreibt. Doch trotz dessen funktioniert dieses Chaos, alles rollt, alles geht seiner Wege, keiner wird verletzt und das finde ich zutiefst beeindruckend. Momentan kann ich mir gar nicht vorstellen nach Deutschland zurückzukehren, wo alles so geordnet, so perfekt, so….normal ist. Hyderabad ist verrückt und ich will es auch werden….