Rough Trip

Tag 1

„Nun ja, ihr werdet nicht nur nach Dallapalli gehen. Innerhalb von vier Tagen seid ihr auch in Katiki und Borra und ich versichere euch, dass das ein echt harter Trip wird“, meint Bhanu, als wir ihr drei Stunden vor Abfahrt nach Dallapalli bei einem Meeting gegenübersitzen.

„Eure Aufgabe wird es sein ein Profil von Borra anzufertigen und folgende Fragen zu beantworten.“  Es folgt ein riesiger Fragenschwall rund um das Thema wie dieser Ort, namens Borra, aufgebaut ist. Anscheinend ist dieser recht touristisch, da wir unter anderem Fragen bekommen, wie viele Guides es dort gibt, ob sie einheimische Ureinwohner, oder Fremde sind, oder auch wie viel Geld sie verdienen. Wie viele Hotels, Läden und Restaurants gibt es dort und funktioniert das Müllmanagement?!

 

„Erst zwei Tage Dallapalli. Da setzt du deine Arbeit fort, Leo, fotografierst Menschen, Pflanzen, Tiere und alles was dir in die Quere kommt. Dann zieht ihr weiter, nach Katiki, übernachtet dort und kommt dann nach Borra. Fragt die Leute diskret, nicht zu offensichtlich, sonst werden sie wahrscheinlich misstrauisch. Hier kannst du nochmal den Spion mimen, Leo. Das wird ein „rough trip“!

Also eigentlich muss ich ja zugeben, dass ich anderes erwartet habe. Vor zwei Stunden glaubte ich noch für vier Tage in Dallapalli Tiere zu fotografieren, nachdem mir anderthalb Tage zuvor ganz spontan eröffnet wurde die Koffer zu packen und eigentlich erwarte ich heute noch zwei Objektive für meine Kamera. Wegen diesen renne ich schon seit Stunden unruhig durchs Haus, in der Hoffnung, dass sie ankommen, bevor wir in einen Bus Richtung Bahnhof fahren. Mit denen würde es sich deutlich leichter fotografieren.

Als wir beide von Bhanu entlassen werden, sind wir völlig fertig. Wie sollen wir diese Reise schaffen, so ganz allein? Und spricht in diesem Borra überhaupt jemand Englisch, sodass wir ihnen unseren Fragenfragebogen unter die Nase halten können. Kommen wir heile in Dallapalli an? Habe ich noch ungefähr den Weg vom letzten Mal in Kopf? So viele Fragen geistern mir durch den Kopf, währenddessen ich nach wie vor, wie ein Löwe im Käfig hin und her laufe und auf mein blödes Amazonpaket mit den Objektiven warte.

Da! Oh mein Gott! Ein Postbote hält vor unserem Haus mit einem großen Paket. Ich stürze hinunter, verkünde allen das jetzt alles gut sei, renne auf die Straße und würde den Postboten am liebsten knuddeln! Tatsächlich das Paket ist für mich! Aber, huch…

Das ist ja gar nicht von Amazon, nein sondern ein Paket aus der Heimat. Mein Vater schickt mir monatlich Päckchen zu, worüber wir uns alle immer sehr freuen, doch just in diesem Augenblick kommt dieses Geschenk genau in der falschen Zeit an! Das wollte ich doch jetzt gar nicht!

Wir packen das Paket aus, finden leckere Gummibärchen, Pumpernickel, Magnesium, ein Plastikkürbis mit dazugehörigem Kürbisschneidemesser für Halloween, vier Pechkekse für jeden von uns (das Gegenteil von Glückskeksen) und eine ominöse Jugendzeitschrift. Die „BRAVO.“

Wir öffnen unsere Pechkekse und ich bin ganz gerührt von meinem Spruch, da der exakt die Lage widerspiegelt, in der ich mich befinde: „Du hast es nicht leicht, aber das hast du auch verdient!“ Sehe ich genauso!

Dann ist die Zeit gekommen, um „Adieu“ zu sagen, auch wenn meine Objektive nach wie vor nicht eingetrudelt sind. Wir schwingen uns in einen Bus, wenig später sitzen wir im Zug und sind total glücklich darüber das wir ganze zwei Liegen, sogar im Obergeschoss haben. Nach einer Stunde Fahrt erhalte ich von Skrollan die Nachricht, dass mein Amazonpaket angekommen ist. Anderthalb Stunden früher und…! Ach, egal. Um die Worte meiner Mutter zu zitieren: Das Leben hält sich nicht immer an Termine.

Wir schlafen, den Umständen entsprechend, ausgesprochen gut und nehmen uns am Morgen einen Chai von einem der Marktschreier des Zuges.

In Visakhapatnam finden wir auf Anhieb die Busstation, frühstücken in einem kleinen Stationsrestaurant, dass ich bereits kenne und ich finde es durchaus erschreckend, dass ich schon genau weiß, dass einer der beiden Wasserhähne, zum Abwaschen der Hände, am Eingang des Ladens nicht funktioniert. Einmal hier gewesen und schon man kennt seine Pappenheimer. 😀

Nach kurzem Nachfragen finden wir einen Bus nach Dallapalli, brausen los und als wir nach zwei Stunden in die Natur eintauchen, merke ich wie entspannt, wie glücklich ich werde. Alle Hektik der letzten Tage fällt von mir ab und ich frage mich in diesen Momenten, was es alles bedarf, um glücklich zu sein. Ist Natur etwa eine Sache davon?

Neben uns machen sich drei Männer breit. Warum ist das erwähnenswert? Nun ja. Irgendwie sind sie auch Frauen. Sie haben Schminke im Gesicht, tragen Blumen in den langen Haaren und besitzen fast schönere Saris als die richtigen Frauen. Die berühmt berüchtigten indischen „Ladyboys“. Dass sie gerade hier, in einer eher ländlichen Region unterwegs sind, überrascht mich doch etwas. Tage später sollten sich unsere Wege noch einmal kreuzen, dann jedoch in einer durchaus heikleren Situation, als im Bus.

Ich erinnere mich an die Stelle, wo ich mit Gayathri damals ausgestiegen bin, um mit dem Riksha zu fahren, wir verlassen den Bus und da steht er. Der Sathibabu, zusammen mit einer Riksha! Schön den alten Halunken wieder zu sehen, wir begrüßen uns herzlich, steigen ins Vehikel und da die bisherige Fahrt ohne jegliche spannenden Zwischenfälle verflossen ist, ja es nahezu langweilig, die letzten 15 Stunden, MUSS natürlich auf den letzten Metern etwas passieren!

Der Fahrer unseres Taxis hat nämlich keine Ahnung von Gangschaltung und benutzt meist nur einen Gang. Viel verstehe ich davon auch nicht, als ungeübter Nichtfahrer, doch spätestens nach dieser Fahrt, sollte ich mehr Ahnung haben als zuvor. Einen steilen Berg im falschen Gang hochzufahren ist beispielsweise eine sehr schlechte Idee, wie ich nun gelernt habe. Die Riksha knattert so weit es geht den Berg hoch, kämpft sich Millimeter weit voran, doch kommt einfach nicht weiter. Dann hebt die Vorderachse plötzlich vom Boden ab, wir stehen nur noch auf dem Hinterrad, ich glaube schon dran, dass wir allesamt umkippen, halte mich akribisch am Geländer fest, doch dann verstellt der Fahrer den Gang und das kleine Gefährt kommt wieder auf die Räder. So soll es noch ein weiteres Mal passieren und vor jedem weiteren Berg scheint mir die Angst tief ins Gesicht geschrieben zu sein, amüsiert sich Merlin doch köstlich über meine schockierten Gesichtsausdrücke.

Ich beruhige mich erst wieder als ich Dallapalli vor mir sehe, dass uns heute mit wehenden bunten Tüchern auf den Feldern begrüßt.

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Ich alle bekannten Gesichter sind wieder mit von der Partie, auch Padma, das 18-jährige Mädchen aus Poolabanda ist wieder da und freut sich riesig für uns ein leckeres Mittagessen zu kochen. Wir sind darüber auch sehr happy, doch nach einer halben Stunde, scheint das Essen auf Feuer immer noch nicht durch zu sein, sodass Merlin und ich beschließen eine erste Erkundungstour zu unternehmen. Dallapalli, wie es leibt und lebt, zeigt sich heute von der schönsten Seite, Hühner und Kinder rennen fröhlich gackernd durch die Straßen, die roten Dachziegel der kleinen Hobbithäuser leuchten im Schein der warmen Sonne und die Aussicht ist einmal wieder phänomenal.

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Während wir also durch die Natur schlendern und diese wunderbare Stille genießen, kommen wir an einem Markt vorbei. Heute ist hier niemand, nur einmal in der Woche herrscht hier reges Treiben, zwischen den Bergdörfern und das sieht man auch. Müll liegt zwischen dem grünen Gras und erinnert uns daran, was unsere Mission hier ist. Es tut geradezu im Herzen weh, wenn man vom friedvollen Dorf aus schon wieder Autos am Eingangspass beobachten kann, die definitiv nicht von hier stammen. Touristen….

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Als wir beide auf einem riesigen Stein sitzen und in weite Ferne schauen, eröffnet mir Merlin einen völlig neuen Blickwinkel auf Dallapalli: Ewig kann man hier nicht bleiben, dazu würde dieser Ort bald zu trostlos werden. Hat er damit recht?

Erst will ich es abstreiten, doch weiß ich es eigentlich besser. Beim letzten Mal gab es bereits einige Momente, die einfach unsäglich langweilig waren, weil einfach nicht passiert ist. Alle gehen hier ihrer normalen Arbeit nach, sind beschäftigt, aber danach? Was bleibt diesen Leuten? Wenig. Da mag das Dorf noch so schön sein, die Natur noch so grün und atemberaubend, irgendwann ist der Zenit erreicht, wo man nicht mehr kann, besonders nicht als weißer Europäer. Davon bin ich momentan noch weit von entfernt, aber ich verstehe Merlins Sicht….Als wir zurückkehren ist das Essen immer noch nicht fertig, weshalb wir beschließen erneut in die andere Richtung zu marschieren. Das Wandern ist des Freiwilligen Lust!

Das soll die nächsten Tage auch exzessiv ausgelebt werden, doch vorerst heißt es Reis essen und schlafen gehen. Alle anderen kommen selbstverständlich wieder mit und so, wie wir da zu siebt liegen, Merlin, Sathibabu, Bonjibabu, Padma, Rajama, Ich und noch irgendein anderer Dörfler, überkommt mich die Müdigkeit und ich schlafe ein, ohne an die nächsten Tage zu denken, die uns einiges an Energie abverlangen werden….