Steinige Visum-Wege Teil 4

Von anderen Blickwinkeln, Übernehmen von Verantwortung und großer Freude handelt nun mein persönlicher, bürokratischer Showdown, dessen Verlauf sich nun mehr auf drei Beiträge streckt. Dies sei der Vierte und hoffentlich, wenn in diesem Eintrag nichts katastrophal Schlimmes passiert, der letzte Eintrag zum Thema Registrierung und Visum, denn mittlerweile bin ich es etwas leid, durch Städte zu fahren, nur um dann, ohne etwas in den Händen zu haben, die gleiche Strecke, total geknickt, nach Hause zurück zu kommen.

Das soll dieses Mal auf keinen Fall passieren, nehme ich mir vor! Denn jetzt wird keiner mir helfen, nein, nun muss ich mich alleine durch den Bürokratiewald der Inder kämpfen und habe keinen Übersetzer, der mir zur Seite steht, denn meine beiden Mitfreiwilligen sind ja bereits registriert. Aber irgendwie reizt es mich auch unheimlich für mich selbst Verantwortung zu übernehmen, unter anderem bin ich ja deswegen auch nach Indien gekommen.

Drum fühle ich mich auch unheimlich gut, als ich vom Office aus alleine aufbreche, um zum Konsulat zu fahren. Währenddessen ich auf mein Taxi warte, wird mir klar, dass ich bisher nie alleine unterwegs war, immer schien jemand an meiner Seite sein, der mir hätte helfen können, wäre ich in Schwierigkeiten geraten. Nun bin ich auf mich selbst gestellt und das, so stelle ich fest, ist ein richtig schönes Gefühl. Eigenständig zu sein. Aber man soll ja nie den Tag vor dem Abend loben, bisher habe ich ja schließlich noch nichts erreicht und stehe wartend in der Gegend herum.

Zumindest, das kann man schon mal sagen, bin ich gegen alle Härtefälle, die da kommen mögen, gewappnet. Sämtliche Unterlagen, sowie ein heiteres Unterhaltungsprogramm gegen die Langeweile sind in meinem Rucksack verstaut. Ich habe extra mein MacBook eingepackt, um vor Ort das Warten etwas erträglicher zu machen, da ich mir vorgenommen habe, währenddessen einer meiner Lieblingsserien „Game of Thrones“ zu schauen.

Guter Dinge steige ich also in mein Uber-Taxi und komme ohne jegliche Probleme zum FRRO, durchschreite die vergoldeten Pforten des riesigen Gebäudes, überwinde die erste Prüfung und stehe nun vor den Schaltern der Hauptkontrolle.


Jetzt heißt es warten. Ich habe einen Zettel mit einer Nummer bekommen, sie lautet N55 und momentan steht die Anzeige bei N45. So lange kann das ja dann nicht mehr dauern, denke ich mir, doch nichts da! Nach einer halben Stunde hat sich die Anzeige nicht verändert und mir wird ganz flau im Magen. Das kann ein langer Tag werden.

Also hole ich, mein MacBook hervor, in Gedanken mal was richtig Gutes gegen die Langeweile geplant zu haben, muss dann aber feststellen, dass mein Computer leer ist. Aufgeladen habe ich ihn zuletzt vor zwei Tagen. Wow! Toll gemacht! Das erinnert mich sehr ans Ganesha-Festival mit einer Kamera ohne SD-Karte. Irgendwas muss wohl immer bei mir schieflaufen. Leicht wütend auf mich selbst, stopfe ich den PC zurück in den Rucksack und komme nicht umhin, aus den Augenwinkeln zu beobachten, wie mich einige Wartende Afghanen belustigt begutachten. Tja, Sachen gibt’s, die glaubt man gar nicht. 😀

Plötzlich, nach einer weiteren halben Stunde ermüdenden Wartens, erspähe ich einen alten Bekannten. Der Chef der Abteilung, der Merlin beim letzten Mal noch mit Fragen gelöchert hat, schleicht, scheinbar auf Samtpfoten, durch die Gegend und überprüft seine Mitarbeiter, dass sie ja alles richtigmachen. Er blickt träge auf die Wartenden hernieder, doch dann hellt sich sein Blick schlagartig auf, als er mich entdeckt. Er ruft mich freudestrahlend zu sich und fragt, warum ich denn schon wieder hier sei und wo ich denn meine Freunde gelassen habe. Ich erläutere im mein Problem, woraufhin er mich schnurstracks in sein Büro entführt und mich bittet meine Unterlagen einem Arbeiter, der scheinbar total übermüdet, in einer Ecke sitzt, auszuhändigen. Er kann sich noch an meine Frage vom letzten Mal erinnern, als ich mich aus heiterem Himmel heraus erkundigte, ob ich nicht ein Hindu werden könne und fragt mich nun, ob ich mich sehr für Kulturen und Religionen interessieren würde.

Das kann ich nur bestätigen. In der Tat bin ich wirklich schnell dazu zu begeistern neue Kulturen kennenzulernen, was dem Chef sehr mundet und so beginnt er über den Ursprung des Hinduismus zu reden, was durchaus interessant ist. So erzählt er mir, dass Alexander der Große, dieser eine Grieche, einmal Indien angegriffen hat und damals ein bestimmtes Wort der Inder falsch aussprach und sich diese Wortneuschöpfung alsbald überall auf der Welt verbreitete. Die Rede ist von dem Wort „Hindu“. Die Inder hatten einen anderen Begriff dafür, den Alexander jedoch nicht aussprechen konnte.  Durch seinen Sprachfehler schuf er also den Namen für die indische Religion, der von jenem Zeitpunkt an, bis in die Gegenwart, gesetzt sein würde: Hinduismus.

Das wusste ich davor noch nicht und bin hingerissen vom Wissen des Beamten, der mir gegenübersitzt. Wir unterhalten uns weiter angeregt über die Gleichheit aller Religionen und nach einiger Zeit empfehle ich ihn dringend Lessings „Nathan den Weisen“ zu lesen. Nach einem kurzen Abriss, worum es in dieser Geschichte geht, nämlich auch um die Gleichartigkeit der Religionen, ist mein Freund, der Abteilungschef begeistert und versichert mir, dieses Buch mal lesen zu wollen.

Während des gesamten Gesprächs kann ich mir ein freudiges Grinsen nicht verkneifen, wenn mein Blick zwischendurch zu dem Arbeiter schweift, der meine Unterlagen gründlich gegencheckt. Jetzt habe ich wahrlich das Gefühl etwas Richtiges, mit der Frage vom letzten Mal, getan zu haben. Ohne meine Bekanntschaft hätte ich noch ewig warten müssen.

Doch auch jetzt heißt es sich noch ein wenig länger in Geduld zu üben, denn pünktlich um halb zwei wird zur Mittagspause geblasen, alle Mittarbeiter hören schlagartig auf mit ihrer Arbeit und strömen Richtung Cafeteria.

Darauf habe ich mich den ganzen Vormittag gefreut, verspricht die Mittagspause doch einen leckeren Chai, der bei den letzten beiden Malen wunderbar auf der Zunge zergangen ist. So geselle ich mich zu der munteren Mittagsgemeinschaft dazu, bestelle mir einen Chai und ein paar andere Leckereien und beobachte fröhlich schmausend die indischen Arbeiter.

Viele haben typisch deutsche Brotbüchsen von daheim mitgebracht, doch essen sie nicht etwa ihr Pausenbrot, nein, sondern vielmehr ihren Pausenreis, frisch von zuhause zubereitet.

Ich kann mir es nicht erklären, aber irgendwie finde ich das süß. Warum auch immer.
Nach der Mittagspause darf ich in den Warteraum umziehen, in dem wir das allererste Mal fünf Stunden gewartet haben. Das verspricht viel Gutes, denn letztens bedeutete dies für Skrollan und Merlin, dass sie alsbald ihre Registrierungsbescheide in den Händen halten durften. Ich warte also einige Minuten und tatsächlich! Ich werde aufgerufen, bekomme aber keineswegs meine Papiere von einem normalen Beamten, sondern werde wieder direkt ins Büro des Chefs geführt. Der Registrierungswisch liegt direkt vor ihm, er überreicht ihn mir feierlich und verkündet dann: „Welcome in India, Brother!“

In diesem Moment fällt alle Last der letzten Monate, der ganze Stress, den ich wegen dieses doofen Visums hatte, von mir ab und ich kann nicht anders als mich breit grinsend bei meinem Wohltäter zu bedanken.
Nun liegt es an mir, einen Inder nach einem Selfie zu fragen. So war es die letzten Wochen genau andersherum, aber jetzt sehe ich die Zeit gekommen, jetzt sehe ich einen wahrhaftigen Grund diesen Moment auf der Kamera festzuhalten. Leider werde ich hier enttäuscht.

„Das geht nicht“, meint der Chef. „Ich bin Beamter im Konsulat und Fotos von mir machen ist verboten.“

Schade, finde ich, dafür wird mir versprochen, dass ich gerne immer wieder zum Konsulat kommen könne, um ihn zu besuchen. Schließlich bin ich jetzt sein „brother“ und habe das Recht immer mit ihm zu reden, wenn es nötig wäre. Das hört man gerne. Vielleicht mache ich das tatsächlich einmal und bringe ihm dann „Nathan den Weisen“ vorbei, doch jetzt hält mich nichts mehr in diesem grauen Gebäude! Ich will raus, einfach herumspringen, den müden Gelenken wieder Energie verleihen und für´s Erste den Kontakt mit Bürokratie vermeiden!

Der Chef verabschiedet sich rührend von mir, wünscht mir alles Gute für meine Zukunft und ich hüpfe fröhlich aus dem Gebäude und freue mich wie ein Honigkuchenpferd! Endlich ist der Spuk vorbei und beiläufig habe ich sogar noch einen mächtigen Freund gewonnen! Was will man mehr?!

Alles hat einmal ein Ende und vielleicht endet es spätestens zu jener Zeit, wo man lernt Verantwortung zu übernehmen. Dann kann eine neue Tür aufgestoßen werden, die dir nun neue Möglichkeiten bietet. Jetzt musst du nur noch zugreifen…