Von indischen Wackeldackeln und dicken Wonneproppen

Verrückt, absurd, Hyderabad. Nun sind wir seit genau einer Woche in Indien und ich habe mich bereits verliebt! Hyderabad, ich rede wirklich nur von dieser Stadt, da es woanders wieder komplett verschieden sein kann, ist so eigenartig und lustig mit seinen Menschen, dass jeder Besuch in der Stadt ein neues aufregendes Abenteuer ist. Und von einigen dieser Eigenarten, die diese Metropole zu einem riesigen „Abenteuerschauplatz“ machen, soll dieser Eintrag hier handeln..

Doch bevor wir mit eben jenen kleinen Geschichten starten; hier mal ein kleiner Abriss über unsere Stadt. Hyderabad.

Mit knappt 7 Millionen Bewohnern ist Hyderabad die viertgrößte Stadt Indiens. In der Vergangenheit war die Stadt in überwiegend muslimischer Hand, währenddessen der Rest Indiens bis zu 88% hinduistisch. Noch heute finden sich etliche muslimische Viertel, die direkt neben den hinduistischen liegen. Sogar die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes ist muslimisch angehaucht. Das Charminar ist ein riesiger Torbogen mit vier Türmen und ist eines der bedeutendsten Wahrzeichen des ganzen Landes.

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Wir wohnen in Secunderabad, einer ehemals eigenständigen Stadt, die sich aber mit Hyderabad verband und nun als Außenbezirk fungiert. Hier wohnt die niedrige Bevölkerung ohne besonders viel Geld. Straßenhunde, Müll und Luftverschmutzung sind hier deutlich stärker vertreten, als in anderen Bezirken.

Banjara Hills und Jubilee Hills sind die beiden Viertel, wo die reichen Inder leben. Hier gibt es die meisten Clubs, Bars und Shopping Malls.

So viel zur ganz groben Beschreibung unserer Stadt.


 

Wir warten auf den Bus, der mal wieder auf sich warten lässt. Unterdessen bemerken uns viele Leute, besonders Rikschafahrer, die bei uns das große Geld wittern und sich langsam, wie auf der Pirsch, an uns heranschleichen. Das klappt meist nicht ganz so gut mit dem knatternden Rikscha-Gefährt, weshalb sie ihr Versteckspiel aufgeben und uns ungehemmt fragen, ob wir denn ein Taxi benötigen.

Anfangs noch habe ich den Kopf geschüttelt, doch das schien bei den Leuten eine ganz andere Reaktion auszulösen, als ich wollte. So rückten sie mit ihrem Vehikel noch näher an mich heran, statt von mir abzulassen. Erst als ich „No!“ sagte, schienen sie zu verstehen, machten Kehrt und trollten sich davon.

Die Inder haben nämlich die Gesten des Kopfschüttelns und des Nickens ineinander transformiert, ein merkwürdiges Kopfwackeln daraus gemacht und diesem nur eine vage Bedeutung zugemessen. So kann diese Wackeldackel-Geste als „ja“, „vielleicht“, „in Ordnung“, „möglich“, oder „weiß ich nicht“ bedeuten, aber keinesfalls „nein“, denn die Leute vermeiden gerne klare Positionen.

So wackeln sie eigentlich ständig mit dem Kopf. Will man wirklich mal nein sagen, zeigt man das mit der Hand vor dem Körper, oder vom Körper weg und schüttelt sie weniger begeistert. Das verstehen die meisten Leute, im Gegensatz zu einem Kopfschütteln, welches sie als ein Ja deuten. Die Inder haben sich dieses Wackeln so sehr angewöhnt, dass sie es eigentlich ständig machen, ohne sich überhaupt zu unterhalten.

Deswegen könnte so manch einem Europäer die Idee kommen, dass den Indern wohl öfters schwindelig ist, oder sie gern etwas Stärkeres rauchen, weshalb diese Eigenart, obwohl sie so alltäglich ist, für mich definitiv zu den verrücktesten indischen Bräuchen zählt.

Sie sollte uns auch bald so in Fleisch und Blut übergehen, dass es zum regelrechten Tick wurde. Selbst, als ich wieder in Deutschland war, wackelte ich, war ich mir über eine Sache unklar mit dem Kopf. Und da jeder eigentlich immer ja zu sagen scheint, sind die meisten dadurch sehr zuvorkommend, lieb und hilfsbereit.

Auch die düsteren Blicke, die ich in einem der letzten Einträge erwähnt habe, sind mit der Zeit verschwunden, da man selbst viel offener damit umgeht angestarrt zu werden. Schaut man fröhlich, bekommt man gut und gerne auch ein liebes Lächeln zurück. Mit einer Ausnahme. Obdachlose Bettler sind meist nicht so happy, wenn sie mit einem Lächeln abspeist. Besonders die Alten, die mittlerweile auf den Hypetrain aus Europa aufgestiegen sind und den Leuten von den oberen Kasten Fidget Spinner, im wahrsten Sinne des Wortes, andrehen wollen. So wirkt es schon ein wenig verrückt, gar abstrus, wenn ein altes Großmütterchen mit einem kreiselnden Spinner durch die Straßen rennt.

Mit den Bettlern scheinen wir in letzter Zeit sowieso etwas auf dem Kriegsfuß zu sein. Besonders eine scheint uns wirklich zu hassen. Wie das passiert ist? Nun ja: Wir wollen den Bus nach Hause nehmen und gehen geradewegs auf die nächste Bushaltestelle zu. Auf dem Weg dorthin, nimmt eine ärmliche Frau mit einem Kind auf dem Arm unsere Fährte auf, riechen wir doch nach Geld und europäisch reichen Lebensstil. Mit offener Hand bettelt sie uns penetrant an. Wir ignorieren diese unfreundliche Dame, die daraufhin mit ihrem Kind versucht unsere Herzen zu erweichen. Sie befreit es aus ihrem Brustbeutel, es mag wohl gerade so zwei Jahre alt zu sein und lässt es auf den Boden gleiten. Es fällt hin, da es nicht laufen kann. Die Frau stellt es wieder hin, es fällt um, wird wieder, wie eine Puppe, auf die Beine gestellt und klappt erneut zusammen. Was die gute Dame uns damit sagen will, ist uns komplett schleierhaft. Vielleicht soll das in uns Mitleid erwecken, oder dazu beitragen, dass wir echte Selbstzweifel hegen, dem armem Kind doch etwas zu geben. Vielleicht hätte das funktioniert, wäre das Kind unterernährt, oder würde gar vom Hungertod bedroht, aber nein, vor uns sitzt ein gut genährter Wonneproppen mit einem freundlichen Lächeln auf seinen Pausbäckchen. Das zieht bei uns nicht, so böse es auch klingt. Das merkt dann auch die unfreundliche Bettlerin, hebt ihren gackernden Dreikäsehoch auf und trollt sich auf die andere Straßenseite. Als sie sich vergewissert, dass wir ihr hinterher schauen, schnippt sie mit bösen Blick ihren Daumennagel gegen ihre Zähne und zieht bettelnd weiter. Diese Geste bedeutet, laut meines Fettnäpfchen-Reiseführers, so etwas wie „Fick dich ins Knie!“ Wie lieb!

Doch, wie gesagt, sonst sind alle sehr nett und wenn sie englisch können auch sehr hilfsbereit, wenn wir mal in der Klemme stecken. Wären da nicht, diese ständigen Blicke.

 

Creators Comment from the future:

Merlin und auch einige andere konnten nie so entspannt mit ihnen umgehen. Es sollte das ganze Jahr über die Diskussion darüber geben, was man denn am besten täte, um diesen Blicken, die uns von oben bis unten, teilweise sehr penetrant musterten, auszuweichen. Teilweise blieben die Leute einfach stehen und ( tut mir leid für dieses Wort, aber besser kann man es einfach nicht beschreiben) glotzten uns an, als wären wir von einem anderen Stern. Ich versank oft, währenddessen wir durch die Straßen gingen in meiner eigenen Welt und bemerkte jenes indische Observieren kaum, doch jene, wie Merlin, oder später Lion, der erst im Oktober in unser indisches Leben treten würde, waren viel zu fixiert auf das große Ganze und bemerkten nun mal jeden, der seine Augen nicht bei sich halten konnte. Irgendwer verglich unsere Situation mal mit der eines hübschen Mädchens, das an einer Baustelle vorbeiläuft und von unzähligen Bauarbeitern (Achtung, das Beispiel ist extrem klischeebedienend) angepfiffen und mit koketten Blicken gemustert wird.

Was mir übrigens besonders bei älteren Männern in Hyderabad aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass sie grau werdende Haare rot, oder wahlweise orange färben. So laufen viele mit gefärbten Strähnen durch die Gegend, was stilistisch gesehen jetzt nicht so der Renner ist. Teilweise erinnern mich diese Verirrungen an die ganz speziellen Frisuren, die die Menschen im Kapitol bei „Tribute von Panem“ tragen. Um die ganze Sache rund zu machen; auch Frauen neigen zum gelblichen Verfärben ihrer Füße was teilweise etwas an Entenfüße erinnert. Sowohl das Eine, als auch das Andere sind religiöse Eigenheiten. Man benutz Kurkuma als gelbe Paste und verschmiert sie auf jeweiligen Körperstellen, wenn gerade ein religiöses Fest stattfindet. Und da in Indien immer irgendetwas gefeiert wird, laufen meist relativ viele Leute mit Entenfüßen, oder gelben Händen durch die Gegend.

Ebenfalls total verrückt, manche mögen es auch als lebensmüde bezeichnen, sind die Aktionen, die Motoradfahrer auf ihrer Fahrt veranstalten. Nicht nur, dass sie gut und gerne auch zu viert auf einem Gerät durch die Gegend sausen, nein, sie sind auch noch so gelassen und lesen Zeitung, spielen am Handy, oder haben möglicherweise einen Fernseher auf dem Schoß. Ob ich in deren Situation so entspannt wäre? Bestimmt nicht.

Unfälle sind bisher eine Rarität, mit Ausnahme eines ziemlich kaputten Autos, das wohl einen mächtigen Zusammenstoß mit jemand anderen erlitten hat und nun von einem Abschleppwagen abtransportiert wird, währenddessen wir in einem Taxi sitzen und die ganze Prozedur beobachten. Das Heck schleift über den Boden, der Lack zerkratzt und eine Felge mit einem zerfetzten Autoreifen reibt auf rauen Steinboden. Der Abschleppwagen scheint bei jeder Bodenwelle extra schnell zu fahren, damit dieses tragisch geendete Auto noch mehr Schaden nimmt. Wer weiß, vielleicht bekommt der Fahrer für jeden Kratzer mehr 10 Rupien, oder es ist ein besonderer Sport, verunfallte Autos schon vor der Müllhalde in ein nicht mehr erkennbares Stück Müll zu verwandeln.

Kopfwackeln, betteln, verfärbte Haare und Füße und lebensgefährliche Entspanntheit, all dies sind einige der Dinge, die mich an den Menschen hier faszinieren und berühren Das Leben am anderen Ende der Welt ist einfach so unbeschreiblich aufregend.

Voller Vorfreude und einer guten Portion Neugier freue ich mich auf die zweite Woche und die vielen die darauf noch folgen mögen. Auf uns! Auf Indien! Auf ein aufregendes Jahr!

 

PS: Hier einmal ein schnelles Tutorial, wie man am am besten mit den Kopf wackelt…