Oh wie schön ist Dallapalli – Die Dallapalli-Chroniken

Tag 1

Die Sonne scheint warm auf uns herab, als wir, von Libellenschwärmen begleitetet, hinter einer Biegung rote Ziegel auftauchen sehen. Auf grünen Hügel liegt ein kleines mittelalterliches Dorf auf das wir geradewegs zufahren. Dallapalli.

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Es scheint, wie aus dem Berg entstanden, gar herausgewachsen zu sein.  Als wir näherkommen, sehe ich Hühner, mit ihren kleinen Küken im Schlepptau, gackernd durch die sandigen Lehnstraßen rennen. Kleine Kinder laufen glucksend rollenden Reifen hinterher, mit denen sie spielen und werden dabei gutmütig von sittlich bekleideten Frauen mit Ringen in den Nasen, von der Türschwelle ihrer Häuser aus, beäugt. Das Dorf erinnert mich wahnsinnig an einen Bauernhof, wandeln nämlich nicht nur Hühner durch die Gegend, sondern auch Kühe und Ziegen, die verträumt durch die Gegend schauen.

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Eine wunderbar idyllische Stille umgibt uns, kein Fahrzeug ist zu hören, kein Hupen, kein Tröten, kein Bellen, einfach nur beruhigendes Vogelzwitschern und fröhliches Kinderlachen. Hoch oben, auf dreitausend Meter Höhe, scheint das 300 Seelen Dorf Dallapalli sämtliche Geräusche zu schlucken und nicht mehr hergeben zu wollen.

Just in diesem Moment fällt mir kaum ein Wort ein, was diesen Ort am besten beschreiben kann, doch später wird einer der Jungs ihn als friedvoll bezeichnen. Und damit hat er vollkommen recht. Friedvoll. Unschuldig. Weit weg von jeglicher städtischen Zivilisation liegt, Dallapalli da und Tage später werde ich es als die einsame Insel beschreiben, die man sich vorstellt, will man seinen Alltagsproblemen daheim entfliehen.

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Von hier aus hat man eine atemberaubende Aussicht auf sämtliche Berge im Umfeld und ganz ganz weit weg, zwischen zwei Felsgiganten, so die Einheimischen, kann man noch die Umrisse einer Stadt erkennen. Visakhapatnam. 100 Kilometer entfernt und trotzdem kann es sich unserem scharfen Blick nicht entziehen, so klar und rein ist die Luft, die uns umgibt und mich fröhlich einatmen lässt.

Wir sehen die Jungs wieder, die ich bereits in Hyderabad kennenlernen durfte und merkwürdigerweise wirken sie hier erwachsener und erfahrener als damals. Hier sind sie in ihrem Element. Hier sind sie Zuhause.

Auch wenn ihr Heim, wohlbemerkt, relativ klein ist. Die Häuser, oder eher gesagt, die Hütten, in denen sie leben erinnern mich doch stark an die Hobbithöhlen im Auenland, so klein, niedlich und verraucht sehen sie aus. Ich werde mich im Laufe der Woche noch häufig am Dach der Hütten den Kopf stoßen, trotz meiner ohnehin schon geringen Größe.

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Plötzlich ziehen von den nordwestlichen Gipfeln der benachbarten Berge riesige Wolkenberge auf uns zu und ehe wie uns versehen werden wir von einer weißen Wand verschluckt. Kaum zehn Meter weit reicht nun unser Blick und ich bin überrascht wie schnell sich das Wetter gewandelt hat.

„Wir sind auf Höhe der Wolken“, meint jemand.

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„Dann ist es wohl nicht mehr weit bis wir über den Wolken sind“, denke ich. „Und über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein..“ summe ich fröhlich vor mich hin, setze mich, packe meine Ukulele aus und beginne etwas zu spielen. Von den leisen, feinen Tönen angelockt schielt eine kleine Kinderhorde von einem Busch in einiger Entfernung zu mir herüber. Ich lasse sie in dem Glauben sie nicht entdeckt zu haben und warte bis sie sich näher an mich heranwagen, aber diese Gruppe, der Spezies „Dallapalli-Kind“ ist scheu und wagt sich nicht aus ihrem gut geschütztem Busch heraus. Ich winke ihnen zu, um ihnen zu zeigen, dass ich nichts Böses im Schilde führe. Jetzt haben sie meine Fährte aufgenommen, ja, sie scheinen zu erkennen, dass ich auch Teil ihrer Art bin und das lässt sie fröhlich auflachen. Schüchtern winkt die Horde mir zu, rennt dann aber ganz schnell weg, in den sicheren Teil ihrer kleinen behaglichen Höhlen. Doch Obacht! Eine Libelle fliegt vorbei!

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Angetrieben von kindlicher Neugier, versuchen die Kinder dem Flügelvieh hinterher zu jagen, kommen dabei immer mehr in mein Gebiet und stellen zu spät fest, dass sie fotografiert werden. Entsetzt, der Schockstarre nahe, lassen sie sich auf den Boden fallen und vermeiden so dem Feind in die Augen blicken zu müssen! Panisch rennen die Meisten davon. Alle außer zwei. Diese beiden ausgesprochen jungen Exemplare wagen sich so nahe an uns heran, dass man sie beinahe berühren kann. Brave Dallapalli-Kinder. Fröhlich kichernd stellen sie sich zur Schau, rennen nach jedem geschossenen Bild zu mir, schauen sich selbst an und glucksen dann vergnügt.

DSC_0111Übrigens übertreibe ich hier wohlgemerkt einige Szenen. Die meisten Kinder ließen sich gerade wegen der Kamera fallen, um möglichst spaßige Bilder zu kreieren. Bald darauf haben auch sie sich die Fotos angeschaut.

So geht der restliche Tag dahin, da auch eine lange Mittagspause gemacht wird, da wir beiden Weltenbummler doch etwas geschafft und müde sind von der langen Fahrt.

 

Gayathri und ich sind etwas abgeschieden vom restlichen Dorf untergebracht. In einer Art Lagerhalle werden wir nun des Nachts Einkehr finden. Betten, oder Matratzen gibt es nicht, nein, nur dünne Matten, aber damit werde ich mich im Laufe der Woche zufriedengeben, was ich jetzt allerdings noch nicht so recht glauben kann.

Da wir keinen Strom haben, wird prompt ein Stromkabel aus den Tiefen Dallapallis aufgetrieben und mit dem Strommast ganz in der Nähe verbunden. Elektrizität, wird es aber erst am nächsten Abend geben. Das ist mir jedoch herzlich egal, mein Handy hat zwar den Geist aufgegeben, aber hey, ich brauche es nicht mehr. Internet ist im mittelalterlichen Bergdorf für alle Neuland und deswegen auch nicht vorhanden.

 

Gegen Abend machen wir uns auf in ein nicht weit entferntes Nachbardorf, wo wir die Einladung erhalten doch mit den Leuten vor Ort Abend zu essen. Dies Angebot nehmen wir gerne an, ducken uns, um uns nicht am schräg abfallenden Dach zu stoßen, dass übrigens deshalb so schräg und tief ist, damit das Haus an sich noch mehr vor Regen geschützt ist und finden Platz in der Mitte eines kleinen Raums, in dem viele Leute ein und ausgehen.

Derweil erzählt mir Gayathri, dass die meisten Menschen hier zu einer großen glücklichen Familie gehören, aber separat leben, oder auch untereinander verheiratet sind. Viele sprechen hier Telugu, oder Kui, eine Sprache die nur die Menschen des einen Adivasi-Stamms sprechen und sind teilweise Hindus, aber irgendwie auch nicht, da sie ihre eigene Kultur haben, die übrigens eine sogenannte Kidnapping-Heirat legitimiert. Gefällt dir jemand aus einem anderen Dorf, so kannst du diesen einfach entführen, heiraten und niemand hat etwas dagegen, da es deren Kultur ja so genehmigt. Übrigens dürfen nicht nur Männer Frauen rauben, nein, auch der weibliche Teil, darf sich gut und gerne ein Opfer aussuchen und es entführen.

Also, scherzt Gayathri, muss ich aufpassen, dass ich nicht eines morgens in einem anderen Dorf aufwache. Darauf werde ich wohlgemut aufpassen, schwöre ich mir.

Als wir nach einem sehr leckeren Reisgericht in die Nacht heraustreten, verschlägt es mir fast den Atem, als ich gegen Himmel blicke. Ein unglaubliches Sternmeer breitet sich am Himmelszelt aus. So viele Sterne auf einmal habe ich noch nie in meinem Leben gesehen. Bis zum Horizont und darüber hinaus erstrecken sich Milliarden und Aber Milliarden von leuchtenden Punkten und liebend gern hätte ich mich einfach auf den Boden gelegt, um in den Nachhimmel zu starren, doch wir müssen zurück zu unserem Dorf. So schaue ich mehr gen Himmel als auf den Weg, doch so leid es mir um meinen Nacken tut; das muss sein!

 

Zurück in der Lagerhalle schlafe ich bereits fast, als drei Gestalten auf einmal vor meiner Schlafstätte stehen und mir dicke Decken andrehen wollen. Ich bin mit meiner dünnen Decke eigentlich total zufrieden, aber einer der drei breitet liebevoll mütterlich eine Decke über mich aus und meine Bedenken werden erstickt.

„Schlaf!“ meinen nun die drei, als ich sie irritiert, ja beinahe schockiert anstarre.

Ja, das sagt sich so leicht, wenn sich drei Männer um dich herum scharen. Dann lässt es sich doch am besten einschlafen. 😀

Doch irgendwann gelingt mir tatsächlich das Unmögliche und das Letze, was ich wahrnehme, ist, dass eine ungerade Anzahl an Schatten sich neben mich legen und gemächlich anfangen zu schnarchen. „Haben die kein eigenes Zuhause? Haben sie Streit mit ihren Frauen?  Ist in ihren Hütten nicht genügend Platz? “ all das frage ich mich, bevor ich zufrieden einschlummere und den ersten Tag im friedlichen Dallapalli, hoch oben, in den Wolken hinter mir lasse…