Hampi´s Abschied

Ich glaube, ich habe bisher nicht oft genug erwähnt, dass Reisen in Indien ein echtes Vergnügen ist, oder? Ja wirklich! Ein echtes Spektakel für die gesamte Familie, wenn man so will. War die Hinreise nach Hampi schon chaotisch, so wird die Fahrt zurück nach Hyderabad ein kleiner Albtraum, voll von Eskapaden und hektischen Ereignissen. Davon jedoch ahnen wir am Morgen des Abreisetags noch nichts. Nein, er beginnt ganz gelassen mit einem Kartenspiel auf dem Dach unseres Hostels. Von da an startet nun meine Erzählung, die geradezu niedlich beginnt, aber dann einiges an Fahrt aufnimmt.

Warme Sonnenstrahlen fallen des morgens auf zwei Jungs auf dem Dach eines kleinen Gebäudes herab. Am Morgen gibt es nichts Schöneres, als sich, noch immer etwas schläfrig, zu sonnen und „Shithead“, ein echt gutes Kartenspiel, zu spielen.

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Doch je länger die Beiden dort droben ihr Können auf die Probe stellen, desto mehr kommt es ihnen so vor, als beobachte sie jemand. Es raschelt, es knistert, es flüstert. Sie schauen nach rechts, nach links, nach unten….nichts! Doch da! Ein Blick auf die Felswand hinter ihnen enttarnt die Störenfriede! Eine Horde kleiner süßer Affen blickt zu ihnen hinunter und scheint ganz angetan vom Kartenspiel zu sein, ja sie blicken gar gierig auf auf Herzbube und Co herab.

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Ob sie wohl auch gerne spielen würden? Leider wird erst wenig später klar, was ihr eigentliches Ziel ist. Die Colaflasche des einen! Unbedacht steht sie da, einen Meter entfernt vom Kartenspielgeschehen. Der Junge, namens Leo, wägt sie in Sicherheit, denkt kaum dran, doch das soll ihm übel zum Verhängnis werden.

Papa-Affe betritt nämlich just in diesem Moment die Szene, schleicht sich mutig an die beiden heran, greift sich die Flasche und flitzt ganz schnell weg, ehe die beiden es bemerken.

„Übler Schuft“, schelten sie ihn, aber das bringt ihn auch nicht mehr zurück. Dort sitzt er, sicher in einer kleinen Höhle, wo die großen Jungs ihn nicht erreichen können und zum Erstaunen der Beiden, nimmt er die Flasche in beide Hände und dreht am Verschluss, so als er schon mehrfach Erfahrung damit hätte.

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Der Deckel fällt rollend zu Boden und nun beginnt das Unglaubliche. Er setzt die Flasche, wie ein Mensch am Mund an und nimmt einen genüsslichen Schluck Cola. Krass! Sachen gibt´s. Bestimmt beherrscht er auch das indische Trinken, gar nicht erst den Flaschenansatz mit dem Mund zu berühren. Zutrauen könnte man ihm das auf jeden Fall! Die Cola bekommt der Junge, namens Leo, auf jeden Fall nicht mehr zurück, da Papa-Affe anscheinend sehr ungern teilt.

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Nach diesem einmaligen Erlebnis mache ich mich nun ein letztes Mal auf zu meinen neu gewonnenen Verkäufer-Freunden. Es gilt heute „lebe wohl“ zu sagen und auch Abstriche zu ziehen. Ich muss Babu gestehen, dass ich definitiv keine Flöte bei ihm kaufen werde und das soll den ganzen Tag dauern, da ich ihm ungern direkt ins Gesicht sagen möchte, dass ich sie nicht will. So mache ich ihm am Vormittag Versprechungen bis zum Nachmittag darüber nachzudenken. Er legt mir sogar einer seiner Instrumente beiseite, kein anderer außer mir soll es bekommen. Gegen Nachmittag habe ich jedoch ein wunderbares Ass im Ärmel. Ich musste soeben 3000 Rupien für das Hostel bezahlen, Skrollan hat ihr Geld leider für Klamotten ausgegeben, sodass die Männer dafür zahlen müssen. Insgesamt bleiben mir noch 600 Rupien und die will ich sicherheitshalber für die Zugfahrt behalten, lebt es sich doch einfach besser, mehr Geld auf einer Reise dabei zu haben, als weniger. Das wird uns später noch retten….

Mit 600 Rupien lässt es sich dementsprechend schwer Flöten kaufen, das versteht auch der Babu, der kurz darauf aussieht, wie drei Tage Regenwetter. Ich verspreche ihn jedoch bald wiederzukommen und verabschiede mich von ihm.

Während ich Heim laufe verspreche ich noch Ravi, dem Stoffverkäufer, in einer Stunde bei ihm einen Abschiedschai zu trinken.

 

Im Hostel wir gemächlich zu packen als freuen uns auf eine gemütliche Zufahrt nach Hyderabad, als Skrollan mit dem Handy in der Hand plötzlich aufschreit!

 

„Verdammt! Unsere Tickets wurden nicht confirmed!“

„Und? Was heißt das jetzt?“

„Wir können den Zug nicht benutzen! Jemand anderes hat unsere Plätze!“

 

Völlig ungläubig schauen wir unser Mädchen an. Das geht? Nach wie vor haben wir das System wie hier Züge gebucht werden, nicht verstanden und es erschließt sich mir bis heute nicht, wie man für einen Platz bezahlen, aber dann trotzdem nicht dabei sein kann.

 

„Heißt das, dass wir nicht nach Hause kommen? Fuck! Fuck! Fuck!“ ruft Merlin aus purer Verzweiflung und schreckt dabei einige Vögel auf, die von draußen aus dem Fenster neugierig zu uns hineinschauen.

 

„Wir können nicht noch eine Nacht hierbleiben, dazu fehlt uns das Geld“, meint Skrollan.

„Und was machen wir jetzt?“ frage ich.

„Wir rufen die Sakhi Mädels an! Vielleicht können die aus ihrem Office in Hospet irgendwas erreichen!“

 

Gesagt getan. Als Merlin bei Alisa anruft tigert er wütend und unsicher durch die Gegend, seine Nervosität ist ihm klar anzusehen. Verständlich. Er ist krank und müde, genauso wie Skrollan und beide wollen so schnell wie möglich nach Hause, dort wo uns unsere Reiseapotheke und eine Matratze Sicherheit verschaffen…

Als er auflegt, scheint er etwas erleichtert zu sein, die Mädels versuchen just in diesem Moment nach neuen Möglichkeiten zu suchen und rufen bald nochmal an.

Angespannt, nervös und an Fingernägeln kauend warten wir zittrig auf den Rückruf. Es klingelt, Merlin hebt ab und beginnt kurz darauf zu strahlen.

 

„Jawoll! Um sieben kommt ein Sleeper Bus nach Hyderabad! Wir müssen sofort losfahren, kurz ins Office in Hospet und dann weiter!“

Geschwind packen wir unser Zeug zusammen und in dieser Hektik bemerke ich, dass es bald fünf Uhr schlagen wird. Ravi und sein Chai!

Und halt! Was ist mit den anderen? Mit Pradesh und Vickie! Ich habe mich noch nicht von ihnen verabschiedet!

Doch dazu scheint keine Zeit, eine Riksha ist bereits bestellt, in fünf Minuten ist sie da! Verdammt! Ich renne mit meinem Backpack auf dem Rücken, aus dem Zimmer auf die Verkaufsstraße. Ich muss Ravi finden, damit ich ihm sagen kann, dass wir jetzt losmüssen. Da ist er! Ich schildere ihm hastig mein Problem, er versteht meine missliche Lage und wir verabschieden uns rasch! Lange nicht angemessen, für so einen lieben Menschen, aber da kommt bereits das Vehikel, dass uns nach Hospet bringen wird, bereits beladen mit Skrollan und Merlin.

Ich steige ein und auf geht die wilde Fahrt! Was werden wohl die Leute denken?

„Leo hat sich nicht mal von uns verabschiedet! Das war ich ihm also nicht wert. Pff, diese Weißen!“

Ganz im Gegenteil! Liebend gern würde ich aussteigen und ganz Hampi verabschieden, aber das geht nun nicht mehr. Wir verlassen die Stadt, lassen die Tempelanlagen hinter uns und ich blicke schweren Herzens nach vorn und nicht zurück. Das heißt wohl, dass ich nochmal hierher zurückkehren muss, um mich am Ende richtig zu verabschieden.

 

Wir erreichen Hospet und das Sakhi Office, das jedoch keine guten Nachrichten für uns parat hat.

„Alle Sleeper-Busse sind bereits ausgebucht!“ eröffnet uns Sophie mit schwerem Blick.

„Aber gerade hieß es doch noch..“

„Das hat sich jetzt geändert.“

„Und jetzt?“

„Am besten fahren wir jetzt zur Busstation und schauen, ob wir euch nicht irgendwo hineinschleusen können“, meint Sarah.

 

Gerade erst den Rucksack abgesetzt, gilt es nun ihn wieder aufzusetzen, zu sechst ins Rikscha zu steigen, um durchs abendliche, stinkende und hupende Hospet zu rasen. Auf dem Weg zum Riksha trete ich der Sarah leider so ungünstig auf ihren einen Flip-Flop, dass er reißt. Nicht, dass es reichen würde, dass meine und auch Helens Schuhe ( ihre sind in Hampis Bergen in eine tiefe Felsspalte gefallen) hier den Geist aufgegeben haben, nein, jetzt gehört auch Sarah zur Fraktion der ungewollt Schulosen. Indien. Land der kaputten Schuhe.

Übrigens Sarah, falls du das hier lesen solltest: Tut mir sau leid! War nicht mit Absicht. 😀

 

An der Busstation rufen wir wild „Hyderabad!“ durch die Massen, um irgendeinen Bus zu finden, der noch frei ist. Nichts! Da stehen wir im Getümmel. Hupende Busse rauschen an uns vorbei, keiner ist der richtige und wir beginnen ganz arg zu schwitzen. Dort! Ein Bus nach Hyderabad! Unsere Herzen klopfen wie wild, wir fragen den Schaffner, ob er noch einen Platz frei hat. Nein, hat er nicht. Er will auch nicht, dass wir auf dem Boden sitzen, ganz unmöglich!

Wir lassen uns enttäuscht auf den Boden nieder, umringt von neugierigen Indern. Mir kommt schon die Idee einfach hier am Bahnhof bis zum nächsten Morgen zu schlafen, so schlimm kann das schon nicht sein, oder? Die Leute hier machen das doch auch. Aber womit ein Frühstück bezahlen? Mit diesen lächerlichen 600 Rupien? In Europa wäre das ungefähr so, als würde man mit gerade mal 6 Euro in der Tasche in Wien auf einen Bus warten, der einen ins 600 Kilometer entfernte Berlin bringt. Miese Ausgangslage, oder?

 

Doch einmal wieder haben wir nicht mit den indischen Menschen und ihrer enormen Hilfsbereitschaft gerechnet. Jemand kommt auf uns zumarschiert und eröffnet uns in leichtem Englisch, dass heute noch ein normaler Bus nach Hyderabad fährt. Einer von uns soll schnell mitkommen, damit er noch etwas buchen kann. Merlin springt auf, die beiden rennen los und verschwinden in einem Büro und als sie wieder auf die Straße treten, sieht man förmlich wie Merlins Anspannung sich löst.

„Wir kommen morgen ganz sicher in Hyderabad an! Für 1500 Rupien. Was haben wir noch an Geld?“

Jetzt macht es sich bezahlt, keine Flöte in Hampi gekauft zu haben. Ich steuere 500 Rupien bei, während Merlin mit seinen restlichen 1000 sich selbst und Skrollan bezahlt. Mit gerademal umgerechnet 1,30 Euro, die mir geblieben sind, steige ich also in den Bus ein und lasse mich völlig geschafft auf meinen Platz fallen. Nach fünf Minuten des einfach nur Dasitzens, muss ich mich anders positionieren. Daraufhin erneut. Hm…immer noch nicht perfekt. Ich schlage die Beine übereinander. Ne, das ist auch doof. Oh, ich kann den Liege nach hinten bewegen, dann lässt es sich bestimmt leichter sich ausbreiten. Verdammt! Hinter mir sitzt jemand. Das kann ich dem nicht zumuten! Vielleicht stemme ich meine Füße in den Sitz vor mir, dann ist es bestimmt bequemer. Och nö, der Mann vor mir guckt schon komisch. Das lass ich lieber.

 

Kurzum: Der Sitz ist total unbequem, ich kann mich weder nach vorne, noch nach hinten bewegen, ohne andere Leute zu verärgern. Der Bus holpert über schlechte Dorfstraßen, ich werde, wenn ich eine einigermaßen gute Position gefunden habe, sofort aus dieser herausgeschüttelt, was mich dazu veranlasst, den Busfahrer, der diese bescheuerte Landstraßenrute über 500 Kilometer genommen hat, arg im innersten meiner selbst zu beschimpfen. Dazu halten wir alle zwanzig Minuten irgendwo an, das Licht wird angeknipst, der Motor wird ausgeschaltet und mit ihm auch die Klimaanlage. Es wird heiß, schlafen wird so unmöglich. Dann fährt der Bus wieder an, holpert über Sandstraßen, es wird kalt, die Klimaanlage ist viel zu warm. Skrollan, die neben mir sitz, sieht auch schon ganz übel aus. Wenn wir mit diesem Tempo weiterfahren, kommen wir übermorgen an!

In dieser Nacht finden wir alle drei keine Ruhe, schlummern mehr, als das wir schlafen. Wir können nicht sitzen, wir können nicht liegen, wir machen irgendetwas dazwischen. Eine Art „litzen“. Skrollan uns ich finden zwischendurch eine gute Position, wo wir Rücken an Rücken ziemlich gut „litzen“ können. Ich kann es zumindest. Ob´s Skrollan so gut findet? Keine Ahnung. Aber „gut“ ist hier auch schon echt ein Luxus….

 

Als ich gegen sieben Uhr meine schläfrigen Augen öffne, kann ich es kaum glauben. Wir sind in daheim! Im regnerischen, vom Monsun gezeichneten Moloch, der sich Hyderabad nennt. Wie froh wir doch darüber sind den verdreckten Hussein Sagar und die Straßenhunde wiederzusehen! Unglaublich worüber man sich alles freut, wenn man nahezu ausgeschöpft ist.

Traurig bin ich insbesondere schon darüber, jetzt nicht mehr mit allen Leuten sprechen zu können. Als wir in ein Uber-Taxi einsteigen spricht der Fahrer nur sehr gebrochen Englisch. Unterhalten wird schwer. So deprimierend es auch ist daheim angekommen zu sein, so sehr freut man sich doch irgendwie auf ruhige Zeiten. Doch die werden in nächster Zeit rar gesät sein….