Steinige Visumwege Teil 3

Riesige Regierungsgebäude, lange Wartezeiten und frustrierende Feststellungen, hach was gibt es schöneres, wenn man sich in Indien registrieren lassen will und dabei noch Probleme bekommt, weil man einen anderen Visa-Typ hat als die anderen! Unglaublich, aber wahr, mein Marathon mitten durch die Stadt, aufgrund des blöden Visums geht weiter. Nur bin ich nicht mehr in Berlin, sondern in Hyderabad, Indien, wo Beamte Bürokratie zu lieben scheinen. Drum hier, bedauerlicherweise der dritte Teil der bemitleidenswerten Geschichte meiner Bürokratie-Erfahrungen rund um Visum und Registrierung in Indien.

 

Um hier leben zu können, benötigt man nicht nur ein Visum, sondern muss sich auch im indischen Netzwerk registrieren. Also machen wir uns zu dritt auf ins FRRO, dem indischen Konsulat in Hyderabad.

Unterwegs sehen wir ein Schild, das den indischen Lifestyle haargenau beschreibt. Nur leider wissen wir das zu dieser Zeit noch nicht, als wir daran vorbei fahren. Better late, than never, besser spät als nie, steht dort in großen Lettern, gut sichtbar für alle, die daran vorbeifahren. Welch Ironie, dass dieses Schild genau neben einer Bushaltestelle steht.

Keiner hat Lust darauf zur Botschaft zu fahren, insbesondere ich nicht, der mit seinem Entry-Visum wahrscheinlich Probleme bekommen könnte, da man eigentlich ein Arbeits-Visum brauch, um arbeiten zu dürfen.  Die Anderen haben die Befürchtung ewig warten zu müssen und so beginnen wir bereits vor den goldverzierten Mauern der Botschaft an zu jammern:

 

Merlin: 2“ Manno! Ich bin krank und will ins Bett!“

Skrollan: Und ich habe Hunger und will einen Kaffee!“
Ich: „Hmmm!“

Wir treten ein, bekommen einen Zettel mit einer Nummer und dürfen im Wartezimmer, neben verängstigten afghanischen Flüchtlingen, Platz nehmen. An der Wand ist schief ein alter Fernseher befestigt, der trostlos vor sich hin dudelt und mein Sitz, auf den ich mich gesetzt habe, neigt sich so langsam gegen Boden. Das ist nur bei meinem so. Wir vermuten, dass vorher dort wohl eine ausländische, relativ kräftige Kuh gesessen haben muss, so traurig meine Sitzgelegenheit in ihrer Befestigung hängt.

Wir warten. Und warten. Und warten. Nichts passiert. Der Fernseher zeigt den neusten Superman-Film und ich beschwere mich darüber, wie unlogisch dieser Film ist. Da kracht Superman durch 10 Wände und sieht danach perfekt gestriegelt aus. Das geht doch nicht! Skrollan meint, das muss so. Schließlich ist das ja Superman!  So ganz nehme ich ihr das nicht ab, aber von nun an beklage mich leise, über Superman´s perfekt gestylte Haare, nach einer gewaltigen Explosion.

Nach zwei Stunden unsinnigem Wartens hat unser maximales Level an Langeweile ihren Höhepunkt erreicht, wir rekeln uns müde auf unseren Sitzen, gähnen wie verrückt, sehen, wie nach und nach alle Afghanen durch den Schalter gerufen werden und erstellen auf einer dieser dubiosen Dating-Portalen ein weibliches Fake-Profil. Latika nennen wir und lassen unser Mädchen auf die hungrige, indische Jungs-Community los. Nach einer weiteren Stunde, will uns schon jemand heiraten, doch als Latika fragt, was sie dafür als Gegenleistung bekommen würde und der Junge lediglich den Fakt, dass seine Eltern im Falle einer Verlobung total stolz auf ihn wären, anbietet, ist es vorbei mit der kurzeitig tiefsinnigen Stimmung. Das ist für uns zu wenig!

Nach einer weiteren Stunde wird Skrollan so langsam verrückt und entschließt, im entwischen leeren Wartezimmer, unausgelastete Frustliegestütze zu machen, ganz zum Verdruss Merlins, der das „echt peinlich“ findet. Genau deswegen macht Skrollan weiter mit Hampelmännern, welche schließlich auch die Aufmerksamkeit eines gewissen Beamten hinter dem Tresen auf sich ziehen. Er ruft unser Mädchen und mich zu sich, doch statt uns Auskunft über unseren Verbleib zu geben, er hat auch keine Ahnung, beginnt er ein Gespräch, über die Gemeinsamkeiten von Deutschland und Indien, es gibt übrigens sehr wenige, und bald unterhalten wir uns wirklich sehr ausführlich über die verschiedenen Arten zu heiraten. Was gibt es schöneres, nach vier Stunden warten, sich mit einem Beamten über die Ehe zu unterhalten. So was gibt´s wirklich original nur in Indien!
Dann erhalte ich plötzlich eine WhatsApp-Nachricht einer Freundin, die auch in Hyderabad einen Freiwilligendienst bei einer anderen Organisation macht, bei der ich mich auch mal beworben habe.

Sie fragt mich, ob ich auch gerade beim FRRO säße und einen karierten Schal trüge. Erschreckenderweise kann ich beides bejahen und wenige Sekunden später taucht Tine, die besagte Freundin im Türrahmen auf und erzählt, dass sie und Melli, ihre Partnerin, auch gerade auf ihre Registrierung warten würden.

Sachen gibt´s! Da treffen sich fünf Deutsche zur gleichen Zeit in einem indischen Konsulat. Was ein erfreulicher Zufall! Sie erzählen uns, dass der Warteraum, in dem wir uns gerade befänden, der falsche sei und wir außerdem nicht genügend Papiere dabeihätten. Ihre indische Mentorin, die die beiden begleitet, sieht das auch so und so müssen wir mit hängenden Köpfen einsehen, dass wir den halben Tag für nichts verschwendet haben, da wir heute sicherlich kläglich daran gescheitert wären uns zu registrieren, hätten wir im richtigen Raum gesessen! Aber hey, better late, than never!
Da kann man wohl vom Glück sprechen, dass wir die beiden Mädels getroffen haben, die jetzt definitiv was gut bei uns haben!
Zwei Tage später wollen wir also erneut los, haben einige Unterlagen mehr in unseren Rucksäcken stecken, doch halt, da fehlt immer noch was?! Dem Ravi, unserem kleinen nuschelnden Zweitchef, ist jetzt, zehn Minuten, bevor wir loswollen, eingefallen, dass wir noch mehr Unterlagen brauchen. Nun schiebt er die übelste Panik, so als ob der Weltuntergang kurz bevorstände. Es wird hektisch, unser Uber steht schon fast vor der Haustür und alle rennen wüst durcheinander. Es werden letzte Kontrakte ausgedruckt, Papiere unterschrieben und gestempelt und dann werden wir im Affenzahn auf die Straße gescheucht, um zur Botschaft zu fahren. Wir sind etwas erregt darüber, dass man diese Aufregung hätte vermeiden können, wäre man am Abend vorher auf die Idee gekommen, letzte Unterlagen zu sammeln. Aber hey, „better late, than never“.

Wir steigen also mit Ashwini, einer der beiden Dhaatri-Mitarbeiterinnen, in ein Uber-Taxi und unser Fahrer bringt uns fröhlich rülpsend (Rülpsen in der Öffentlichkeit ist absolut kein Problem; bereits im Flugzeug saß neben Merlin eine Frau, die sehr laut und ausführlich vor sich hin rülpste) zum FRRO mit seinen goldverzierten Toren.

Dieses Mal nehmen wir den Aufzug, statt die Treppen zu nehmen und, huch, was ist denn das?! Da hockt ein kleiner, traurig aussehender Mann im Fahrstuhl und fragt, wo wir hinwollen. „Dritter Stock“, meinen wir und das Männchen drückt träge auf den Knopf mit der „drei“.  Typische Fahrstuhlmusik ertönt und wir starren dieses „Fahrstuhlmännchen“ irritiert an, währenddessen wir gegen Himmel auffahren. Ist das sein Job? Tagtäglich im Aufzug zu sitzen, Knöpfe zu drücken und sich diese depressiv machende Musik anzuhören?

Uns ist bereits öfters aufgefallen, dass es in Hyderabad viel zu viele unsinnige Job gibt. In einem einfachen Restaurant beispielsweise stehen gut und gerne 10 Kellner einfach in der Gegend herum, obwohl nur zwei davon so ein Gerät haben, um die Essenswünsche der Gäste einzutragen. Der Rest wartet einfach ab, ob es irgendetwas zu tun gibt. Wenn Indien eins hat, dann sind es zu viele Menschen, die einen Beruf wollen, drum stellt man einfach Leute irgendwo hin und lässt sie irgendetwas sinnloses tun und verkauft es dann als „Arbeit“. Bereits im Eintrag „Gegensätze“ habe ich ja über diese Typen im Club berichtet, die dir nach dem Toilettengang das Papier zum Abtrocknen deiner Hände reichen. Da dachte ich schon, schlimmer geht’s nicht, aber für Menschen, wohlmerkt normale Ausländer, im Aufzug Knöpfe drücken, ist schon mindestens genauso komisch für mich..

Wir steigen aus und gehen dieses Mal in den richtigen Raum, der von einem Soldaten mit einem Gewehr überwacht wird. Wir reichen unsere Dokumente am Schalter ein, sie werden abgestempelt und ab zum nächsten Schalter, doch Achtung! Hier gibt es erste Probleme. Bei mir natürlich! Wen sonst. Dem Typen hinter dem Schalter, einem älteren Mann mit blauen Hemd und letzten Resten zurückgekämmten schwarzen Haars (übrigens, ist es, wenn wir von Indern sprechen, fast nebensächlich über dessen Haarfarbe zu reden, da sowieso JEDER schwarze Haare hat, ausgenommen, von den komischen Leuten, die ihre Haare rot färben), gefällt etwas nicht. Irgendwas ist mit meinen Unterlagen schiefgelaufen. Aber ich verstehe ihn nicht, er spricht zu leise, da der Warteraum voll von schnatternden Leuten ist! Hier wird getuschelt, da sich lautstark unterhalten, woanders brüllt ein Kind, Musik tönt aus versteckten Boxen und ein Fernseher verkündet die neusten Nachrichten auf Telugu. Erneut bin ich aufgeschmissen, die beiden anderen sind vier Schalter weiter und bei ihnen scheint alles zu funktionieren, so setzen sie sich schon wieder auf ihre Stühle!

Zum Glück habe ich Ashwini dabei, sie versteht den Typen, das macht es aber nicht besser, da ihr Gesicht Sorgenfalten bekommt und sie panisch meine Unterlagen durchblättert. Die beiden unterhalten sich lebhaft und ich stehe wie blöd in der Gegend rum und weiß nicht, was ich tun soll.

Das Verständigungsproblem, worüber ich im letzten Beitrag noch gescherzt habe, macht mir mittlerweile doch etwas zu schaffen, so fühle ich mich verdammt abhängig vom Rest. Auch kann ich lange nicht so offen sein, wie in Deutschland, wenn ich auf Fremde treffe. Und das nervt mich schon etwas, besonders in diesen Situationen, wo man verstehen MUSS!

 

Am Ende kommt raus, dass nur mir Dokumente fehlen, weil ich das blöde Entry-Visum habe. Die anderen können sich heute tatsächlich noch registrieren, da sie alle Unterlagen für ihr Employment-Visum haben. Jetzt müssen wir nur noch darauf warten, dass ihre Dokumente nochmals geprüft werden und sie dann endlich ihren Registrierungsschein erhalten. Das soll allerdings nochmals 2 Stunden dauern, weil die Herren hinter dem Schalter erstmal Mittagspause machen wollen. Aber hey, better late, than never. Nach quälend langen Hundertzwanzig Minuten, hält Skrollan endlich freudestrahlend ihren Registrierungsschein in die Höhe und macht gut zehn Männer aus Kenia, die auch anstehen, gehörig neidisch! Dann wird Merlin plötzlich weggezogen und scheint wie vom Erdboden verschwunden! Wir warten gut eine halbe Stunde auf ihn, doch nichts! Wurde er in die Kanalisation entführt? Wird er abgeschoben?! Wir wissen es nicht! Doch dann kehrt er mit panischen Gesicht zu uns zurück und führt uns zum Büro des Chefs der gesamten Abteilung! Vorher wurde er von diesem mit Fragen zu seinem Freiwilligendienst durchlöchert und ist dabei mächtig ins Schwitzen geraten, so wusste er nicht, was der Chef von ihm erwartete.

Jetzt sitzt dieser Inder uns gegenüber und freut sich augenscheinlich sehr , dass er mit „privilegierten“ Ausländern aus Europa reden darf. Er hält mit uns einen lockeren Plausch ab, lästert über Flüchtlinge die in sein Land und nach Europa kommen und scheint wohl die AfD total geil zu finden. Beinahe will ich schon Veto einlegen und was dagegen sagen, doch Skrollan schaut mich düster an, als sie merkt, dass mir etwas auf der Seele brennt und gibt mir so äußerst klar zu versichern, dass ich nichts zu sagen habe! Wer weiß, was dieser komische Vogel dann machen würde…

Am Ende des Gesprächs kann ich mir jedoch eine Frage, die mir aus heiteren Himmel plötzlich eingefallen ist, nicht mehr unterdrücken.

„Wie kann ich Hindu werden?!“ Das wollte ich schon immer mal wissen und damit für mich dieser Besuch hier noch Sinn macht, scheint es mir angebracht, dies jetzt einen Beamten zu fragen.

Von beiden Seiten bekomme ich finstere Todesblicke zugeworfen, denn unser Freund der Abteilungsleiter freut sich sichtlich über diese Frage und hält einen 10 Minuten Monolog, dass man kein Hindu werden kann, aber Hindus grundsätzlich jeden akzeptieren, der bei ihnen vorbeischneit, egal welche Religion.

Aha, aber dann über Flüchtlinge abziehen. Alles klar! Aber immerhin habe ich jetzt meine Antwort. Die beiden anderen scheinen eher semi begeistert, aber jetzt bekommt auch Merlin seinen Registrierungsschein am Schalter. Das hatte jedoch nichts mit diesem Gespräch zu tun, nein, der Abteilungsleiter wollte einfach nur mal reden. Typisch indisch, diese ganzen Verwirrungen!

Auf jeden Fall sind meine beiden Mitbewohner jetzt zufrieden und atmen erleichtert aus.

Ich nicht, da ich in einer Woche noch einmal wieder kommen muss. L

Dieses Mal aber, habe ich es mir fest vorgenommen alleine zu gehen, da es mich in letzter Zeit wahnsinnig stresst von anderen abhängig zu sein. Ob das gut geht? Wir werden es früher oder später erfahren…

Better late, than never…