Der Beginn eines Abenteuers – Die Dallapalli-Chroniken

Nun wird es ernst. Alles ist vorbereitet, der Rucksack gepackt, der Zug gebucht und die Stimmung ausgelassen. Die Berge warten auf mich und schließlich will ich diese nicht enttäuschen! Die Wildnis ruft!

Ich verabschiede mich von Merlin und Skrollan, präge mir ihre Gesichter ein, falls wir uns doch nicht so schnell wiedersehen werden und steige mit Gayathri in einen Bus, der uns zum Bahnhof bringen wird. Bereits jetzt muss ich feststellen, dass wir so gesehen eigentlich zu dritt fahren. Mein großer Backpack-Rucksack benötigt seinen eigenen Sitz, anders ist er nicht zu verstauen, was mir noch einiges Kopfzerbrechen bereiten soll.

Ganz nach indischer Manier quatscht mich nach wenigen Minuten ein alter Herr an und wir reden ein bisschen. Mittlerweile gefallen mir diese Gespräche sehr, lernt man doch immer ziemlich spannende Menschen kennen. So auch in diesem Fall. Mein Gegenüber war schon einige Male in Frankfurt und greift herzhaft dazwischen, als ich davon schwärme wie schön Indien ist:

„Nein, du kennst Indien eigentlich gar nicht. Nicht mal ich, als Rentner habe den totalen Überblick. 100 Kilometer weiter ist alles anders und ich verstehe kein einziges Wort von dem, was meine „Landsleute“ sagen. Wenn dann, gefällt dir Hyderabad, aber Indien? Nein.“

Wo er Recht hat, hat er Recht, der Gute, muss ich eingestehen. Dabei bin ich doch gerade selbst auf dem Weg in eine komplett neue indische Umgebung.

Am Bahnhof angekommen überfluten mich die Reize. Überall rennen schnatternd Menschen durch die Gegend und Züge rollen lärmend an uns vorbei. Es blinkt von allen Seiten, aus Lautsprechern plappern Bahnhofssprecher unverständliches Zeugs und Reklametafeln predigen schlaue Weisheiten wie: „Benutzt keine Plastiktaschen, kauft Jutebeutel!“

Na, ob sich daran überhaupt jemand ein Beispiel nimmt? Ich wage es zu bezweifeln.

 

Unser Zug fährt ein, wir steigen ins Innere dieses Monsters, in die „sleeping class“, wo ich erneut feststellen muss, dass mein Rucksack nicht für indische Verhältnisse gemacht ist. Links und rechts findet man jeweils zweistöckige Abteile. Unten sitzen die Leute, oben liegen sie. Mittendurch geht ein schmaler Gang, der gerade mal so breit ist, dass eine Person gut durchlaufen kann. Ich stoße mit meinem Rucksack überall gegen und nuschle „sorry, sorry, sorry“ in alle Richtungen, in der Hoffnung niemanden ernsthaft verletzt zu haben.

Wir kommen zu unserem Abteil, setzen uns, aber just in diesem Atemzug, drängeln sich zwei Männer so hektisch neben mich, dass es mir vorkommt als spielten wir hier Stopptanz, wo gerade die Musik aufgehört hat und drei Leute sich darum bekämpfen möglichst schnell auf die letzten beiden Sitzplätze zu setzen, denn neben mir sitzt schon eine ältere Dame.

Resultat des Kuddelmuddels: Vier Menschen sitzen auf Plätzen, die für drei gedacht sind. „Hm, da stimmt doch was nicht“, denke ich mir. Ich bin tatsächlich eingequetscht zwischen der Frau und einem Mann und zu allem Überfluss sitzt die Dame auch noch im Schneidersitz auf ihrer Seite, was ihr natürlich deutlich mehr Platz einräumt als mir, dem maximal dreißig Zentimeter geblieben sind. Soll das die gesamte Zugfahrt so gehen? Nach fünf Minuten tut mir der Rücken bereits weh, versuche das irgendwie kenntlich zu machen, aber niemand versteht was ich meine.

Dann sehe ich meine Rettung! Das Obergeschoss! Dazu muss ich eine kleine Leiter hinaufsteigen und hätte eine ganze Sitzreihe für mich. Schwuppdiwupp bin ich oben, habe aber auch hier nur begrenzt Platz, da mein Rucksack beachtliche große Teile für sich auserkoren hat. Ihm kann ich nichtdestotrotz kein Vorwurf machen, habe ich ihn höchstpersönlich doch so vollgepackt.

Anderthalb Meter unter mir laufen Verkäufer durch die engen Gänge und bieten ihre Waren preis. Es gibt Samosas, Kekse, Erdnüsse, Buttermilch, Reis, oder auch Lassi. Damit jeder weiß, was sie anbieten, schreien sie ihre Produkte dem Zug entgegen, was mich sehr an typische Marktschreier erinnert. Besonders der Samosa-Verkäufer, der immer wieder im leichten Singsang „Samosa, Samosa, Samosa! Samosa, Samosa, Samosa“ ruft, hat es echt drauf! Vor allem scheint er nach der ganzen Zugfahrt immer noch bei guter Stimme zu sein und zeigt keinerlei Anzeichen von Heiserkeit. Wenn der sich mal für einen anderen Job entscheiden sollte; mit der Stimme könnte er Schauspieler werden.

Doch vorerst kaufen wir nichts, denn Raji, unsere Haushälterin, hat uns Chapati und Curry von zuhause aus mitgegeben, dass Gayathri und Ich nun genüsslich verspeisen. Kocht Raji normalerweise kaum scharf, ist hier doch eine deutliche Note an Schärfe herauszuschmecken. Wahrscheinlich ein zaghafter Annäherungsversuch an das, was mich im Dorf erwartet.

Währenddessen wir essen, werden wir von einem munteren Inder heimlich fotografiert und nach dem Essen darf ich auch noch ein Selfie mit ihm machen. Das ist tatsächlich der erste seit Stunden. Die Zuggemeinschaft scheint sonst ziemlich wenig von mir zu halten, was ich hier auch sehr begrüße.

Als ich ziellos durch den Zug schlendere fällt mir plötzlich eines auf. Alle Türen stehen zu jeder Zeit offen. Mir wird also die Möglichkeit geboten auszusteigen, wann immer ich will! So ganz freiwillig würde ich das jedoch nicht wagen, bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 50 Kilometern die Stunde, aber immerhin kann man so total gut hinausschauen und die Aussicht genießen. Leider kann ich nicht viel sehen, da die Nacht bereits angebrochen ist und ich verzweifelt versuche in der Schwärze etwas zu erkennen.

Gegen neun scheint der Zug mit meinen Menschen einzuschlafen, eine zweite Ebene, zwischen meiner und der unteren wird eröffnet, sodass nun sechs Menschen in einem Abteil gut schlafen können. Nach wie vor kommen die Marktschreier mit ihren Koffern durch den Gang geschlendert, man kann sie bereits aus weiter Ferne ausmachen, ihre Rufe, die immer mehr an Beschwörungsformeln einer alten Macht erinnern, scheinen wie ein Gewitter auf einen zuzurollen. Man hört sie erst kaum, doch dann werden sie immer lauter. Im Halbschlaf scheinen die fernen Rufe kaum von dieser Welt zu stammen, sondern scheinen jenseits davon zu liegen.

Gegen drei Uhr nachts überkommt mich das Gefühl doch mal auf´s Klo zu müssen. Davor habe ich es taktisch vermieden, aus Angst etwas vor zu finden, was ich gar nicht so toll finde. Und tatsächlich: Die Zugtoilette ist nur ein Loch im Boden. Indische Toiletten. Einen ganzen Monat bin ich ihnen erfolgreich aus dem Weg gegangen, doch jetzt scheinen sie mich heimzusuchen. Mir wird klar, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, wie das jetzt funktionieren soll, mache verängstigt Kehrt und lese mir zur ganzen Thematik ein Tutorial im Internet durch und komme letztendlich zu dem Schluss, dass eine indische Toilette gar nicht mein Ding ist und schlafe verstört ein.
Um fünf erwacht der Zug zum Leben. Ich jedoch nicht, will ich doch noch weiterschlafen. Das wird mir eine Stunde lang gewährt, doch dann zupft etwas an meinem Hemdsärmel, ich schrecke hoch und Gayathri gesteht mir, dass wir nun aussteigen müssen. Schnell packe ich mein Zeug zusammen, hieve meinen Rucksack von meiner Schlafstätte, quetsche mich damit durch die engen Abteile und stehe wieder auf einen Bahnhof voller Menschen.

Wir sind in Vishakapatnam, einer Stadt, die anscheinend einen sehr schönen Strand haben soll, doch da wollen wir vorerst nicht hin. Wir stehen auf dem Bahnhofsvorplatz und…wow! Da sind sie endlich! Die Schlepper, von denen mein Fettnäpfchenführer so detailgetreu berichtet. Damals, vor einem Monat, habe ich am Flughafen einen guten Mitarbeiter als Schlepper verdächtigt, was sich als fataler Fehler herausgestellt hat. Doch jetzt kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass dies astreine Schlepper sind, denn kaum trete ich aus dem Bahnhof, wollen sie mir ein gutes Hotel in der Nähe andrehen und mich mit ihren Vehikeln dort hinbringen. Nicht mit mir, Freunde! Ich brauch kein Hotel, nein, ich brauche einen Bus, der mich in hundert Kilometer weiter in die Berge bringen soll.

Ein Bus ist schnell gefunden und so geht’s durch Vishakapatnam. Eins fällt mir auf der Stelle auf: Diese Stadt ist viel grüner, bunter und waldiger als Hyderabad. Überall sind Mauern mit verzierten Fresken, zwischendurch findet man frisch gestrichene Häuser in allerlei Farben und teilweise erinnert mich die Stadt echt an typisch südeuropäische Küstenstädte, mit kleinen beschaulichen Gassen und hübschen Häusern.

Als wir aus der Stadt herausfahren und nun in immer ländlichere Gebiete stoßen, riecht es auf einmal sehr nach… wie soll man das beschreiben…Raubtierkäfig und Schlangenhaus. Immer, wenn man in den Zoo geht und man Raubtiere, oder Schlangen besichtigen will, dann haben die jeweiligen Areale immer einen speziellen Geruch und diesen nehme ich hier nun verstärkt wahr. Sollte ich mir Sorgen machen, dass wir gleich von einer Kobra und einem Tiger angegriffen werden?

Ab und zu fahren wir an kleinen Dörfern vorbei, deren Häuser an Indianerzelte aus Stroh und Bambus erinnern. Links und rechts erheben sich gigantische Bergriesen, Reisfelder ziehen an uns vorbei und die Bäume werden immer größer. Genauso wie die Kühe. Waren sie in Hyderabad beinahe unterernährt sind sie hier dick und rund, beinahe fett und grasen fröhlich vor sich hin.

Ich nehme einen tiefen Atemzug der klaren Luft, schaue ins Grüne hinein und fühle mich einfach herrlich. Das alles hier habe ich gebraucht, wird mir klar.

Bald geht es den Berg hoch. Serpentinenartig fräst sich eine enge Straße durch den Wald, der uns mittlerweile umgibt. Und dieser Wald hat seinen Namen redlich verdient, besitzt er alle Eigenschaften, alle Schichten (Ja, ich habe im Bio-Unterricht aufgepasst), die dieses Ökosystem haben sollte, im Gegensatz zu manchen öden Monokulturen in Deutschland.

Bei jeder Kurve hupt der Fahrer um sein Leben, falls jemand von der anderen Seite ihm entgegenkommen sollte. Die Absicht ist ja gut gemeint, aber da Busse in Indien eine regelrechte Orientexpress-Hupe haben, tun meine Ohren doch langsam etwas weh, nach jeder weiteren Kurve.

Dann, sechs Kilometer vor Dallapalli, nimmt die Busfahrt ein jähes Ende, denn noch höher in die Berge will der Bus nicht fahren. Also steigen wir aus und warten auf ein kleineres Vehikel, dass uns ins Dorf bringen kann.

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Und tatsächlich, eine Riksha will uns mitnehmen, wir und mein Rucksack steigen auf und brausen los. Auf unseren Weg werden wir des Öfteren von Kuhherden ausgebremst, die mitten auf der Straße laufen und uns beim besten Willen nicht durchlassen wollen. Selbst hupen scheint hier nichts zu bringen. Die Kühe schlendern gemächlich, ohne jegliche Eile, weiter, grasen mal hier, grasen mal dort und scheinen uns genüsslich zu ignorieren.

In der Tat sind indische Kühe wahre Ignoranten. Neulich, als ich auf ein Uber-Taxi wartete und nichts ahnend und unschuldig da so herumstand, rammt mich plötzlich etwas leicht in die Seite und schiebt mich weg. Total aufgebracht über diese Gemeinheit drehe ich mich um, will schon fragen, was in diesen Inder gefahren ist, mich einfach weg zu drängeln, stelle aber fest, dass der Übeltäter eine Kuh ist! Links und rechts ist zwar ganz viel Freiraum, aber warum sich die Mühe machen extra Energie aufzuwenden? Da schiebt man einfach den deutschen Jungen beiseite.

Tja, damit wäre auch das von meiner ToDo-Liste für mein Leben abgehakt. Von einer Kuh gerammt werden. Toll!

Nach einer halben Stunde Fahrt, ohne noch so ein winziges Dorf gesehen zu haben, kommt mir der Gedanke, dass Dallapalli, nicht irgendein Cuff in der Uckermark, nicht Buxtehude, oder die Wallachei, nein. Dallapalli, echt am Arsch der Welt liegt.

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Wir fahren Berge hoch, Berge runter, und das mit so einer Geschwindigkeit, dass mir angst und bange wird, aber damit bin ich vollkommen allein. Alle anderen wirken total entspannt, Gayathri liest sogar, währenddessen ich mich krampfhaft am Fahrgestell festhalte und große Augen mache, als wir erneut im Begriff sind eine Kuh-Herde zu rammen und der Fahrer erst unmittelbar kurz vor dem ersten Kuhhintern abbremst.

Dann jedoch verwandelt sich meine Angst in pures Erstaunen. Mein Mund steht voller Bewunderung sperrangelweit offen, als ich dieses atemberaubend schöne Dorf sehe. Wir sind da….