Don’t worry, be Hampi :)

Am Südufer des Tungabhadra–Flusses, gerademal wenige Kilometer nordöstlich von Hospet entfernt, tauchen wir plötzlich ein in eine vollkommen neue Welt. Eine Welt, eingebettet in einen geheimnisvoll anmutenden Landstrich aus bizarren Granitformationen. Unwirklich und überirdisch liegen kilometerlange, riesige Felsbrocken in der Landschaft, welche dem Ort eine besondere Atmosphäre verleihen, die ich kaum zu beschreiben vermag.

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Einst war Hampi die Hauptstadt des Königreiches Vijayanagar, von dem aus große Hindudynastien über weite Teile Südindiens herrschten.

Reisende aus Europa und Persien berichteten staunend über den legendären Glanz und die umwerfende Pracht der Königstadt, die zu ihrer Zeit mehr als eine Million Einwohner zählte und damit wohl eine der größten Städte der Welt gewesen war. Dort, wo heute T-Shirts mit Bildern von Mahatma Gandhi, Bob Marley und Che Guevara, Schmuck und summende Klangschalen in kleinen, nach Duftkerzen riechenden Läden über die Ladentheke gehen, handelten einst Handelsleute aus aller Welt mit Rubinen, Gewürzen und Baumwolle.

Bald jedoch geriet Hampi in Vergessenheit und tauchte erst dann wieder aus seinem Schlaf, der Jahrhunderte gedauert haben mochte, wieder auf, als Archäologen in der britischen Kolonialzeit mit der Freilegung der verschollenen Metropole, die seit 1986 Unesco-Weltkulturerbe ist, begannen.

Nun laufen sieben deutsche Freiwillige über sandige Straßen, wo dereinst wohl Könige entlangflanierten und sind begeistert von Hampis kolossalem Wahrzeichen, dem 42 Meter hohen Virupaksha-Tempel, der golden strahlend vor uns aufragt.

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Nicht nur auf uns scheint dieser Ort einen gewissen Reiz auszuüben, nein auch scheint er eine regelrechte Anlaufstelle für sinnsuchende Backpacker aus aller Welt zu sein. Haben wir in den ganzen zwei Monaten in Hyderabad, Visakhapatnam, Dallapalli und Poolabanda höchstens zwei Weiße gesehen, die nicht zur Freiwilligen-Crew gehörten, sehen wir jetzt, in den paar Stunden unserer Ankunft mindestens 10, einige sprechen sogar Deutsch, was ziemlich merkwürdig ist, da wir uns dessen entwöhnt haben, unsere Sprache auf der Straße zu hören.

Viele kleine Stände mit zahlreichen Leckerbissen im Anbot locken uns ein kleines Abendbrot einzunehmen und während wir dort am Straßenrand sitzen und schmausen lernen wir Ravi, einen 24-jährigen Inder, kennen, der in Hampi als Touristguide arbeitet. In den nächsten Tagen wird sich allerdings herausstellen, dass er eigentlich überall zu werke ist, sei es in Restaurants, an Ständen, oder als Experte für alte Gemäuer. Die vier Mädels kennt er bereits, sie waren schon öfter Hampi und er hat sie stets begleitet. Bei ihm werden wir auch ein Hostel mieten.

Das Spannende an ihm ist jedoch nicht sein unglaubliches Talent überall gleichzeitig zu sein, sondern seine positive Stimmung. Ständig ist er am Grinsen und repräsentiert damit irgendwie die liebenswürdigen Einwohner der kleinen Stadt.

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„Hey man! Don´t worry! Be Hampi!“ sagt er gelassen zu mir, als ich hektisch in meinem Geldbeutel krame und nicht den benötigten Schein finde. Ravi kennt keine Eile, ebenso wenig, wie alle anderen hier, die sich eine umgeänderte Version von „Don´t worry, be happy“ zum Stadtmotto gemacht haben. In jedem kleinen Klamottenladen findet man auf gut Glück immer ein Shirt, das den Aufdruck „Don’t worry, be Hampi“ trägt und nach wenigen Tagen scheint mir dieser Satz so in Fleisch und Blut übergegangen zu sein, dass ich, ohne groß nachzudenken, ein eben solches Shirt kaufe.

Das zu eigen gemachte Motto macht irgendwas mit dem kleinen Hampi, was ich anfangs, in den Momenten unserer Ankunft, nicht zu benennen vermag, auch Ravi hat diese Besonderheit, die sehr erfrischend ist. Im Endeffekt wirkt er nicht wirklich indisch. Das soll jetzt keine Abwertung der indischen Mentalität sein, nein, die hab ich auch wirklich sehr lieb, doch eben diese andere Einstellung, eine Mischung aus karibisch-jamaikanischen Erholungsfeeling, entspannt mich auf der Stelle. Auf dem ersten Blick für gut befunden, wollen wir am liebsten sofort die ganze Stadt erkunden, doch es wird bereits dunkel und uns wird empfohlen in unser Hostel zu gehen. Im Endeffekt eine sehr gute Entscheidung. Dort angekommen fallen uns die ganzen Anstrengungen, Sorgen und möglicherweise auch der „Fluch“ der vergangenen Reise von den Schultern und urplötzlich wollen wir einfach nur auf das weiche Bett fallen und schlafen. Gesagt getan.

Doch irgendwie werden ich und das Bett keine Freunde. Es ist zu warm und zu kuschelig. Hätte nie gedacht, dass dies möglich ist, aber ich sehne mich nach dem Boden. Komisch beäugt von meinen Bettnachbarn steige ich also aus dem Bett heraus, lege mich auf den blanken, kalten Fliesenboden, breite meine Decke über mich aus, packe mein aufblasbares Kissen unter meinem Kopf und bin mehr als zufrieden, als ich endlich „bequem“ liege.
So wird es jede Nacht aussehen. Die beiden schlafen im weichen Bett und ich liege ihnen zu Füßen, wie ein unartiger Hund, der mal wieder die Strümpfe seines Herrchens angeknabbert hat. Das ein oder andere Mal frage ich mich tatsächlich, ob ich nicht irgendwie eine ganz ausgefallene Krankheit habe, die mich dazu verleitet diesen ausgezeichneten Komfort abzulehnen…

Am nächsten Morgen machen sich Merlin und Skrollan auf nach Hospet, um Geld abzuheben. Ich habe noch welches und sonst suche ich nichts Besonderes dort, also bleibe ich dort wo ich bin.

Ich wage mich alleine auf die Straßen und werde auf der Stelle vom ganz vielen Menschen angesprochen. Ich bin nicht mal hundert Meter gelaufen und schon, will mir jemand Trommeln verkaufen. Vickie nennt dieser sich und wünscht sich ein schönes Morgen-Business, damit er und ich gut in den Tag starten können, ein anderer kommt dazu und empfiehlt mir, falls ich heute eine Tempel-Tour machen will, seine Riksha. Ein Flötenverkäufer, er hört auf den Namen Babu, will seine Flöten bei mir lassen, zwei Jungs hoffen bei mir einen guten Fang gemacht zu haben und wollen mir Postkarten andrehen und ein anderer will mit mir sofort eine Tour machen. Von allen Seiten bequatscht, bin ich total überfordert. Nett, wie ich bin, will ich an keinem einfach vorbeigehen, im Glauben, das würde sie traurig machen. Wahrscheinlich wäre ihnen das im Nachhinein total latte gewesen, aber manchmal bin ich einfach zu gutgläubig, sodass ich mit allen ein kleines Gespräch führe, aber nichts kaufe. Ich bin schließlich nur zu einem kleinen morgendlichen Lauf vor meine Türschwelle getreten und genau das sage ich auch den Leuten und meine, dass ich später nochmal vorbeikommen würde. Ich sehe bereits die nächsten Hampianer, die mir etwas anbieten wollen, sodass ich abrupt Kehrt mache und den Rückzug antrete.

Doch halt! Zwei bunt gekleidete Paradiesvögel, die sich als Mönche des Tempels outen, wollen unbedingt fotografiert werden! Davon bin ich ebenfalls nicht abgeneigt, doch erinnere ich mich düster an die gestrigen Erlebnisse und frage, ob sie dafür Geld von mir wollen. Sie verneinen ausdrücklich im gekonnten Englisch.

 

(Grundsätzlich scheint das in Hampi sehr wichtig für die Menschen zu sein. Durch die vielen Ausländer sind sie gezwungen gut Englisch zu sprechen, es sei denn sie wollen nichts verdienen. Manche scheinen sich sogar dem indischen Akzent losgesagt zu haben und bedienen sich anderweitig an weltlichen Akzenten. Ravi beispielsweise spricht ein typisches amerikanisches Englisch.)

 

Also knipse ich los, zeige den beiden meine Fotos und will schon gehen, doch auch sie halten mich fest.

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„Money!“

„ Ähh? No. You said, that you don´t want money.“

„Here! Touristbook! See. Money for the temple! Write your name, your country and the high of your amount.”

 

Die beiden Paradiesvögel halten mir ein Buch vor die Nase, wo bereits etliche Leute aus allen möglichen Ländern unterschrieben und ein gewisses Sümmchen dagelassen haben. Ich schaue irritiert zu ihnen auf, sehe ihre ernsten Mienen und blicke erneut auf das Heft. Muss ich denn jetzt wirklich was geben?

Mit einem nicht einverstandenen Murren krame einen fleckigen 100 Rupien-Schein hervor, überreiche ihn den Beiden, die sich höflich bedanken und gehe schnellen Fußes weiter. Mir wird klar, dass ich eigentlich hätte nichts geben brauchen und mich erneut mein Leichtsinn darin verstrickt hat.

Aber hey, „Don´t worry, chicken curry“, wie jetzt Ravi sagen würde, 100 Rupien sind fast nichts und immerhin lastet kein neuer Fluch auf mir. Demnach ist alles in Butter!

Vickie mit seinen Trommeln klebt nach wie vor an mir, um einen seiner Schätze an mich zu verkaufen, aber das ist mir fürs Erste zu viel und so flüchte ich panisch zurück ins Hostel! Dort atme ich, als ich mich endlich in Sicherheit wiege, gelassen aus. Für den Anfang, gehe ich nicht mehr alleine dort hinaus!

In der Tat ist Hampi sehr touristisch eingestellt, was einerseits, wie ich selbst erfahren musste, sehr nerven, aber auch durchaus entspannend sein kann, setzt man sich in eines der vielen Restaurants und schlürft an seinem Bananen-Kokosnuss-Lassi. Besonders ein Platz, das „Chillout“ soll in den nächsten Tagen zur Hochburg des Genusses werden, so gibt es hier sehr viele internationale Speisen, vom israelischen Humus bis hin zu italienischen Pizza. Das absolute Highlight sind aber eigentlich die verschiedenen Fruchtsäfte und Lassis, die wir bisher in Hyderabad sehr vermisst haben, die wir nun aber sinnenfreudig genießen. So vergeht der erste Tag im „Chillout“ bei angenehm vor sich hin dudelnder Bollywood-Musik.

 

Später, auf dem Dach unseres Hostels, entdecke ich tatsächlich indisches Traditionsleben, dass ich am Tage nicht ganz wahrgenommen habe, da ich nicht das nötige Auge fürs Detail hatte:

Eine Kuh steigt träge die Eingangstreppen eines Hauses hinauf und lässt sich ächzend vor der Tür nieder. Sie versucht zu schlafen, doch gelingt ihr das nicht lange, denn ein aufgeweckter Straßenhund ist momentan sehr spielebedürftig und springt schwanzwedelnd, um die Kuh herum und versucht sie dazu zu animieren, doch bitte bitte mit ihm zu spielen. Dass sein potentieller Spielpartner, viermal so groß und wahrscheinlich zehnmal so schwer ist, bringt ihn nicht davon ab, liebevoll bellend die Nase der Kuh, mit seiner Pfote zu tätscheln, als wolle er „Hallo“ sagen.

Irgendwann wird´s der Kuh zu bunt, sie steht auf, läuft die Treppen hinunter und schwindet in die Dunkelheit der Gassen. Der Hund, nun etwas deprimiert, wedelt noch einige Male mit dem Schwanz, ehe auch er müde wird und sich auf den warmgehaltenen Platz vor der Haustür legt und einschläft…. Don´t worry, be Hampi. 🙂

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