Entschleunigt – Die Dallapalli-Chroniken

Tag 2

Als ich das dritte Mal einen Hahn schreien höre, fahre ich von meiner Isomatte auf. Ich bin wach und fühle mich quicklebendig! Wie spät es ist, vermag ich nicht zu sagen, ich habe keine Uhr, doch genau das ist mir auch ganz recht. Wohlmöglich würde ich dann vielleicht erfahren, dass ich normalerweise noch drei Stunden zu schlafen habe und diese schlechten Gedanken will ich mir nicht geben.

Ich trete vor die Tür und warme Sonnenstrahlen, sowie eine atemberaubende Landschaft empfangen mich. Ich höre den Hahn nochmals krähen, sehe ein gackerndes Huhn auf der Suche nach Futter an mir vorbeigehen, höre zaghaftes Gezwitscher und gestehe mir ein, dass kaum ein Morgen, an jedwedem Ort, noch so idyllisch und schön sein kann, wie eben jener in Dallapalli.

DSC_0133

DSC_0100

Als die beiden Jungs aufwachen, der dritte im Bunde ist bereits zur Feldarbeit gegangen, frage ich sie nach einer kleinen Telugu-Lehrstunde und tatsächlich habe ich nach einiger Zeit einen kleinen Zettel voller nützlicher Wörter beisammen.  Ich kann schon „ja“ (aunu) und „nein“ (kadu) sagen und betonen wann „genug“ (chalu) beim Auftun von Reis ist.

Die Leute begrüßen sich hier, nicht mit Hallo, sondern mit „wie geht’s“ (ella unaru) und meist kommt dann ein „gut“ (bagunanu) zurück. Wie sollte es den Leuten hier auch nicht gut gehen? Im Endresultat haben sie ja alles. Bestimmt, so könnte ich mir vorstellen, reden alte Frauen aus den Dörfern nicht etwa über ihre Gebrechen, oder ihre allwöchentlichen Arztbesuche, nein, dazu sind sie viel zu gesund, ja gar athletisch sehen die meisten aus, sondern viel mehr wie viel Kilo Wasser sie noch auf dem Kopf tragen können.

Das ist mir ein wahrhaftiges Phänomen! Ich begleite Padma, ein 18-jähriges Mädchen und unsere kleine Haushälterin für die nächste Woche, zur Wasserpumpe, wo sie Unmengen an Wasser in einen riesigen Kübel pumpt, diesen dann elegant und beherzt auf ihren Kopf stellt und damit gut dreihundert Meter zu unserer Lagerhalle läuft. Ich hätte wohlbemerkt schon Probleme, diesen 15 Kilo Eimer anzuheben und sie scheint das lockerflockig einfach auf den Kopf zu tragen. Ich bin schwer beeindruckt!

Es ist zu erwähnen, dass kochen, Wasser holen und Kinder bespaßen ausschließlich den Frauen anzuvertrauen ist, die Männer sind schließlich auf dem Feld und arbeiten dort. Drum findet auch Padma es sehr seltsam, dass ich ihr helfen will, ist es doch allein ihre Aufgabe und nicht etwa die eines Mannes. Vielmehr wird mir eine Sitzgelegenheit angeboten und mir zu ausgiebiger Entspannung geraten. Wasser zu tragen sei doch sicherlich zu viel für mich.

Na gut! Dann muss ich mich eben an etwas Anderem erproben und das soll ich auch bekommen. Blumen und Pflanzen fotografieren! Um zu verdeutlichen, dass der Berg lebt!

So verlassen wir alle zusammen das Dorf….Nein, das stimmt nicht! Gayathri und Sathi verlassen zusammen das Dorf. Ich werde nahezu dazu verdonnert beim Redensführer der Adiviasi für Dhaatri mit auf dem Motorrad zu fahren. Da ich keinerlei Widerworte einwerfe schwinge ich mich, nicht so ganz sicher warum ich das jetzt mache, auf das rostige Gestell und glaube die ersten Minuten daran definitiv draufzugehen, da wir durch die schmalen, schlammigen Gassen Dallapallis voller Hindernisse und Tücken rasen. Ganz knapp weichen wir einem total süßen Küken aus und ich kann mich gerade noch zur Seite wenden, ohne dass mich eine Dachschindel zerkratzt. Währenddessen halte ich krampfhaft meine Kamera in den Händen, so als ob sie das Letze sei, was mich zwischen Leben und Tod noch hielte! Dann wird die Straße eben und….ja, tatsächlich fühle ich mich, als schwebe ich nicht mehr in akuter Lebensgefährdung. Der Wind braust um uns herum, das Motorrad wird schneller, ich atme tief ein und lasse die Schulter des Mannes los, an der ich mich hoffentlich nicht zu festgeklammert habe und genieße die vorbeiziehende Umgebung. Und das ohne Schutzkleidung und Helm! Ich Rebell! Muhahaha!

DSC_0242

DSC_0160

Wir passieren das Dorftor und befinden uns nun auf einem kleinen Berg.

Hier bekomme ich meine Aufgabe. Zusammen mit einem der Jungs, namens Sathibabu, und einem älteren Mann, sollen wir nun den Hügel durchkämmen und nach Pflanzen suchen. Wenn wir diese gefunden haben, soll ich sie fotografieren, um zu beweisen, dass der Berg eine reiche biologische Vielfalt bietet. Nichts leichter als das! Sathi schnappt sich eine Liste mit sämtlichen Pflanzennamen auf Telugu, liest sie laut vor und der ältere Mann aus dem Dorf, grübelt ein wenig, schaut mal hier hin, mal dort hin und strolcht dann zielstrebig mit Sathi mitten durchs Gebüsch. Ich folge ihnen und tatsächlich finden die Beiden immer ihr Ziel! Derweil habe ich, da wir uns abseits der Wege befinden, schon etwas Angst auf ein gefährliches Tier zu stoßen, sieht das Gestrüpp nicht gerade vertrauenserweckend aus. Doch ich will jetzt niemanden nach gemeingefährlichen Killer-Schlangen fragen, alle scheinen so vertieft in ihre Arbeit zu sein, dass ich sowieso für fast ausgeschlossen halte, dass ich hier auf ein böses Tier treffe.

So geht das dann den ganzen Vormittag. Sathi verließt eine neue Pflanze, der ältere Typ, der ein echter Genie in seinem Fach zu sein scheint, grübelt, sucht, wir trotten hinterher, er findet und ich mache dann Fotos. Das ist jedoch gar nicht so einfach, wie es sich anhört! Ich muss den Fokus nur auf die eine Pflanze legen, die von ganz viel Unkraut umgeben ist. Nebenbei darf ich nicht zu nah an mein Opfer herantreten, denn dann fokussiert meine Kamera, die ich heute mit einem starken Zoom-Objektiv ausgestattet habe, nicht mehr. Ich muss mehr als zwei Meter weit weg von den Blättern stehen und das ist auf abschüssigem Geländer eine wahnsinnige Herausforderung!

So brauche ich einmal ganze zwei Minuten, um einen kleinen Halm zu fotografieren, der natürlich „total“ anders aussieht, als alles andere auf diesem Hügel. Peinlich berührte Stille kehrt ein, die beiden Männer beäugen mich besorgt, was denn mit mir und meiner Kamera los sei und ich mühe mich ab, diesen doofen Halm endlich scharf zu bekommen! Mein sonst so getreuer Autofokus versagt, ich muss auf den manuellen Betrieb umschalten, zehn Zentimeter weiter weggehen, den beiden irritierten Männern vor mir klarmachen, dass ich mich eigentlich gut mit Kameras auskenne und drücke dann gaaaaanz vorsichtig auf den Auflöser! Yes! Das Bild ist gut!

Später, als ich das Bild auf meinem PC sehen sollte, würde ich feststellen, dass es alles andere als gut war. Schade.

Schnell stelle ich fest, dass es gar keine giftigen Tiere bedarf, um diese Arbeit gefährlich zu machen. Unser Feind sind rollende Kieselsteine unter den Sohlen unserer FlipFlops, die einen, wenn nötig, ganz schnell ausrutschen und den Berg hinunterstützen lassen können. Das ebengleiche Problem geben große lose Steine beim Auf-oder Abstieg, auf denen man ausrutschen kann.

Besonders mir, als unerfahrenen Bergsteiger, wird nicht zugetraut, nicht auszurutschen, weshalb immer wieder „take care!“ in meine Richtung gerufen wird. Das verhindert nicht, dass ich einmal sehr theatralisch ausrutsche, einen kleinen Abhang hinunterfalle, einen allgemeinen Aufschrei aller Anwesenden höre und schließlich zum Erliegen komme. Mein erster Gedanke gilt meiner Kamera! Geht’s ihr gut?! Jap. Geht’s mir gut?! Hm, muss ja!

Kann mal passieren, mir geht’s super, meine Hose ist nicht einmal dreckig geworden, aber meine indischen Freunde betuddeln mich nun noch stärker und jetzt habe ich in der Mitte der Beiden zulaufen, damit mir ja nichts mehr geschehen kann. Etwas kindisch fühle ich mich jetzt schon.

So springen wir wie Bergziegen auf dem Berg herum und suchen wie verrückt Gräser, die für mich alle gleich aussehen, aber für die anderen total unterschiedlich sind und nebenbei auch vollkommen abgedrehte Namen haben.

Nebenbei hüllen uns die Wolken komplett ein, was uns die Sicht wahrlich erschwert und den Abgrund doppelt so gefährlich aussehen lässt.

Nach einem sehr erfolgreichen Vormittag voller Fotos, wird ein ausgiebiger Mittagsschlaf abgehalten. Danach muss eine behagliche Pause von diesem gemacht werden und danach gibt es einen leckeren Nachmittags-Chai. Dieser wird direkt über offenen Feuer gemacht, so etwas wie Herde gibt es hier nicht, weshalb Dallapalli oftmals nach Rauch riecht, was dem ganzen Ambiente aber noch ein Stückchen Leben einhaucht. Gayathri, Sathibabu, Bonjibabu (der leider verhindert ist, da er einen Motoradunfall erlitten und sich dabei stark den Fuß verletzt hat, trotzdem aber wild durch die Gegend pilgert), Padma, der Pflanzenkenner, der Redensführer und ich drängeln uns also um ein kleines Kesselfeuerchen, warten bis der Chai genießbar ist und bestaunen die unglaubliche Landschaft. In dieser Situation halte ich es für außerordentlich angemessen meine Ukulele auszupacken und zu spielen. In jenen schönen Momenten, die es noch häufig auf meiner Reise geben wird, wünscht man sich ein möglicherweise tiefsinniges Gespräch, da es zur Situation einfach passt. Doch da alle meiner fröhlichen Gesellen, ausgenommen von Gayathri, ein sehr leichtes und gebrochenes Englisch reden, bleibt mir das verwehrt. Meist kommt dann nur so etwas dabei heraus:

 

„Wow, this place is so beautiful!“

“Hää?”

“This Place. Beautiful.“

„True. So beautiful!“

„ I can´t believe, that I´m here!“

“Hää?”

 

Jetzt ein gutes Gespräch zu führen, wäre wunderbar, die anderen tun das auch, nur doof, dass ich nichts verstehe und blöd in der Gegend herumsitze. Jetzt kann ich das Gerede auf Telugu tatsächlich noch aushalten und merke, wie der Nachmittag langsam vergeht.

Die Zeit scheint in den Bergen langsamer zu vergehen, Hektik ist ein Wort, dass hier wohl sehr unbekannt ist, denn eben diesem gemächlichen Zerfließen der Zeit wird sich angepasst. Hier wird Siesta den ganzen Nachmittag gemacht.

Als es zum Sonnenuntergang bläst, mache ich mich alleine zu Fuß auf, zum Platz von heute Morgen, habe ich dort ein flaches Plateau am Abgrund gefunden. Dort will ich hin, klettere bergziegenmäßig auf den Berg und vor mir ragt sie auf, die wolkenlose Freiheit.

Kennt jemand das Bild von Casper David Friedrich vom „Wanderer über dem Nebelmeer“? So wie sich die Person, die uns auf dem Gemälde aus der Romantik ( Yeah, ich hab im Kunstunterricht was gelernt!) den Rücken zukehrt, fühlen mag, während sie auf eine geheimnisvoll, mystische Nebellandschaft blickt, so ähnlich kann man meine Emotionen und Gedanken nun beschreiben. Ich blicke dem Abenteuer entgegen. Hier kann ich meine Seele baumeln lassen und beginne Ukulele zu spielen, ohne die ich auf dieser Reise wirklich im Stich gelassen worden wäre.

Der Sonnenuntergang ist hinter mir, der Abgrund vor mir, ich spüre den Wind in den Haaren…Wow!

Dallapalli: Place to be!