Gegensätze…

„Wir sind alle gleich. Wir lachen, wir weinen, fühlen und lieben. Und Musik scheint das gemeinsame Bekenntnis zu sein, das uns alle zusammenbringt.“

– Willie Nelson-

 

Krasse Gegensätze und pure Ausgelassenheit und Freude prägen den Nachmittag und Abend des dritten Tages in Hyderabad, Indien. 

Alles beginnt damit, dass wir uns gegen Nachmittag ein Taxi über Uber bestellen. Wir wollen zu ein paar Mitfreiwilligen am anderen Ende der Stadt, um mit denen was zu unternehmen. Uber ist eine App, wo du deinen Standpunkt eingeben kannst und dir angezeigt wird, welche Taxifahrer, die diese App auch haben,  gerade in deiner Nähe sind. Diese kannst du dann zu dir schicken lassen und die fahren dich dann dahin, wo immer du auch hinwillst. Ursprünglich aus den USA kommend erfreut sich das indische „Uber“ einer zunehmenden Kundschaft, überwiegend aus der immer breiter werdenden Mittelschicht Indiens. Insgesamt ist der Preis für eine Fahrt wohl teurer als Bus- und Rikshafahren und doch überzeugt vor allem der Konfort und die Sicherheit, die man hat, wenn man in einem sicheren Auto sitzt, das einen definitiv zu dem Ort bringt, wo man auch hin will. Dem Riksha-Wallah muss man oft selbst, geschweige denn er spricht überhaupt Englisch, erklären, wie der Weg zum Ziel geht, was für uns, gerade in einer riesigen 6 Millionen Stadt, nahezu unmöglich ist.

Wir lassen uns also von einem Auto der Marke Tata abholen. Ich steige hinten ein, will mich anschnallen, aber da gibt es ein Problem. Der Gurt ist zwar vorhanden, der Anschnaller aber nicht. Wie wir noch oft verstellen werden, ist das nicht nur in diesem Auto so, sondern bei eigentlich allen Autos, die einen Fahrdienst anbieten. Warum auch auf Nummer sichergehen, wenn´s auch anders geht?!  Später, werden wir auch Fahrzeuge vorfinden, wo sämtliche Anschnallgeräte vorhanden sind, doch grundsätzlich schert sich niemand drum, ob du angeschnallt bist, oder nicht. Die meisten Fahrer tun es noch, aber lediglich um seriös zu wirken, gerade bei westlicher Kundschaft.

An uns zieht ein festlich geschmückter Menschenzug vorbei. Vorne sind Trommler, die ihre Schlägel rhythmisch auf die Trommel niedersausen lassen. Alles sieht fröhlich und vergnügt aus! Ist irgendein besonderes Fest der Hindus im Gange? Kann ich mitmachen? 

Dann jedoch sehe ich den feierlich geschmückten Leichnam, der von vier Männern auf einer Bahre getragen wird und muss schlucken. Ich sehe einen Begräbnis-Zug…

Das muss ich erst einmal sacken lassen, bevor ich daran denke, wie traurig es in Deutschland zu geht, wenn jemand von uns stirbt. Könnte ich zwischen dem Trauerzug daheim, oder dieser fröhlichen Gesellschaft entscheiden; nun…ich würde wollen, dass meine Leute mich frohen Mutes und mit einem Lächeln im Gesicht scheiden lassen…

Je weiter wir fahren, desto mehr fällt uns auf, wie sehr sich die Gegend um uns herum verändert. Es fahren weniger Rikschas, im einfachen indischen Sprachgebrauch auch  TukTuks genannt, auf den Straßen, die Gebäude werden größer, die kleinen Essensstände, sowie die rostigen Fakemarkenklamotten-Überdachungen weichen großen, blinkenden Einkaufspassagen, voll mit Läden wie „Calvin Klein“, „Levis“, oder „Zara“. Anstelle rostiger Tatas und Maruti Suzukis  treten teure BMW´s und Audis . Wir sind in der Reichengegend Hyderabads. Als wir aussteigen, nehmen wir keinen Gestank wahr, wie es bei uns der Fall ist. Kein Wunder; wir haben schließlich einen kleinen Müllberg in unseren Hintergarten und nicht weit von uns entfernt fließt eine stinkende Kloake, die den Namen „Fluss“ eigentlich nicht verdient hat. Immer, wenn wir nach Hause kommen, können wir es schon Meter davor riechen.

All das finden wir hier nicht wieder. Selbst die vielen Straßenhunde, die in unserem Viertel in jeder Straße meistens zu Hauf auftreten, sind hier nicht vorhanden.

Wir treffen auf zwei altbekannte Jungs vom Vorbereitungsseminar und stehen plötzlich vor einem großen, modernen Gebäude. Auf einem Schild, das auf dem Dach, des Hauses blinkt, steht „High-Life Brewing Company“.  Wir befinden uns vor einem, der vielen Reichenclubs, dieser Stadt, wohlbemerkt einer der Lieblinge der Mädchen, die bald aus Indien scheiden werden.

Hübsch herausgeputzte Inder stolzieren ein und aus und uns wird etwas komisch, sowie wir hier in Flip Flops und kurzer Hose stehen. Dieser Club ist definitiv in der Hand der Reichen und Schönen und stände er, so wie er ist, in Deutschland, dann würden wir wahrscheinlich draußen bleiben müssen. Nicht nur, wegen unserer Aufmachung, nein, sondern auch wegen des Preises, den wir daheim sicherlich nicht bezahlen könnten. 

Doch hier, werden wir von Security-Typen in schwarzer eleganter Kleidung einfach durchgewunken. Wir sind die Weißen. Wir müssen keinen Eintritt bezahlen. Wir können kommen, wie wir wollen, im Gegensatz zu den Einheimischen. Drinnen erwartet uns ein sehr europäisches Ambiente, ein DJ lässt Chartmusik von vor gut fünf Jahren durch die riesigen Boxen dröhnen, eine breite Theke preist viele alkoholische Getränke an, eine große Tanzfläche in der Mitte des großen Saals, weist darauf hin, was heute Nacht noch alles passieren kann. Nebenan stehen einige breite, massive Holztische mit bequemen Stühlen und Bänken und hinter verglasten Wänden befindet sich sogar eine hauseigene Bierbrauerei. Wir lassen uns an einem Tisch nieder und bestellen die Empfehlung des Hauses.

Es fällt uns sofort der europäische Preis vom Bier und den bereitgestellten Knabbereien auf, der so gar nicht typisch indisch ist, ist sonst doch vieles erheblich billiger.

Mein Blick schweift durch den Raum, ich sehe hauptsächlich junge Inder und Inderinnen und im Gegensatz zu heute Vormittag, sind diese hier nicht sittsam in Gewänder gehüllt, nein, die Mädchen haben Schminke im Gesicht, tragen Mini-Röcke und wahlweise schulterfreie Top´s, umarmen ihre Kumpels und trinken selbstgebrautes Weizenbier. Das bringt mich total aus der Fassung. Dieses Bild von Indien kenne ich noch nicht, so völlig losgelöst von Traditionen und Sitten. 

Als wir gerade dabei sind unser Bier auszuschlürfen, kommen Ann-Kristin und Mira, im Schlepptau mit einer Horde indischer Jungs, ungefähr so alt wie wir, an unseren Tisch und fragen, ob wir tanzen wollen. Das lassen wir uns nicht zwei Mal sagen und steigen mit den Indern zusammen auf die Tanzfläche. Wie losgelöst, fangen die Jungs an zu tanzen und animieren uns mit einzusteigen. Das tun wir und wenig später legen wir fetzige Moves, im Takt der Technomusik auf´s Parkett und freuen uns des Lebens. So langsam füllt sich der Club und von allen Seiten werden wir von Leuten angequatscht. Alle sprechen Englisch, doch das nützt nichts, denn die Musik übertönt alles, sodass wir uns tatsächlich über den Tanz und unser gegenseitiges Lächeln verständigen. Mit der Zeit lösen wir uns von den Freunden Mira´s und Ann-Kristin´s. Doch egal. Im Nu haben wir neue Freunde gefunden (wie sich am Ende des Abends noch herausstellen wird, sind die meisten unserer Kumpels bei den „special forces“) und lassen uns gemeinsam mit ihnen fotografieren. Wir sehen einen Typen mit Afro, schicken Hemd, Piercing und Sonnebrille ohne Gläsern und ich komme nicht umhin zu denken, das er in hippen Berlin unter Hipstern sicherlich gut aufgehoben wäre. 

Wir tanzen, trinken und schwitzen zusammen mit den Indern, einige davon steigern sich in richtige Ekstase, was wunderschön anzusehen ist, wo sie draußen doch so gebunden zu sein scheinen. Obwohl…diese hier kommen vermutlich aus den oberen Kasten und sind dementsprechend nicht mehr so an die Sitten und Zwänge ihrer Eltern gebunden.

 

Als ich mal für kurze Zeit auf Toilette verschwinde, sehe ich einige Bedienstete, die deutlich weniger Freude haben, geduckter laufen, als wollten sie verschwinden. Als ich mir meine Hände wasche und mir Papier zum Trocknen nehmen will, reißt einer dieser Typen extra für mich zwei Stücke ab und gibt sie mir. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen, aber wahrscheinlich ist genau das sein Job. Den Feiernden Papier zu reichen. Wirklich viel Zeit zum Nachdenken habe ich nicht, denn schon höre ich wieder die Bässe dröhnen ( am nächsten Tag werde ich kaum noch hören können) und stürze mich ins Getümmel. Bei der ganzen Tanzerzei scheine ich dabei wohl mein Handy verloren zu haben, denn wenig später tippt mich einer der Bediensteten an und überreicht es mir mit schüchternem Blick. Ich bedanke mich, doch ein „Danke“ hat hier eigentlich keine Bedeutung. Man nimmt es einfach für selbstverständlich hin, wenn jemand für einen etwas Gutes tut. Karma. Irgendwann wird einem auch Gutes widerfahren.  Für mich ist es keineswegs selbstverständlich, dass der Typ mir mein Handy einfach so wiedergibt, aber etwas dran ändern kann ich nicht, seine Tat wertzuschätzen

Irgendwann gesellen sich auch indische Mädchen zu uns und eins muss man diesen lassen. Sie sind wirklich echt hübsch. 

Das weiß auch der Anführer von den „special forces“ und versucht zwischen mir und einem Mädchen eine Verbindung aufzubauen. Echt nett von ihm, finde ich, auch wenn er wahrscheinlich deutlich mehr Interesse an ihr hat, als ich. Doch kurz darauf spricht, nein…brüllt sie mir ins Ohr, doch das bringt auch nichts. Die Musik ist ohrenbetäubend laut. Doch allein die Tatsache, dass sie zu mir gekommen ist und nicht ich zu ihr, erstaunt mich total, habe ich unter anderem auch das Bild einer schüchternen indischen Frau im Kopf, die auf die Befehle ihres Mannes hört. Vielleicht mag das an manchen Stellen so sein, doch hier nicht. Alles ist unterschiedlich. Menschen sind anders. Indien, – Land der Gegensätze. 

Zusammen mit dem Mädchen und unseren Freunden tanzen wir also bis Mitternacht. In Deutschland wäre gerade das die Zeit, wo es sich frühestens überhaupt lohnt in einen Club zu gehen, um dort bis in den frühen Morgen zu bleiben. In Hyderabad endet, pünktlich um zwölf, jede Party. Dann kommt meistens die Polizei und treibt alle nach draußen.

 

Plötzlich geht einfach die Musik und das Partylicht aus und wir werden gebeten nach draußen zu gehen. Das wars für heute. Das Mädchen und der selbsternannte Anführer der „special-forces-Gang“ laden uns zu einer Aftershowparty ein, ich würde, so naiv und begeistert ich auch bin,  total gern mit, aber die anderen sind von der Idee nicht überzeugt. Zurecht. Am dritten Tag  in Indien gleich mit Leuten mitzugehen und das ohne Internet und Geld ist doch etwas hart. Also quatschen wir noch ein wenig mit den Leuten und ein Mädchen kann sogar etwas Deutsch sprechen, da sie zwei Jahre lang einen Kurs belegt hat. Wir sind wirklich unter den Reichen. Mit guter Stimmung und der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen treten wir den Rückzug an, buchen einen Uber-Fahrer und brausen durch die Nacht davon. 

Mit Musik, kann man viele Leute vereinen, egal wie viele Kontinente zwischen ihnen liegen. Es ist spannend zu sehen, dass eben diese Leute, die am komplett anderen Ende der Welt leben, trotzdem die gleiche Musik hören, wie man selbst. Das haben wir heute gelernt. Doch…ein mieser Beigeschmack bleibt. Als weißer Mittelstands-Europäer hast du in Hyderabad und vielleicht auch im gesamten Indien, mehr Möglichkeiten, mehr Türen, die dir offenstehen, als so manchen Eingeborenen. Und das….muss man schätzen lernen….