Du hast es nicht leicht, aber das hast du dir auch verdient. :D – Rough trip never ends

Tag 3

 

In ihren riesigen Netzen lauern sie. Lauern auf Beute, wie kleine Schweine und süße Babyhunde. Spinnen. Größer als normal und fähig ihre Hauer in den Beinen unschuldiger Freiwilliger zu versenken…

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Nein, natürlich alles Quatsch. Klar, die Spinnen sind riesig, eine Handlänge groß und sehen schon irgendwie gefährlich aus, wie sie da so in ihren Netzen hängen. Die Netze, so fein gesponnen und beinahe meterlang, erinnern mich auch irgendwie an das Spinnengeflecht im Düsterwald im tiefsten Mittelerde, aber die Jungs versichern uns, dass diese Spinnen keinem etwas zu leide tun. So ganz überzeugt davon bin ich nicht und schrecke mehrfach zurück, als sich die achtbeinigen Viecher ruckartig bewegen.

 

Schnell gehen wir weiter. Schließlich wollen wir irgendwann die Hauptstraße erreichen, um schnellstmöglichst mit einem rollenden Gefährt zu unserem Ziel, das Dorf Katiki, zu kommen. Doch der Weg dahin, soll noch um einiges beschwerlicher und seltsamer werden, als anfangs noch vermutet.
Die letzte Nacht unter Flutlichteinfluss und das frühzeitige Aufstehen zur Sonnenaufgangszeit in Dallapalli machen uns träge und müde, aber dennoch wollen wir ruckzuck von Matyagundam, mit seinem Müll, verschwinden.
Knapp eine halbe Stunde laufen wir bergab, gern auch bergauf und beginnen nach einiger Zeit zu schnaufen uns zu schwitzen. Ein 15 Kilo Backback-Rucksack ist manchmal doch etwas hart zu tragen. Besonders bei 32 Grad im Schatten.

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Mittlerweile zweifle ich in Tat an meiner heimlichen Idee, die ich im Vorbereitungsseminar bekam. Damals hielt ich es für aufregend nach dem Jahr nach Deutschland zurückzutrampen! Einige Freiwillige wären schnell gefunden, die das auch machen würden, aber voll beladen mit all seinen sieben Sachen, mit seinem ganzen Krams, der sich für ein Jahr so angesammelt hat, 6000 Kilometer zurück zu marschieren? Hm, die Idee scheint noch mir nicht ganz ausgereift. 😀
Wir kommen an kleinen Dörfern, mit vielen lachenden Kindern vorbei, die sich kurzerhand total beömmeln, als ich ihnen zuwinke.

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Dann erreichen wir endlich etwas ähnliches, wie eine Bushaltestelle, wo tatsächlich bald ein Bus kommt. Ich lasse mich auf einen Sitz fallen und werde auf der Stelle von einem neugierigen Inder im perfektem Englisch angesprochen. Ich vertiefe mich in ein Gespräch mit ihm. Er kommt aus Bangalore und spricht unglaubliche sieben Sprachen. Telugu, Kannada, Hindi, Tamil, Englisch und noch andere und das ohne sich zwischen den Sprachen zu verzetteln! Wow, diese Inder haben es echt drauf, mit Sprachen lernen.

Apropos! Generell sollen die Menschen hier schnell lernen. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Bhanu am Abendbrotstisch zurück, als wir über die verschiedenen Bildungssysteme redeten. In Indien wird unglaublich viel Theorie beigebracht, alles muss perfekt auswendig gelernt werden, sodass der Inder wahnsinnig viel an Wissen in seinem Kopf hat. Problem: Durch die fehlende Praxis, kann er das Gelernte fast nie wirklich anwenden.
Ausgenommen davon scheinen aber Sprachen zu sein, wo wirklich viele, denen ich bereits begegnet bin, mindestens dreisprachig sind.

Schlagartig, ich hätte mich wirklich gerne weiter unterhalten, steigen wir aus, erneut weiß ich nicht wo wir sind, was wir hier machen sollen und wann wir wieder gehen. Mehrfach frage ich die Jungs, doch irgendwie wirken sie so, als wollten sie mich nicht verstehen. Überall Menschen! Autos Hupen, Ladenhändler brüllen, totales Chaos! Nach zwei Tagen der Ruhe ist das echt überfordernd!
Wieder irgendein touristischer Platz, etwa? Und da! Ladyboys! Sie kommen direkt auf uns zumarschiert, eine/ einer bedrängt Merlin, will das er ihn…sie… umarmt. Merlin, leicht angewidert, versucht ihr/ihm auszuweichen, doch er/sie will sich nicht abbringen lassen und ruft Merlin, als er es doch schafft, ein hoch gekreischtes „I love youuuuuu!“ hinterher. Ich bin ihnen wahrscheinlich nicht ganz geheuer, mit meinem riesigen Backpack auf den Rücken, drum lassen sie mich in Ruhe. Find ich, ehrlich gesagt, ganz gut.
Die ganzen Leute schauen uns komisch an und lächeln schüchtern. Einen Deutschen, der von einem indischen Ladyboy angeflirtet wird, haben sie wohl noch nicht so oft gesehen.

Dann sehen wir den Grund weshalb wir hier sind. Erneut fließt, einige Treppen unter uns, ein kleiner Wasserfall vor sich hin, der in einer kleinen Quelle mündet, wo hunderte Inder ihre Füße reinhalten. Also die Inder scheinen Wasser, das nicht verdreckt ist, unendlich zu lieben, so scheint es mir. Blöd nur, dass sie aus jedem bisschen Klarheit gleich eine Attraktion machen. Und was darf dabei natürlich nicht fehlen? Genau! Der Müll. Deswegen sind wir hierhergekommen. Um ihn zu fotografieren.

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Ich versuche mein Bestes, während wir von einigen Bettlern nach Geld gefragt werden, die nächsten Ladyboys verführerisch in unsere Richtung schauen und der Lärm der Touristen mein Trommelfell reizt. Warum habe ich in letzter Zeit keinen schönen touristischen Ort gefunden, der sowohl davor, als auch nach dem Touristenansturm schön war? Ich will hier weg und zwar sofort.

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Nach einigem Warten kommt der nächste Bus, wir steigen ein und stecken mal wieder in einem großen Schlamassel. Der Bus ist voll, ich remple mal wieder alle Insassen mit meinem Freund den Rucksack an und komme zu dem Entschluss, dass allem geholfen ist, wenn ich mich direkt an die offene Eingangstür setze und die Füße aus dem Bus hängen lasse. Somit muss ich jedes Mal schwerfällig aufstehen, wenn jemand rausmöchte, es sei denn dieser jemand will über mich drübersteigen, aber diese Wahl ist doch erheblich besser, als durch die vielen Serpentinen hin und her geworfen zu werden. Der Bus hupt und rast um sein Leben, wir werden bis auf die Knochen durchgeschüttelt, ständig wechselt sich die Umgebung zwischen Natur und Hexenkesseldorf ab, das bedeutet, dass man eigentlich nie zur Ruhe kommt. Man beginnt sich zu entspannen, sieht man nur noch grün und gigantische Bergriesen vor sich, wird aber sofort aus seiner Gelöstheit gerissen, als es beginnt von allen Seiten wie wild zu kreischen, Kokosnuss, Granatapfel und Bananenhändler lautstark ihre Waren preisbieten, der Verkehr das ein oder andere Mal zum Erliegen kommt, was ein Hupkonzert mit sich trägt und Kühe protestierend muhend im gemäßigtem Schritt über die Straßen schlendern.

Jäh, ziehen uns Sathi und Bonji erneut nach draußen, ich frage schon gar nicht mehr, wo wir sind, es macht eh keinen Sinn und lasse mich von beiden durch das Chaos treiben. Ich zücke meine Kamera, bereit den nächsten Müllhaufen zu fotografieren, als wir plötzlich vor einem mit goldenen Lettern verzierten Tor stehen. Ureinwohner Museum? Wie jetzt? Das stand jetzt aber nicht auf unserer ToDo-Liste.

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Wir betreten ein riesiges Areal voller Ureinwohnerstammrelikte und Ureinwohnerpuppen, mitten drin ist ein kleiner See, auf dem gelbe Tretboote durch die Gegend schippern und nirgendwo liegt Müll! Völlig absurd, diese Situation! Ich fühle mich wie im falschen Film. Was machen wir hier? Die Jungs führen uns durch dieses Gebiet, zeigen uns wahnsinnig tolle Alltagsgegenstände und Gebrauchsutensilien ihrer Vorfahren, sind dabei total begeistert, bemerken dabei aber gar nicht, wie verwirrt und müde wir dreinblicken.

„Wow, eine Sense…“

„Wow, Maiskörner… Das haben die früher gegessen? Nein, sag bloß…“

„Wow, eine lebensgetreue Puppe, die eine Ureinwohneroma darstellt. Total fetzig…“

Ja, unsere Begeisterung steht uns wahrlich ins Gesicht geschrieben. Ich sehe eine Gruppe von Omaureinwohnerpuppen in einer Reihe aufgestellt, in der Mitte ist ein Platz frei, wo sie die Leute hinstellen können, um sich gemeinsam mit den alten Gips-Großmütterchen abbilden zu lassen.

Huch! Obacht! Das habe ich schon einmal gesehen, schießt es mir durch den Kopf! Ja, als ich das erste Mal in Dallapalli saß, haben mir die Jungs Bilder auf ihren Handys gezeigt und eins zeigte sie, in genau ebendieser Herde aus versteinerten Omas. Damals fasste ich schnell den Entschluss hoffentlich nie zu diesem Ort kommen zu müssen und tadaa! Hier stehe ich nun. Super!

Wir sind müde, geschafft, verwirrt und brauchen dringend eine Pause. Doch die Jungs spurten weiter, bis wir sie schließlich überzeugen können Mittag zu essen. Auf dem Weg zu einem kleinen Restaurant sieht uns ein kleiner dicker Inderjunge. Völlig begeistert schaut er uns an, sein Mund steht weit offen und ihm widerfährt ein kleines „Ohh!“

Dann entsinnt er sich der Kamera, die sein Vater, einige Meter weiter in der Hosentasche hat, ruft uns zu, dass wir warten sollen, rennt total aufgeregt zu seinem Erzeuger und bettelt darum, mit diesen Weißen dahinten doch ein Selfie zu machen. Dieser stimmt zu und der Junge freut sich, als wäre gerade sein Geburtstag, Weihnachten und Neujahr auf einen Tag gefallen. Selten so große Freude gesehen. Ich glaube, wir sollten echt damit anfangen 100 Rupien für jedes Bild zu nehmen..

 

Wir essen zu Mittag. Es ist gerade einmal 12:00 Uhr, mehr als die Hälfte des Tages liegt noch vor uns, es will kein Ende nehmen und wir, nun ja, sind bereits jetzt völlig platt.

 

Dann geht die Fahrt weiter, wir steigen in eine Riksha, doch sie will nicht losfahren, nein stattdessen lädt sie immer mehr Leute auf. Bald quetschen wir uns ganz dicht nebeneinander, ja ganze 13 Leute, vorne drei, auf den normalen Sitzplätzen sieben und hinten im Kofferraum vier, sitzen nun in dem kleinen Gefährt, es brettert los und wenig später bin ich erneut völlig durchgeschwitzt und ich merke bereits, wie ich anfange zu stinken. Nicht gut, wenn man das schon selber merkt!

Eine halbe Stunde später steigen drei Personen aus und instant kann man sich, den Umständen entsprechend, ausdehnen und das ist schon echt ein tolles Gefühl! Unglaublich, wie man seine Ansprüche zurückschraubt, wenn man außerhalb seiner Konfortzone ist.

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Dann steigen wir erneut, wie aus heiterem Himmel aus, diesmal mitten auf der Landstraße, um uns herum ist Wald und kein Zeichen jedweden Lebens. Und Nu? Dort! Ein kleiner steiler Pfad nach unten, ist aus dem Gebüsch geschlagen worden. Wohin soll der führen? Die Antwort lautet: Katiki. Im Ernst? Dieses Dorf ist nur durch so einen Pfad verbunden? Wie klein kann denn ein Dorf sein, wenn man es nur darüber erreichen kann. Es geht über Stock und Stein abwärts, schaut man zur Seite sieht man nichts als Abhang und den will man definitiv nicht hinunterfallen. Mittlerweile schwant es mir, dass es echt ne bescheuerte Idee war meinen 17 Kilo Rucksack mit auf diese Reise zu nehmen. Und warum zu Hölle habe ich keine Wanderschuhe an?! Es geht durch den dichten Dschungel, es ist heiß, es ist nass, meine neuen, in Hyderabad gekauften, Flip-Flops rutschen gefährlich zur Seite weg und sorgen das ein oder andere Mal dafür, dass ich fast zur Seite hin abstürze. Ja, ihr verwöhnten deutschen Pfadfinder, macht mir das mal nach, ihr mit euren hochwertigen Wanderschuhen und immer ausgezeichneten Wegen!

Nach dreißig Minuten abwärts laufen, zittern meine Beine, ich bin nassgeschwitzt und meine Schultern tun weh. Zu allem Überfluss scheinen wir immer noch weit entfernt von unserem Ziel zu sein, denn immer, wenn wir die Jungs fragen, wann wir denn da sein werden, sagen sie „fünf Minuten“.

Das Problem: Nach weiteren zehn Minuten sind es erneut fünf Minuten. 😀

Wie ich so durch die Landschaft schaue, erinnert mich das Gesamtbild doch sehr an Abbildungen des Vietnamkrieges. Wir könnten ebenso auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad unterwegs sein und in einem nervenaufreibenden Guerilla-Krieg gegen die Amerikaner kämpfen, so wie wir hier auf kleinen Schleichpfaden durch die Gegend schlurfen.

Plötzlich sehe ich einen halb aufgegessenen Maiskolben auf dem Boden liegen! Ein ganz klares Indiz, des menschlichen Daseins…