Welch ein Leben!

Wir stehen auf dem Dach eines Gebäudes der Reichensiedlung. Ich mit meiner Kamera und Merlin mit seiner neuen „Kurta“, die ihm der Schneider hat anfertigen lassen. Wir sind hierher gekommen, um Fotos von ihm und seinem neuen Stil zu machen und blicken nun über die kleinen Häuser des abendlichen Hyderabads hinweg.

Seit vier Wochen nennen wir diese Stadt unser Zuhause und als ich beginne Fotos von Merlin zu machen, kann ich ein sehr zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht sehen, das keineswegs gestellt ist. Er fühlt sich wohl hier, genauso wie ich. Mag alles noch so chaotisch und unbeschreiblich anders sein, wir haben unseren Platz gefunden.

„Wow“, sage ich zu Merlin. „Jetzt bin ich so lange von Zuhause weg, wie ich es noch nie in meinem ganzen Leben war und das ist erst der Anfang.“

Ein ganzer Monat, volle 31 Tage und eine aufregende und intensive Zeit in Indien liegt nun hinter uns. Dabei haben wir nur gerade mal an der Oberfläche des gewaltigen Eisberges, der sich Indien nennt, gekratzt, so kommt es uns vor. Erlebt haben wir eine Menge doch zwischen all diesen Erfahrungen habe ich viele Dinge, so scheint es mir, einfach übersehen, sie komplett anders wahrgenommen, oder mich schlicht und einfach daran gewöhnt. Vor anderthalb Monaten sind wir gerade erst vom Vorbereitungsseminar in Deutschland zurückgekommen. Sich das vorzustellen ist fast unmöglich, ist uns doch seit jeher unglaublich viel widerfahren. Ein Monat. 31 Tage. Für uns schier unbegreiflich, scheint unser Flug um halbe Welt schon ewig her zu sein…

Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich einmal dazu übergehen würde Yoga zu machen. In Deutschland hat es mich absolut nicht gereizt. Auch als meine Eltern damit anfingen immer mittwochs einen Kurs zu belegen, habe ich sie stets müde belächelt. Ich würde da auf jeden Fall nicht hingehen. Doch hier, möglicherweise durch den Ansporn, den ich seitens von Skrollan und Merlin bekomme, versuchen wir jeden Morgen um acht in die Ved Vihar, die Siedlung unserer Chefin, zu gehen, wo es einen Platz gibt, wo sich Frauen mittleren bis höheren Alters treffen, um Yoga zu machen. Diesen war es leid immer Geld für einen Kurs zu bezahlen und haben sich dementsprechend selbst organisiert.

Den Rat der beiden Mädels, die nun wieder in Deutschland sind, folgend, gesellten wir uns also eines Tages, zu der kleinen Frauengemeide, die uns herzlich bei sich aufnahm. Damals glaubte ich noch, dass Yoga ein Sport sei, wo man sich ausruhen, gar meditieren könne, doch das sahen die Yoga-Frauen ganz anders und so begann ich schon nach fünf Minuten heftig an zu schwitzen, als es lediglich darum ging sich aufzuwärmen. Man kann sich vorstellen, wie ich nach einer Stunde voller Kraftsport, Dehn- und Turnübungen im warmen bis schwülen Indien ausgesehen haben muss. Völlig fertig! Damit hatte ich nicht gerechnet. Daneben sahen die einheimischen Inderinnen aus, als hätten sie sich gerade frisch herausgeputzt. Zudem amüsierten manche sich köstlich über unsere missglückten Dehnversuche. Das muss in der Tat ein schräges Bild abgegeben haben, wie sich zwei deutsche Jungspunde (Skrollan sei hier aus dem Schneider, da sie alles perfekt zu können scheint) inmitten von mittelalterlichen Inderinnen, schnaufend abmühten, währenddessen alle anderen mit feenhafter Eleganz die Übungen zu meistern schienen.

Doch davon haben wir uns nicht abschrecken lassen, nein, jetzt versuchen wir jeden Wochentag dem Yoga-Club beizuwohnen, weil man danach wach und vergnügt in den Tag starten kann. Auch habe ich davor nie geglaubt, dass eine Steinplatte so gemütlich sein kann. Die Frauen haben selbstverständlich ihre Jogamatten dabei. Wir nicht, als Unterlagen nehmen wir meist nur unsere hauchdünnen Schlafdecken, was durchaus komisch aussieht, wenn wir von unserem Haus über die Straße zur Wohnsiedlung laufen und uns dabei etliche Motoradfahrer komisch beäugen. Wer soll es ihnen verübeln, wenn um acht Uhr morgens drei verschlafene Weiße, mit ihrer Decke unterm Arm, über die Straße schlurfen. Auf jeden Fall federn diese Decken nichts ab, weshalb wir eigentlich auch auf dem harten Stein unsere Übungen machen könnten. Die letzten fünf Minuten Yoga, gehören der Entspannung, man legt sich flach auf den Rücken und lässt die Seele baumeln und das ist nach der harten Yoga-Tortur so entspannend, trotz Steinboden, dass man gut und gerne einschlafen könnte, obwohl diese Morgenroutine ja eigentlich dazu dienen soll, den müden Körper ins Leben zu holen.

Abends dann, steigen wir auf unser Dach und machen Thai-Boxen, da dies eines von Merlins Leidenschaften ist und Skrollan ich Gefallen daran gefunden haben uns auszupowern. Drum nehmen wir meine Musikbox mit, drehen die Musik auf und lassen uns vom Thai-Box-Master Merlin zeigen, wie man richtig schlägt und Kombinationen raushaut. Nach anderthalb Stunden rinnt meist der Schweiß an uns herab und wir klettern vom Dach, über eine dünne Bambusleiter, nach unten und werfen uns todmüde auf unsere dünnen Matratzen. Meist ein gelungener Abschluss eines weiteren aufregenden Tages in Indien…

Auch etwas, was ich mir in Deutschland nie hätte träumen lassen, ist unser Freitagsbesuch beim Chor. Hier hat ein schweizerischer Einsiedler, der mittlerweile seit fünfzehn Jahren in Hyderabad lebt, einen Chor ins Leben gerufen, zu dem ab und zu talentierte Inder kommen, um zu singen. Joe Koster nennt sich dieser und freut sich tierisch über deutschen Besuch. So waren wir die letzten beiden Freitage mit von der Partie und durften mit ihm Lieder aus dem Film „Lala land“ singen.

Das war beide Male ein sehr gelungener Wochenabschnitt, mit dem man super ins Wochenende starten konnte, obwohl ich nahezu überhaupt kein Talent habe, was das Singen angeht. Ich brumme eigentlich nur vor mich hin und höre den anderen zu, wie sie vor sich hin trällern. Alles andere würde den schönen Moment zerstören.

Hier ein Video einer Aufführung von Joe´s Chor

Beim Joe haben wir auch eine sehr nette Dame, namens Siri kennengelernt. Sie singt wirklich schön und hat uns beim ersten Mal mit ihrem Auto nach Hause gefahren. Sie ist eine der wenigen Personen deren englisch man wirklich gut versteht und so konnte ich auf der Rückfahrt ein gutes Gespräch mit ihr führen. Sie spricht vier Sprachen, eine davon ist sogar Französisch und sie war einst auch einmal in den USA. Eine sehr internationale Persönlichkeit haben wir da also kennengelernt! Sie arbeitet mit Websites und möchte uns demnächst liebend gern Hyderabad näherbringen. Dazu hat sie auch ein Auto, was auf dem neusten Stand der Technik ist, was eine sehr schöne Abwechslung zu den halb kaputten Uber-Fahrzeugen, bietet. Da haben wir also zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, als wir uns entschlossen zum Chor zu gehen. Einerseits haben wir ein schönes Freitagabendprogramm und andererseits eine „große Freundin“ gefunden, die von uns gerne etwas Deutsch lernen würde. Nichts lieber als das!

Creators Comment from the future:

Achtung, absoluter Stimmungskiller: Weder wir, noch Siri würden irgendeine Sprache lernen. Noch häufiger, während des gesamten Jahres  würden wir das Angebot für einen Sprachkurs von begeisterten Menschen bekommen und jedes Mal scheiterte es daran, dass jene Bekanntschaften eben nur Bekanntschaften blieben. Spätestens im Dezember würden wir Siri komplett aus den Augen verlieren, weil spätestens auch hier unsere Kooperation mit Joe endete.


 

Übrigens: Das Ganesha-Festival ist ja immer noch im vollen Gange und mit der Zeit werden die Ganesha-Figuren immer größer. So fahren wir nach dem zweiten Besuch bei Joe mit Siri nach Hause und kommen dabei auch am Hussein Sagar vorbei. Dort werden mittlerweile die ganz großen Geschütze aufgefahren, Kräne und Hebebühnen stehen am Ufer für die ganz dicken Brocken, die jetzt teilweise schon sechs Meter hoch sind und weiterhin von Tuck-Tuck-Anhängern durch die Gegend kutschiert werden..

Auch ziehen riesige Trommelzüge durch die Stadt und hauen, ohne jegliches Taktgefühl, auf ihre Trommel. Tagtäglich werden es mehr. Stunde für Stunde werden sie lauter. Da kann man sich auf ein großes Finale, das jetzt immer näher rückt, freuen.

Was unseren Lebensstil um ein gewaltiges Stück anders als Deutschland macht, ist unser Scheider, der uns aus den Stoffen, die wir in den ersten Tagen auf dem General Market erworben haben, richtige Klamotten genäht hat. Anfangs haben wir jedoch nicht daran geglaubt, dass dieser Schneider unsere Zukunft sein wird. So kommen wir das erste Mal in seinen kleinen, beschaulichen Laden und sehen drei Männer. Einer davon hockt vor blauen Stoff und näht mit viel Fingerspitzengefühl und Eleganz feine goldene Stickereien darin ein. Der Zweite sitzt an einer Nähmaschine und der Dritte, nun ja..liegt auf dem Boden und schläft. Das ist unserer Schneider. Wir müssen ihn aufwecken und ihm unseren Stoff zeigen, bevor er begreift was wir wollen. Schon mal nicht sonderlich vertrauenserweckend. Dann jedoch ist er wie in seinem Element und misst erst Merlins ganzen Körper ab, bevor er zu mir kommt. Ich habe mir vorgenommen zwei Shirts und zwei Hosen machen zu lassen, was ihm überhaupt nicht schmeckt, da T-Shirts bei ihm gar nicht in Mode sind. Ich solle mir vielmehr Kurtas, wie Merlin machen lassen. Doch so ganz überzeugt von diesen komischen Kleidern bin ich noch nicht. Wir geben die Sachen in Auftrag und nach anderthalb Wochen hat er alles fertig genäht. 🙂

Merlin ist von seinen Kurtas sehr überzeugt, sie stehen ihm wirklich gut! Ich jedoch, habe das Gefühl eine Fehlinvestition gemacht zu haben, erinnern mich die Shirts stark an diese Hawaii-Hemden, die man nur am Strand tragen kann. Drum beschließe ich mir auch Kurtas schneidern zu lassen und gehe erneut zum Markt um Stoffe zu erwerben.

Und genau das finde ich gut am Stoffmarkt und an unserem indischen Schneider. Man weiß, wer die Stoffe und das Kleidungsstück gemacht hat, bezahlt für beides einen fairen Lohn und hat im Nachhinein schöne Klamotten.  Was will man mehr?!

Eine Sache fehlt in unserer Aufzählung jedoch noch, um unseren neuen Lebensstil perfekt zu machen. Das Essen mit Freunden in leckeren Restaurants. Auf Google-Maps sind bereits etliche Wirtshäuser in unserem Umfeld, wo wir unbedingt mal hingehen wollen, markiert.

Also wenn uns einmal der Reisgehalt in unserer heimischen Küche zu viel wird, wissen wir, was wir machen. Wir gehen essen. Und das für wenig Geld, aber umwerfenden Geschmackserlebnissen.

Wir haben beispielsweise eine sehr leckere Konditorei gefunden, die sehr leckere Süßspeisen darbietet, oder eben das Yum Yum Tree, wo man sehr gut arabisch essen kann.

Creators Comment from the future:

Ich sollte bereits nach wenigen Wochen Indienerfahrung so tief in der kulinarischen Essensvielfalt drin stecken, dass ich deutsches Essen gar widerwärtig fand. Aufgrund einer Konferenz in den Niederlanden, hatte uns Bhanu in jener Zeit europäisches Schwarzbrot mit gutem Käse mitgebracht. Merlin und Skrollan stürzten sich wie wild auf jene Kostbarkeit. Ich jedoch stand daneben, probierte mal hier, mal da und wurde richtig muffig. Traurig. Ich wollte tatsächlich viel lieber Reis und abgekochtes Gemüse essen, als dieses komische Zeug aus dem Westen. Es war mir irgendwie zu hart und überhaupt nicht würzig. Eben gar nicht indisch. So sollte mir an jenem Tag dieses doofe Schwarzbrot gehörig den Tag verderben.

So hoch unser Lebensstil in Indien auch scheinen mag; im Grunde ist er doch recht niedrig, von den Verhältnissen aus Deutschland abgekoppelt. Unsere Küche ist winzig, dreckig und vor allem nicht sicher vor etlichem Getier. Die Ameisen beispielsweise, die überall ihr Unwesen zu treiben scheinen. Selbst in der Wohnung gibt es für sie keine Barrieren, weshalb sie die Küche ganz klar als ihr Hauptquartier auserkoren haben. Man kann nichts, keine Büchse, keine Flasche, offen stehenlassen, denn sonst riskiert man es, dass am nächsten Morgen die Ameisen ein neues Lieblingsgericht gefunden und sich dort häuslich niedergelassen haben.

Wie bei meinen heiß geliebten Sonnenblumenkernen, die ich wirklich gerne auf meinen Speisen verteilt hätte, wären meine kleinen Freunde nicht schneller gewesen. Unkonzentriert schütte ich ein paar Kerne in mein Essen, gerate aber im Nu in Panik, als ich sehe, was mit den Kernen  auf meinen Nahrungsmitteln landet. Ein Haufen kleiner Ameisen. Schnell kratze ich die Kerne, zusammen mit den kleinen Viechern, beiseite und schwöre mir ab jetzt meine Lebensmittel verschlossen zu halten.

Die übrigen Menschen scheinen damit im Reinen zu sein, es als gegeben anzunehmen, dass man in der Küche dringend alles verschließen muss, falls man keine Ameiseninvasion erleben möchte. In Deutschland hätte man schon längst gehandelt und Insektengift, oder gar den Kammerjäger bestellt, denn nicht nur Ameisen kreuchen durch unsere Bleibe, nein, auch Eidechsen und ungebetene Ratten sind mit von der Partie.

Gegen die Echsen hat niemand was, schließlich halten sie uns die Moskitos vom Hals, doch als wir vorgestern einen kleinen schwarzen Schatten durch die Küche flitzen sahen, geriet tatsächlich das ganze Haus aus den Fugen, als man das dunkle Etwas als fette Ratte identifizierte. Es wurde zur Rattenjagd geblasen und es stellte sich fest, dass die Nagetiere sich zwei Plätze im Haus als Hort genommen hatten, die gefühlt seit 10 Jahren nicht mehr entmüllt wurden waren, sodass die kleinen Nager sich pudelwohl zu fühlen schienen. Dennoch rannten sie, als sei der Teufel hinter ihnen her, als wir sie enttarnten und versuchten sie nach draußen zu bewegen. Das gesamte Haus mit seinen ganzen Mitarbeitern war außer Rand und Band. Merlin quietsche ängstlich, wenn eine Maus durch seine Beine lief, Skrollan, Bhanu und Ich bewaffneten uns mit Besen, als Mittel, um unsere kleinen Gäste auf die Straße zu bewegen und Ravi, unser nuschelnder Zweitchef mit dem schönen Schnauzbart, verschanzte sich sicher hinter einer Balustrade, um nicht als Mäusefutter zu enden.

Im Endeffekt haben wir ganze sechs Mäuse nach draußen umgesiedelt, entdeckten jedoch ein paar Löcher in den Wänden, wo sich theoretisch noch mehr versteckt hielten, doch für die Inder war die Arbeit getan. Der oberflächliche Teil war vertrieben worden, weshalb sollte man jetzt in die Tiefe gehen? Shanti, Shanti.

Sport, Gesang, Mode, Essen. All diese Faktoren tragen dazu bei, dass unser Abenteuer hier in Indien eine feine Würze bekommt. So lässt es sich wahrlich sehr gut leben, denn aufgrund der sehr geringen Preise für Essen und Taxifahrten, können wir es uns auch leisten drei Mal in der Woche in ein Restaurant zu gehen und mehrmals an kleinen, süßen Essensständen anzuhalten, um gerade einmal einen Euro für eine gute Mahlzeit auszugeben. So lässt es sich gut und gerne leben, trotz einiger kleiner Einschränkungen.

Und das Abenteuer geht weiter. Im nächsten Monat stehen so einige Reisen an, die manche vielleicht sehr überfordern werden…

Cheers!