Ein jähes Ende und ein poltriger Anfang – Die Poolabanda-Memoiren

Tag 4

Gewaltige Windböen peitschen um unser Heim, es heult gar zu, wie in jenen kalten Wintermärchen, die man aus Geschichten kennt. Die Nacht ist heute ausgesprochen laut, der Schlaf unruhig und der Morgen unangenehm. Heute gleicht das Wetter einem regnerischen Spätherbsttag an der Ostsee und tatsächlich muss ich mir seit anderthalb Monaten Socken anziehen, damit meine Füße nicht frieren. Schon ein seltsames Gefühl. Wie schnell sich der Körper doch von Dingen entwöhnen kann.

Unsere Gemeinschaft schart sich frierend um ein kleines rauchendes Feuerchen, das bei der Nässe nicht vorhat warm zu werden. Viele haben sich ihre dünnen Decken umgeworfen, da sie keine andere warme Kleidung besitzen. Das Bergleben ist manchmal doch harsch und kaum zu ertragen.

Ich frage in die Runde hinein, was zu tun heute alles so anstehe und in welches Abenteuer wir uns heute schmeißen.  Schweigen. Schüchterne Blicke. Müdes Gähnen. Haben sie mich nicht verstanden? Soll ich noch einmal fragen?

Doch dann kommt eine kurze Antwort von Gayathri: „Nichts.“

 

Wie, nichts?  Irgendetwas muss doch heute passieren.

In der Tat, etwas geschieht heute tatsächlich, nämlich ein Meeting von ungefähr zwanzig Dörflern zu brandheißen Themen. Aber erst am Abend. Und sonst so? Nöö, gar nichts…

Mapping können wir nicht machen. Die meisten Arbeiter sind zu sehr auf den Farmen beschäftigt, Bonji hat einen kaputten Fuß und Sathi kennt die Gegend nicht. Keine gute Ausgangslage.

So gammeln wir müde herum, ich versuche zu lesen…zu schlafen…Fotos zu bearbeiten…aber nichts will Spaß machen. Wirklich unterhalten kann mich auch nicht, da die anderen dösen, oder nicht da sind. Hier fällt mir mal wieder auf, dass Inder eigentlich überall schlafen können, selbst auf der dünnsten Matte.

Ich schlendere unsicher und gelangweilt durch die Gegend, mache Fotos, die mich nicht wirklich befriedigen, bis die Dallapalli-Kids kommen und sich teilweise ziemlich schüchtern ablichten lassen, aber dennoch stets zu mir rennen, um sich anzuschauen.

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Aber dann werden sie von ihren Eltern ins Haus geholt und ich stehe wieder da und habe keinen Plan.

Sathi und Bonji führen mich zu einem neuen Plateau, das wirklich atemberaubend schön ist. Hier geht es noch weiter in die Tiefe und der Ausblick ist einfach phänomenal.

Einziges Problem, was uns daran hindert, länger als zehn Minuten hierzubleiben? Der Wind und der Regen, der uns volle Kanne ins Gesicht peitscht.

So vergeht der Tag ohne ein einziges Highlight und auch, der Abend ist geprägt von viel Unzufriedenheit! Besonders bei mir.

Zwar findet tatsächlich ein Treffen der Dörfler statt, ich bin dabei, aber das nützt mir nichts, da alle Telugu sprechen. Und das mehr als zwei Stunden! Währenddessen verstehe ich nichts, hangle mich lediglich an englischen Begriffen entlang, die ab und zu fallen und kann so entnehmen, dass es um Verschmutzung und Müll geht.

Das Endresultat, des langen, zähen Treffens: Man plant irgendwann einen Plan zu planen, den man heute eigentlich austüfteln wollte, aber irgendwie auch nicht. Wow! Und wir ziehen morgen in ein anderes Dorf, da wir hier leider nicht gebraucht werden.

So lange ich nicht länger schweigend herumsitzen muss, um nichts zu verstehen, ist mir alles recht. Jetzt merkt man schon, dass man gerne seine Freunde dabeihätte, um mit ihnen zu plaudern. Stattdessen habe ich seit drei Tagen kein Deutsch mehr geredet, spreche ab und zu Englisch, oder schweige. So viel geschwiegen habe ich schon lange nicht mehr.  Der heutige Tag vergeht, ich schlafe entrüstet und unausgelastet ein und hoffe darauf, dass der Morgen ein Abenteuer bereit hält….

 

Tag 5

Wir fahren mit einer Riksha aus Dallapalli und ein letzter Blick zurück verspricht nicht das, was ich am Anfang gespürt habe. Damals bin ich in ein strahlend idyllisches Dorf gekommen, jetzt verlasse ich einen grauen, matschigen, verregneten Ort.

Dennoch bin ich schon etwas deprimiert, da ich mich gerade wirklich eingelebt habe und Dallapalli unter indischen Verhältnissen ein wirklich atemberaubender Platz ist, so abgeschottet und ruhig von der städtischen Zivilisation.

Auch werde ich Bonjibabu vermissen, mit dem ich ab und zu tatsächlich kleine Gespräche führen konnte. Er ist mir in der Tat ans Herz gewachsen und vielleicht kann man ihn sogar als Freund bezeichnen.

Aber keine Bange! Die anderen, also Sathibabu, Padma und Gayathri sind wieder mit von der Partie und besonders eine, Padma, freut sich riesig auf Poolabanda, das Dorf, wo wir die nächsten zwei Tage hausen werden, da sie dort zuhause ist.

Sechs Kilometer entfernt von Dallapalli warten wir auf einen Bus, der uns ins nicht weit entfernte Poolabanda bringen wird und derweil hält ein Motorrad mit einem lustig aussehenden Mann vor mir und ist von diesem weißen Jungen aus Deutschland wahnsinnig fasziniert! Wir starten ein Gespräch und unterhalten uns über Götter und Kulturen. Dabei ist er völlig überwältigt, als ich im erzähle, dass ich so gesehen an keinen Gott glaube.

Übrigens: In der Stadt habe ich bisher keine einzige Kirche gesehen, doch in den Bergen, beispielsweise in Dallapalli und, wie sich später herausstellen sollte, auch in Poolabanda habe ich schon einige gesehen. Wie weit, bis in die entlegensten Bergdörfer Südostindiens, es doch das Christentum geschafft hat.

Desweiten quatschen der nette Herr und ich über die Unterschiede zwischen Deutschland (das mal wieder mit Hitler in Verbindung gebracht wird) und Indien. Ich erkläre ihm, dass wir in einer Demokratie leben und eine starke Präsidentin haben, ehe ich hastig in den vorgefahrenen Bus einsteige.

Der ist rappelvoll, kein Sitzplatz ist mehr frei, vor mir sind Leute, hinten rücken mehr nach und ich kann weder vor, noch zurück, habe ich doch einen riesigen Rucksack auf der Schulter, der jetzt schon Leuten im Gesicht hängt.

Die ganze Last des Backpacks, wie ich nach einiger Zeit feststellen werde, liegt auf meinen Schultern, da ich meinen Hüftgurt nicht geschlossen habe, der das Gewicht mehr auf die Hüfte konzentrieren würde, als auf meine armen Schultern. Ich versuche diesen Gurt zu schließen, doch das ist völlig unmöglich. Jede zehn Meter kommt eine scharfe Kurve, wo mich das Gewicht nach hinten zieht und ich beide Hände brauche, um mich am Geländer festzukrallen. Ablegen kann ich meine schwere Gerätschaft nicht, dazu ist auch zu wenig Platz! Ich werde nach jeder Kurve, mal hier hin und mal dahin geworfen und in just dieser gefährlichen Situation muss ich auf einmal an die nächste Bundestagswahl (wie, passend das gerade heute, am Tag der Veröffentlichung dieses Beitrags, tatsächlich gewählt wird) denken. Wann war die nochmal? Habe ich sie schon verschlafen? Wahrscheinlich hat mich das Gespräch mit dem Typen darauf gebracht, da bin ich mir sicher!

Mir wird bewusst, wie absurd dieser Gedanke gerade hier ist, lächle dämlich und bemerke so die starke Rechtskurve nicht, die mich von den Beinen haut, ich falle und begrabe einen unschuldigen Inder unter mir! Ein allgemeiner Aufschrei geht durch den Bus, doch im Nu stehe ich wieder und halte mich stärker denn je am Geländer fest! Dem Mann, den mein Rucksack begraben hat, scheint es auch einigermaßen gut zu gehen. Immerhin wackelt er fröhlich mit dem Kopf, als ich ihm nach seinem Wohlbefinden frage. Wenn er das noch  kann, scheint also alles in bester Ordnung!:D

Da hat mich doch tatsächlich die Bundestagswahl 2017 komplett umgehauen… 😀

 

An einer Wegschneise steigen wir aus, ich atme erleichtert ein und lasse meinen Rucksack von meinen Schultern fallen. Nie war die Befriedigung größer frei zu sein!
Die letzte Strecke, die für einen Bus schwer zu fahren ist, bringt und ein Truck, in dem wir zu acht sitzen, nach Poolabanda. Ich darf im Kofferraum sitzen und stelle fest, dass die Umgebung hier noch grüner ist, als in Dallapalli, was schon fast unmöglich scheint. Mit indischer Musik in den Ohren geht es durch roten Matsch, an Reisfeldern und an Kokospalmen vorbei und mir bleibt nichts Anderes übrig, als diese wunderschöne Natur zu bestaunen.

Dann passieren wir Poolabandas Grenzen und ein wirklich erstes Bild von diesem Ort kann ich mir gar nicht machen, da mich, als ich aus dem Truck steige, tropische Wärme empfängt, die mich für einige Zeit komplett lahmlegt. Wie ist das möglich? Wir sind maximal nur eine Stunde gefahren und in Dallapalli, war es gerade herbstlich frisch?

So brauche ich einige Zeit, bis ich das neue Dorf komplett realisieren kann, doch dann entfaltet Poolabanda sein Äußeres….