Hampianer Geschichten

Nun, meist habe ich von unseren eigenen Erlebnissen hier in Hampi erzählt, doch nun scheint es mir sehr angebracht, über die die hier ansässigen Menschen, deren Probleme und Gedanken zu reden. Mir sind diese mittlerweile sehr ans Herz gewachsen und in den letzten Tagen unseres Urlaubs bin ich ihnen sehr oft begegnet. Drum hier einige Geschichten, rund um Konkurrenzkampf, rührenden Eigenschaften und Existenznot….

Zu allem Überfluss erkrankt neben Merlin auch noch Skrollan, was im Endeffekt für mich bedeutet, dass ich alleine durch Hampis Straßen wandeln muss. Einmal unternehme ich mit Alisa, Sarah, Sophie und Helen einen wunderbaren Ausflug auf die andere Seite. Die Stadt in der Mitte durch einen breiten Fluss getrennt, den man nur mittels einer Fähre überqueren kann. Wir leben, so gesehen, in der Innenstadt und fahren dementsprechend in die Außengebiete, die weitestgehend von stattlichen Steinriesen bevölkert sind. Wir unternehmen eine atemberaubende Kletterpartie, in brütender Hitze, die sich am Ende sehr bezahlt machen soll. Nach zwei Stunden des Aufstiegs bietet sich uns ein wundervoller Blick über Hampi und dessen umliegende Natur.

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Ganz oben auf dem Felsen lassen wir uns nieder, ich entsinne mich meiner Ukulele, die ich mitgenommen habe und beginne leise einige Akkorde vor mich hinzuspielen.

Im Einklang mit allem anderen, wirkt dies, wie das Ende einer epischen Geschichte. Die Helden sitzen siegessicher in hohen Lüften und ihr Blick schweift in weite Ferne, dem nächsten Feind bereits witternd, während das Bild, wäre dies ein Film, von seichten Tönen einer düsteren Melodie begleitet, langsam verschwindet. Wie ich da so mit der Ukulele im Schoß, sitze, kann ich mir echt vorstellen, wie jetzt plötzlich einfach alles abbricht und man erst in einem Jahr mit dem zweiten Teil dieser Erzählung beglückt wird….

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Die meiste Zeit jedoch, wenn ich nicht Berge besteige, erledige ich kleine Botengänge für die Front der Kranken und bringe ihnen Kekse, oder Kokosnusswasser. Und sonst, nun ja, bleibt mir nichts Anderes übrig, als durch Hampis Gassen zu schlendern. Hier habe ich mittlerweile gelernt mich nicht von jedem Verkäufer zu einem Gespräch überreden zu lassen und auch mal „nein“ zu sagen, wenn ich etwas wirklich nicht möchte. Trotzdem ist es äußerst wahrscheinlich, dass ich auf der belebten Verkaufsstraße mindestens von drei Leuten begrüßt werde. Dem kann ich leider nicht entgehen, weder mit gekonnter Verkleidung – einem Tropenhut- noch mit ständig wechselnden Klamotten, um alle möglichst zu verwirren. Die Augen der Verkäufer sind stets wachsam und enttarnen mich jedes einzelne Mal.

So lerne ich sie jedoch etwas näher kennen, was mir die Tage doch deutlich erträglicher macht. Ich kaufe Vickie, dem Trommelverkäufer, eine Trommel ab, sitze danach in seinem Geschäft und trommle mit ihm zusammen. Ich instrumentiere mit Babu, dem Flötenhändler, er auf einer seiner Flöten, ich mit meiner Ukulele und zugegeben, das klingt sogar ganz passabel. Ein Deutscher und ein Inder sitzen am Rand der Verkaufsstraße und musizieren. Erneut wird mir klar, dass Musik Menschen verbindet und dadurch sogar Freundschaften entstehen können.

Ich trinke mit Suresh, einem Klamottenverkäufer, mehrmals leckeren Chai, unterhalte mich lebhaft mit ihm und viele Male laufe ich einfach am Laden eines Stoffverkäufers, namens Ravi, vorbei, in der Hoffnung, dass er mich nicht sieht. Doch jedes Mal winkt er mir warm lächelnd zu und wenig später kann ich einfach nicht anders, als auch in seinem Laden vorbeizuschauen, mich mit ihm, einem sehr netten und warmherzigen Mann, zu unterhalten und Chai zu trinken.

Klar, all das hat seinen Preis. Sie allesamt wollen mit mir Geld verdienen. Ständig versuchen sie das Gespräch auf ihre Waren zu bringen, man sieht richtig, wie es sie dazu drängt es zu tun. Mit einigem Erfolg. Ich werde einiges an Geld in Hampi lassen und möglicherweise sind die Menschen auch deswegen so nett zu mir gewesen. Ganz glauben kann ich das aber bis heute nicht. Ihre Gastfreundlichkeit war sowohl vor dem Kauf, als auch nach dem Kauf genauso unübertroffen herzlich.

Bei meinen ganzen Gesprächen mit Vickie, Babu, Suresh, Ravi und einigen weiteren wird mir klar, wie schlecht sie es eigentlich haben.

Sie sind ausschließlich auf Touristen angewiesen, anderwärtig verdienen sie kein Geld, stammen sie doch aus einer Familie und einer Kaste, die nichts anderes kennt, als in Hampi zu stehen und Dinge zu verkaufen. Auch wird klar wie wenig sie besitzen. Suresh hat nur zwei Hosen, Vickie läuft in Shirts rum, die klaffende Löcher haben, drum fragen sie mich das ein oder andere Mal, ob ich nicht Sachen aus Deutschland hätte, die ich ihnen geben könnte.

Viele haben Kinder, bei denen sie versuchen ihnen ein besseres Leben zu schenken, ihnen das aber, aufgrund des mangelnden Geldes nicht gelingt. Suresh hat drei, sie alle gehen zur Schule, aber dennoch glaubt er im Geheimen nicht daran, dass er ihnen etwas Neues ermöglichen kann.

Als ich Ravi einem schwarzen Stoff abkaufe, wird außerdem klar, in welch starken Konkurrenzkampf die Händler verwickelt sind.
„Klar, du hast den Stoff für 1300 Rupien gekauft, aber wenn dich andere nach dem Preis dafür fragen, sage, dass Ravi ihn dir für 2800 verkauft hat!“ meint er herzlich. Anfangs durchschaue ich seine Taktik nicht, dann wird mir jedoch klar, was er damit bezwecken will.

Wenn ich anderen Stoffhändlern erzähle, dass ich für so einen Stoff 2800 Rupien bezahlt habe, dann wissen sie, dass diese Summe keineswegs zu hoch ist und mögliche Käufer aus dem Ausland, das mit Freuden bezahlen könnten.

Die Wahrheit ist aber das Gegenteil. Keiner würde so viel bezahlen und prompt würden jene Interessierte einen anderen Händler aufsuchen, in dem Fall möglicherweise Ravi, der natürlich deutlich billiger wäre und dadurch nun ordentlich Geschäft macht.

So spielen die Händler sich gegenseitig aus, wirkliche Freundschaft herrscht zwischen ihnen nicht.

Das erinnert mich an eine Geschichte, die ich auch im allerersten Beitrag ( Von isländischen Trampern und inspirierenden Abendessen – Der Anfang aller Dinge ) auf diesem Blog kundgetan habe. Damals hat mir ein befreundeter Syrer vom ehemaligen Syrien und einem Stoffmarkt erzählt, wo sich Händler an Händler reihte. Da schien es kaum Konkurrenz zu geben.

Ich zitiere: „Wenn ein Händler in einer Stunde drei Kunden betreut, einer davon aber einen Stoff verlangt, den er gar nicht auf Lager hat, so kann er ihn an einen anderen Verkäufer weiterempfehlen. So herrscht ein Gleichgewicht zwischen den Kaufmännern. Und dem nicht genug, leiten sie auch dann ihre Käufer weiter, wenn sie bereits das Maximum an Gewinn für einen Tag erzielt haben, ihr Gegenüber aber nicht. Sie helfen und unterstützen einander, sodass keiner wirklich leer ausgeht.“
Dies scheint im weit entfernten Hampi nicht der Fall zu sein. Jeder, sei es Suresh, Ravi, Babu, oder Vickie, alle reden, wenn ich sie darauf anspreche von brutal harter Konkurrenz. Das finde ich irgendwie schade. So scheint mir Hampis Leitspruch „Don´t worry, be Hampi“ irgendwie nur Fassade zu sein. Im Inneren herrscht Zerstrittenheit und das deprimiert mich irgendwie. Vielleicht ist das der Grund, warum ich am letzten Tag Vickie eines meiner Shirts überlasse, dass ihm ausgezeichnet passt. Darauf trommeln wir feierlich!

Vielleicht hätte das nicht jeder gemacht. Vielleicht hätten viele diesen mitleidserregenden Geschichten keinen Glauben geschenkt. Doch tatsächlich wähne ich mich bei diesen Menschen in Sicherheit und fühle, dass ich was Richtiges gemacht habe. T-Shirts habe ich genug. Warum davon nicht eines an jemanden abgeben, der sich sichtlich darüber freut?

 

Jemand, wo „Dont worry, be Hampi“ nicht nur Fassade zu sein scheint, ist nach wie vor der andere Ravi. Der, der überall gleichzeitig ist, mit seiner amerikanisch-jamaikanischen Stimmung stets einem ein Lächeln ins Gesicht zaubert, fröhlich deutsche Wörter vor sich hin summt und uns echt ein guter Freund geworden ist.

Einem Tag nach unserer Abreise sollte er uns sogar anrufen und nach dem Rechten fragen. Ein wahrer Alleskönner scheint er zu sein. Er kann gut tätowieren, verkaufen, reden, fotografieren, klettern und vieles mehr. Ihn kennt in Hampi jeder, jeder macht für ihn Platz, er scheint der unangefochtene Star hier zu sein, obwohl er erst 24 Jahre zählt.

Ein kleiner Macho steckt auch in ihm, freut er sich doch jedes Mal wenn er schöne Frauen sieht und sie am liebsten mit seinen französischen Liebesgemurmel verzaubern will.

So verbringe ich die Tage auf der Straße, trinke Chai, werde mit freundschaftlichem Handschlag begrüßt, trommle, spiele Ukulele, höre spannende Ravi-Stories und höre traurige Geschichten. Bald heißt es Abschied nehmen, was mir doch schwerer fallen wird, als gedacht..