Am Schlafen gehindert, verflucht und fast angegriffen – Road to Hampi

In Indien eine Reise antreten ist doch immer wieder ein Spaß! In Deutschland fährt man los und kommt wenig später am Zielort an, ohne etwas erlebt zu haben. Hier jedoch, wo die Reisen etwas länger dauern, nach Dallapalli beispielweise, haben wir 24 Stunden gebraucht, erlebt man ständig irgendetwas. So auch, auf der Reise ins kleine Hampi im State Karnataka.

Hier wollen wir zu dritt mit den vier Mädels aus unserem Partnerprojekt „Sakhi Trust“ Urlaub machen und stürzen uns frohen Mutes ins Verkehrschaos von Hyderabad, um zum Bahnhof zu kommen.

Merlin und ich rechnen bereits damit nur eine Liege für zwei Leute in der „sleeping Class“ zu bekommen, was an sich kein großes Problem darstellt. Auf dem Rückweg von Poolabanda nach Hyderabad mussten Gayathri und Ich uns eine Liege teilen und irgendwie hat das auch funktioniert.

Als ich Merlin jedoch erzähle, dass wir ganz viel Platz im Zug haben werden und uns dann gesagt wird, dass wir lediglich EINEN SITZ zu zweit haben, bereue ich meine Aussage! Auch habe ich ihm gesagt, dass es nicht all zu voll sein wird, jeder hätte schließlich seinen rechtmäßigen Platz, doch auch dieses Statement muss ich leider nach einiger Zeit revidieren. Neben uns machen sich 16 indische Freunde auf 8 Plätzen breit, wandern ständig den Gang entlang und gewähren uns so, wie wir da eingekeilt sitzen, nur noch weniger Platz.

Ausgerechnet unser Abteil ist nahezu überlaufen. Da haut irgendwas nicht hin! Zumindest wird uns beiden eine ganze Liege im Obergeschoss gewährt, was die Lage etwas besser macht, aber nicht erträglicher. Eigentlich wollen wir ja schlafen, aber die große Gruppe scheint das nicht annähernd in Betracht zu ziehen, sodass um halb eins noch das Licht brennt, geschnattert wird und der Völkerumzug durchs Abtei weiter rege von Statten geht. Mehrmals werfe ich düstere Todesblicke nach Unten, wenn ich total unerwartet von einer Schulter am Fuß gestreift werde. Manche mögen meinen, ich könnte meinen Fuß einfach einziehen, aber auf einer Liege mit einer Breite von dreißig Zentimetern und einer Länge von gut 1.60m, wo Merlin und ich zu zweit versuchen drauf zu schlafen, ist das echt nicht einfach. Ich bin ganz schön angefressen und hoffe, dass diese Gruppe irgendwann aussteigt.

Gegen eins wird es dann schließlich doch ruhig, wir entspannen uns, soweit es geht und finden eine einigermaßen gute Schlafposition, mit der wir beide halbwegs zufrieden sind. So verbringen wir irgendwie die Nacht und dämmern, mehr in so einer Art Zombiezustand, vor uns hin, als dass wir schlafen…

Das Schönste während dieser langen Zugfahrten sind die Morgen, wo man dem gesamten Zug beim Erwachen zusehen kann. Es wird hell, man kann endlich aus dem Fenster schauen, um die vorbeirauschende indische Natur zu bestaunen. Und egal wie müde du bist, der Fahrtwind, die frische Luft und das fröhliche Kichern der Zuginnsassen, motivieren dich auf einmal so stark, dass du plötzlich hellwach bist und, während du auf grüne, vorbeiziehende Reisfelder schaust, wie verrückt grinsen musst.

 

Ich erblicke einen kleinen Tempel auf einen abgeschiedenen Steinriesen und sehe Sträucher, die ich zuvor noch nie gesehen habe. Wir sind gerade einmal dreihundert Kilometer entfernt von Hyderabad und doch ist die Landschaft gänzlich anders. Einmal wieder wird mir bewusst, wie bedeutungsvoll vielfältig und riesig Indien ist, sehen wir draußen keinerlei Anzeichen von Zivilisation, obwohl dieser gewaltige Subkontinent doch die zweitbevölkerungsreichste Population der Welt besitzt. Vom Platz her erscheint dieses Land so riesig, dass eine weitere Milliarde Menschen hier leben könnte….

 

Ich arrangierte mich mit der Gemeinschaft indischer Freunde und sitze zusammen mit ihnen am Fenster. Ein Mädchen liest ein Buch über schwarze Löcher von Stephen Hawking, ein schlaksiger Junge packt eine utopisch wirkende Actionkamera aus und filmt dabei seine Kumpane und wieder andere rücken ihre modischen Lesebrillen zurecht. Bei genauerer Beobachtung, wirken diese Leute auf mich wie Physikstudenten und so falsch liege ich im Endeffekt gar nicht. Ein kurzes Gespräch mit einem der Jungs verrät mir nämlich, dass ich mit renommierten Architekturstudenten unterwegs bin, die auf dem Weg zu einem Festival sind.

Wir steigen am Bahnhof des kleinen trüben Städtchens „Hospet“ aus, wo die vier Mädels aus unserem Nachbarprojekt wohnen. Doch vorerst fahren wir nicht etwa in deren Office, nein, wir steigen in einen Bus und rollen geradewegs auf Raji´s Dorf (unsere kleine lustige Haushälterin hat sich auch dazu entschieden Urlaub zu machen, aber das bei ihrer Familie, die nicht weit entfernt von Hospet wohnt) zu.

Unterdessen beobachten wir das langsam aufwachende Hospet und stellen fest, dass es wie eine süße Miniaturversion von Hyderabad wirkt. Mit gerade einmal 200.000 Einwohnern, sollte sich diese Stadt glücklich schätzen mit weniger Abgasen und Müll konfrontiert zu sein, denkt man, aber mit dieser Auslegung des durchaus Möglichen sind wir leider etwas falsch. Ich möchte sogar behaupten, das Hospet dreckiger ist, als das weit entfernte Hyderabad, das wenigstens versucht den Müll so separat zu verteilen, dass die Masse an Abfall kaum zu erahnen ist. Dies kleine Örtchen scheint im Gegenzug unbedingt zeigen zu wollen, wie viel Müll es hat und so fahren wir an riesigen Flächen vorbei, die ausschließlich mit Unrat verschmutzt sind. Klar, hier ist es schon etwas bunter und auch, als wir in immer mehr ländliche Gebiete kommen, zieren riesige Melonen-und Reisfelder die Gegend, aber schmutzig und grau, bleiben diese Orte trotzdem. Ich bin ganz fasziniert von den euphorischen Ausrufen Merlins und Skrollans, wie idyllisch und friedlich es hier doch sei. Das ist ihnen auf keinen Fall zu verübeln, schließlich haben sie ja Dallapalli und dessen Idylle noch nicht bestaunen dürfen.

DSC_0899

Wir steigen aus dem Bus und schlurfen durch Rajis niedliches Heimatdorf, als ich plötzlich ein älteres, sehr fein herausgeputztes Großmütterchen entdecke. Es hat lange bunte Gewänder, goldene Ringe an Hand, Fuß und Nase und hat glänzendes, zu zwei Zöpfen geflochtenes Haar. Wow, solch indische Traditionskluft muss ich fotografieren!

Ich hole meine Kamera hervor, gehe zu der älteren Frau, deute auf die Kamera, dann auf sie und schaue fragend. Sie versteht was ich möchte, legt den Arm auf meine Schulter und brabbelt zustimmende Worte. Kurz schaue ich Raji an, ob mir die Erlaubnis erteilt wurde. Sie nickt. In meinem Element, führe ich also die Kamera auf die Höhe meiner Augen, fokussiere die spannende Dörflerin und drücke beherzt auf den Auslöser.

DSC_0892

Nach zwei Fotos bin ich zufrieden, zeige das Ergebnis dem Großmütterchen, verabschiede mich und will schon den mittlerweile entstandenen Abstand zwischen mir und den anderen aufholen, doch plötzlich packt mich die Dame beim Handgelenk, wirkt nun sehr konfus, grummelt undeutliche Wörter in sich hinein und verlangt mit einer Hand ausdrücklich nach Geld. Folgsam und möglicherweise auch ziemlich naiv, wie ich nun mal bin, greife instinktiv nach Geldbeutel, werde aber schroff von Raji gestoppt.

„Kein Geld geben! Das brauchst du hier nicht!“

„Hm“, denke ich mir. „Dann nicht.“

Ich entferne mich einen Schritt vom Großmütterchen und prompt beginnt sie energisch zu jammern, gar zu fluchen!

Ich beginne schneller zu laufen, entferne mich hastigen Schrittes, blicke zurück und sehe, wie die Dame humpelnd die Verfolgung aufnimmt, wild ihren Gehstock schwingt und uns lauter undeutlicher Verwünschungen hinterherruft. Was ihr eigentliches Problem ist, ob es möglicherweise die nicht erbrachte Zahlung, oder auch das Aufstehen mit dem falschen Fuß am Morgen, lässt sich nicht mehr feststellen.

Jetzt wirkt sie nicht mehr wie eine nette, alte Fraulichkeit, nein, nun sind ihre Haare wild zerzaust, ähnlich einer alten, bösen Zauberin, ja in ihren Augen steht der Wahnsinn geschrieben und just in diesem Moment bin ich sicher, dass sie mich mit ewigem Verderben verflucht.

Ich flitze panisch um eine Ecke, an einer großen Ziegenherde vorbei, einem großen Kuhfladen ausweichend und direkt in die Arme meiner Freunde. Von der Schamanin fehlt jede Spur, man hört nur noch ihre düsteren Verwünschungen.

 

„Jetzt liegt bestimmt ein böser Fluch auf dir“, meint Merlin völlig trocken.

„Den wirst du bestimmt nicht so schnell los“ lässt Skrollan zu bedenken.

„Da siehste mal, was dir deine Kamera jetzt eingebrockt hat.“

 

„Na toll!“ erwidere ich ziemlich geknickt schaue einem langsam vorbeitrottenden Büffel in seine trägen Augen und sehe so nicht, wie ein anderer, ausgelassen muhend, geradewegs mit Affenzahn auf mich zu galoppiert kommt. Ich sehe mich schon unter der Last dieses Bullen begraben, mein Herz klopft wie wild, mein Gehirn scheint Schachmatt gesetzt und ist lediglich noch im Stande die Schweißproduktion mächtig anzutreiben.

Zehn Meter, sieben Meter, die Erde wackelt, fünf Meter, ich kann den röchelnden Atmen des Biests bereits hören, vier Meter, drei Meter, ich gerade in Panik, Schweiß läuft mir den Rücken herunter, zwei Meter, ein Meter und…..!

Ich werde geradeso von Merlin aus der Reichweite des Bullen gezogen, der volle Kanne an uns vorbeiprescht! Puhh! Das war knapp! War das etwa schon meine erste Reifeprüfung, die mir der Fluch der alten Frau auferlegt hat? Niemand weiß es. Jedoch, trägt das einen erheblichen Teil dazu bei, dass ich diesem Dorf, namens Kadirampura, so schnell wie möglich dem Rücken kehren will.

Nachdem wir Rajis Familie besucht und sie selbst doch sicher abgegeben haben, ist das auch endlich der Fall. Wir steigen in einen Bus, zurück nach Hospet, in dem sich ein Kleinkind quengelnd die Seele aus dem Körper schreit. Was gibt’s Schöneres!

Nach einer ganzen Weile können wir endlich aussteigen, das Sakhi-Office liegt vor uns und wir werden fröhlich von Sophie, Alisa, Helen und Sarah empfangen. Wie schön es tatsächlich ist, alte Freunde wiederzusehen und welche Entlastung es doch ist, sich einfach mal hinlegen zu können. Mit großer Freude nehmen wir einige Matratzen in Beschlag, die just in diesen Augenblicken einfach ungeheuer bequem sind. Dann sitzen wir alle zusammen, trinken Chai und berichten alle miteinander von unseren bisherigen Abenteuern und tüfteln einen Schlachtplan aus, wie wir in den nächsten Tagen vorgehen wollen. Sodann wird entschieden unser gemütliches Lager abzubrechen und uns auf den Weg nach Hampi zu machen. Erneut steigen wir in einen Bus und werden schließlich das Ende unserer aufregenden Reise erreichen. In welcher Verfassung wir das tun und ob der „Fluch des alten Großmütterchens“ mich noch einmal heimsucht, ja das ist ein Lied, dass in naher Zukunft noch zu singen sein wird….