Von Fernseh-Interviews, Menschenmassen und Tanzbattles – Das große Ganesha-Finale

Das Feuer in uns ist entfacht, der Wille ungebrochen, die Neugier unübertrefflich und nichts hält uns mehr auf den Sitzplätzen! Die Spannung, die Vorfreude, ja sogar der Blutdruck steigt! Das letzte Ereignis der Ganesha-Festlichkeiten steht an. Das letzte große Fest, das große, alles übertreffende Finale auf das von Tag zu Tag immer mehr Leute entgegenfieberten…

Genau da wollen wir hin! So haben uns die letzten Nächte immer wieder gewaltig laute Trommelzüge, die durch die Straßen zogen, um Ganesha zu ehren, einen entspannten Abend beraubt; jetzt wollen wir auch sehen wofür! Erneut wollen wir zum Hussain Sagar, dem größten Fluss Hyderabads, um zu beobachten, wie die ganz großen Ganesha-Figuren ins Wasser verfrachtet werden. Also Skrollan und ich. Merlin hat immer noch die Tröten vom letzten Mal im Ohr und befürchtet, dass es jetzt noch schlimmer wird. Diese Sorge habe ich auch, doch waren die letzten Tage so unspektakulär und die Arbeit am Report über den Bergbau in Myanmar so unbefriedigend, dass jetzt einfach was überdimensional Großartiges passieren MUSS, um einigermaßen Inspiration für die nächsten Tage zu schöpfen.

Am letzten Tag des Ganesha-Festivals wird immer ein besonders großer Brummer im Wasser versenkt. Dessen Name: „Khairatabad“. Dieses Jahr ist er 57 Fuß hoch und soll aus mehr als vier Tonnen Gips angefertigt sein. Jedes Jahr wird dieser Koloss neu angefertigt und verändert sein Aussehen. Wann er ins Wasser springt, wissen wir nicht, aber wir glauben fest daran, dass es gegen Abend passiert.

Khairatabad-Vinayaka-Nimajjanam

Drum machen wir uns, nach einem langweiligen Tag voller Bergbau-Stories, um halb sechs auf, steigen in eine Riksha und brausen los. Sofort fällt uns auf, wie leer die Straßen sind. Der Verkehr erinnert tatsächlich an die Leere auf den meisten Landstraßen im tiefsten Brandenburg. Für eine Strecke, für die wir unter normalen Umständen dreißig Minuten brauchen, brauchen wir jetzt gerade mal 10 erschreckende Minuten.„Oje“, denken wir uns. Der ganze Verkehr scheint sich genau an einer Stelle, dem See, zu stauen. Und genau dort wollen wir hin..

Da alles rund um den See gesperrt ist, lässt uns unser Fahrer vorher raus. Wir passieren einige Straßensperren und im Nu sind wir unter hunderten, wenn nicht sogar tausenden von Leuten. Ströme von Menschen ziehen an uns vorbei und genauso viele fließen mit uns in die andere Richtung. Es erinnert mich an einen riesigen Völkerumzug, wo festlich geschmückte Lastwagen, voll mit Menschen und riesigen Statuen, mit, oder gegen den Strom entlang schwimmen. Gewaltige Hebekräne stehen am Wasser, Stände mit Elefantenmasken und Tröten findet man alle 10 Meter und Polizisten mit Schlagstöcken und blauer Feder am Hut ordnen die Massen. Oder sie versuchen es zumindest…Bei diesem Mengen ist das schier unmöglich.

Und siehe da, Merlins Befürchtungen haben sich bewahrheitet. Diese lästigen Tröten sind dieses Mal wieder mit von der Partie. Aber heute wird uns das nicht aus der Ruhe bringen, nein! Skrollan und ich haben nämlich jetzt auch diese nervigen kleinen Dinger erworben. Jetzt kann uns niemand mehr antröten und wenn doch, haha, dann, ja dann tröten wir zurück! Am selben Stand haben wir auch Seifenblasen erstanden, die uns später noch das Leben leichter machen werden, doch dazu zum gegebenen Zeitpunkt mehr.
Wir gehen also vergnügt trötend, in die Richtung, wo die meisten Leute auch hingehen, im Glauben der ganze Haufen würde zum Khairatabad strömen. Doch so ganz sicher sind wir uns da nicht, denn ein Großteil der riesigen Lastwagen, die teilweise mehr als 30 Leute, plus eine Ganesha-Figur, transportieren, fahren in die entgegengesetzte Richtung. Wir haben also nicht die geringste Ahnung wohin wir gehen müssen und so laufen wir ziellos durch die Gegend und versuchen uns durchzufragen. Doch niemand versteht uns, als wir nach dem „Big Ganesha“ fragen. Mal wird dorthin, mal dahin gezeigt und so sind wir komplett orientierungslos inmitten von zielstrebigen Indern, die wohl genau wissen, wo sie lang müssen. Also muss unser allseits bekannter Freund und Helfer Google helfen und tatsächlich bekommen wir dort unsere Antwort, die uns jedoch nur bedingt glücklich macht. Khairatabad wurde bereits am frühen Morgen versenkt, was für mich nicht besonders viel Sinn ergibt, liegt die Mehrzahl der indischen Bevölkerung, während der Morgendämmerung, noch selig schlafend im Bett. Aber egal, davon wollen wir uns nicht die Stimmung verderben lassen, es gibt ja schließlich noch den Seegang von einigen halbstarken Ganeshas zu bewundern, die von den Lastwagen aus, mit großer Begeisterung seitens der unzähligen Gläubigen, ins Wasser gehievt werden. Ein echt schönes Bild ergibt das, zusammen mit der langsam untergehenden Sonne. Da diese Bilder wirklich einmalig sind und sie ein wunderbares Motiv liefern, hole ich meine Kamera hervor und will schon einen schmächtigen Elefanten ablichten, als ich bemerke, dass ich gar keine SD-Karte dabeihabe!

Welch verflucht kopfloser Schussel ich doch bin! Genau das werde ich mir im Laufe des Abends noch häufiger an den Kopf werfen, denn jetzt muss wohl mein Handy an die Arbeit gehen, mit dem ich leider nicht im Stande bin gute Nahaufnahmen zu machen…

Während wir so von Kran zu Kran laufen fällt uns eins auf: Bisher konnten wir ungestört unserer Wege gehen und wurden lediglich freundlich belächelt. Das sieht den Indern gar nicht ähnlich keine Selfies von uns zu verlangen. Deckt uns die Masse etwas so gut, dass wir, einfach nicht gesehen werden? Kurze Zeit sind wir richtig berührt von dieser Anonymität, die uns hier gewährt wird, doch dann traut sich ein vereinzelter Inder uns nach einem Selfie zu fragen. Dadurch müssen wir stehen bleiben und unweigerlich entsteht dadurch eine Menschentraube, an der die anderen wohl oder übel vorbeimüssen. So geraten wir ins Rampenlicht der heutigen Vorstellung. Nun weiß jeder im Umkreis von 20 Metern, dass es „Selfiefutter“ gibt. Menschen drängeln sich hektisch zu uns durch und rufen: „ One Selfie, please!“, oder „Where are you from?!“ Hände werden uns gereicht, die es zu schütteln gibt, ganze Familien mit verdutzten Kleinkindern werden vor uns drapiert und fotografiert. Selbst Mädchen und Frauen trauen sich dieses Mal nach Selfies zu fragen. Menschen in den Lastwagen jubeln uns zu, ich werde hier und dorthin geschoben, nur um fotografiert, oder gefilmt zu werden.

Plötzlich steht ein Mann mit einem Mikrophon vor mir und fragt mich, ob ich ein Interview für´s Fernsehen geben könne. Der Kameramann steht gleich neben ihn. Ich verneine ausdrücklichst, aber er versteht mich nicht, oder will mich nicht verstehen. Die Kamera wird angeschaltet, das Mirko mir vor die Nase gehalten und die Fragen beginnen, die ich kaum verstehen kann, so laut ist es auf der Straße.Er fragt mich, wie ich es hier denn finden würde und ob ich das erste Mal hier wäre.

„Great! Amazing! I have never seen this before!“

Währenddessen schaue ich immer wieder hilfesuchend zu Skrollan, die sich eins ins Fäustchen lacht, da meine folgenden Antworten meist nur auf „great“, oder „amazing“ herauslaufen. Aber hey, ich stehe auch arg unter Druck, eine Kamera ist auf mich gerichtet, ich bin von allen Seiten von Indern umzingelt, die mich alle anfassen wollen und ich kann die Fragen nicht verstehen. Das merkt auch der Reporter, der Skrollan nun das Mirko hinhält. Sie kann die Qualität des Interviews noch ein Stückchen nach oben reißen, aber irgendwann ist auch sie mit ihrem Latein am Ende. Das reicht aber dem Fernsehteam und verabschiedet sich überschwänglich dankend von uns. Unterdessen versuchen wir aus dem Pulk, der sich um uns gebildet hat auszubrechen, was gar nicht so leicht ist, wenn alle dich zu einem so tollen Interview beglückwünschen wollen.

Das hat mir gerade noch gefehlt, möglicherweise gerade im indischen Fernsehen zu sein, wo Millionen Menschen mein schlechtes Englisch hören können. 😀 Doch alle scheinen ganz doll berührt von dem zu sein, was wir gesagt haben, so als hätten wir dem Volke gerade eine zweite indische Unabhängigkeit erklärt.

Wir gehen schnurstracks weiter. Nur nicht stehen bleiben. Dies würde mehr Selfies, mehr Fragen, mehr Händeschütteln bedeuten. Stehen wir erstmal, sind wir für mindestens drei Minuten an diesen Platz angetuckert und kommen nicht mehr weg. Es wird eng. Laster und Menschen drängen sich dicht nebeneinander, immer kunstvoller geschmückte Lastwagen ziehen an uns vorbei, weiße Blüten werden von den Menschen auf den Lastern in die Menge geworfen, eine erwischt mich an der Schulter und; was zur Hölle, sind diese Blüten versteinert, oder warum schmettern sie meinen Arm mit voller Wucht nach hinten?! Die Lage hat sich also um eine weitere Gefahr verschärft. Nun gilt es den gemeingefährlichen Blumenwerfern, den Lastwagen und den Menschen auszuweichen. Gar nicht so einfach, wenn du von allem umzingelt bist.

Jetzt wird es tatsächlich etwas zu viel für uns, es nervt den weltbekannten Popstar zu mimen! Ein riesiger LKW wird extra wegen uns angehalten, wir werden vor diesen gezerrt, zusammen mit einigen fröhlich glucksenden Kindern und nun werden von zehn Smartphones aus Bilder gemacht. Danach zerrt alles an uns, wir versuchen uns loszureißen und wollen einfach nur noch weiter. Viele bemerken das auch, doch es gibt einige, die uns zielstrebig verfolgen. Jetzt verstehen wir definitiv, was richtige Stars durchmachen müssen. Mein ausdrücklichstes Beileid hier mal an Justin Bieber, Leonardo DiCaprio und Co!

Zum Glück gibt es dann noch die Inder, die mehr als „where are you from“ rufen können und so gesellen sich zwei breitgebaute Männer zu uns, die für einige Minuten unsere Bodyguards sein wollen, da sie verstehen was wir durchmachen müssen. Ich lasse sie ihren Job gut fünf Minuten ausführen, bis wir zu einer weniger überfüllten Stelle kommen. Ab hier trennen sich unsere Wege und der eine verabschiedet sich von mir mit den Worten: „Take care of your girl, okay? A lot of crazy guys are on the streets!“

Wo du einen drauf lassen kannst, mein guter Freund!

Erst jetzt bemerken wir die Brücke, die uns schon seit Anbeginn unseres Weges folgt. Auch auf dieser sind überall Menschen, doch für uns scheint sie der perfekte Rückzugsort zu sein, da dort keine LKW´s zu fahren scheinen. Im Affenzahn spurten wir der Brücke entgegen und tatsächlich! Hier herrscht angenehme Ruhe. Der Mittelstreifen, auf dem sonst Autos fahren ist frei und nur an den Rändern stehen Menschen, um sich die Ganehsa-Prozessionen von oben anzuschauen. So können wir sehen, dass die Lastwagen eigentlich einen riesigen Kreis, um diese kilometerlange Brücke machen. Bereits jetzt sehen wir wieder einen Wagen am Horizont der anderen Brückenseite auftauchen, den wir vorher noch auf der anderen Seite gesehen haben. Wir lehnen uns ans Geländer und beobachten die unterschiedlichsten Abbilder Ganeshas auf den Anhängern, wo Menschen teilweise liegen, tanzen oder Blumen werfen. Lediglich ein einziges Mal in einer halben Stunde, wo wir den Wägen beim Vorbeirollen beobachten, werden wir nach Selfies gefragt und mit diesen beiden Männern kann man tatsächlich ein nettes Gespräch führen, was in diesem Wahnsinn schon irrsinnig viel Wert ist.

Nach einiger Zeit erinnert sich Skrollan ihrer Seifenblasen, die sie am Anfang unserer Reise gekauft und, aufgrund des ganzen Trubels, vergessen hat. Nun wirbelt sie den Seifenblasenstab im leichten Tanzschritt hin und her und ich schaue den bunt schillernden Blasen zu, wie sie vom Wind getragen ihren Weg zu den Prozessionswagen finden.

So, wie Skrollan sich nun auf dem leeren Mittelstreifen gibt, schafft sie ein wunderschönes Bild. Tanzend, angestrahlt von mehreren Flutlichtern…
Ich muss schmunzeln über diese so abstrakte Situation. Jetzt müsste sie nur noch auf einer duftenden Blumenwiese sein, wo ein klares Bächlein vorbeirauscht und die Sache wäre perfekt. Leider haben wir beides nicht hier, aber trotzdem reicht es, damit wir uns entspannen und neue Kraft schöpfen.

Jetzt wollen wir auf der anderen Seite der Brücke zurücklaufen und dort werden wir ordentlich ins Schwitzen kommen, denn hier geht die Party richtig ab. Skrollan bläst frohlockend Seifenblasen den uns entgegenkommenden Trucks zu, währenddessen ich, flötenspielergleich in meine Tröte puste. Von den Wägen hören wir begeistertes Gekreische. Den Leuten gefällt´s, wie wir da unsere eigene kleine Party veranstalten. Plötzlich geraten wir in eine Tanzgruppe, die komplett ausrastet, als wir dazu stoßen. Sie schieben uns in die Mitte und tanzen wie verrückt um uns herum, sodass uns nichts Anderes bleibt als wild mitzutanzen! Von überall wird uns zugejubelt, weiter zu machen, Musik dröhnt aus den Wägen, uns werden Huldigungsgeschenke in Form von Süßigkeiten zugeworfen und nach wenigen Minuten sind wir schweißüberströmt.
Es gleicht einem Hip-Hop-Tanzbattle, wo plötzlich die ganz großen Champions dazu stoßen und alle johlend und ausgelassen einem großartigen Zweikampf entgegenfiebern.

Da wäre nur ein Problem:

Ich kann nicht tanzen, besonders dann nicht, wenn ich einen Beutel mit einer Kamera auf dem Rücken trage und diesen nicht einfach irgendwo ablegen kann, dazu ist zu wenig Platz. Aber so, oder so bedanken sich die Leute voller Freunde bei uns, als wir weiterziehen, nur um zehn Meter weiter erneut in eine euphorische Tanzgemeinschaft zu geraten. Es wird getanzt, Selfies werden gemacht, Hände kräftig geschüttelt und Opfergaben verteilt. Mit der Zeit gerate ich immer weiter weg von Skrollan, die als tanzendes weißes Mädchen natürlich viel mehr Aufmerksamkeit bietet als ich und so habe ich tatsächlich einige Male Angst sie im Getümmel zu verlieren, da auch ich außerhalb des Tanzkreises immer wieder dazu aufgefordert werde freundlich in indische Frontkameras zu lächeln und so mein Blick immer wieder von ihr abschweifen muss. Aber stets, mit den Augen eines Adlers, kann ich Skrollan immer wieder ausmachen und mich zu ihr durchkämpfen, währenddessen ich von einigen Leuten umarmt werde.

Keine Sorge, alle meine Habseligkeiten waren im Endeffekt noch bei mir, die Leute waren wirklich nur begeistert von uns und keine Taschendiebe, was mir während sehr körperbetonten Umarmungen oft durch den Kopf ging..

Nach einer Stunde voll leidenschaftlichen Tanzens erreichen wir eine Nebengasse und nehmen uns nur zu gerne der Ruhe an, die hier herrscht. Uns wird bewusst, dass wir mehr als vier Stunden diesem indischen Irrsinn verfallen waren und sehen uns jetzt nach einem Sitzplatz und vor allem einen ordentlichen Schluck Wasser! Wir überwinden eine Straßensperre, kaufen uns einen Wassermelonensaft, nehmen auf der Schwelle des Saftladens Platz und warten auf unser bestelltes Uber-Fahrzeug.

Die Inder sind schon ein fröhliches Feiervölkchen, stellen wir fest. So kaputt und schweißverschmiert wir jetzt auch sein mögen, wir haben dieses Fest wahrlich genossen. Definitiv sind wir beide jetzt auf mindestens dreihundert Smartphones gespeichert und so mancher Inder wird uns nun als seine „western friends“ bezeichnen.

Dieses letzte große Fest, dieses große, alles übertreffende Finale auf das von Tag zu Tag immer mehr Leute entgegenfieberten, hat letztendlich unsere Erwartungen übertroffen, so gigantisch es im Gesamtüberblick war.

„Nochmal!“, denke ich mir, währenddessen wir mit unserem Taxi hinaus in die kühle Nacht fahren…