Alltagsleben – Kleine Geschichten für zwischendurch – Teil 2

Nun, der Alltag ist im Dhaatri-Office einkehrt und damit auch Ruhe und Gelassenheit, so möchte man meinen. Aber, denkste! Einen sogenannten Alltag, so wie man ihn von daheim kennt, wo man einfach seiner Arbeit nachgeht und jeder Tag dem vorhergegangenen gleicht, gibt es für uns eigentlich nicht. Klar, wir haben unsere Vorschriften, sowie den Vertrag, wo uns ein geregelter Tagesablauf versprochen wird, aber ich glaube, es hat noch nie eine Woche gegeben, die durchgängig daraus bestand, den Vorschriften nachzugehen. Immer kam irgendetwas dazwischen, ständig gibt es Dinge, die uns aus dem Alltag herausreißen und von diesen Dingen möchte ich nun erzählen.

Zudem lernt man die Inder immer mehr kennen und zu schätzen und bekommt immer mehr Eigenarten dieses Volkes zu spüren, drum möchte ich auch davon gerne berichten.

Los geht´s!

 

Da, wo Fleischesser „Nicht-Vegetarier“ genannt werden

Auf der Rückfahrt unseres zweiten Dallapalli-Trips müssen Merlin und ich fünf Stunden in Visakhapatnam ausharren, bis unser Zug kommt. Was macht man, um am besten die Zeit totzuschlagen? Genau! Ab zu McDonalds! Mit einem Uber-Taxi fahren wir in ein großes Kaufhaus, wo wir anfangs von einer Sicherheitskontrolle aufgehalten werden, die unsere großen Backpacks kontrolliert. Vor jeder indischen Shoppingmall wird man grundsätzlich überprüft, meist wird man schnell durchgewunken, aber wir müssen erst unseren ganzen Tascheninhalt vorzeigen bevor wir hineindürfen. Wir fahren die Rolltreppe hinauf, werden dabei von verwirrten Indern beäugt, die sich gewiss fragen, was zwei Europäer mit riesigen Taschen in ihrer Shoppingmall machen und betreten die heiligen Hallen der amerikanischen Burgerkette. Für mich als Vegetarier hat sich bereits vor dem Eintreten die Frage gestellt, ob es überhaupt sinnvoll ist, da zu essen, wo man sowieso nur Fleisch bekommt.

Aber im Endeffekt habe ich nicht mit der indischen Mentalität gerechnet. Mehr als die Hälfte der McDonalds-Produkte sind vegetarisch und die, die es nicht sind, werden als „nicht vegetarisch“ bezeichnet.

So ist es überall in Indien. Mehr als 40 % der Bevölkerung lebt ohne Fleisch und beherrscht somit den Markt. Hier, werden Fleischesser in der Tat als „Nicht-Vegetarier“ bezeichnet, was in Deutschland undenkbar wäre.

Aber in Indien bietet es sich auch an so zu leben, schließlich darf man keine Kühe essen, das finden die Hindus ganz schlimm und auch keine Schweine, da die Moslems diese als unrein ansehen. So bleibt dem fleischessenden Inder nur Hühnchen, anderes Fleisch wird nicht gegessen. Dem beugen sich auch die großen westlichen Burgerketten, wie „Burgerking“, oder McDonalds, an manchen heiligen Plätzen, wird dort sogar gänzlich auf Fleisch verzichtet.  Laut Angaben der UN essen Inder pro Jahr nur fünf Kilogramm Fleisch pro Kopf. So wenig, wird fast nirgends auf der Welt gegessen. Zum Vergleich:  In Deutschland werden pro Kopf durchschnittlich 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr verzehrt.

Indien ist dementsprechend ein echtes Paradies für Vegetarier, das heißt aber nicht, dass es automatisch mehr Salat und Gemüse gibt. Klar findet man unzählige Märkte und Stände, die Möhren,Tomaten,Gurken, Zwiebeln, Zitronen, Bananen, Kokosnüsse, Kürbisse, Äpfel, Granatäpfel, Melonen und vieles mehr für unter einen Euro  anbieten, aber man findet dafür nirgends Salat, da dieser nicht als vollständiges Nahrungsmittel angesehen wird. Kaltes Essen hat hier sowieso einen schlechten Ruf, von morgens bis abends gibt es heiße Speisen, gepaart mit vielen Gewürzen. Knoblauch beispielsweise steht ganz hoch im Kurs, besonders zum Frühstück, sodass es passieren kann, dass man, bevor der Tag beginnt, schon Mundgeruch hat. Lecker!

Frühstück übrigens scheint für die Inder unverzichtbar zu sein. Ohne ihr heißgeliebtes „Tiffin“, kann der Tag auf keinen Fall losgehen. Öfters, wenn wir am Morgen, zusammen mit einigen Indern, eine Verabredung haben und schnellstmöglich loswollen, wird erst auf ein Frühstück verwiesen, ohne das man auf keinen Fall aufbrechen kann. Andere Mahlzeiten sind zwar auch wichtig, aber niemals so existenziell wie das Frühstück, auch wenn man dafür wahrscheinlich nicht mehr pünktlich zu seiner Verabredung kommt.

Im Kontrast zu den Gemüsehändlern wird man auf den Straßen ebenso viele Stände, die unglaublich süße Süßigkeiten verkaufen, finden, die meistens wirklich nur aus Fett und Zucker bestehen. Ich hätte mir in der Tat nie erträumen können, dass etwas zu süß sein kann, doch oft habe ich schon in merkwürdige Dinge gebissen und sie danach wieder ausgespuckt, weil ich mir fast sicher war, nach dieser süßen Speise auf der Stelle Diabetes zu bekommen.

Ebenso ergeht einem bei öligen Nahrungsmitteln, Puri zum Beispiel, einem in Öl ausgebackenen Fladenbrot, dass zwar total lecker ist, aber eben auch ziemlich fettig.

Verhungern wird man hier auf jeden Fall nicht, so wie ich anfangs dachte. Indien, Land der Vegetarier und der Süßigkeitenliebhaber.

 

Eine Frage der Hand

Man isst ausschließlich mit der rechten Hand, die Linke wird dabei nicht gebraucht, entweder liegt sie unschlüssig auf dem Tisch herum, oder für besonders rebellische Hände, verschwindet sie darunter. Als Linkshänder, wie ich es einer bin, ist es in mancher Situation echt heikel, wenn man feststellt, dass man gerade schon wieder die linke Hand benutzt, sich umguckt und hofft, dass niemand es bemerkt hat.

Warum ist das so? Nun ja, die Linke gilt als unrein, da man sich beim Toilettengang mit ihr wortwörtlich den Hintern abwischt.

Oft ist es so, dass man sich mit der Linken, der unreinen Hand, sein Essen auftut und es mit der Guten verspeist, da die Rechte voll mit Essensresten ist und keiner den Topf, oder den Kochlöffel, mit dem man das Essen auf den Teller scheffelt, verschmutzen will.

Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, mit der Hand mein Essen aufzunehmen und kann mir in manchen Momenten sogar gar nicht mehr vorstellen mit Besteck zu essen. Momentan finde ich die Sachlage, so wie sie gerade liegt, sogar durchaus sinnvoller, als sich mit Hilfe von komischen Gerätschaften seine Nahrung in den Mund zu schieben. Klar, es mag für Außenstehende eklig sein, da im Nachhinein die rechte Hand total fettig und verklebt ist, aber stets wird sie danach abgewaschen. Jedes Restaurant besteht vor und nach der Nahrungsaufnahme darauf, dass man seine Hände unter einem Wasserhahn, der am Eingang jedes Wirtshauses steht, wäscht. Drum ist das überhaupt kein Problem.

 

 

 

Auf´s Klo gehen in Indien

Ist man fertig mit dem Essen, so ist es unvermeidbar, dass es irgendwann auch wieder raus muss. Und wohin? Genau, in die Toilette. Und indische Toiletten sind keineswegs mit den europäischen zu vergleichen, nein, oft bestehen sie aus einem ovalförmigen Loch im Boden, über das man sich rüber hocken muss. Dazu macht man eine gewagte Kniebeuge und verharrt in der Position bis man fertig ist. Kniebeschwerden, oder Rückenprobleme darf man da auf jeden Fall nicht haben. Papier, um sich den Hintern abzuwischen gibt es nicht. Dafür hat man seine linke Hand und einen kleinen Eimer Wasser, den man überall finden wird.

Das Problem mit den indischen Toiletten, besonders im Zug, ist, dass sie keine Spülung haben. Klar, man hat immer diesen Eimer Wasser an seiner Seite, aber das beseitigt nicht alle Überreste, sodass es in den Zügen, in der Nähe der Toiletten immer sehr stark nach Fäkalien riecht. Vor Indien war mir dieser starke Gestank gänzlich unbekannt, wirklich. Und nun gehört dieser Geruch fast schon zu den Hintergrunddüften am Bahnhof und auch in der Nähe von Flüssen. Warum da? Dazu später mehr.

Als ich das erste Mal mit dem Zug nach Dallapalli fuhr, bin ich das erste Mal mit einer solchen Toilette in Kontakt gekommen, das habe ich geschrieben, doch was habe ich davor einen Monat lang gemacht, wenn man doch eigentlich die ganze Zeit in Indien ist und demzufolge auch mit indischen Klos in Kontakt kommen sollte?

Es gibt auch westliche Toiletten, zwei davon stehen in unserem Office und meist wird man diese auch in den besseren Restaurants finden. Komplett westlich sind diese aber auch nicht, da die Abflussrohre zu klein für Toilettenpapier sind. Drum ist auch streng verboten welches zu benutzen. Man macht es entweder mit der Hand, oder, man benutzt einen Wasserschlauch, der manchmal neben den Klos installiert ist, was natürlich die eindeutig angenehmere Variante ist, will man sich die Hand nicht schmutzig machen.

Nun, warum riecht es an Flüssen so stark nach Fäkalien? Das liegt an den Männern, denen es erlaubt ist überall hinzupinkeln, wo sie wollen. Ständig sieht man am Straßenrand männliche Geschöpfe, die in die Straßenkanäle pieseln und wohlmöglich auch ihr großes Geschäft verrichten. Die Kanäle fließen als graue Brühe in den Fluss und drum ist es in dessen Nähe sehr schwer auszuhalten.

Frauen dürfen das übrigens nicht, sich einfach an der frischen Luft zu erleichtern.

 

Eine Geschichte über Bärte                                                                                    Über Facebook und einen Hyderabad-Newsletter haben wir eine Möglichkeit gefunden immer up to date zu bleiben und nach netten Ausflugsmöglichkeiten zu suchen. So haben wir auch eine Wanderaktivität gefunden, wo man durchs Grüne laufen kann. Dies wollen wir wahrnehmen, fahren früh am Morgen durch die halbe Stadt und warten, mit ein paar anderen wanderlustigen Indern auf die Organisatoren, die, als sie da sind, uns leere DinA4-Blätter geben und uns eröffnen, dass dies ein Ausflug wird, wo man die Gesichter der anderen zeichnen soll. Also damit haben wir nicht gerechnet, keiner von uns kann so richtig malen, aber gut, man kann´s ja mal ausprobieren. Im Kreis stehend, sollen wir das Gesicht unseres Gegenüber malen, wir machen uns an die Arbeit und kurze Zeit später habe ich ein detailgetreues Abbild meines Partners gezeichnet, das ihn zu 100% nicht wiederspiegelt. Trotzdem bin ich begeistert, dass ich meine Kunstgrundkurs-Fähigkeiten auf ungefähren Level wie damals halten konnte.

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Wir schlendern einem Berg hinauf und unterhalten uns mit den anderen Künstlern. Besonders die eine Organisatorin scheint für die Kunst zu leben, versucht sie uns allen zu erklären, wie man im Comic-Stil malt.

Oben auf dem Berg, lassen wir uns auf einem höher gelegenen Plateau nieder, vor uns erstrecken sich die grauen Hochhäuser von Hyderabad und die tiefstehende Sonne verspricht uns einen warmen Tag.

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Wir bekommen die Aufgabe uns einen Partner zu suchen und mithilfe unserer gezeichneten Figuren versuchen eine nette Geschichte zu kreieren. Im Geschichtenerfinden war ich schon immer gut, glaube ich, schnappe mir meinen indischen Partner, setze mich mit ihm an den Abgrund und überlege. Er hat einen Mann mit gewaltigem Bart gezeichnet, ich einen, mit geringem Flaum. Da meinem Kollegen vorerst nichts einfällt, fange ich an:

„ Wie wär´s damit: Der Mann ohne Bart sieht den Mann mit Bart und ist total eifersüchtig auf seine kolossale Haarpracht und möchte unbedingt auch so einen Bartwuchs haben. Er weiß sich nicht anders zu helfen und kommt auf die Idee, dem Mann seine Kotletten abzuschneiden. Das findet der aber nicht so lustig und ein großer Streit bricht zwischen den beiden aus.“

Ziemlich verrückt, aber mein Begleiter findet es gut und lacht. Jetzt ist auch er inspiriert und gemeinsam spinnen wir eine epische Saga zusammen. Der Mann ohne Bart begibt sich auf eine gefährliche Reise zu einer Zauberin, die in einem düsteren Palast wohnt und die ultimative Ansprechpartnerin für Bärte ist. Auf dem Weg zu ihrer Behausung trifft unser Held auf dunkle, bärtige Bestien und muss sie bekämpfen, er besiegt sie alle, steht nun vor dem großen Palast, muss aber, bevor er einen ebenso gewaltigen Bart bekommt, wie sein Erzfeind, einige Prüfungen absolvieren. Er hat alten bärtigen Greisen ihre Bärte zu  stutzen, die kann man jedoch nicht mit einer normalen Schere bearbeiten, nein, man brauch dafür eine ganz Spezielle! Und ausgerechnet die, besitzt sein hasserfüllter Erzfeind! Fortsetzung folgt.

Weiter kamen wir in dieser einen Stunde nicht, da nun die nächste Aufgabe folgte. Aus unser bisherigen Geschichte einen Comic zeichnen. Weder ich, noch mein indischer Freund können zeichnen und so sieht unser Comic nach einer halben Stunde aus, als wäre eine Katze mit gewaltigen Magenbeschwerden über das Blatt gelaufen.

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Blickt man sich um, so schaut man in nachdenkliche Gesichter auf der Suche nach Kreativität und Inspiration.  Für den Moment ist es echt schön mitanzusehen, wie Deutsche und Inder gemeinsam auf der Suche nach guten Geschichten sind. Leider hält dieser schöne Moment nicht lange an, da die Zeit vorbei ist, wir müssen unsere Papiere abgeben und machen uns wenig später auf den Heimweg.

Wer weiß, ob unser bartloser Freund, bald das bekommt, was er unbedingt will. 😀

 

Volle Bude

Alle paar Monate lädt die Dhaatri-Administration zu einem Ureinwohnertreffen in unser Office ein, beim letzten Mal, kamen vielleicht 15 Dörfler aus Dallapalli, dort lernten wir erstmals Sathibabu und Bonjibabu kennen, doch dieses Mal sollten ganze Legionen von Menschen in unser Heim Einzug nehmen. Na gut, so viel waren es dann doch nicht. Vielleicht 25.

Doch das ist für unser kleines Haus auch eine ganze Menge, besonders dann, wenn wir Freiwillige eigentlich zu arbeiten haben. Doch schnell wurde uns klar, dass das nicht so einfach werden würde. Normalerweise sitzen wir im Erdgeschoss vor unseren PC´s und schreiben. Nun jedoch sind wir gezwungen diesen Platz, mit 25 neugierigen Adivasi zu teilen, die überhaupt keine Ahnung von Technik haben und, statt ihrer eigentlichen Beschäftigung nachzugehen, uns lieber über die Schulter schauen und fragen was wir denn da machen würden. Die Konzentration lässt dadurch natürlich sehr zu wünschen übrig, wenn dich ständig jemand fragt, ob er denn mal deine Kopfhörer ausprobieren könne.

Meine großen Sony-Kopfhörer sind nach wie vor ein riesiges Mysterium für die Leute, Sathi und Bonji fragten mich des Öfteren in Dallapalli, ob sie sich denn nicht mal kurz meine Kopfhörer ausleihen könnten, angeblich wegen des besseren Sounds. Damals war das kein Problem, ich hatte ja genügend Ablenkung.

Nun jedoch, ist es wahrlich zum Haare raufen, wenn immer wieder der gleiche Typ, nach den gleichen Kopfhörern fragt, gerade dann, wenn ich sie selbst nutze.

„No. No Headphones! I use!“ versuche ich ihm im ganz leichten Englisch zu verständigen.

„Pleaaase! Listen music!“ sagt dieser und legt seine Hände auf beide Ohren, um mir zu sagen, dass er meine Köpfhörer möchte.

„I use this now! Later, okay?!” sage ich genervt zu ihm.

„Music? Please? So superrrr!“

Mittlerweile zweifle ich echt an seinem generellen Verständnis.

„Noo! Later!“

Er macht wieder die Kopfhörer-Geste: „Music?“

Ich gebe genervt auf und überreiche ihm meine Kopfhörer. Er freut sich tierisch und schlendert davon.

Der eigentliche Grund, warum die Dörfler gekommen sind, ist eine Art Koch-Workshop. Wozu, wenn sie eigentlich fast besser kochen können, als die Städter? Keine Ahnung. Auf jeden Fall drängen sich nun 25 Leute in unserer 6 Quadratmeter Küche und schauen zu, wie man richtig kocht. Alle sind total fasziniert, obwohl ich mir sicher bin, dass jeder von ihnen schon mal Chapati und Puri gemacht hat.

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Dem nicht genug, kommen jetzt auch die Joga-Frauen vorbei, mit denen wir am Morgen noch Dehnübungen gemacht haben und schauen auch total begeistert drein. Nun ist die Bude wirklich voll und alle stehen in der kleinen Küche.

Wir versuchen bisweilen zu arbeiten, doch als sich einige Dörfler der Küche entsagen, sich lieber in einen Kreis setzen und beginnen zu singen und auch unsere stark aufrecht erhaltene Contenance am Ende, ich gebe meine Trommel und meine Ukulele aus und setze mich in den Kreis der singenden Ureinwohner.

Mitten im Getümmel sehe ich unsere ominöse deutsche Jungendzeitschrift – Die „BRAVO“ – die ich schon sehr lange suche und sehe, wie sie mitten Dr. Sommer-Teil aufgeschlagen ist und lasse sie ganz still und heimlich hinter meinem Rücken verschwinden. Nicht, dass unsere Dörfler noch ein falsches Bild von uns bekommen. Wie diese Zeitung zu ihnen kam? Keine Ahnung. Magie.

Nebenbei fotografiere ich ein paar Leute mit meiner Kamera und überspiele diese Bilder auf ihre Steinzeithandys, bis ihr Speicherplatz schließlich nicht mehr ausreicht. Doch erkläre mal auf Englisch, mit Hilfe von Zeichensprache, einem Telugu-Sprechenden, dass kein Platz mehr auf seinem Handy ist. Praktisch unmöglich.

„No space, anymore!

„Please, pictures on phone!“

„No!“

„Pictures, very super! Memory on phone, please!

“I can not! No space!”

“ Hä?!”

Ich nehme mir den Google Übersetzer zu Hilfe, tippe: “Ich kann die Bilder nicht auf dein Handy laden, kein Speicherplatz“, lasse es auf Telugu übersetzen und zeige es meinem Freund. Der scheint das aber zu ignorieren. Kann er überhaupt lesen?

 

„Pictures on phone, please!“

„Boah, du bist echt ein Phänomen!“ sage ich auf Deutsch, weil ich nicht mehr weiterweiß. Irgendwie scheint er das jedoch zu verstehen und belässt es bei der momentanen Ausgangslage, kommt aber prompt zu einer anderen Thematik: „Listen music?“ er macht die Kopfhörer-Geste.“ Ich schließe die Augen und atme entnervt ein, schaue ihm tief in die Augen, suche nach irgendeinem Anzeichen, dass er das gerade nicht ernst gemeint hat, finde aber nichts, seufze und überlasse ihm erneut meine Kopfhörer.

„Thank youu, Brother!“

Anfangs noch, dachte ich, dass dieses „Brother“ eine harmlose Anrede für mich sei und fast nichts zu bedeuten habe, doch das sollte sich am nächsten Tag als falsch herausstellen. Wir sind auf dem Weg zum Bus, um zu einer Sehenswürdigkeit Hyderabads zu fahren und währenddessen, stielt sich mein Kopfhörer-Freund an meine Seite, nimmt mich bei der Hand und schlendert mit ihr über die befahrene Straße. Verdutzt schaue ich ihn an und kann nicht verhindern, dass er sich fest an mich klammert.

„Brother! Very super!“

„Hmmm“ grummle ich etwas abgeneigt.

Er legt den Arm um meine Schulter, Merlin, Skrollan und Toni, die hinter mir laufen, kriegen sich nicht mehr ein vor Lachen, während ich, peinlich berührt, nach einem Fluchtweg suche. Ich weiß, der Inder meint es nur, freundschaftlich, doch trotzdem würde ich schon gerne selbst entscheiden, wen ich an die Hand nehme. Bald rettet mich Merlin, als er mich an die andere Hand nimmt (kurz komme ich mir vor, als sei ich wieder in den Kindergarten versetzt, und müsste sowohl die Hand der Erzieherin, als auch die eines anderen Kindes festhalten) und mich herzlich von meinem „Freund“ wegzieht.

Gegen Abend bin ich ziemlich erleichtert, als die Dörfler schließlich aufbrechen und Ruhe ins Office kommt. Drei Tage mit 25 Leuten in einem kleinen Haus, ist dann doch etwas viel. 😀

Inder sind, wie wir festgestellt haben, keine Einzelgänger, nein, sie treten in Rudeln auf. Oft lebt die ganze Familie zusammen, Privatsphäre ist für sie ein Fremdwort, was einen  Deutschen schon ziemlich aus dem Konzept bringen kann…

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