Der Ganesha-Festival-Wahnsinn

So unglaublich es auch klingen mag; bereits jetzt, nach zwei Wochen, nagt der indische Wahnsinn an Merlin und mir. So sind wir beispielsweise im strömenden Regen rauf auf unser Dach und haben Sport gemacht, obwohl die Welt um uns im Wasser unterging. Danach haben uns unsere Gäste aus den Ureinwohnerdörfern angeschaut, als seien wir total verrückt geworden. Vielleicht sind wir das tatsächlich, schließlich kommen normale Leute kurz nach dem Aufstehen nicht auf die Idee heute mal schnell den größten See Hyderabads zu Fuß zu umrunden. Das haben wir nämlich heute getan und haben so einiges erlebt.

Es ist Sonntagmorgen, halb zehn und so langsam werden wir wach. Heute steht bei uns nichts an, Skrollan übernachtet bei Freunden, die wir gestern noch besucht haben und wir haben das Zimmer für uns alleine. Plötzlich, einer inneren Eingebung folgend, kommt uns die Idee heute zum See zu fahren und nein, nicht zum Schwimmen, sondern zum Umrunden. Schaut man sich auf Google Maps Hyderabad an, so sticht ein riesiger blauer Fleck in der Mitte der Metropole sofort ins Auge. Der Hussain Sagar.

Bereits mehrmals sind wir an ihm vorbeigefahren und jedes Mal konnten wir am anderen Ende des Sees in weiter Ferne Hochhäuser sehen, die sich majestätisch in die Höhe streckten, was besonders gegen Abend ein sehr schönes Bild war.

In der Mitte des Sees steht eine riesige Figur. Sie soll Buddha darstellen und ist wohl eine der weltgrößten Monolithen des Gautama Buddhas. Für uns hat sie Ähnlichkeiten mit der Freiheitsstatue. Genau diesen See, wollen wir heute zu Fuß umrunden. Also steigen wir gegen Mittag in ein Uber-Fahrzeug und müssen feststellen, dass dem Verkehr heute etwas an Geschwindigkeit fehlt. Pandu, so nennt sich unser Fahrer, tut zwar alles, um möglichst schnell zum gewünschten Punkt zu kommen, aber diesen Weg, wollen heute die meisten einschlagen. Die Festlichkeiten rund um Ganesha sind immer noch voll im Gange und der Hussein Sagar ist ein sehr beliebtes Ziel seine kleinen Gottesfiguren hineinzuschmeißen.

So tuckern wir langsam durch den Verkehr, weichen gelassenen Kühen aus, die auf Indiens Straßen als einziges Lebewesen niemanden aus dem Weg gehen müssen, alle anderen haben ihnen auszuweichen und sehen Rikshas mit Anhängern, die bis zum Bersten vollgeladen sind mit Wasser,- und Gasflaschen. Sie kommen kaum vorwärts schleifen mit dem Heck etwas auf dem Boden, aber das macht überhaupt nichts. Wir haben das Privileg das erste Mal berittene Pferde im Innenstadt-Verkehr begrüßen zu dürfen. Besonders wohl scheinen sie sich nicht zu fühlen, aber da müssen sie eben durch. Das Leben ist hart. Dann endlich sehen wir den riesigen See und mir wird etwas mulmig zu mute. Können wir das wirklich schaffen, den zu umrunden? Ich bin skeptisch.

Wir werden dort hinausgelassen, wo der meiste Verkehr ist und uns offenbart sich ein hupendes Inferno. Autos mit offenen Kofferräumen, um noch mehr Menschen zu transportieren, sausen an uns vorüber, Tuck-Tucks befördern ganze Großfamilien durch die Gegend, dabei oft mit im Gepäck; eine riesige Ganesha-Figur. Viele halten direkt am Straßenrand, Massen an Leuten steigen aus und manchen sich bereit für den Ritus, den wir zwei Tage zuvor abgehalten haben.

Mehre Ganeshas werden den Fluten übergeben, manche steigen selbst sogar ins kühle Nass und lassen die Figuren vorsichtig aus ihren Armen untergehen. Ein weiterer Blick nach unten reicht jedoch aus, um festzustellen, dass mit den Ganeshas ganz viel Müll am Rand des Sees schwimmt. Grundsätzlich ist das Ufer voll mit Abfall, zwei Jungs schwimmen praktisch durch den Mist. Wir beiden Europäer sind fassungslos, über die Unmengen an weggeschmissenen Zeugs und uns wird klar, dass die Inder ein gewaltiges Problem haben, was ihren Müll angeht. Jetzt versuchen ihnen einen anderen Lebensstil aufzuzeigen, würde nichts bringen, glauben wir, da sie bereits zu tief ins Schlammassel geraten sind. Es steht fest, irgendwann, werden die Inder nicht nur jetzt in ihrem Müll schwimmen können…

 

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Mit dem Austritt aus dem Taxi, verwandeln wir uns. Aus zwei unscheinbaren Jungs, werden plötzlich die großen Stars der Straße. Der Selfie-Marathon beginnt, es werden Hände geschüttelt und Smalltalk abgehalten. Alle zwanzig Meter werden wir von begeisterten Indern in Feierlaune angehalten und es wird gesagt wie toll wir sind. Ich darf sogar von den Indern Fotos machen, aber anschauen wollen sie die nicht. Wahrscheinlich so eine Art Geschenk, das sie mir machen.

„So müssen sich also wirkliche Stars fühlen“, denke ich und finde es bisher noch ganz lustig mich mit mehreren Indern auf´s Foto zu kuscheln.

Wir verlassen die Hauptstraße und das Umfeld ändert sich abrupt. Jetzt kommen Straßenhunde uns entgegen und Kühe liegen schmatzend am Straßenrand. Gerade, als wir glauben eine angenehmere Passage unseres Weges zu absolvieren, kommen sie. In Scharen.

Begeisterte Jungsgruppen! Waren einzelne Inder nicht genug? Nein, jetzt klammern sich alle zwanzig Meter mindestens neun pubertierende Jungs um uns, haben ziemlich abgedrehte Frisuren und alle wollen uns die Hand schütteln. Da kommt man schnell ins Schwitzen. Nebenbei laufen wir an einem wunderschönen Park vorbei und beschließen unbedingt mal ein Tagesausflug nur dorthin zu machen, da dieser hübsch, dekorierte Ort nach einer „selfiefreien Zone“ aussieht. Bald können wir fast am Wasser langlaufen, grüne Alleen voller alter Bäume zieren unseren Weg, kleine Spielwiesen laden zum Erholen ein, doch wir ziehen lieber weiter, sehen wir doch schon die nächste Jungsgruppe, die es auf uns abgesehen hat.

Mittlerweile haben sie Kameras in den Händen, posen wie wild und haben noch verrücktere Frisuren, als die davor. Nach zwei Stunden des Anstarrens, wird es doch etwas unangenehm. Schließlich haben wir nichts Besonderes getan. Wir laufen einfach nur durch die Gegend und unser einziges Makel ist, dass wir weiß sind. Wir sind nicht besser als sie und trotzdem, obwohl wir Fremde sind, werden wir gefeiert. „Das ist nicht fair“, denken wir.

In Deutschland haben viele für Leute mit anderer Hautfarbe nicht einmal ein Lächeln übrig.

 

Wir entscheiden uns für eine Pause, schließlich haben wir die Hälfte des Sees bereits umrundet und bekommen so langsam einen kleinen Nachmittagshunger. Drum wählen wir ein sehr leckeres, indisches Gericht….

Pizza…😀

Ja, das mag nicht besonders stilvoll gewesen sein, das gebe ich zu, aber lecker war es auf alle Fälle.

Wir ziehen weiter und kommen wohl an die härteste Station des heutigen Tages. Der Verkehr beginnt wieder! Doch an dieser Ecke, haben Bettler und andere Verkäufer eine ganz besonders florierende Ware, passend zum Ganesha-Festival, gefunden. Tröten!  Und alle nehmen sie an!

Überall trötet es, manche dieser fiesen Dinger klingen, als ob gerade ein riesiges Tier am Sterben wäre, oder ein bockiges Kind einen ganz gewaltigen Wutanfall hätte.Überall von allen Seiten, auf Motorrädern, aus Autos und Rikshas tröten die Menschen.

Es hupt, es schreit, es trötet, es trommelt, es ist heiß, Fotos werden lautstark verlangt und der Verkehr zieht sich endlos lang hin und vermischt sich mit der Fußgängerzone. Müll liegt auf dem Weg, Männer pissen auf den Weg, kleine Kinder ausgeöffneten Kofferräumen schreien enthusiastisch die Menschen an und wieder andere tröten mit voller Absicht in unser Ohr hinein. Ganeshas werden ins Wasser geschmissen, Leute drehen sich drei Mal im Uhrzeigersinn im Kreis und manchen mit den Armen verkreuzt drei Kniebeugen. Wo sind wir hier gelandet!?!? Wir sind in einem überbrodelnden Hexenkessel!

 

Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll, von überall her stürzen Dinge auf mich ein, ich schwitze wie sau und will eigentlich nur noch eins:  Weg hier!

Doch einige hundert Meter haben wir noch vor uns, bevor wir die Seeumrundung geschafft haben und tatsächlich wird es jetzt tatsächlich lästig Hände zu schütteln. Wir wollen jetzt eher das Gegenteil. Sie abschütteln!

Dann haben wir es geschafft. Nach insgesamt fünf Stunden und 12 Kilometern haben wir den See umrundet, bestellen uns ein Uber-Fahrzeug und sind mehr als glücklich, als uns Hanumanth, ein Fahrer mit schicken Schnauzer, rettet. Wir atmen erleichtert auf! Gerade so sind wir dem trötenden Terror des Ganesha-Festival-Hexenkessels entronnen, wir sind schweißnass und hören nur noch ganz schlecht.

Am Ende war der Einstieg ins Auto ein perfektes Timing, da es wenige Minuten später, wir sitzen sicher im Auto, anfängt wie aus Kübeln zu schütten. Beinahe monsun-ähnliche Zustände werden uns da präsentiert.

Creators Comment from the future:

Tatsächlich waren dies wahre Monsun-Zustände. Dies sollte der Beginn einer sehr verregneten Zeit in Hyderabad werden, wo es unter Umständen möglich war, dass es drei Tage durchregnete.

Die Straßen werden überflutet, klatschnasse Burka-Trägerinnen rennen panisch, nach einem Dach über den Kopf suchend, durch die Gegend und Motorradfahrern wird klar, dass der Familienausflug mit sechs Personen auf einem Motorrad heute definitiv ins Wasser fällt. So schwimmen wir nach Hause und fallen völlig erschöpft auf unsere dünnen Matratzen. Anstrengend wars, ja, aber trotzdem ziemlich aufregend!

Creators Comment from the future:

Tatsächlich bestanden unsere Betten nur aus einfachen, dünnen Matratzen auf dem kalten Fliesenboden. Anfangs legte ich noch meine Iso-Matte darüber, doch schnell passte sich mein Rücken an eben jene spärlichen Gelegenheiten an und bald darauf begann ich meine Matratze genauso zu lieben, wie ein richtiges Bett. Aufgrund der immer beständigen Hitze benutzen wir keine richtigen Bettdecken, sondern lediglich dünne, breite Stofftücher, in die wir uns einhüllen konnten. Die Inder setzten hierbei auf eine ganz besondere Technik des Einhüllens und ließen den Stoff nicht einfach über sich fallen, sondern mumifizierten sich praktisch, sodass sowohl Kopf als auch Fuß komplett von der Luft abgeschnitten war. Einer einbalsamierten Mumie gleich schliefen sie in einem gar starren Zustand, vermutlich, um so von möglichst keinem Moskito gestochen zu werden. Meine Versuche es genauso zu machen scheiterten schon an dem Punkt, wo ich den Stoff über meinem Kopf  zog und ich verzweifelt nach Luft rang.

Doch als Skrollan nach Hause kommt, wir ihr von unseren Tag erzählen und sie mutig beschließt übermorgen auch zum See zu gehen, können wir uns nicht dazu durchringen ihr zuzustimmen mitzukommen. Das wäre nun wirklich etwas viel verlangt. Ganeshas Geburtstag geht noch bis zum 05. September und da soll eine riesige Figur im Wasser versenkt werden. Mal schauen, ob wir bis dahin wieder fit sind. So verrückt und wahnsinnig wie wir sind, kann es beim nächsten Mal wahrscheinlich einfach nur schräg werden…

Hier mal ein kurzes Video zu eines ganz kleinen eher leiseren Hexenkesselmoments: