„Wow, ich bin in Indien!“ – Die Poolabanda Memoiren

Tag 5

Poolabanda ist nicht Dallapalli. So viel steht schon einmal fest. Dieses Dorf liegt in einem Tal, eingeschlossen von einer gewaltigen Bergkette, deren Gipfel in Wolken gehüllt sind. Heute Morgen war ich noch genau da. In dem Sinne bin ich eine Etage tiefer gestiegen. Poolabanda ist fortschrittlicher als Dallapalli, so gibt es breitere Sandstraßen und einen Kanalisations-Graben an den ganz theoretisch gedachten Bürgersteigen. Kokospalmen zieren den Weg, aus den kleinen Hobbithäusern spielt leise Bollywood-Musik aus den röhrenden Röhrenfernsehern, die den halben Raum einnehmen und es gibt kleine süße Läden, wo die Leute tatsächlich einkaufen können.

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Nichtsdestominder laufen auch hier Hennen gackernd, Kühe muhend und Ziehen mähend durch die Gegend. Straßenhunde liegen schlafend mitten auf den Wegen und werden umrundet von spielenden Kindern, die deutlich neugieriger sind, als die Dallapalli-Kids.

So erscheinen nach wenigen Minuten unserer Ankunft zwei Mädchen auf unserer Türschwelle, sie scheinen Gayathri zu kennen und stürzen sich voller Freude auf sie. Mir wünschen sie einen guten Morgen und stellen sich auf Englisch vor. Wow! Das hätte ich nicht erwartet. Ich sage ihnen meinen Namen und sie beginnen zu kichern. Kurz darauf treten noch mehr Kinder in unseren Raum, plappern alle wild durcheinander und finden mich einerseits sehr mysteriös und andererseits auch irgendwie komisch, laut ihren Blicken zufolge. Aber sie sind sehr begeistert von meiner Kamera und fordern mich beinahe auf Bilder zu machen. Und im Nu werfen sie sich in Schale, machen die verrücktesten Grimassen und jubeln auf, wenn ich ihnen ihre Bilder zeige.

 

Auch versuchen einige mich nach Mira und Ann-Kristin, meinen beiden Vorgängern zu fragen, die wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Vielleicht kann ich das auch schaffen, denke ich und antworte ihnen, dass die beiden leider wieder in Deutschland sind.

Dann entdeckt ein Kind meine Ukulele und prompt wird diese herumgereicht und interessiert begutachtet, als sei sie eine neuartige Entdeckung. Ich zeige ihnen, wie man darauf spielt, sie, sowohl Gayatrhi und Sathibabu probieren sich aus, doch bisher scheine nach wie vor ich derjenige zu sein, der halbwegs passabel darauf spielen kann. Es herrscht eine sehr ausgelassene, ja gar zufriedene Stimmung, gepaart mit einem idyllischen Ambiente. Insgesamt eine ausgezeichnet, erfrischende Kombination, wenn man den gestrigen Tag doch beinahe an Langeweile gestorben ist. So grinse ich wie die Grinsekatze aus Alice im Wunderland und bin total glücklich über die Gesamtsituation und es soll noch besser werden.

Nach einer halben Stunde verschwindet die poolabandische Rasselbande nach und nach und daraufhin machen sich Gayatrhi, Rajama (eine neu dazugekommene Dhaatri-Mitarbeiterin) und ich auf zu einer geheimen Quelle, so wird mir vermittelt. Wir verlassen das kleine Dorf und streifen auf einem Trampelpfad mitten durch die Natur, vorbei an weiteren kleinen Orten, Reisfeldern und dichten Wäldern.

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Auf diesem Weg sehen wir viele Früchte an Bäumen wachsen, die ich bisher nie gesehen habe. Wir pflücken einige längliche bananenformähnliche Früchte und ich beiße geherzt hinein. Diese Frucht, wie auch immer sie heißen mag, ähnelt vom Geschmack her, an eine abgeschwächte Zitrone, aber irgendwie auch nicht. Fest steht, dass sie lecker ist und so nehmen wir uns einen kleinen Vorrat mit und finden weitere spannende Früchte. Bananen, Kokosnüsse, Granatäpfel, Chilis und viele andere Sorten begegnen uns auf unserem Weg und tatsächlich finden wir auch eine rote Ananas, die wohl noch ihre eigentliche Farbe annimmt, wenn sie reif ist.

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Schließlich offenbart sich unsere Quelle. Grüne Lianen hängen von knorrigen alten Bäumen herab, aus dem Quell fließt ein kleines Rinnsal den Berg hinab, wird zu einem plätschernden Fluss und stürzt schließlich als rauschender Wasserfall über eine Klippe. Ein Regenbogen in tausenden Farben bildet sich über den Abgrund und schillernde Libellen schwirren hindurch.

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Kaltes, klares Gebirgswasser schwappt über meine Füße und befreit sie vom Dreck der letzten Tage. Ich schließe die Augen, atme genüsslich die saubere Luft ein und muss erneut anfangen zu grinsen, so unglaublich schön finde ich diesen Moment. In Hyderabad ist es unbedingt angebracht die stinkenden Kloaken, die sich Flüsse nennen, zu meiden, was für mich als leidenschaftliche Wasserratte echt schwer ist und drum ist dieser Moment für mich irgendwie total bedeutsam. Ich lasse mich nieder und halte meine Füße ins Wasser und in dem Fall ist es mir herzlich egal, dass meine lange Hose nass wird.

Ich beobachte eine grün leuchtende Libelle, die direkt über der Wasseroberfläche fliegt und schließlich auf einen benachbarten Stein verharrt und ich nutze die Chance, um sie zu fotografieren.

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Während ich da so in völliger Zufriedenheit sitze, kommt mir plötzlich ein Gedanke:

„Wow, ich bin in Indien!“

Das war bisher immer Merlins Spruch gewesen, da er oft total baff war über diese Tatsache, schien sie doch so absurd für ihn zu sein, so weit, fern der Heimat, sich aufzuhalten.

Ich habe das vorher schon wahrgenommen und stets drüber gelächelt, so dachte ich schon längst begriffen zu haben hier zu leben. Doch, wie da so sitze, wird mir klar, dass ich es bis jetzt nicht begreifen konnte. Jetzt, im Angesicht der Vielfalt und der inneren Einkehr, realisiere ich tatsächlich vollständig in Indien zu sein.

Ich bin angekommen, habe ein Zuhause und das ist da, so spüre ich, wo Merlin und Skrollan mit mir sind. Ja, wir mögen nicht wirklich gleich ticken, sie sind Realisten und ich, nun ja, ein kleiner Träumer, der die beiden aber brauch, um in der Realität zu bleiben. Mit den Beiden kann ich lachen, aber auch ernst sein und dafür habe ich die beiden echt liebgewonnen!

Schade, dass sie just in diesem Moment nicht da sind.

Wir ziehen weiter, in ein kleines Dorf, wo Rajama ihr Zuhause hat. Wir sitzen vor ihrem Haus, trinken den altbekannten Chai und schauen den Dörflern beim Arbeiten zu. Alles was sie da tun, scheint für mich Sinn zu machen. Wasserholen, Essen machen, Feldarbeit, ja das mögen alles mittelalterliche Arbeiten sein, aber dennoch wirken sie ehrlich, jeder hat seinen Platz und jeder hat etwas zu tun. Auf irgendeine Weise wirkt dies, was die Leute da so wurschteln idyllisch und auf einmal kann ich mir hier gut vorstellen alt zu werden in diesen Dörfern..

Dann müssen wir jedoch schnurstracks in ein anderes Dorf laufen, indem nochmals ein Meeting abgehalten wird. Dieses Mal zum Thema „Mapping“. Verstehe ich was? Nope. Kann ich schnell wieder gehen? Nope. In der Tat dauert dieses Meeting anderthalb Stunden, ich rekle mich auf meinem ungemütlichen Platz hin und her, kann überhaupt nichts zum positiven Gesprächsthema beitragen und komme nicht weg. Den Weg nach Poolabanda würde ich nicht finden. Von hier bis dorthin, sind wir mehr als eine halbe Stunde gelaufen.

Ehrlich: Ich kann es nicht mehr ewigen Telugu zuzuhören. Klar, es liegt irgendwie auch an mir, hätte ich einfach mal die Sprache gelernt, aber ohne Bezugspunkt könnte ich sowieso nichts beitragen. Jetzt wünsche ich mir tatsächlich meine beiden Freunde hierher.

Zu allem Überfluss sind auch meine FlipFlops nach bereits anderthalb Monaten kaputt, sind sie doch nicht für´s Wandern gedacht. Am Ende des Meetings wollen mir gleich 10 Leute freiwillig ihre Flipflops geben, ich bin gerührt von dieser Hilfsbereitschaft, aber andererseits will ich ihnen auch nicht ihre Schuhe entführen. Drum versuche ich es barfuß. Aber nach zwanzig Metern stelle ich doch fest, dass der Weg sehr steinig ist und meine deutschen verwöhnten Füße das keineswegs bewältigen können. Ich versuche es weiter, aber ehe ich mich es versehe, habe ich schon Sathibabu´s Flipflops an den Füßen. Er springt auch barfuß leichtfüßig durch die Gegend. Indische Qualitätsfüße eben. 🙂

Trotzdem wird der Gang nach Poolabanda zum Gewaltmarsch für mich, meine Füße tun weh, meine Glieder schmerzen vom anderthalbstündigen Sitzen, Müdigkeit macht sich breit und ich latsche ständig ins Wasser der Reisfelder, was das Laufen noch mehr erschwert.

Mir dröhnt der Kopf und so wandle ich wie ein Untoter durch die Heide und falle, als wir zuhause sind, auf meine Matte und könnte sofort einschlafen.

Doch stattdessen haben wir ungebetene Gäste. Sechs Halbstarke umringen meine Schlafstätte und quatschen angeregt mit Gayathi. Mittlerweile habe ich mich ja schon an Sathibabu gewöhnt, der auch nach wie vor neben mir schläft, aber das ist jetzt wahrlich etwas viel.

Poolabanda ist, so scheint es mir, ein Punkt, wo stets Tag der offenen Tür ist. Heute Abend mag mir das, aufgrund meiner Verfassung, nicht so gefallen, doch bald, werde ich das als sehr schön empfinden….Ich schlafe ein und meine letzten Gedanken, lassen den Tag an mir vorbeiziehen. Wie viel ich doch, angefangen mit dem Auszug aus Dallapalli, erlebt habe und wie unterschiedlich meine Emotionen heute waren. Alles war dabei. So einen Tag kann man öfter haben..