Von den Bergen ans Meer – Die Poolabanda Memoiren

So unglaublich es auch klingen mag, dieser Eintrag beginnt in den Bergen und wird am Strand enden und wie ich da hingekommen bin, das erfahrt ihr jetzt:

Der sechste Tag in den Dörfern beginnt mit strahlenden Sonnenschein und einer unverwechselbaren Geräuschkulisse. Hat man in Dallapalli beim Aufwachen noch Vögel zwitschern und Hühner gackern gehört, so kann man dies auch in Poolabanda wahrnehmen, jedoch mischt sich noch ein ganz bestimmtes Geräusch dazu. Das Spucken der Dörfler auf den Boden. Dies tun sie som indem sie wahrscheinlich erstmal ihren gesamten Naseninhalt mit einem schnarchenden „RRRRR“ durch die Nase in den Mund hochziehen und dann lauthals auf den Boden spucken.

Wahrlich ein wunderschöner Klang unter all diesen idyllischen Geräuschen am poolabandischen Sommermorgen.

Heute nehme ich mir vor nichts zu machen! Also, dies ist in dem Sinne zu verstehen, dass ich heute definitiv an keinem Marsch, geschweige denn an einem Meeting teilnehmen will. Ich will heute einfach nur im Dorf bleiben und die Umgebung auf mich wirken lassen. Das funktioniert ganz gut, wie ich nach einiger Zeit feststelle, beobachte ich sehr amüsante Alltagspannen und Geschichten. Ein freches Huhn stibitzt einer alten gebrechlichen Händlerin einen ganzen Knoblauch und rennt fröhlich quietschend damit davon. Wohl bekomm´s! So schnell wird kein Hahn mehr in die Nähe dieses „Stinkehuhns“ kommen.

Eine andere Henne versucht es mit einem anderen Leckerbissen. Eine tote Maus am Straßenrand nämlich, welche sie probiert mit einem Happs hinunterzuwürgen. Dabei verschluckt sich die Glucke aber fürchterlich und würgt die Hausmaus wieder aus und muss wehklagend mit ansehen, wie eine Krähe sich dem Nagetier annimmt und damit in weite Ferne fliegt. Dem sehnsüchtigen Blick des Huhns nach, würde es just in diesem Augenblick auch echt gerne fliegen können. Schade.

Eine Situation, die zur Belustigung aller beiträgt, wird durch eine neugierige Ziege ausgelöst, die sich von ihrer Herde entfernt hat und viel lieber in Reistöpfe schielt. Dabei steckt sie ihren ganzen Kopf in eine Schüssel und..huch! Sie steckt fest! Vollkommen irritiert springt die Ziege mit dem Topf auf den Kopf durch die Gegend und meckert wehklagend über diese Gemeinheit nichts sehen zu können! Diese ganze Szenerie erinnert mich doch sehr an den kleinen Michel von Astrit Lindgren, der auch mal den Kopf nicht aus der Suppenschüssel bekam.

Irgendwann kann die Ziege sich befreien und ist sichtlich verstört. Etwas Reis klebt ihr im Gesicht, was sie anscheinend gar nicht so toll findet und gesellt sich lieber zur restlichen Herde. Die hat wahrscheinlich jetzt gelernt sich nie wieder alleine auf spannende Exkursionen zu machen

Heute bin ich der Spielkamerad einiger Kinder, die es auf mich abgesehen haben. So besitzen einige Spielzeugpistolen, mit denen sie mich erschießen wollen. Ich habe dann die Aufgabe theatralisch auf den Boden zu sinken, oder Grimassen zu ziehen, wenn ich von einer Kugel getroffen werde. Alles nicht in echt, natürlich. 😀

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Den Gefallen tue ich ihnen sehr gerne, was eine Jungs total zu freuen scheint. Ihnen kann ich jetzt sogar schon High Fives geben!

Des Weiteren versuchen wir uns noch an meiner Ukulele und machen ganz viele Quatschbilder, wo sich die Kinder immer verrücktere Bilder ausdenken. Ab und zu versuche ich mit meiner Kamera einfach so durchs Dorf zu ziehen, um nicht nur Kinderbilder zu machen, aber sobald mich ein Mitglied der poolabandischen Rasselbande mit der Kamera durchs Dorf laufen sieht, kann es nicht mehr an sich halten und ruft von Weiten schon:

„Foto! Foto!“

Nun ja, es schön, wenn man seine Arbeit, die man zu erledigen hat, mit Freude erledigen kann.

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Zwischenzeitlich finde einige ruhige Minuten, die ich tatsächlich mit Lesen fülle, was ich bisher, in den anderthalb Monaten, nicht geschafft habe. Etwas kitschig finde ich es schon mitten in den Bergen, abgeschieden von der städtischen Zivilisation „Sophies Welt“ zu lesen, und mich mit den philosophischen Ideen von Sokrates und Platon zu beschäftigen, die sich mit dem gesamten menschlichen Sein auseinandersetzen, aber irgendwie gefällt mir auch dieser Gedanke.

So vergeht dieser letzte Tag und mir wird klar, dass ich gerne länger hierbleiben würde. Auch habe ich in dieser Woche, die Arbeiten erledigt, die ich mir tatsächlich von meinem Freiwilligendienst vorgestellt habe. Dicht bei den Menschen vor Ort sein, um sie bei ihren Problemen unterstützen, sei es durch Bilder, oder gemeinsame Stunden miteinander. Klar, habe ich am Anfang nicht recht verstanden, warum ich jetzt einen Haufen Pflanzen fotografieren soll, aber auch das verstehe ich jetzt im Zusammenhang mit der Umweltverschmutzung der Party-Touristen vor Ort und sehe es als sehr wichtig an, dass ich das machen durfte. So konnte ich feststelle, dass mehr als 60 Pflanzenarten auf diesem Hügel wachsen und das finde ich wahnsinnig bemerkenswert. Dazu lohnt es sich für diese Dörfer zu kämpfen und am liebsten würde ich das weiterhin tun!

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Wenn es jemanden interessiert; hier mal eine Tabelle aller Pflanzen, die ich fotografiert habe, mit jeweiligen Namen auf Telugu:

 

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Wie sagt man: Wenn es am schönsten ist, muss man gehen und das tue ich dann auch am nächsten Tag. Wir verabschieden uns herzlich bei Sathibabu, Padma und den Kindern und steigen in den Bus nach Visakhapatnam. Ich darf ganz vorne beim Fahrer sitzen und auf einmal erinnere ich mich an einige Worte aus Deutschland, die mir mein Großvater immer sagte, fuhr ich auf große Reise. Der ungefähre Wortlaut war immer: „… und gehe ganz nach vorne zum Schaffner, grüß ihn und sage ihm, dass er schön vorsichtig fahren soll.“

Gemacht habe ich es damals nie, doch jetzt sehe ich mich irgendwie verpflichtet dazu, wo ich schon die Gelegenheit habe. Ich richte dem Schaffner liebe Grüße aus und sage ihm, dass er vorsichtig fahren soll. Verstehen tut er mich nicht, aber er lächelt mich an und wackelt mich den Kopf. Wir verstehen uns!

Wir fahren durch die selben kleinen Gebiete, wie auf der Hinreise. Sie sind genauso bergig und bewaldet, aber was dieses Mal auffällt, ist der Müll, der überall herumliegt, weil er fast nicht existent war, kam ich doch aus einer Großstadt, die voll mit Müll ist. Jetzt komme ich aus einem nahezu sauberen Gebiet und die Verschmutzung und die schlechte Luft sticht mir in die Augen, ja es brennt sogar. Je mehr wir in Richtung Stadt kommen, desto mehr dreckiges Wasser und laute Geräusche wirken auf mich ein und machen mich total fertig. Der Kulturschock von Berlin nach Hyderabad war wohlmerkt weniger schlimm, als der, den ich von Poolabanda nach Visakhapatnam erleben musste, obwohl dieses sich, als wir es erreichen, Mühe gibt schön auszusehen. Das tut es auch, es ist bunt und grün, aber eben auch laut und das ist nach einer Woche Stille schon echt hart zu erdulden.

Da wir noch vier Stunden Zeit haben, will mich Gayathri zu einem geheimen Ort bringen. Gespannt, wie ein Flitzebogen, hocke ich mit meinem Rucksack in einem Stadtbus und warte, bis wir diesen geheimnisvollen Platz erreichen.

Dann höre ich Möwen kreischen und im nächsten Augenblick kann ich es sehen. Das Meer. Den Ozean. Den Golf von Bengalen. Wir laufen zu einem Strand hinunter und Meeresluft schlägt mir entgegen.

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Ich spüre den feinen Sand unter meinen Füßen und bin völlig fassungslos, wie es sein kann, dass ich heute Morgen noch tief in den Bergen war und jetzt am großen Wasser. Riesige Wellen schlagen gewaltig gegen einige Felsen in der Brandung und lassen das Wasser schäumen. Ich, schon immer ein Kind, dass insbesondere die Ostsee daheim, total spannend fand, muss einfach mit den Füßen ins Wasser gehen. Klar, es ist kein sauberer Strand überall liegt Müll, an manchen Stellen riecht es streng nach Fäkalien und hunderte Menschen lassen sich vor der Brandung fotografieren, aber für diese wenigen Momente nehme ich all dies nicht wahr. Nur das Meer und ich.

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Als ich später im Sand sitze, Gayathri kleine Sandburgen baut und ich einfach nur auf´s Meer hinausschaue, stelle ich fest, wie gelungen, diese Woche doch war. Bereits jetzt setzt ein leichtes Fernweh ein und später, im aufwühlenden Hyderabad, wird dieses verstärkt, durch die Unruhe und Unsicherheit der Menschen und mir selbst.

Doch just in diesem Moment bin ich einfach nur zufrieden…

Später steigen wir in den Zug und ein letzter Rest Sand klebt an meinen Füßen.

So schnell, werde all dies nicht mehr wiedersehen können.

Bis dahin, bleibt abzuwarten in welches Abenteuer ich als nächstes gerate…

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