Das Wandern ist des Freiwilligen Lust – Rough trip rises

 

Tag 2-3

Gegen halb sechs wache ich auf! Mir ist verdammt kalt und ich muss dringend mal auf´s Klo. Schon die ganze Nacht kriecht die Kälte von Dallapalli durch meine dünne Decke und meine Klamotten, sodass ich, als ich aufstehe, ganz zittrig bin. Als ich aber aus der Lagerhalle heraustrete erschlägt es mich fast, als ich den rosaroten Sonnenaufgang über den grünen Hügeln sehe.

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Kleine Vögel fliegen darauf zu, werden immer kleiner, bis sie nur noch unklare Umrisse am Horizont sind und verschwinden irgendwann in weichen Rottönen der strahlend aufgehenden Sonne, die sich, wie ein gleißender Teppich, über die Dächer Dallapallis legt. Ein unglaubliches Bild. Am liebsten würde ich diesen Moment einfrieren, wenn ich könnte, um ihn niemals verschwinden zu lassen. Doch das Einzige, was momentan eingefroren ist, sind meine nackten, kalten Füße, also mache ich schweren Herzens Kehrt und grabe mich ganz tief ein, in meine Decke.

Zwei Stunden später kehrt das Leben in meinen auftauenden Körper zurück und so beschließen wir prompt, einer inneren Eingebung folgend, vor dem Essen bereits eine große Wanderung zu unternehmen. Wir kommen an dem Dorf vorbei, wo ich Wochen vorher mit Gayathri in ein Haus eingeladen wurde, um Reis zu essen. Damals, war es dunkel, jetzt strahlt die Sonne auf uns herab, wir bestaunen, die umliegenden Reisfelder und werden von ganz herzlichen Ureinwohnern, mit Zahnbürste im Mund, gegrüßt.

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Wir grüßen sie, mit einem frischen „Good Morning“, zurück und entschließen uns eine große Runde zu drehen. Vorbei und mitten durch Reisfelder, sehen wir Feldarbeiter, die mit ihren Kühen, ganz altertümlich ihren Acker umgraben. Die würden Augen machen, wenn jetzt ein riesiger Mähdrescher sich durch ihr kleines Feld pflügen würde. Wir folgen einem Kuhhirten auf dem Weg zur Arbeit, sehen dabei zu, wie er seine Kühe genervt davon abbringt überall stehen zu bleiben, um zu weiden und sehen in weiter Ferne Bauern, die mit einer kleinen Minisense Gras säbeln.

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Wie stark die Menschen auf dem Feld einfach sind! Tag für Tag unternehmen sie kilometerweite Wanderungen, hacken Holz auf den Hügeln und tragen es den steilen Berg hinunter, laufen damit bis zurück ins Dorf, bestellen den Acker und sensen Gras. Diese Leute brauchen definitiv kein Fitnessstudio. Die meisten sind durchtrainiert, sehen ungeheuer stark aus, selbst die Frauen, die tagtäglich ihre kiloschweren Wassereimer auf dem Kopf tragen, könnten wahrscheinlich mehr stemmen, als wir beide. Alles getreu dem Motto: Mein Fitnessstudio ist Dallapalli! Jeden Abend trifft sich auch die Dorfjugend, um mit einem maroden Fußball Volleyball zu spielen und das so gut, dass sie locker kleinere Amateurvereine in Deutschland in die Tasche stecken würden.

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Mir wird angeboten mal mitzuspielen, doch als ich sehe, wie gut die Farmer spielen, da Volleyball wohl eines ihrer wenigen Hobbies ist, lehne ich dankbar ab. Ich kann zwar spielen, aber lange nicht so gut. Der Dallapalli SC braucht keine Amateure wie mich. 😀
Wir schlagen uns wortwörtlich durch die Reisfelder, nehmen die kleinen Pfade, die die Felder voneinander trennen und latschen das ein oder andere Mal ausversehen in eine, von Wasser bedeckte Reispflanze.

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Wir springen über kleine rauschende Rinnsale und Flüsschen und sind nach sechs Kilometern Laufen fix und fertig, als wir nach zwei Stunden wieder im Dorf ankommen. Jetzt haben wir unser Frühstück redlich verdient. Normalerweise würden wir im weit entfernten Hyderabad noch schlafen, doch hier, wird die Welt noch vor 10 Uhr verändert. Der ganze Tag steht uns noch weit offen! Zudem stelle ich fest, dass man zu zweit viel mehr Ansporn hat etwas zu tun. Damals, als ich alleine hier war, war es doch deutlich schwerer sich zu etwas motivieren zu lassen, da niemand anderes da war, mit dem man eine Wanderung hätte unternehmen können.

 

Nach einem nährstoffreichen Frühstück in Bonjibabus kleiner Bleibe, heißt nun mit den Jungs auf Fotojagd zu gehen. Wir versuchen Tiere, Pfanzen und Müll zu finden, um sie dann zu fotografieren, was ohne Autofokus wahnsinnig anstrengend ist. Entdecken wir beispielsweise einen Gecko, halte ich gespannt die Kamera vor die Augen, atme tief ein, suche die richtige Fokussierung, zittere vor Anspannung, drücke ab und…! Ich atme aus. Das Bild muss einfach scharf gewesen sein! Ich schaue auf´s Display. Nein, das war ein Satz mit X! Nochmal! Ein bisschen genervt scheinen die anderen von meinem ewigen Fokussieren schon zu sein, aber dagegen kann ich jetzt auch nichts machen. Wäre der Postbote mit den neuen Objektiven doch nur früher gekommen. 😀

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Was mich auch weiterhin sehr stört, sind die Wolken. Am Morgen, war es bis zum Horizont klar, doch als wir unseren Rückzug antraten sahen wir schon, wie eine gewaltige Wolkenfront auf uns zu kam und bald alles verschluckte. Damit einher verstummten die Vögel, die Sonne wurde verschluckt und die Sicht begrenzte sich auf maximal 20 Meter.

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Alles wird dadurch grau und Bilder werden nicht so, wie ich sie haben will. Ich mag warme Farben auf Bildern am liebsten, so fotografiere ich unheimlich gerne, wenn die Sonne so richtig schön auf uns hinter scheint, oder sie gerade ihren Zenit erreicht. Doch zu dieser Jahreszeit, spielt mir das Wetter in Dallapalli übel mit. Nur morgens und abends, verschwindet, dieser Nebel des Grauens und man kommt dazu schöne Bilder zu machen.

So macht es mir bald wenig Spaß alles Mögliche zu fotografieren, da ich weiß, dass dieses graue Bild definitiv nicht schön werden kann.

 

Desweilen sehen wir eine sehr rührende Szene. Nach einiger Zeit des Wanderns nimmt ein Inder, der mit Sathibabu befreundet ist, ihn bei der Hand und gemeinsam schlendern sie Händchen haltend durch die Pampa. Das tun indische Männer, um ihre verbundene Freundschaft zu symbolisieren und oft wurde das in allen möglichen Reiseführern über Indien beschrieben, aber nie halben wir es mit eigenen Augen gesehen. Drum finde ich das in diesem Moment einfach wahnsinnig süß, welch inniges Verhältnis die beiden doch haben.

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Dann wird es auf einmal spannend. Die Jungs haben sich dafür entschieden jetzt auf Krabbenjagd zu gehen! Wir nähern uns einem plätschernden Strom und Sathibabu, Bonjibabu und die anderen heben schwere Steine an, um Krabben zu finden. Mit tatsächlichem Erfolg. Im tiefen Schlamm der Dallapalli-Gewässer, kommen tatsächlich viele kleine Tierchen mit protestierenden Klappern ihrer Scheren zum Vorschein und da man so viele findet, beschließen die Inder abends eine Krabben-Partie zu feiern.

Diese kleinen Geschöpfe sollen nämlich echt lecker sein. So hopsen wir eine Stunde durchs Wasser, jauchzen ausgelassen, wenn sich eine Krabbe am großen Zeh von Sathibabu festgekrallt hat und sind am Ende mit einer Ausbeute von 10 Krabben recht zufrieden.

Und tatsächlich würden wir sie gegen Abend, nachdem wir sage und schreibe mehr als 18.000 Schritte gemacht haben, verspeisen. Also die anderen! Ich halte mich an mein Vegetarierdasein, dass vor Wochen hier ja schon einmal kräftig gelitten hat.

Die Nacht beginnt und wir müssen einsehen, dass wir morgen bereits die Zelte abbrechen müssen, um in dieses Katiki überzusiedeln. Gerade, wo wir uns hier zurechtgefunden haben. Erneut wird mir bewusst, wie sehr ich Dallapalli mit seinen Einwohnern, die dieses Mal schon deutlich aufgeschlossener sind, als damals, ins Herz geschlossen habe. Wir packen unser Hab und Gut zusammen und fallen auf der Stelle ins Bett. 18.000 Schritte machen einen sehr müde. Doch zum Schlafen kommen wir gar nicht, da Sathibabu, der wieder zusammen mit uns in einem Raum schläft, beschließt das Licht brennen zu lassen. Er vermittelt uns ausdrücklichst es die Nacht über anzulassen. Wirklich verstehen warum das jetzt so gemacht wird, verstehen wir nicht, aber akzeptieren es erst einmal. Mit schweren Folgen. Mitten in der Nacht ist es dermaßen hell im Raum, dass Merlin und Ich kein Auge zudrücken können, wir wälzen uns hin und her, kommen aber nicht zur Ruhe. Dann irgendwann reißt mir der Geduldsfaden, ich stehe entnervt auf und schalte das Licht, in der Hoffnung, das Sathibabu fest schläft, aus. So!

Für zwei weitere Stunden lässt es sich außerordentlich gut schlafen, bis unser guter Freund plötzlich aufwacht und bemerkt, dass es stockduster ist. Das kann er nicht auf sich sitzen lassen, warum auch immer, und schaltet die Flutlichtanlagen des Raums wieder ein. Es brennt in den Augen, wir stöhnen auf, aber uns fehlt einfach die Kraft, die Lichter erneut auszuschalten.

Um halb sechs müssen wir aufstehen, mehr oder weniger total fertig und miesepetrich. Das wird ein harter Tag, beschließen wir im Voraus. In der Tat, werden wir mehr als 13 Stunden auf den Beinen sein, doch davon ahnen wir bisweilen noch nichts.

Erneut sehen wir der Sonne beim Aufsteigen zu, dieses Mal ist sie sogar noch schöner, noch gleißender und strahlender, als gestern und da fast alle Einwohner schon auf den Beinen sind, beschließe ich durchs Dorf zu pilgern, währenddessen wohlriechender Chai, über einem Feuerchen brodelt.

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Die Menschen grüßen mich freundlich, einige versuchen sogar mit mir zu reden, was leider total in die Hose geht, da ich kein Telugu spreche und sie kein Englisch. Doch nur zu gern, würde ich ihre Geschichten kennen, wer sie sind und was ihr tägliches Handwerk ist.

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Doch zu spät. Nach dem Chai, steigen wir in eine Riksha und entfernen und immer mehr von Dallapalli und seinen Menschen. Es verschwindet im goldenen Schein der Sonne, doch bereits jetzt, sehen wir, wie der Nebel des Grauens die Landstraße verschluckt. Wir können kaum mehr als fünf Meter weit schauen und trotzdem heizt unser Fahrer über die Straßen, so als sei der Teufel hinter ihm her.

Nach anderthalb Stunden halten wir abrupt. Sackgasse! Wir sollen aussteigen. Was sollen wir hier? Wo sind wir hier? Genau das werden wir uns heute noch öfters fragen.

Wir haben vor einem kleinen Tempel gehalten und tief unten hören wir Wasser rauschen.

„Matsyagundam!“ erklären die Jungs.

„Tourist place! Make pictures!“

 

Ah! Davon hat uns Bhanu erzählt. Dieser Ort, namens Matsyagundam, hat einen kleinen Wasserfall, weshalb dieser Platz sehr begehrt bei Touristen ist, was wir auch sofort daran sehen, wie dreckig dieser Platz ist. Überall liegt Müll. In den Büschen, auf den Straßen, auf der Treppe, die hinunter zum Wasserfall führt, überall. Der Wasserfall selbst, ist eher enttäuschend, ist nicht mehr als kleine rauschende Kaskaden, die in einem riesigen grün-grauen See münden. Doch auch hier, obwohl es erst früh am Morgen ist, finden sich schon einige indische Touristen, die davor Bilder machen. Klar, man kann diesem Ort nicht abschreiben, nicht fotogen zu sein, machen wir doch selbst, auf einer höhergelegenen Aussichtsposition einige schöne Bilder, aber ist es das wert, diesen Ort deswegen so zu verschmutzen? Nein..

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Wir wollen schnell weiter, doch es kommt kein Fahrzeug, dass uns abholt. Also müssen wir laufen. Die ganze lange Strecke, zurück bis zur Hauptstraße, mit unseren Backpacks.

Und dann sehen wir sie. Riesige große Spinnen….