Kino in Indien – Ein Spektakel für die ganze Familie

Heute wollen Skrollan und Ich mit zwei anderen Freiwilligen ins Kino gehen. Wir ordern ein Taxi und währenddessen wir auf unseren Fahrer warten, entdecken uns ein paar junge Inder und sind auf Anhieb begeistert von uns.  Sie wollen Selfies, mit diesen am Wegesrand stehenden Europäern machen und diese bekommen sie auch von uns. Von den Klicken der Handykameras angezogen kommt auch ein hagerer, zerschlissener, alter Mann dazu. Sein englischer Wortschatz begrenzt sich auf eine sehr begrenzte Anzahl an Wörtern, ungefähr noch zehn braune Zähne befinden sich in seinem, sonst rotem Mund, der gerade die nächste Packung Kautabak zerkaut. Er scheint nicht mehr ganz so klar denken zu können. Trotz gewaltiger Verständigungsprobleme glauben wir, dass er uns sehr mag, so oft und gerne er unsere Hände schüttelt und Skrollan über den Kopf streichelt. Wir verstehen, dass es für ihn eine große Ehre ist, dass wir hier in Indien sind und er uns immer beschützen will. Wir sollen ihn nur anrufen und er würde kommen. Dabei fuchtelt er wild mit einem altem Nokia-Telefon herum, macht aber keine Anstalten uns seine Nummer zu verraten. Da hat jemand das System des Anrufens nicht verstanden.

„Call me! Call me, okee. Namaste, namaste.“ Er faltet die Hände und hebt sie über seinen Kopf. Das Zeichen für die größte Ehrerbietung, die ein gläubiger Hindu im Stande ist zu tun. Als ob nicht schon genug Trubel um uns herum wäre, kommen wieder zwei neue Menschen dazu, diese sprechen jedoch hervorragend Englisch und wollen ebenfalls Selfies mit uns machen.

„Where are you from? US?”

„No. Germany!”

„Ahhh!” Es entsteht eine kleine Denkpause. Die beiden kratzen sich nachdenklich am Kopf. „Hitler´s Land! Very nice! Very nice.” sie wackeln inbrünstig mit dem Kopf.

Grundsätzlich scheint es uns vorzukommen, als hätten die Menschen hier ein etwas verzerrtes Bild von Deutschland. Am Vormittag, als wir in einem kleinen Geschäft, wo der alte Kassierer noch alle Preise auf Papier aufschreibt, um sie zusammenzurechnen, einkaufen waren, kam ebenfalls die Frage nach unserer Herkunft. Als wir Deutschland zur Antwort gaben, grübelten die Leute kurz vor sich hin, dann jedoch kam schnell die Frage auf, ob Kim Yong Un unser Präsident wäre. Leider knapp daneben.

Unsere beiden Freunde jedoch wissen nicht nur über Hitler ganz viel, nein, sie kennen auch Anne Frank und Friedrich Nietzsche sehr gut und nebenbei können wir ihnen versichern, dass Deutschland jetzt eine Demokratie ist und alle glücklich zusammenleben.

Doch während unserer Erzählungen funkt immer wieder der Mann mit den wenigen Zähnen dazwischen und tätschelt vergnügt unser Haupt. Wir fragen die beiden Herren, ob sie für uns übersetzen können, was unser Freund vor sich hin brabbelt. Das tun sie auch.

In der Tat ist dieser Mann sehr stolz, dass wir hier sind, er vergleicht uns mit Heiligen und erzählt, dass wenn er nach Hause kommt, ihn seine Frau gewiss schlagen werde, weil er schon wieder getrunken habe. Er bietet uns Geld an, damit wir gut über die Runden kommen. Das brauchen wir nicht, nachdem wir beim Bankautomaten insgesamt bereits 30.000 Rupien abgehoben haben und dieser jetzt für einige Zeit alle zu sein scheint.

Creators comment from the future:

(…) Und wenn ein Geldautomat in Hyderabad alle ist, dann bleibt er das auch für mindestens drei Tage. Es würde, über das ganze Jahr hin, Perioden geben, wo ich verzweifelt von Automat zu Automat rannte, um endlich Geld zu bekommen. Alle waren jedoch hoffnungslos leer. Die Regierung plant schon lange eine Offensive gegen Bargeld, damit man auf bargeldlose Methoden umsteigen kann. Problem dabei ist, dass gerade mal die Hälfte der Inder überhaupt über ein Bankkonto verfügt. So kommt es bei der indischen Zentralbank oftmals zu Gelddruck-Engpässen, die auch mich in diesem Jahr sehr sauer machen würden.

Wir verabschieden uns den beiden Herren und unserem Groupie, steigen ins vorgefahrene Uber-Taxi und holpern über die Straße, glücklich unserer Fangemeinde entronnen zu sein. Doch am Kino geht das Fotografieren weiter, wir scheinen die absoluten Stars in the Hood zu sein und lassen uns mit den beiden anderen Freiwilligen und indischen Kindern ablichten.

Dann strömen wir mit dreihundert anderen Leuten in den Kinosaal, „Jaya Yanaki Nayaka“ heißt unser Film und ist nur auf Telugu zu verstehen. Doch kein Problem, merken wir nach einiger Zeit, die Handlung ist leicht zu durchschauen, aber ungeheuer witzig! Dieser Bollywood-Blockbuster…

Creators Comment from the future:

(…) falsch, bei diesem Film handelte es sich um einen „T“ollywood“-Blockbuster“. Bollywood-Filme sind meist auf Hindi, der übergreifenden Landessprache. Jeder indischer Staat hat seine eigene Staatssprache, sodass manche Menschen meist nicht in der Lage sind Hindi zu verstehen, gerade die südlichen Bundesstaaten, weshalb jeder Staat meist seine eigene untergeordnete Filmindustrie unter Bollywood besitzt und folgendermaßen in der Staatssprache ihre Filme produziert. Hyderabad liegt im Staat Telangana, wo überwiegend Telugu gesprochen wird. Demensprechend wird das „B“ aus Bollywood mit einem „T“ für Telugu ausgetauscht. Tatsächlich gibt es auch „Kollywood“ für die Bewohner Tamil Nadus und „Molliwood“-Filme, für jene die Malayalam, eine der Sprachen, die in Kerala gesprochen werden, sprechen.

…ist so schlecht, dass er schon wieder gut ist. In ein bestimmtes Genre kann man ihn nicht stecken, da er uns manchmal an eine Komödie, dann an High-School-Musical, Rambo, Karate Kid, Twiilight, jede x-beliebe Liebesschnulze, der Pate und vieles mehr erinnert. Die Gefühle der Darsteller sind überdramatisch, die Effekte unglaublich fehl am Platz, aber dennoch fiebern wir den ganzen Film über mit. Genauso wie alle anderen im Saal. Die Inder scheinen Kinofilme zu lieben, kreischen bei jeder spannenden Szene wie verhaltensgestörte Teenager auf einem Justin Bieber Konzert, oder klatschen phrenetisch, wenn der Bösewicht von den Guten getreten wird. Es sei jedoch zu erwähnen, dass wir uns in einem Kino befinden, dass recht billig und schäbig ist und somit eher für die „untere Bevölkerung“ Hyderabads angedacht ist. In den großen Malls der Staat werden sie die gehobenen Zuschauer mehr zurückhalten.

Und nicht nur das, nein, die gesamte indische Familie ist dabei, vom quengelnden Kleinkind, bis zur gebeugten Großmutter. Dabei würde dieser Film zuhause von der FSK sicherlich erst ab 16 freigegeben werden, da doch einiges an Kunstblut fließt. Aber kein Problem für indische Kleinkinder! Die jubeln ebenfalls lautstark mit als der Oberbösewicht ordentlich vermöbelt wird.  Und natürlich dürfen in einem typischen Tollywood-Film nicht die Tänze vergessen werden, wo der ganze Saal euphorisch mitschwankt. Gutaussehende Männer mit Muskeln und schöne Frauen, die spärlich bekleidet sind, hüpfen über die Leinwand, fahren teure Autos und bewohnen Luxusvillen. Alles sieht perfekt und gestriegelt aus, nirgends ist Armut zu sehen. Da wird mir klar, warum viele Inder Kinofilme so lieben. Hier können sie abtauchen in ihre Traumwelt, wo es keine Probleme und Reichtum in Hülle und Fülle gibt. Da bringt man schon gerne all seine Kinder mit, auch wenn es schon elf Uhr am Abend ist. Ist doch egal, wenn im Film ein paar Leute verletzt werden, Hauptsache die Vorstellung eines schöneren Lebens, bringt die Leute fern in andere Welten- Dann treten sie wieder in die stinkende, faulige Welt hinein, wo sie jeder Zeit mit Existenzverlust bedroht sind und ihr Leben geht weiter.

Fest steht: Kino hat einen ganz anderen Wert als bei uns, wo Netflix und andere Streamingdienste langsam die Überhand gewinnen. Hier ist es ein Spektakel für die ganze Familie und für vier Freiwillige die total baff aus dem Gebäude treten.

„Nochmal“, denken wir uns. „ So etwas, wollen wir öfters erleben.“