Wasteland – Die Dallapalli-Chroniken

Tag 3

Gegen frühen Morgen höre ich etwas gegen die Tür klopfen. Immer und immer wieder. Ich versuche erneut einzuschlafen, doch das Geräusch will einfach nicht verschwinden.

Poch, Poch, Poch! Poch, Poch, Poch! Wer mag das zu so früher Stunde wohl sein? Ein einsamer Einsiedler auf der Suche nach Obdach? Jemand auf der Suche nach neuen Freunden? Das kann er gerne zu einer anderen Zeit machen, aber nicht um vier Uhr morgens! Ich versuche zurück in meine Träume zu finden, doch anderthalb Stunden später klopft es immer noch! So langsam fühle ich mich echt schlecht nicht aufzumachen, bin ich doch in die Berge gekommen, um zu helfen. Irgendwann siegt meine soziale Kompetenz über mein Bedürfnis weiter zu schlafen, ich öffne die Tür und….Nichts.

Hm…

Ich gehe wieder hinein, doch da beginnt es vom Neuen! Dann begreife ich schließlich! Der Wind, mein Gott, der Wind, der heute stärker ist als sonst, schlägt gegen die Türen. Dass der natürlich nicht hereinkommen will, verstehe ich vollkommen.

Heute ist es frisch draußen, beinahe wie an einem seichten deutschen Frühlingstag, ich brauche einen Pullover, um mich warm zu halten. Meine indischen Freunde trifft es deutlich härter, sie kennen schließlich den mitteleuropäischen Frühling nicht und befinden das Wetter für außerordentlichen kalt. Als ich ihnen vom eisigen Winter und Minustemperaturen erzähle, sieht man echtes Erstaunen aufblitzen. Als ich ihnen aber erklären versuche was Schnee ist, blicken sie nicht mehr durch.

Drum beginnen wir lieber schnell mit der Arbeitsverteilung, des heutigen Tages.

Ich soll an der Pforte Dallapallis auf Eindringlinge warten, die auf den Gipfeln Party machen wollen.

Wie war das bitte? Habe ich das gerade richtig verstanden, oder steigt der Druck auf meinen Ohren? Eindringlinge? Hier? Dass ich nicht lache! So ganz kaufe ich das meinen Arbeitgebern nicht ab, aber na gut! Dann warte ich eben auf potentielle Friedensbrecher auf heißer Mission ein Fest zu feiern. Ich stelle mich also in die Nähe des Ortstores und warte. Nichts passiert. Warum sollte es auch? Von Fremdlingen fehlt jegliche Spur!

Doch dann, taucht am Horizont ein weißer Truck auf, zuvor habe ich ihn noch nie gesehen und rollt geradewegs auf mich zu, fährt durch das Tor und geradewegs zum Plateau, wo ich gestern Abend noch die Seele habe baumeln lassen.

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Ich soll die Leute in diesem Vehikel beschatten, ja gar als Geheimagent für die Menschen aus Dallapalli arbeiten, also schleiche ich mich auf leisen Sohlen, verdeckt von einigen Pflanzen an die aussteigenden Personen heran, die ganz viel Zeugs aus dem Auto tragen. Sie laden es am Abgrund ab und plappern ausgelassen. Ich hole meine Kamera hervor, richte sie auf die Menschengruppe und drücke ab. VERDAMMT, war das Klicken des Auslösers laut! Hat das jemand gehört? Nein! Puh, ein Glück! Ich schleiche mich näher an die ausschließlich aus Männern bestehende Gruppe heran und beobachte, wie sie teuren Whiskey, Cola, Plastikgeschirr und Essensdosen, in einem Kreis aufstellen.

In der Tat, diese Menschen wollen ein Party-Picknick veranstalten mit ganz viel Alkohol. Nicht gut. Auch wenn man bedenkt, dass es erst zwölf Uhr mittags ist. Um die Zeit trinkt es sich einfach doof.

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Momentan schaffe ich es nicht gute Fotos von den Leuten zu schießen, dazu bin ich in viel zu abschüssiger Position! Ich müsste aufstehen, doch dann, würden mich die Leute sehen und meine Tarnung wäre vorbei. Aber ich könnte ja so tun, als wäre ich nur ein Tourist, der über die Köpfe der Leute hinweg Bilder macht. Ein Versuch wäre es wert! Ich stehe behutsam auf, versuche unschuldig drein zu blicken und lasse meine Kamera schweifen.

„Hello friend! Where are you from!“

 

Jap. Der Plan hat ja super funktioniert…

 

„Germany!“ rufe ich gezwungen lächelnd und komme aus meiner Deckung hervor. Ich mache mich schon auf eine ordentliche Standpauke gefasst, wer ich denn bitte sein würde einfach Leute zu fotografieren, aber nichts dergleichen passiert, habe ich doch ein besonderes Ass im Ärmel. Ich bin weiß, darüber freut sich die kleine Gemeinschaft sichtlich, macht vorerst ein Selfie mit mir und bittet mich dann ihrem Festschmaus beizuwohnen.

Ich wittere meine Chance, so bessere Bilder machen zu können und nehme das Angebot dankend an! Mir wird Biriyani (ein sehr leckeres Reisgericht) und ein Whiskey-Cola-Mix gereicht, der mehr aus Whiskey besteht, als aus Cola und bekomme die typischen Fragen eines neugierigen Inders an einen Weißen gestellt, lächle und versuche unauffällig meine Kamera zu positionieren. Doch das ist gar nicht nötig, denn die Männer sind begeistert von meiner Kamera und fordern mich geradezu auf Bilder zu machen.

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Währenddessen wird mir der Sinn meines Auftrags immer klarer, sehe ich jetzt schon unzählige Plastikverpackungen überall herumliegen und stelle mir deshalb folgende Frage:

Ob die Truppe nachher ihren Müll wohl wieder einsammelt?

Ich werde sehr lieb unterhalten, das Reisgericht schmeckt außerordentlich delikat und auch der Whiskey mundet einigermaßen gut, obwohl ich mir gerade deswegen Sorgen mache. Ist es nicht verboten während der Arbeit zu trinken?

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Teilweise komme ich mir vor als sei ich ein Geheimagent, der sich nun zum Feind eingeschleust hat, um ihn zu studieren und seine Schwächen auszukundschaften. Und das tut man wohl am besten, wenn man mit ihnen isst, sie kennenlernt und mit ihnen feiert.

Wenn die wüssten, dass ich eigentlich gegen sie arbeite, auch wenn sich mir der Sinn noch nicht komplett offenbart hat. Uiuiui, ich würde kurzerhand über den Abgrund geschmissen werden.

Als guter „Freund“ muss ich genau diesen Schein aufrechterhalten, denke ich mir und das schaffe ich in dem ich genau das mache, wie diese Leute. Whiskey trinken, Reis mampfen und als Beilage leckeres Chicken essen. Doch halt. Ich bin Vegetarier! Und das aus starker Überzeugung. Da passt was nicht zusammen. Doch als mich die Inder schon komisch, als sei ich nicht von dieser Welt beäugen, als ich ihr Fleisch ablehne, mache ich einen folgenschweren Schritt, für den ich mich später unendlich schämen sollte:

„Okay, but just a small piece. Actually that is against my conviction, but for my friends I do it!”

Ob mir das eine gewisse Glaubwürdigkeit einräumen würde, könnte ich später nicht sagen. Letztendlich war es wahrscheinlich Jacke wie Hose.

Entscheidend ist, dass ich tatsächlich ein kleines Stück Chicken annehme und auch esse. Bereits jetzt fühle ich mich nicht besonders toll deswegen, aber was tut man nicht alles als Geheimagent, was opfert man nicht alles, um seine Ziele zu erreichen? Spion Leo bei der Arbeit!

Und dann sehe ich, wie einer der Männer eine leere Cola-Flasche ins Gebüsch würft, direkt auf die Pflanzen, die wir gestern noch mühsam ausfindig gemacht haben. Es folgen mehrere Plastikbecher und später auch eine der Glasflaschen. Ist das tatsächlich deren Ernst? Gerade mir noch erzählen wie unglaublich schön die Natur sei und sie dann beschmutzen? Wirklich?

Mir vergeht der Appetit, ich habe meine Fotos beisammen und will weg von diesen Leuten, die sich mittags schon vollsaufen und die Natur verschmutzen. Ich bedanke mich heuchlerisch herzlich bei den Leuten und laufe, wohlbemerkt tatsächlich etwas angetrunken, um eine Ecke. Dort erwarten mich Gayathri und der Redensführer. Ich zeige ihnen die Bilder und sie freuen sich darüber, wie als wenn Ganesha höchstpersönlich zu ihnen herabgestiegen sei. Warum, weiß ich nicht, doch das würde sich im Laufe des Tages noch ändern.

Vorerst heißt es für zwei Stunden Pflanzen an einem anderen Berg zu kategorisieren. Gar nicht so einfach, mit einem halben Glas Whiskey in den Knochen, anständige Fotos zu machen, doch irgendwie gelingt es mir und mehr sei dazu nicht mehr gesagt, der Fokus liegt bei diesem Eintrag nämlich total woanders.

Als wir nämlich gegen Abend wieder zum Plateau kommen, ist die Partygemeinschaft verschwunden. Was geblieben ist, ist ihr Müll. Überall verteilt. Halb aufgegessene Plastikteller, leere Plastikflaschen, Plastikverpackungen, Glasflaschen….

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Der ehemals grüne Hügel hat sich in einen Müllberg verwandelt. Ich bin entsetzt, ja schockiert.

Und da, kaum zehn Meter weiter, sind neue Leute gekommen, auch sie haben Alkohol dabei und schmausen genüsslich ihren Reis. Natürlich falle ich sofort auf, sie scharen sich um mich und erzählen mir wie schön doch die Landschaft hier sei. Ja genau. Das glaubt man euch sofort! Ihr behandelt sie ja auch so, als sei sie ein wahrer Schatz! Ich mache Fotos von der ganzen Verschmutzung, tue das möglichst auffällig, damit die Menschen vielleicht ihre Fehler sehen, aber nein. Sie beobachten mich zwar alle, aber niemand, absolut niemand (!!) hat ein Auge für das was vor ihnen liegt. Ein ehemals unbeflecktes, unschuldiges Stückchen Land, das soeben von ihnen höchstpersönlich zerstört wurde.

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Sie wollen ein Selfie mit mir machen, ich lasse sie, doch ich lächele nicht. Dann will ich auch, dass sie mit meinem Handy ein Bild machen, damit ich all diese Menschen, diese „Verbrecher“, wie sie später Gayathri nennen wird, gespeichert habe.

Wir fahren zurück zum Dorf, dabei registriere ich kaum, dass ich mit noch zwei anderen Leuten auf dem Motorrad sitze. Es ist mir in diesem Fall einfach herzlich egal.

Rücksichtslose Idioten! Was sind das für Menschen, die ohne jegliche Rücksicht auf ihre Umwelt alles zerstören, wo sie stehen?! Ich kann, als wir am kleinen Feuer sitzen und Chai trinken kaum an etwas Anderes denken, als an diese…Arschlöcher. Die anderen, Sathibabu, Bonjibabu und auch Gayathri sind auch allesamt aufgebracht, wütend und schockiert, immerhin ist es ihr Zuhause, dass von diesen Eindringlingen teilweise auseinandergenommen wird.

Gayathri sieht, dass in mir etwas brodelt und gemeinsam machen wir einen Spaziergang durch die Landschaft. Sie erzählt mir, dass jede Woche solche Leute kommen, um die schöne Landschaft zu genießen und zu feiern. Durch den starken Wind, der manchmal durch die Berge rauscht, fliegt der Müll durch die ganze Natur, bis zu den Reisfeldern und Ackern, wo die Männer aus Dallapalli arbeiten. Die Partygänger, so Gayatrhi, weiter legen zudem auch überhaupt keinen Wert auf die Kultur der Dörfler, lachen sie aus und beleidigen sie. Dazu kommt, dass die Leute vom Dorf Dinge von ihnen übernehmen. Vor zwei Jahren noch hat man noch Wasserflaschen aus der Schale von Kürbissen gemacht, doch jetzt gibt es einen enormen Zuwachs von Plastikflaschen, die einfach handlicher und schneller herzustellen sind, als ihre biologisch abbaubaren Konkurrenten. Die, die noch eine Kürbis-Wasserflasche haben, werden dafür ausgelacht eine solche zu besitzen. Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit bekommt immer mehr Risse, gerade wegen diesen idiotischen Fremdlingen.

Tut mir leid, für meine Ausdrucksweise. Ja, ich habe bisher immer versucht respektvoll über die Menschen hier zu schreiben und das habe ich meines Erachtens auch immer geschafft, aber bei diesen ist es was Anderes. Ich fühle mich wirklich traurig und verspüre eine regelrechte Wut auf diese Menschen, die extra nach Dallapalli fahren, um es zu verschmutzen. Hier kann und will ich einfach nicht versuchen alles möglichst neutral zu betrachten. Das mag mir in Hyderabad gelingen, wo überall Müll herumliegt und man sich mittlerweile schon daran gewöhnt hat, was auch irgendwie falsch ist. Doch gerade hier, wo ich geglaubt habe, dass alles besser ist, nimmt es mich doch sehr mit und ich schäme mich mittlerweile wirklich mit diesen Leuten gegessen und getrunken zu haben und für sie ausnahmsweise meine Überzeugung Vegetarier zu sein über Bord geworfen habe.

Deswegen ist es gut, dass ich Fotos von ihnen gemacht habe. Wenn ich sie den Dhaatri-Mitarbeitern gebe, mein Gayathri, könne man Untersuchungen anstellen, oder dafür kämpfen, dass solche Verschmutzung harte Konsequenzen nach sich zieht.

Wir laufen an saftigen grünen Wiesen vorbei, sehen Kuhherden mit ihren Schäfern, Einheimische, die glücklich und zufrieden ihre Wäsche in einer klaren Quelle waschen und irgendwie besänftigt mich dieser Anblick dieser unschuldigen, friedlichen Natur.

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Genau dafür lohnt es sich hier zu sein und genau dafür lohnt es sich zu kämpfen. Dass der Berg, den Leuten bleibt, die ihn kennen und gut behandeln. Zum Wohle der Nachhaltigkeit und der Natur…