Ganesha hat Geburtstag

Die Inder haben Zeit. Gaaaanz viel Zeit. Das durften wir auch in den letzten Tagen am eigenen Leib erfahren. Alles fing damit an, als ungefähr sieben Adivasi aus dem Ureinwohnerdorf Dallapalli in unserem Office eine Bleibe fanden und sich häuslich niederließen, um über die neusten Kenntnisse der NGO informiert zu werden. Das hieß konkret, dass Meetings in deren Sprache, Telugu, abgehalten wurden. Da konnten wir natürlich wenig zu beitragen, sodass wir meist oben in unserem Zimmer saßen und dem Ventilator an der Decke beim Luftzuwedeln beobachteten. Wahnsinnig spannend war das nicht gerade. Auch der theoretische Plan unserem Balkon ein Dach zu bauen, wurde auf den nächsten Tag verschoben. Und am nächsten Tag auf den Übernächsten …

Die Adivasis hingegen sind wahnsinnig nett, finden meine mitgebrachte Ukulele total toll und haben sehr abgedrehte Namen. Mehrfach sagen sie sie uns auf, aber diese sind so lang und so kompliziert, dass wir uns keinen nur ansatzweise merken können. Das beruht aber auf Gegenseitigkeit, zumindest bei Skrollan. Leo ist nach wie vor einer der einfachsten Namen überhaupt und auch im weit entfernten Indien können es viele nicht lassen mich als Leo den Löwen zu betiteln,  kennen viele das Sternzeichen.

Unsere kleine, lustige Haushälterin, Raji, die uns jeden Tag von morgens bis abends bekocht, hat alle Hände voll zu tun, um mehr als zehn Mäuler zu stopfen, aber durch ihren schier endlosen Optimismus scheint unsere Grinsebacke, die wahrscheinlich kaum älter ist als wir, alles hinzubekommen. Jedes Mal riecht es nach einem leckeren Festmahl, wenn man die kleine Küche betritt und jedes Mal ist es am Ende doch nur das Lieblingsgericht der Inder. Reis. Reis, Reis, Reis, nur etwas anders zubereitet. Der gute Geruch entstand meist am Anfang des Kochprozesses. Dort wurden Kreuzkümmel, Senfkörner, Garam Masala und Zwiebeln geröstet. Danach kam meist Wasser und allerlei Gemüse, wie Okraschoten, Tomaten und Kochgurken in den Topf und minderten den Gewürzduft.

Bisher sehne ich mich jedoch nicht nach Abwechslung, da die indische Küche, mit ihrer unendlichen Vielfalt, wunderbar mundet. Klar ist der Wunsch groß auch mal was Festes zu essen, da hier alles, selbst das Gemüse, zerkocht zu sein scheint.

Die traditionell indische Küche wird spätestens dann noch würziger und leckerer stehen große Veranstaltungen an. Und das nächste, große Fest lässt auch nicht lange auf sich warten. Ganesha, der dicke, fette Elefantengott der Hindus hat in wenigen Tagen sein Wiegenfest. Drum wird bereits im Vorhinein viel dafür vorbereitet, uns Dreien wird angeboten ein Götzenbild aus frischer roter Erde zu bauen, doch da mein Kunstverständnis den Kunstgrundkurs 10. Klasse nicht übersteigt und die beiden anderen auch nicht gerade begeistert aussehen, dürfen die Profis aus den Bergdörfern an die Arbeit. Und siehe da: Innerhalb von Stunden verwandeln sich mehrere Klumpen Erde in ein originalgetreues Abbild Ganeshas, auf das er sicherlich stolz gewesen wäre. Selbst klitzekleine Verzierungen sind in das Kunstwerk integriert und sein Rüssel ist liebevoll zurechtgelegt. Wir fünf Freiwilligen staunen nicht schlecht über dies Meisterwerk, müssen aber geschockt ausatmen, als wir erfahren, dass diese Statur im Laufe der Feierlichkeiten im größten See Hyderabads, dem Hussain Sagar, versenkt werden wird. Zusammen mit Tausenden, wenn nicht sogar Millionen anderen kleinen Ganeshas. Die ganze Arbeit also für umsonst. Wir erfahren außerdem, dass der Geburtstag des Dickhäuter-Gottes elf Tage lang dauert und in diesen 11 Tagen Ausnahmezustand in der Stadt herrscht. Dieser Gott hat das Feiern wohl echt für sich erklärt.


Kurz darauf heißt es Abschiednehmen von Mira und Ann-Kristin und so langsam begreifen wir, dass es ab jetzt ernst für uns wird und wir ein gewaltiges Erbe überreicht bekommen, so viel haben sie und die anderen zwei, die bereits vor einigen Wochen zurückgeflogen sind, erreicht und geleistet. Uns wird klar, dass wir ihnen alles zu verdanken haben, so waren sie es, die uns für Dhaatri ausgewählt haben. Ohne sie wäre ich also nicht hier und würden nicht all diese Abenteuer erleben. Die ganze Dhaatri-Administration verabschiedet sich rührend von den beiden, die aussehen, wie drei Tage Regenwetter. Sie steigen in ein Taxi und fahren davon, Richtung Flughafen. Zeit sich ein letztes Mal bei ihnen bedanken, da sie uns wahnsinnig gut auf unser Projekt, Hyderabad und auch dessen Genüsslichkeiten vorbereitet haben. Vielen lieben Dank Euch beiden, falls Ihr das hier lest.

Am nächsten Tag ist es dann so weit! Ganesha hat Geburtstag! Wir alle werden in die Wohnung unserer Chefin Bhanu eingeladen, wo bereits ein festlich geschmückter Schrein für unsere korpulente Ganesha-Figur errichtet wurde. Wir, die Bewohner aus Dallapalli, sowie die hier ansässigen Dhaatri-Mitarbeiter, scharen sich im Schneidersitz darum, jeder bekommt Reis in die Hand gedrückt und einer der Ureinwohner namens Sattibabu, trägt rituelle Verse aus einem Buch vor. Nebenbei bekommen wir einen roten Punkt auf die Stirn gedrückt. Nach einer gefühlten Ewigkeit ist er immer noch nicht am Ende, fertigt Seite für Seite in einem spirituellen Singsang ab und wirkt total inspiriert. Desweilen schlafen mir meine Füße ein und so langsam bekomme ich Hunger, habe ich leider noch kein Frühstück gegessen. Mein Magen rumort leise im Rhythmus des Singsangs und der Reis krümelt mir langsam aber sicher aus der Hand. Ein leichter Schweißfilm bildet sich auf meiner Stirn, ich rutsche unruhig hin und her, warte auf ein Zeichen und; Obacht! Der Adivasi deutet ein Zeichen zum Werfen an und alle schmeißen ihren Reis Richtung Ganesha! Ungeduldig achte ich nicht auf einen gezielten Wurf und schmeiße einfach den Reis fort und treffe leider nur den Hinterkopf von Bhanu, meiner Chefin. Doch zum Glück bin ich nicht der Einzige, der sich ein wenig verschätzt hat, sodass Bhanu sich im Nachhinein ein ganzes Reisgericht aus den Haaren fummeln muss.

Nun werden uns weiße Blumen in die Hand gedrückt, die wir hinter unsere Ohren stecken müssen. Einige Frauen kichern voller Schadenfreude über uns, da wir den Ritus irgendwie falsch zu machen scheinen. Die Blumen müssen wir schließlich auch dem Ganesha zuwerfen und danach, werden Geschichten über die Schlachten und Kämpfe des Gottes vorgetragen.

Eine Geschichte handelt davon, dass er ganz viele Süßigkeiten isst und sein Bauch somit dicker ist als sonst. Daraufhin lacht ihn der Mond höchstpersönlich aus und spottet über seinen fetten Bauch. Das findet Ganesha natürlich nicht lustig und verflucht den Mond, sodass jeder, der fortan diesen zu Gesicht bekommt, auf ewig ein schlechtes Leben hat. Einige andere Götter meinen es jedoch gut mit dem Mond und mindern seine Strafe. So dürfen die Menschen ihn nur an Ganeshas Geburtstag nicht ansehen, es sei denn, sie wollen einen Fluch riskieren.

Dieser kann jedoch ebenfalls gebrochen werden, wenn man ein ganz spezielles Ritual vollführt. Man fächelt sich drei Mal den Rauch einer Flamme entgegen, dreht sich drei Mal im Uhrzeigersinn, macht dann, mit den Armen verkreuzt, drei Kniebeugen und legt sich zum Schluss ausgestreckt auf den Boden und betet Ganeshas Götzenbild an. Wir vollführen diesen Ritus so ehrenvoll wie wir und am Ende wird uns gesagt, dass wir jetzt ein sehr erfolgreiches Freiwilligenjahr haben werden. Danke Dir, oh hoher Ganesha! Echt nett von Dir!

Wir haben nun also unser erstes Ritual abgeschlossen und dazu gratulieren uns nun alle. Wir kommen uns ein wenig seltsam vor, aber vielleicht gehört das zum Ritus dazu.

Wenige Tage später werden uns die Ausmaße des Festivals bewusst, als wir uns entschließen eine große Wandertour um den Hussain Sagar zu machen, doch dazu mehr in einem späteren Eintrag mehr.

Bis dahin: Passt gut auf, dass ihr nicht zu viel Süßes esst. Sonst lacht euch der Mond aus und das will ja keiner.