Streetdogs

Hunde haben alle guten Eigenschaften des Menschen, ohne gleichzeitig seine Fehler zu besitzen. – Friedrich der Große

 

Oft habe ich im Nebensatz über sie geredet, aber nie zum wirklichen Thema gemacht, obwohl mir dieses Thema sehr am Herzen liegt.  Nun scheint es mir an der Zeit, über sie zu schreiben, gerade weil dieses Thema auch durch die deutschen Medien gegangen ist. Dieser Eintrag soll den Straßenhunden Indien gewidmet sein, den wahren Überlebenskünstlern auf den indischen Straßen.

Den ganzen Tag über rekeln sie sich auf den Wegen, liegen unter geparkten Autos, oder wahlweise auch am Straßenrand, mittendrin im menschlichen Wahnsinn. Sie scheinen die Ruhe in Person zu sein, so ist es vielen egal, wenn man über sie hinwegsteigt, oder dreißig Zentimeter neben ihnen ein Motorrad vorbeirast. Sie sind die unsichtbaren Kreaturen auf den Straßen, so kommt es mir vor, die von den Indern schlichtweg nicht beachtet werden. Bekommen sie jedoch Aufmerksamkeit, dann meist durch einen bösen Fluch, gefolgt von wegscheuchenden Gesten, oder Tritten. So ist es für die Hunde besser während des Tages unsichtbar zu bleiben. Die Nacht ist ihre Zeit! Dann ist kein Mensch mehr auf den Straßen und die Stadt gehört ihnen. Wenn wir bereits im Bett liegen, hören wir, wie draußen ein erbitterter Kampf tobt. Ein Kampf um Nahrung und Revier, wo alle Hunde aus unserem Viertel mitzukämpfen scheinen, so laut und vielseitig das Gebell und das Jaulen der Vierbeiner zu uns herüberschallt.

In unserer Straße, wohnt eine ganze Familie, die tatsächlich zusammenlebt. Der Vater ist, ein alter, braun-grauer Mischlingshund, der sich wahnsinnig gern von uns streicheln lässt. Er ist ruhig, wirkt erfahren und scheint als einziges Familienmitglied den Menschen zu trauen. Alle anderen ziehen sich ängstlich zurück, sobald wir in ihre Nähe kommen. Beispielsweise seine Gemahlin, eine hellbraune Mischlingshündin, die sich meistens als erstes aus den Staub macht und am liebsten all ihre fünf Kinder verteidigen möchte. Ihren „Mann“, wenn man davon sprechen kann, liebt sie abgöttisch und ist stets dabei ihm liebevoll durch das Gesicht zu lecken. Ihre Kinder, drei davon, ähneln von der Fellfarbe her, dem Vater, haben aber die Schreckhaftigkeit ihrer Mutter. Eines der beiden Jüngsten, sieht genauso aus, wie seine Erzeugerin, ist aber sehr neugierig und will am liebsten den ganzen Tag spielen. Das andere Kind hat keinerlei Ähnlichkeiten mit ihren Eltern und ist eher wachsam und vorsichtig.

Zu siebt schlafen sie meist in unserer Straße unter einem riesigen Truck. Dieser Truck und diese Straße sind ihr Revier, das sie des Nachts vor Eindringlingen verteidigen, wie beispielsweise einen schwarzen panter-ähnlichen Labrador, oder einen brauen tiefgelegten Rottweiler, die sie tagsüber lediglich wachsam beobachten, dringen diese für kurze Zeit in ihr Gebiet ein. Doch nachts ist der Frieden vorbei und die Fremdlinge werden, so gut es geht, verjagt. Wir drei haben diese Hundefamilie mit der Zeit liebgewonnen und so seltsam es auch klingen mag, auch wir beäugen andere Hunde, die in unsere Straße kommen, mit finsteren Blicken. Sie gefährden den Familienfrieden und sollen lieber Reißaus nehmen, ehe unsere Hunde sie fertigmachen.

Seit Neustem traut sich die kleine Rasselbande deutlich näher an mich heran. Der Vater ist ja sowieso immer zur Stelle und wenn er da ist, ist die Mutti auch nicht weit. So wedelt sie frohgemut mit dem Schwanz, wenn ich komme, aber wahrscheinlich nur, um mal wieder um den sonst immer dösenden Papa herumzuspringen, der sich stets aufrafft, wenn ich komme.

Das Jüngste traut sich ziemlich nah an mich heran, es hat wahrscheinlich noch keine schlimmen Erfahrungen mit Menschen gemacht, lässt sich aber auch noch nicht von mir berühren.  Aber spielen, das habe ich mittlerweile begriffen, tut es für sein Leben gern und da es ja genug Spielutensilien auf der Straße gibt, dem achtlos weggeworfenen Müll sei Dank, zerren wir gegenseitig an Seilen, oder beispielsweise an einer weggeworfenen Sonnenbrille. Das macht dem Kleinen Spaß!

Leider können wir unsere Familie nicht davon abbringen zu fressen, müssen sie das ja eben mal. Das ist bekannt. Für uns, oder vielleicht auch nur für mich, ist es jedoch echt nicht schön mitanzusehen, wie die Hunde aus unserer stinkenden Kloake, namens „Fluss“ trinken, oder gar ins Wasser geschütteten Müll fressen. An schlechten Tagen, zieht der Gestank bis zu uns ins Zimmer und wohlgemerkt, ist das nicht nur bei unserem Fluss so, sondern bei allen anderen Gewässern in Hyderabad. Wasser kann man das schon nicht mehr nennen, vielmehr ist es eine merkwürdige braun-graue Brühe, wo man gar nicht wissen will, was sich dort, tief unten entwickelt. Eine Meldung, die auch in Deutschland die Runde machte, spricht genau dieses Thema an. In Mumbai hat man blaue Hunde entdeckt. Diese wohnen am Fluss Kassadi, wo täglich Färbemittel aus einem Industriegebiet hineingeleitet werden. Auf Dauer ziehen die schädlichen Chemikalien in die Hundekörper ein, die im Wasser nach Futter suchen und färben ihr Fell blau und schädigen die Gesundheit der Tiere immens. Und das ist eigentlich das Ende eines jeden Hundes, der auf der Straße lebt.

http://mobil.stern.de/panorama/weltgeschehen/warum-in-indien-neuerdings-blaue-hunde-leben-7582692.html

Vor einigen Tagen haben wir vormittags einen stark hinkenden Vierbeiner gesehen, vielleicht hat er sich sein Vorderbein verstaucht, oder gebrochen und wir dachten uns schon, dass der es nicht mehr lange machen würde. Am Nachmittag schlenderte ich durch unsere Hauptstraße und sah eine Hundeleiche, aus ihrem Mund tropfte Blut und allerlei Fliegen schwirrten um den noch nicht lange Verstorbenen herum. Er sah genauso aus, wie der, den wir am Vormittag noch hinken haben sehen. Vielleicht hat er es mit drei Beinen nicht rechtzeitig über die Straße geschafft, oder einige Widersacher haben nun die Chance gesehen, sich ihres Konkurrenten zu entledigen. Auf jeden Fall lag er nun regungslos da und wer hätte es anders erwartet…die Menschen liefen einfach daran vorbei und würdigten dem toten Körper keines Blickes, zu alltäglich schien es zu sein, dass minderwertige Kreaturen wie Straßenhunde krepierten. Ich ging weiter und als ich nach zehn Minuten wieder zu dieser Stelle kam, war der Leichnam verschwunden. Ich konnte mir denken, wo er jetzt war: In eine der Kanalisationsrinnen geworfen, die direkt in den Fluss mündete. Dort wo indische Männer zu jeder Zeit hineinpinkeln und alle ihren „Abfall“ entsorgen.

Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, ich wäre nicht wütend darüber. Ich bin wütend auf diese Ignoranz einiger Menschen. Und hinzu kommt das Paradoxon, dass manche Personen tatsächlich Hunde als Haustiere haben, aber Straßenhunde total widerlich finden.  Erst gestern habe ich mich mit jemanden unterhalten, der mit Stolz verkündete einen deutschen Schäferhund im Haus zu haben, der ihm sehr ans Herz gewachsen sei, aber im selben Atemzug verteufelte er die Straßenhunde, die ich davor mit einigen Kauknochen-Sticks gefüttert hatte. Das fand ich ziemlich absurd und irgendwie falsch. Heute hat jemand einen Stein auf einen unserer Hunde geworfen. Zum Glück hat er nicht getroffen, aber kein Wunder, dass unser Clan Angst vor Menschen hat, wenn manche Leute auf die Würde von Lebewesen überhaupt keinen Wert legen. Zurecht waren Merlin und ich danach sehr aufgebracht, wie man nur so etwas Tieren antun kann, aber letztendlich sind wir die Fremden in diesem Kulturkreis und dürfen niemanden unseren Glauben und unsere Lebensweise aufzwingen. Das würde ich auch gar nicht wollen, schließlich bin ich auch hergekommen, um mich auf eine neue Kultur einzulassen und sie wertschätzen zu lernen.

Es ist einfach nur seltsam Hunde zu sehen, die Tag für Tag um ihr Leben kämpfen müssen und es meine Artgenossen ihnen den Kampf noch erschweren…Und unter anderem weiß ich nicht, wie wir uns jetzt verhalten sollen. Ich bin drauf und dran, unserer Familie kleine Snacks zu geben, um ihr Vertrauen in mich aufzubauen. Sie trauen sich immer näher an mich heran und doch scheint mir das eher kontraproduktiv zu sein, wo ich einer der Wenigen bin, die es gut mit ihnen meinen…

Straßenhunde, die wahren Überlebenskünstler Hyderabads. Unsichtbar und ignoriert…

 

Wenn man einen hungrigen Straßenhund aufpäppelt, wird er einem nicht beißen, Darin liegt der größte Unterschied zwischen Mensch und Hund. – Mark Twain