Von unfreundlichen hampianischen Affen, Matschepampe und geheimen Plätzen

Am frühen Morgen klopft plötzlich etwas gegen unsere Tür. Wer mag das wohl sein? Ich trotte müde zu Hauseingang, drücke die Klinke hinunter und…wow! Ich hatte mit vielem gerechnet, aber ein fauchender Affe stand nicht auf meiner Liste an Möglichkeiten. Ich schaue ihn komplett irritiert an, er tut das Gleiche, als ob er nicht geahnt hätte, dass auf sein Klopfen tatsächlich irgendetwas passieren würde, doch, tadaa, hier bin ich!

In der Tat ist Hampi ein kleines Affenparadies, ständig sieht man sie hoch oben auf den Kokospalmen, oder, wenn sie etwas Böses im Schilde führen, wie das Klauen einer Chipstüte aus einem Lebensmittelladen, auf den braunen, sandigen Straßen. Und in diesem Fall sitzt jetzt einer vor unserem Hostel und mustert mich ausgiebig. Ich überlege, was ich jetzt machen soll und komme auf die sehr stereotypische Idee, ihm eine Banane zu schenken. Ich schließe die Tür wieder, (nicht, dass der Affe noch ins Hostel eindringt) suche nach unserem Bananenvorrat, nehme mir eine und geselle mich wieder an die Seite des Affen. Dieser wittert bereits sein bevorstehendes Mahl und beäugt mich gierig. Ich werfe ihm ein kleines Stück vor die Füße, er nimmt es in beide Hände und schlingt es hinunter.

Ich gehe in die Knie und halte ihm die ganze Banane hin, im Glauben, er würde nun ganz langsam und etwas scheu, sich Teile davon nehmen. Denkste! Er reißt mir die Banane aus den Händen, knurrt böse, geht auf Abstand, mümmelt sich sein Essen hinein, lässt die Schale rücksichtslos liegen und springt, ohne einen Blick des Dankes, über das Geländer. Diese Begegnung hätte ich mir schöner vorgestellt. Welch unhöflicher Zeitgenosse! Diesem Exemplar, werde ich auf jeden Fall nichts mehr geben. 😀  

Gegen sieben Uhr machen Merlin und Ich uns auf zum nächsten Motoradvermieter. Wir haben beschlossen uns jeweils ein Motorrad zu mieten, um eine Stunde durch die Gegend zu fahren, bevor wir uns mit den Mädels treffen. Auf dem Weg bin ich noch optimistisch, dass ich das schaffe fahren zu können. Gemacht habe ich das noch nie, Merlin versichert mir jedoch, dass ein Motorroller kaum anders zu bedienen sei, als ein Fahrrad und hey, bereits 12-jährige fahren damit durch die Gegend. Das leuchtet mir ein. Wenn indische Kinder das können, kann ich das auch!

Doch als wir schließlich am Vermieterstand für Motoroller stehen, kriege ich schon etwas Muffensausen. Die Maschinen sehen mir nicht wirklich so aus wie Fahrräder.

Merlin startet seins problemlos, ich habe jedoch keine Ahnung, wie ich das machen soll. Ich setze mich unsicher drauf, schwanke aber gefährlich, unter dem Gewicht des Rollers nach rechts, mein Helm rutscht mir über die Augen und ich versuche dieses Teufelsding zu starten. Ohne Erfolg. Ich beginne hektisch zu werden, bediene ausversehen den Beschleunigungsgriff und schieße ruckartig nach vorn, ehe ich schnell die Hand vom Lenkrad nehme.

„Sage mal, kannst du überhaupt fahren?“ fragt mich der Vermieter.

„Ähh…nee…“ gestehe ich kleinlaut und bin insgeheim sehr froh, als mir der Roller weggenommen und uns gesagt wird, dass wir lieber nur auf einem Gerät fahren sollten.

Gesagt getan, ich setze mich bei Merlin hinten drauf und ab geht die Fahrt. Bin ich deprimiert? Nö. Von mir aus sind eben kleine indische Kinder besser als ich. In meinem Leben kann ich die Male auf dem ich auf einem Motorrad gesessen habe, mit einer Hand abzählen, drum ist es jetzt wirklich besser diese Möglichkeit gewählt zu haben.

Wir fahren durch verlassene Tempelanlagen, die teils noch im dichten Nebel liegen und fragen uns, ob wir überhaupt hier sein dürfen, so unberührt und schön wirken diese altertümlichen Gemäuer aus einer längst vergessenen Zeit. Der Fahrtwind tut wahnsinnig gut, ist es die letzten Tage doch sehr warm gewesen. Wir fühlen uns in diesen Momenten unglaublich frei. Wir alleine haben es in der Hand wohin und wie schnell wir fahren und dieses Wissen lässt uns innerlich laut aufjubeln.

So brausen wir eine Stunde durch Hampis alte Ruinenstadt und bewundern dessen Schönheit und Prunk, ehe wir den Rückweg antreten.

Gegen zwölf erscheinen die Mädels vor unserem Hostel, Ravi ist ebenfalls von der Partie und gemeinsam wollen auf Tempelbesichtigung gehen. Leider ohne Merlin, der überraschenderweise erkrankt ist und lieber sich auskurieren will! Dann mal gute Besserung, mein Freund!

Bereits nach einigen Metern fällt uns auf: Es ist sehr sehr warm. Schnell geraten wir alle ins Schwitzen, als wir hören, dass wir den ganzen Tag unterwegs sein werden. Ob da nicht einer mit Hitzschlag zurückkommen wird? Wir werden es sehen. Auf dem Weg zum Tempel schenke ich einer gutmütigen Kuh meinen halbaufgegessenen Granatapfel. Man merkt, wie sehr sie sich darüber freut, so würde sie mich am liebsten, mit ihrer rauen Zunge abschlecken. Das kann ich gerade noch so vermeiden. Tage später jedoch, wird eine Kuh genüsslich meinen Arm in Beschlag nehmen, da ich sie aus einer Riksha hinaus streicheln wollte, ihr das wohl sehr gefiel und ich ihr nicht entweichen konnte. So zeigt man Dankbarkeit, du doofer Affe. 😀

Mit uns wollen auch noch drei andere Mädchen eine Führung mit Ravi genießen. Davon ist eine tatsächlich auch Deutsche, kommt aus Freiburg, hatte vor Jahren auch schon einen Freiwilligendienst absolviert und macht jetzt in Bangalore eine Ausbildung zur Hochzeits-Planerin. Das ist auf jeden Fall ein sehr interessanter Lebensweg. Ihre Begleiterinnen sind beide sehr herausgeputzte Inderinnen mit viel Schminke im Gesicht. Eine trägt sogar High-Heels, was uns irgendwie nicht ganz einleuchtet. Die Beiden wirken so, als wollten sie mit ihrem ersten Date in ein sehr teures Restaurant gehen und keineswegs, wie begeisterte Touris, die einen ganzen Tag durch die Gegend laufen wollen.

Die High Heels dienen zumindest als sehr aufheiterndes Gesprächsthema unter uns Freiwilligen, tragen wir doch alle ziemlich marode Flip-Flops. In Skrollans und Alisas Fall geht man sogar barfuß. Das kann auf jeden Fall was werden.

Der frühe Vormittag ist geprägt durch intensives Tempel-Hopping. Unter ständigem „Auf geht´s“- Ausrufen seitens Ravi (ja, einige deutsche Wörter haben wir ihm bereits beigebracht) rennen wir von Tempel zu Tempel, hören uns deren Geschichten an und schwitzen.

Manche Heiligtümer haben sogar kleine Katakomben, die uns ebenfalls nicht verwehrt bleiben. Hier, wenn man ganz genau hinschaut, lassen sich viele schlafende Fledermäuse ausmachen, die jedoch panisch die Flucht ergreifen, fällt der Schein unserer Taschenlampen auf sie. Süß sind sie auf jeden Fall.

Plötzlich, auf dem Weg zur nächsten Sehenswürdigkeit, passiert es! Nein, in dem Fall rennt kein wütend gewordener Bulle auf mich zu und nein, auch keine altes Großmütterchen will mich verfluchen. Viel schlimmer! Meine Flip Flops geben den Geist auf! 😨😨

Waren sie in Poolabanda schon kaputt, so sind sie jetzt völlig im Eimer. Traurig, stecke ich sie in meinen Rucksack und gehöre, wohl oder übel, nun auch zur Fraktion der Schuhlosen, was sich später jedoch außerordentlich bezahlt machen soll.

Und jetzt habe ich immerhin noch einen Grund mehr, um mich köstlich über die High Heels des Mädchens aus Bangalore zu amüsieren, mit denen sie des Öfteren umknickt. Ja, das ist böse, aber immer noch selbstverschuldetes Leid. 😀

Gegen späten Nachmittag haben wir alle Tempel abgelaufen, durften die verschiedensten Fresken bestaunen, sind bis auf die Unterhose verschwitzt und total am Ende.

Drum entscheiden wir uns für einen leckeren Banana-Cokonut-Juice im Chillout und beraten über den letzten Teil unseres Trips. Wir wollen zu einer versteckten Quelle, soweit ich das verstanden habe. Diese ist jedoch sehr weit entfernt und in einer Stunde geht bereits die Sonne unter. Wir sind uns zutiefst unsicher, ob wir dieses Wagnis, im Dunklen durch die Pampa zu laufen, wirklich eingehen wollen, doch Ravi vergewissert uns ausdrücklich, dass wir es definitiv bereuen würden, täten wir es nicht.

„Was kann uns schon großartig passieren?“ denken wir uns und stimmen alle den Plan, es wenigstens zu versuchen, zu. So streifen wir durch riesige Bananenplantagen, die Wege werden immer enger und der Boden immer matschiger. Hier lernt Ravi ein neues deutsches Wort. Matschepampe. Dies singt er nun fröhlich vor sich hin, während wir uns abmühen durch den Morast zu latschen. Ohne Schuhe geht das sogar ganz gut, ja es macht sogar Spaß, von warmer nasser Erde umschlossen zu werden. Das genaue Gegenteil erlebt unsere High-Heels-Spezialistin, deren einstmals weiße Treter, nun sehr braun aussehen.

Bald weicht der dichte Bananenplantagenwald einer riesigen kargen Mondlandschaft, voller riesiger, grauer Felsen. Tiefe, unergründliche Krater zieren dies absonderliche Niemalsland. In diese Abgründe einmal hineingefallen, kommt man definitiv nicht mehr heraus. Es gilt also über tiefe Abgründe zu klettern und zu springen, will man nicht etwa eingeklemmt werden. Manche Passagen sind wahnsinnig schmal, sodass man beinahe balancieren muss, um nicht abzustürzen. Im Gänsemarsch geht es vorsichtig über Stock und Stein und wer ist wahrscheinlich die Letzte? Genau! Das Mädchen mit den High Heels, dass sich mittlerweile wohl sehr über ihre Schuhwahl ärgern mag.

Irgendwann erreichen wir unser Ziel. Unwirklich aber war, liegt uns ein kleiner, klarer See, mitten in einer steilen Felsschüssel, zu Füßen. Ravi ist der Erste, der sich auszieht und mit einem fröhlichen Jauchzer hineinspringt.

„Come on, guys! Don´t worry, be Hampi!“ ruft er.

Das lass ich mir nicht zweimal sagen und springe ihm hinterher. Die Fluten umschließen mich einladend! Es ist wahnsinnig schön einmal wieder zu tauchen, zu schwimmen, zu planschen, mal richtig sauber zu werden. Ich, als Wasserratte, freue mich unglaublich über diese Wonne, schwimme bis zum anderen Ende des Sees und lasse mich danach einfach Treiben, höre dem Rauschen des Wassers zu und starre dem immer dunkler werdenden Himmel entgegen. Die Mädels versuchen währenddessen dem Mädchen mit den High Heels schwimmen beizubringen, natürlich hat sie davor ihre Schuhe ausgezogen, aber schwimmen kann sie danach auch weiterhin nicht.

Mir fällt plötzlich auf, dass ich von diesem Ort kein einziges Foto gemacht habe und wahrscheinlich auch keins mehr machen werde, aufgrund der zunehmenden Dunkelheit. Erst ärgere ich mich darüber, doch dann wird mir klar, dass es manchmal keines Fotos bedarf, um sich einen Ort einzuprägen. Die Erinnerung lebt nach wie vor in meinem Kopf und vielleicht ist es manchmal auch wichtig von besonderen Orten, die einem am Herzen liegen, keine Bilder zu machen. Das würde das große Ganze irgendwie zerstören. Der Zauber ginge verloren. Das findet auch Ravi, als ihn eines der indischen Mädchen fragt, ob sie andere Leute hierhin einladen können.

„Das ist unser ganz eigener Platz. Wir würden ihn nicht genügend würdigen können, kämen jetzt Fremdlinge hierher.“ Damit hat er vollkommen recht. So verlassen wir unseren gemeinen Ort schließlich in kompletter Dunkelheit, bahnen uns unseren Weg mittels unserer Taschenlampen, springen und balancieren über gähnende Abgründe und sehen stummen Blitzen dabei zu, wie sie über den Himmel flackern. Gewitter ohne Ton scheint es in Indien öfters zu geben, habe ich genau dieses Phänomen schon in Dallapalli beobachten dürfen. Blitze zucken über´s Himmelszelt, aber der Donner bleibt aus. Sehr seltsam, aber irgendwie auch ungeheuer schön..

Bald erreichen wir wieder die matschigen Bananenplantagen und als wir zwei Stunden später total entkräftet ins Bett, oder in meinem Fall auf den Boden, fallen sind meine Füße schwarz vor Dreck. Doch das kümmert mich jetzt mich nicht mehr. Meine Gedanken gelten dem vergangenen Tag und im leisen Bedenken an unfreundliche Affen und geheime Seen, schlafe ich ein…