Streetdogs 2.0

Je länger ich nun in Indien lebe, desto mehr hat sich mein Verhältnis zu Hunden verändert. In Deutschland noch, ging ich den meisten, außer meinen eigenen, aus dem Weg.

„Fremde Hunde streichelt man nicht“, wurde  mir oft gesagt und damals hatte man auch überhaupt keinen Grund dazu. Wozu auch, wenn man selbst seine beiden Halunken um sich herumhat, die wahrscheinlich eifersüchtig werden würden, zöge ich ihre wohlverdiente Streicheleinheit, nicht bei ihnen vor. In Indien jedoch, beobachte bei mir ich zunehmend ein verändertes Benehmen, kommt ein fremder Hund in meine Nähe. Ich würde am liebsten jeden Straßenhund streicheln, wenn sich mir die Gelegenheit dazu bieten würde. Die meisten sehen auch so aus, als hätten sie es bitter nötig, etwas Herzenswärme zu bekommen.

Ich habe bereits darüber geschrieben, aber diese Thematik liegt mir immer noch sehr am Herzen. Straßenhunde.

Da liegen sie, unter den parkenden Autos, mitten in der Gegend, oder vor den Hauseingängen und werden gründlich von den meisten Indern ignoriert, gerne auch verscheucht und geschlagen.

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Gehe ich vor einem dösenden Straßenhund in die Knie und tue nichts Anderes, als ich mich vorsichtig und leise zu verhalten, so kann folgenden Prozess beobachten.

  1. Aufwachen
  2. Mich anschauen
  3. Irritiert dreinblicken
  4. Den bösen Menschen erkennen
  5. Ängstlich die Ohren anziehen
  6. Schnell das Weite suchen

Die meisten mussten wohl bereits früh böse Erfahrungen mit den Menschen gemacht haben, sie wirken gebrochen, versuchen nicht erst zu knurren, um einem irgendwie Angst zu machen. Das scheinen die indischen Straßenhunde längst verlernt zu haben. Das Einzige, was sie normalerweise von den Menschen erwarten können, ist keine Freundlichkeit und Nächstenliebe. Sie scheinen zu wissen, dass sie ganz klar die Unterlegenden sind und definitiv den Kürzeren ziehen werden, würden sie Drohgebärden machen.

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Doch auch in diesem Fall ist es ganz klar, wie immer in Indien, von Gebiet zu Gebiet zu unterscheiden, wie ich seit dem letzten Eintrag über die Straßenhunde, gelernt habe. In den reichen Gegenden Hyderabads wird man mehr Hunde finden, die sich näher an den Menschen herantrauen, die durchaus freundlicher mit ihnen umgehen, als die Leute in den ärmeren Vierteln, wo wir leben.

Vor einigen Monaten saßen Merlin und Ich in einem dieser besagten Reichenviertel Hyderabads und warteten auf die Mädels, die gerade am Shoppen waren. Ein kleiner weißer Mischlingshund lief an uns vorbei, ich pfiff ihm hinterher, er blieb stehen, schaute irritiert in unsere Richtung und lief schwanzwedelnd auf uns zu, als wir ihm, mit fröhlicher Stimme geboten herzukommen. Glücklich schmiegte er sich an uns, schaute uns mit treuen Knopfaugen an und hätte mir am liebsten durchs Gesicht geleckt, so fröhlich war er, beachtet zu werden. Dann jedoch kamen andere Menschen, die er wahrscheinlich kannte, zog winselnd den Schwanz ein und rannte davon, ins indische Verkehrschaos. Wenig später sahen wir ihn auf einem Müllberg nach Essen suchen, er sah uns, wedelte mit dem Schwanz, aber blieb dort, wo er war und senkte seinen Blick. Manche Hunde wollen ernsthaft den Kontakt zu den Menschen suchen, aber die meisten verweigern ihnen diesen, auf sehr unschöne Art.

Drum ist es umso schöner, wenn man sieht, dass Hunde auch ein fröhliches Leben mit den Menschen führen können. In Hampi waren die Straßenhunde glücklich, wurden sie von allen versorgt, sie bekamen Essen und viele streichelten sie auch.

Damals in Hampi habe ich einen Hund gesehen, der unbedingt mit einer Kuh spielen wollte, das habe ich bereits in einem vorigen Eintrag erwähnt. Was ich damals jedoch ausgelassen habe, ist, dass nach dem genervten Abgang der Kuh, der Hund nicht sofort schlafen ging, sondern versuchte die indischen Kinder, die wenige Meter von ihm entfernt standen, zum Spielen zu motivieren. Und die Kinder lachten, als der Hund verspielt um sie herumsprang. Das fand ich wahnsinnig süß, gibt es doch eine ganz andere Sorte von Kindern, nämlich die in Dallapalli und Poolabanda, die schon von früh auf dazu erzogen werden Hunde mit Füßen zu treten. Dort sah ich einen vierjährigen Jungen mit einer Schüssel in der Hand, der diese, ohne zu zögern auf einen ahnungslosen Hund warf, weil er einfach nur in der Nähe war.

Vielleicht mag das nur ein Abriss von etwas viel Größerem sein, schließlich sehe ich nur ein Bruchteil des Lebens auf den Dörfern und ganz sicher weiß ich auch nicht 100%ig was auf den Straßen 24/7 passiert, denn schließlich gibt es immer Ausnahmen, wie die drei neugierigen Jungs in Katiki, die gespannt und wissbegierig auf die Hundemutter, die in der vergangenen Nacht Junge zur Welt gebracht hat, schauen…

 

Apropos: Wie geht es der Hundefamilie in unserer Straße? Damals im August lebten sie zu siebt ein süßes, behagliches Leben und wir hatten uns vorgenommen, ihnen die Angst vor den Menschen etwas zu nehmen. Nun, für ein Familienmitglied ist es bereits zu spät, denn heute sind es nur noch sechs. Das jüngste Mitglied der kleinen Rasselbande verschwand urplötzlich von einem auf den anderen Tag und kam seitdem auch nicht mehr wieder. Man kann sich in allerlei Illusionen stürzen, dass der kleine Racker vielleicht noch lebt, aber so schön diese Vorstellung auch ist, sie kann nur falsch sein. Die Straße, gerade für Hunde, ist ein hartes Pflaster, wo es meist nur ums Überleben geht. Survival of the fittest. Die Kleinen haben da das Nachsehen, besonders in der Nacht, wenn der Einflussbereich der Menschen schwindet und der der Hunde beginnt. Es hat sich gebessert, aber, wenn es dunkel wird, beginnt das Heulen, das Bellen und der stetige Kampf um Revier. Zu sechst ist unsere „La familia“ deutlich schwächer als vorher, man sieht jetzt schon deutlich mehr Hunde in unserer Straße, die dort ohne Zwischenfälle langlaufen und so ungefragt das Revier unserer Streuner betreten.

Hätte unsere Familie doch noch ihren siebten Teil, unseren kleinen Freund, dem ich schon fast das Kommando „Sitz“ beigebracht habe. Jetzt kann ich das wohl nicht mehr….

 

Dem Rest geht es aber ausgesprochen gut. Immer wenn ich vor die Tür trete, um beispielsweise Bananen zu kaufen, ist als allererstes der Papa an meiner Seite, der wohl der zutraulichste Hund in Indien ist, den ich bisher getroffen habe.

DSC_1338Nach einer ausgiebigen Streicheleinheit, gehe ich weiter und bald begleitet mich, im Gänsemarsch, mindestens die halbe Hundefamilie, die so wie es scheint, uns sehr lieb gewonnen hat.

Stets an Papas Seite: Die Mama. So ein inniges Hundeverhältnis habe ich selten bestaunen dürfen, sie klebt förmlich an ihrem Mann, leckt ihm schwanzwedelnd durchs Gesicht und freut sich des Lebens. Auch wenn ich komme, scheint sie sich vor Begeisterung nicht mehr einzukriegen, kommt ganz nah an mich heran, schreckt aber nach wie vor immer wieder zurück, möchte ich sie streicheln. Es wirkt so, als könne sie sich nicht entscheiden, als ob sie einerseits gerne würde, aber andererseits am liebsten total woanders wäre, was sie selbst „tierisch“ aufzuregen scheint.

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Die Kinder sind nach wie vor, sehr schreckhaft, besonders das eine das selbst schon zusammenschreckt, landet ein Leckerli vor seinen Füßen. Eins traut sich schon mir ein Stück Kauknochen aus den Händen zu stibitzen, was die anderen Kleinen wahnsinnig beeindruckend finden, schaut man in ihre erstaunten Gesichter. Wenn sie könnten, würden sie wohl Beifall klatschen.

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Interessiert sie alle an uns, alle wedeln vergnügt mit dem Schwanze, wenn sie uns sehen und das entlockt doch einem schon ein warmes Lächeln. Hunde sind auch ohne körperliche Nähe, wahnsinnig treu und man merkt an dieser Familie, dass man echt ein paar kleine süße Freunde gewonnen hat, auch wenn beide sich bisher kaum abgetastet haben. Man merkt auch vielleicht an den Fotos, wenn man sie mit dem letzten Mal vergleicht, dass sich ihre Blicke teilweise entspannter sind als noch vor wenigen Monaten, wo sie bereits das Weite gesucht haben, kamen wir nur in ihr Blickfeld.

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Auch wenn ihr Einflussbereich nicht gerade der Beste ist, nebenan ein ekelig stinkender Fluss fließt, aus dem sie des Öfteren trinken, teilweise sogar ganz eintauchen und ihre Hauptmahlzeit hauptsächlich aus Müll besteht, sieht man ihnen ihre Zufriedenheit an.

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Wir sehen sie öfters durch die Straße toben und spielen und das entlockt einem ein echtes Grinsen, wenn man sie genauso spielen sieht, wie meine Hunde aus Deutschland spielen würden. Hund bleibt Hund, Spieltrieb, Liebe und Freude ist überall, egal, ob Europa, oder Indien, bei ihnen ausgeprägt. Es kommt mittlerweile jedoch oft nur noch darauf an, was der Mensch aus ihnen macht…