31 Tage

„Wow“, sage ich zu Merlin. „Jetzt bin ich so lange von Zuhause weg, wie ich es noch nie in meinem ganzen Leben war und das ist erst der Anfang.“

Ein ganzer Monat, volle 31 Tage und eine aufregende und intensive Zeit in Indien liegt nun hinter uns. Dabei haben wir nur gerade mal an der Oberfläche des gewaltigen Eisberges, der sich Indien nennt, gekratzt, so kommt es uns vor. Erlebt haben wir eine Menge doch zwischen all diesen Erfahrungen habe ich viele Dinge, so scheint es mir, einfach übersehen, sie komplett anders wahrgenommen, oder mich schlicht und einfach daran gewöhnt.

Die Ameisen beispielsweise, die überall ihr Unwesen zu treiben scheinen. Selbst in der Wohnung gibt es für sie keine Barrieren, weshalb sie die Küche ganz klar als ihr Hauptquartier auserkoren haben. Man kann nichts, keine Büchse, keine Flasche, offen stehenlassen, denn sonst riskiert man es, dass am nächsten Morgen die Ameisen ein neues Lieblingsgericht gefunden und sich dort häuslich niedergelassen haben. Wie bei meinen heiß geliebten Sonnenblumenkernen, die ich wirklich gerne auf eines unserer gebackenen Brote verteilt hätte, wären meine kleinen Freunde nicht schneller gewesen. Unkonzentriert schütte ich ein paar Kerne auf den Teig, gerate aber im Nu in Panik, als ich sehe, was mit den Kernen auf unserem potentiellen Körnerbrot landet. Ein Haufen kleiner Ameisen. Schnell kratze ich die Kerne, zusammen mit den kleinen Viechern, beiseite und schwöre mir ab jetzt meine Lebensmittel verschlossen zu halten.

Auch beim Yoga begleiten uns stets ein paar unserer kleinen Ameisenfreunde. Drum können wir uns eines sicher sein: Legt man sich während einer Übung auf den Bauch, so kann man einen ganzen Tross einer Ameisenkolonie beobachten, wie er sich durch die sporttreibende Frauengesellschaft schlängelt. Und die Menschen scheinen damit im Reinen zu sein, es als gegeben anzunehmen, dass man in der Küche dringend alles verschließen muss, falls man keine Ameiseninvasion erleben möchte. In Deutschland hätte man schon längst gehandelt und Insektengift, oder gar den Kammerjäger bestellt, denn nicht nur Ameisen kreuchen durch unsere Bleibe, nein, auch Eidechsen und ungebetene Hausmäuse sind mit von der Partie.

Gegen die Echsen hat niemand was, schließlich halten sie uns die Moskitos vom Hals, aber als wir vorgestern einen kleinen schwarzen Schatten durch die Küche flitzen sahen, geriet tatsächlich das ganze Haus aus den Fugen, als man das dunkle Etwas als Maus identifizierte. Es wurde zur Mäusejagd geblasen und es stellte sich fest, dass die Nagetiere sich zwei Plätze im Haus als Hort genommen hatten, die gefühlt seit 10 Jahren nicht mehr entmüllt wurden waren, sodass die kleinen Nager sich pudelwohl zu fühlen schienen. Dennoch rannten sie, als sei der Teufel hinter ihnen her, als wir sie enttarnten und versuchten sie nach draußen zu bewegen. Das gesamte Haus mit seinen ganzen Mitarbeitern war außer Rand und Band. Merlin quietsche ängstlich, wenn eine Maus durch seine Beine lief, Skrollan, Bhanu und Ich bewaffneten uns mit Besen, als Mittel, um unsere kleinen Gäste auf die Straße zu bewegen und Ravi, unser nuschelnder Zweitchef mit dem schönen Schnauzbart, verschanzte sich sicher hinter einer Balustrade, um nicht als Mäusefutter zu enden.

Im Endeffekt haben wir ganze sechs Mäuse nach draußen umgesiedelt, entdeckten jedoch ein paar Löcher in den Wänden, wo sich theoretisch noch mehr versteckt hielten, doch für die Inder war die Arbeit getan. Der oberflächliche Teil war vertrieben worden, weshalb sollte man jetzt in die Tiefe gehen?

Dieses Phänomen fällt uns jetzt häufiger auf, als vorher. So haben wir auch eine Putzfrau in unseren Diensten, die gerne jeden Tag unser Zimmer reinigen möchte. Dafür müssen wir alles was auf dem Boden liegt, unter anderem unsere Matratzen, auf eine höhere Ebene bringen, damit sie saubermachen kann. Ihre Vorstellung von Putzen ist jedoch deutlich anders, als die unsere. So geht sie grob mit einem zusammengeschusterten Besen aus Reisig über den Boden, beseitigt den auffälligen Dreck und verschwindet dann wieder. Folge dessen: Eigentlich überall sieht es genau gleich aus, in den Ecken sammelt sich Staub, wenn sogar schlimmeres und die Wände, die sowieso nur einmal in ihrem Leben Farbe abbekommen haben, werden blass und schmutzig. Wohlbemerkt ist das keine Kritik an unserer Putzfrau, sondern am grundsätzlichen Putzverhalten hier in manchen Gegenden Hyderabads.

Um mal kurz das Themengebiet „unsinnige Arbeiten“ aufzuschlagen: Eines sehr frühen Morgens waren wir das erste Mal am Bahnhof, um eine Freiwillige aus unserem Nachbarprojekt „Sakhi Trust“ abzuholen, die von Hospet (einer kleineren Stadt 200 Kilometer südwestlich von uns) nach Hyderabad mit dem Zug gefahren war. Abends würde sie dann mit dem Flugzeug gen Deutschland zurückfliegen, ihr Jahr war vorbei.

Merlin und Ich warteten also auf dem Bahnsteig auf das Kommen ihres Zuges und sahen dabei zu, wie einige Personen, mit genau derselben Art von Besen wie unsere Putzfrau, auf die Gleise sprangen, um diese mal ordentlich vom Dreck zu befreien. Hat das was gebracht? Nö. Alles sah genauso aus wie vorher. Dass sich diese Personen nicht total komisch vorkommen, bei dem was sie tun. Des Weiteren scheinen sämtliche Arbeiten daraus zu bestehen, nicht nur sinnlos zu sein, sondern auch oberflächlich.

Unsere Reports hier mal als Beispiel. Sinnvoll sind sie bestimmt, keine Frage. Aber dadurch, dass uns keinerlei Ansprüche vorausgesetzt werden und wir einfach drauf losschreiben sollen, ohne jeglichen Schwerpunkt zu setzen, fällt es schwer hier in die Tiefe zu gehen.

Der deutsche Perfektionismus, den wir in der Heimat hart erlernt haben, wird hier abgelöst, durch indische Oberflächlichkeit. Irgendwie wird es schon funktionieren. Kein Problem. Alles geht einfach seiner Wege. Welche der beiden Arten jetzt besser ist, darüber lässt sich streiten. Wir würden unseren Weg natürlich bevorzugen und finden es gar leichtsinnig, wenn ein Straßenarbeiter ohne jegliche Schutzausrüstung, oder Absicherung auf eine meterhohe Laterne steigt, um etwas zu reparieren. Aber nach indischem Lebensstil wird der Arbeiter hoffentlich nicht abstürzen und wenn doch, nun ja, besetzt man die Stelle einfach neu. 😀

Würde man all diese Arbeiter, die so gesehen nichts zu tun haben, in den Sektor einer gut organisierten Müllentsorgung stecken, so denken wir drei, wäre das Land im Nu eines der saubersten Länder der Welt. 😀

So lässig ich auch hierüber schreiben mag, so einfach hinzunehmen ist das für mich mittlerweile nicht mehr, wenn man ständig trostlos schmutzige Wände anschaut und den Gestank des Drecks auf den Straßen des Öfteren in der Nase hat. In der Hinsicht vergleiche ich die Verhältnisse doch sehr oft mit denen aus Deutschland und etwas unglücklich werde ich dann schon..

Glücklich machen uns dann Bekanntschaften, die wie aus dem Nichts entstehen. Siri, die Frau vom Chor, sei hier nur ein Beispiel, denn Inder, wie man vielleicht bereits aus den letzten Einträgen entnehmen konnte, sind generell sehr neugierig, was uns betrifft. So bin ich an einem Freitagabend mit einem Uber-Taxi unterwegs zu deutschen Freiwilligen, die zu einem kleinen Freiwilligen-Treffen geladen haben.

Hierbei muss man wissen, dass man bei Uber entweder ein Auto ganz für sich bestellen, oder auch eine Fahrgemeinschaft mit anderen Leuten bilden kann. Die eine Nachfrage heißt Uber-Go und die andere Uber-Pool, weil man ganz verschiedene Leute in Fahrzeug wirft.

Ich habe für den Abend ein Uber-Pool-Taxi bestellt, da dieses billiger ist, als die andere Variante und setze mich prompt neben einen anderen Fahrgast. Eine junge Frau. Nach deutscher Manier sage ich „Hello“ und will die Dame neben mir nicht weiter belästigen, doch halt, ich bin ja in Indien, da ist die Mentalität anders! Schon fragt mich das Mädchen wo ich denn herkomme, was ich hier machen würde und wir mir das Land so gefiele. Schwuppdiwupp haben wir uns in lockeres Gespräch vertieft und Liz, oder Elisabeth, wie sich die 25 jährige Frau nennt, ist begeistert von mir und von dem was ich für ihr Land tun würde. Sie arbeitet bei Amazon, war schon mal in den USA und hätte riesigen Spaß daran mir Hindi, sowie Telugu beizubringen. Überraschenderweise erzählt sie mir, dass sie vor einem Jahr ihre Mutter verloren hätte und es seitdem sehr schwer habe, alleine klar zu kommen. Doch das habe sie stärker als vorher gemacht. Ich bin überrascht welchen Lauf unser Gespräch genommen hat, da wir jetzt wahrlich in die Tiefe gehen. Irgendwann muss sie aussteigen, sie versichert mir, dass wir auf jeden Fall mal gemeinsam essen gehen sollten, gibt mir ihre Nummer, schickt mir eine Freundschaftsanfrage auf Facebook, verabschiedet sich mit festem Handschlag und schwindet in die Nacht.

So schnell habe ich in Deutschland, besonders im Taxi, noch keine Nummer bekommen.

Und nun, eine Woche später, sind wir nach wie vor im Kontakt und tatsächlich habe ich das Gefühl eine Freundin gefunden zu haben, die uns zu den „hippen“ Plätzen in Hyderabad führen kann. Von dieser Offenheit der Inder, sollten wir Deutsche uns fürwahr eine Scheibe abschneiden.

Dennoch haben wir von befreundeten Freiwilligen in Hyderabad etwas ganz Anderes gehört. Diese dürfen nicht in die Öffentlichkeit und wurden, seitens ihres Chefs beschimpft, als sie es doch taten. Klar, dahinter steckt eine gut gemeinte Absicht, denn die letzte Generation der Freiwilligen, die in diesem Projekt gearbeitet hat, ist im letzten Jahr am Dengue-Fieber erkrankt. Dennoch sind Tine und Melli nicht gerade glücklich darüber eingepfercht in ihrer Wohnung zu sein, sind sie doch zum Austausch der Kulturen hierhergekommen.

 

Sie sind bereits einige Wochen länger da als wir und dennoch haben Merlin, Skrollan und Ich deutlich mehr erlebt, haben Freunde gefunden, einige Eigenarten der Inder kennengelernt, uns Kleider machen lassen, gefeiert, gegessen, Hunde gestreichelt, Yoga gemacht, gesungen, Reports geschrieben, Selfies geschossen, waren in Tempeln, haben Leute gefragt, wie man Hindu werden könne und vieles mehr… 🙂

 

Wir und die Yoga-Frauen

Vor anderthalb Monaten sind wir gerade erst vom Vorbereitungsseminar in Deutschland zurückgekommen. Sich das vorzustellen ist fast unmöglich, ist uns doch seit jeher unglaublich viel widerfahren. Ein Monat. 31 Tage. Für uns schier unbegreiflich, scheint unser Flug um halbe Welt schon ewig her zu sein.

Und das Abenteuer geht weiter. Im nächsten Monat stehen so einige Reisen an, die manche vielleicht sehr überfordern werden. Doch dazu mehr im nächsten Beitrag. Cheers!