Indien und der Hinduismus

Für mich sind Kulturen und Religionen wahnsinnig interessant, obwohl ich nicht vollständig daran glaube. Ich selbst bin zwar Christ, aber nicht unbedingt der treuste Anhänger. Jedoch ist es ab und zu schön etwas zu haben, woran man festhalten kann, etwas Überirdisches, was einem den Glauben in schlechten Tagen zurückgibt. Und da ich mich ja nun in Indien befinde, habe ich mich gefragt, woran die meisten Menschen hier glauben.

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Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Klar, 80% der Bevölkerung sind Hindus, aber der Hinduismus ist gar nicht so leicht zu kategorisieren, wie das Christentum, oder der Islam. Es ist ein riesiger Komplex aus religiösen Traditionen, wo man weder sagen kann, dass die Leute an mehrere Götter, oder einen Gott glauben. Entweder erscheinen ihre Götzenbilder als persönliche, oder unpersönliche Wesen und zu allem Überfluss gibt es auch kein gemeinsames Glaubensbekenntnis, oder eine große Organisation, die die Macht über alle Gläubigen hätte.

Drum, so musste ich bei meiner Recherche feststellen, kann man den Hinduismus nicht in drei Seiten zusammenfassen, was mein eigentliches Ziel war. Drum versuche ich ein ungefähres Bild, dieser Religion zu vermitteln. Viel Spaß! 🙂

 

Weltweit gibt es über eine Milliarde Hindus, davon leben rund 92% in Indien. Der Rest lebt in Nepal und den umliegenden Gebieten. Schaut man sich jedoch mal eine Weltkarte mit der ungefähren Hindu-Verteilung an, so fällt einem auf einmal ein kleiner Flecken Erde auf, von dem man überhaupt keine Ahnung hatte, dass er 1. existiert und 2. hinduistisch geprägt ist.

Die Rede ist von Guyana, einem kleinen Land in Südamerika, wo die ungefähre Hälfte der Bevölkerung aus Indern besteht. 30% Hindus leben dort und das hat mich echt aus den Socken gehauen, gerade in Südamerika, dass eher christlich geprägt ist. Sachen gibt´s!

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Für mich hat sich jedoch die Frage gestellt, wie die Inder denn auf die andere Seite der Welt kamen. Das war ungefähr so: Guyana war um 1830 herum eine britische Kolonie, ein Gebiet, noch Sklaven alle Arbeit verrichten mussten. Irgendwann dann wurde die Sklaverei abgeschafft und niemand wollte mehr den Arbeiten nachgehen, die die Sklaven einstmals taten. So holten die Briten einfach indische Kontraktarbeiter aus Britisch-Indien als Sklavenersatz und ließen diese Schuften. Drum leben bis heute fast genauso viele Inder in Guyana, wie Einheimische.

 

Weiter im Text:

Wie und wann gründeten sich die ersten Züge des Hinduismus? Wohl ungefähr ab Mitte des 2. Jahrtausends v. Christus. Davor ist nichts über das religiöse Leben in der Frühsteinzeit bekannt. Man nimmt an, dass vorher Muttergottheiten und Bäume verehrt wurden.

Später jedoch kamen Stammesgruppen indoiranischer Viernormaden ins nördliche Indien. Es ist unübersehbar, dass sich in diesem Zeitraum eine Kultur ausbreitete, die wegen ihrer Texte auch als vedische Kultur bezeichnet wird. Diese vedische Religion ist wohl eine der frühesten Ausläufer einer Religion, die bald zum Hinduismus werden sollte. Heutzutage haben die Veden, das ist so eine Sammlung von religiösen Texten, die wohl aus genau jener Vedenzeit stammen, kaum noch eine Bedeutung, aber gelten nach wie vor als Synonym für unantastbare, absolute Wahrheiten.  Die Vedischen nannten sich übrigens Arier, was in ihrer Sprache wohl „gastlich“, oder „die Gastfreien“ bedeutete. Damit wurden Werte wie Gastfreundschaft und Wahrhaftigkeit ausgedrückt.

Die Arier breiteten sich nur in Indien aus, nein, sondern auch in Richtung Iran, wo man heute noch in der Nähe der Stadt Schiraz eine Inschrift von Dareios dem Ersten, dem König von Persien, in einem Felsrelief findet: „Ich bin Darius, der große König […], ein Perser, Sohn eines Persers, ein Arier, welcher eine arische Abstammung hat.“

Erst später entwickelte sich aus dem eigentlich so freundlichen Bedeutung die, die wir heute kennen. An dieser Entwicklung waren ziemlich viele Leute in unterschiedlichen Zeitaltern beteiligt, aber einer brachte es auf den Punkt. Der Franzose Arthur de Gobineau, der im 19. Jahrhundert lebte. Er legte fest, dass Arier „die Ehrenhaften“ bedeutete und stellte einen etymologischen Zusammenhang zwischen Arier und dem deutschen Wort „Ehre“ her. Er kannte

Drei Rassen, wovon die arische Rasse allen anderen weitaus überlegen und in ihrer reinsten Form durch den französischen Adel repräsentiert sei.

So haben die frühen Ausläufer des Hinduismus unfreiwillig Beihilfe für einen deutschen Begriff beigetragen, der heute, nicht ohne eine nationalsozialistische Färbung in Verbindung gebracht werden kann, obwohl „Arier“ eigentlich genau das Gegenteil bedeutet. Gastfreundlichkeit und Ausgrenzung haben nichts mit einander zu tun.

Auf jeden Fall gab es dann ganz viele vedische Phasen, bis man zum eigentlichen modernen Hinduismus kam.

Das Wort „Hindu“ stammt aus dem Persischen und beschreibt den Fluss „Indus“, der in Sanskrit, einer sehr alten Sprache, wiederum Sindhu heißt.

Als das antike Griechenland unter Alexander dem Großen bis in den indischen Subkontinent eindrang, konnte Alexander dieses „Sinhu“ nicht aussprechen und schuf prompt das Wort Hindu. Das ließ sich deutlich leichter sagen. Zudem bezeichnete er den Indus als „Indos“ und die Menschen, die in der Nähe des Flusses wohnten als „Indoi.“ Leicht einfallslos, ein Völkerstamm fast genauso wie ein Fluss zu benennen, aber damals fand das wohl niemand seltsam. Aus Indoi wurde nach einiger Zeit, das Wort „Inder“.

In dem Sinne haben also ein Fluss und ein Grieche dazu beigetragen, dass die Menschen und ihre Religion den Namen haben, den sie heute besitzen. So viel zum Begriff, des Hinduismus.

Die meisten Hindus gehen davon aus, dass Leben und Tod ein sich ständig wiederholender Kreislauf ist. Dieser Kreislauf ist nahezu ewig und soll unter den indischen Religionen als ziemlich leidvoll beschrieben sein. Dieses ständige Wandern wird als Samsara beschrieben, einen immerwährenden Zyklus des Seins. Es ist eine Sache des Werdens und Vergehens.

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Samsara: Dargestellt als Lebensrad

 

Man kann erst dann daraus ausbrechen, wenn man sich von allen Bindungen, Begierden und Wunschvorstellungen lossagt. Dann erreicht man den Zustand der „Erlöstheit“, den die Hindus Moksha nennen, aber ich glaube, die meisten werden diese Beschaffenheit unter einem anderen Wort kennen. Nirvana. So nennen es die Buddhisten.

Nirvana-Wallpaper

Nach hinduistischer Ansicht ist der Mensch in seinem innersten Wesen eine unsterbliche Seele. Drum kann der Charakter nie vergehen. Er ist es, der den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens absolviert und nach jedem Tod sich einen neuen Körper sucht. Ob du dann Mensch, Tier, oder Gott bist, hängt von deinem Karma ab, dass du im Laufe des einen Lebens gesammelt hast.

Karma ist eine Art spezielles Konzept, nachdem jede einzelne Tat, die du vollbringst, eine Folge hat. Das kam man gut mit dem Schmetterlingseffekt vergleichen. Schlägt in Indien ein Schmetterling mit den Flügeln, löst das in Japan einen Hurrikan aus, oder so. Im Karma-Fall würde das beispielsweise bedeuten, dass, wenn du etwas Böses tust, wie Popel, oder Kaugummi unter deinen Tisch zu kleben, man gleich Karma-Punkte abgezogen bekommt und du maximal nur noch die Chance hast im nächsten Leben ne Ameise zu werden.

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Das Symbol für Karma

Also keine Kaugummis unter den Tisch kleben!

Demgemäß ist der Tod nicht das Ende des Lebens, sondern lediglich der Übergang zu einer neuen Daseinsform. Aber nochmal zurück zum Kaugummi-Beispiel. Jeder Mensch hat seinen eigenen Dharma. Das ist sozusagen sein eigner kosmischer Kodex, den man einhalten muss. Er beschreibt deinen Werdegang und was du dafür tun musst, damit du deine Erfüllung findest. Wenn du also in die indische Kriegerkaste hineingeboren wirst, sagt dein Dharma dir, dass deine Erfüllung der Krieg ist. So bist du dazu verpflichtet notfalls zu töten, wenn es von dir verlangt wird. So dein Karma-Punktekonto anstatt zu sinken. Wenn du jedoch unsinnig tötest und nicht den Befehlen deines Herren befolgst, haut dich das ordentlich nach unten. Dementsprechend kannst du sogar vom Karma belohnt werden, wenn dir dein Chef befiehlt, Kaugummis unter den Tisch zu schmieren.

Es ist nicht überliefert wo sich die Seele nach dem Tod des Körpers bis zur nächsten Verkörperung aufhält, in einigen hinduistischen Richtungen existiert der Leitgedanke, dass es mehrere Himmel und mehrere Höllen geben soll. Die Seelen mit guten Karma kommen in den Himmel und dürfen sich mit überirdischen Freuden begnügen, währenddessen die Seele, die es verbockt hat Punkte zu sammeln, in die schrecklichen Höllen hinabfährt und dort ganz arg leiden muss, bis ihr schlechtes Karma verbraucht ist. Ein ewiger Aufenthalt in sowohl Himmel als auch Hölle ist nicht möglich, irgendwann musst du wiedergeboren werden, um dein Schicksal vollends zu erfüllen, das ist Gesetz.

Wie mir bereits mein mächtiger Freund aus dem Konsulat mitteilte, kann man nicht zum Hinduismus konvertieren, weil die Menschen grundsätzlich sehr offen sind, was andere Religionen betrifft, aber auch nicht wissen, woran man jetzt einen „guten“ Hindu festmacht.

Als vollständiger Christ beispielsweise, glaubt man an Gott, hält die zehn Gebote ein, liest die Bibel und geht in die Kirche. Klar, das ist in diesem Fall sehr verallgemeinernd. Natürlich gibt es allerlei Grauzonen, aber trotzdem erfüllt dieses Beispiel den Zweck, dass, wenn man all diese generellen Kriterien erfüllt, ein Christ ist.

Im Hinduismus lässt sich das schwer generalisieren. Auf der zweiten Welt-Hindu-Konferenz von 1979 konnten sich Vertreter verschiedener hinduistischer Gruppen und Kasten nicht auf eine gemeinsame Definition einigen, ab wann man denn ein Hindu sei. Man entwickelte damals ein Sechs-Punkte-Kodex für alle Hindus, der jedoch auch sehr oberflächlich blieb: Wer Gebete spricht, die Bhagavad Gita liest, eine persönliche Wunschgottheit verehrt, die heilige Silbe „Om“ verwendet und das heilige Tulsi-Kraut (indischer Basilikum) anbaut, darf sich Hindu nennen.

Das Tulsi-Kraut ist jedoch sehr bezeichnend für eine ganz bestimme hinduistische Gruppierung. Drum fanden die anderen Gruppen, das echt doof, weil sie nicht berücksichtigt wurden und waren gegen diesen Sechs-Punkte-Kodex.

Fest steht, dass es trotz vielen Unterschieden auch Gemeinsamkeiten gibt. Der Dharma ist für alle eine Art Weltgesetz und das Karma bietet die Grundlage hinduistischer Traditionen. Wesentliche Praktiken sind unter anderem Pujas. Dort verehrt man die verschiedenen Götter in einer ganz bestimmten Abfolge von Ritalen. Daran haben wir Freiwilligen übrigens auch schon teilgenommen, beispielsweile beim Ganesha-Festival. Meist werden diese im eigenen Haus abgehalten, oder in den unzähligen Tempeln, die auch als Zentrum der hinduistischen Religiosität gelten. Wie im Islam gibt es auch in dieser Religion besondere Pilgerzentren. Bei den Moslems ist es Mekka, bei den Hindus die heilige Stadt Varanasi am Ganges. Dort wollen wir auch unbedingt mal hin!

 

So, das war´s für heute. Es hat mir total Spaß gemacht mehr über den Hinduismus und deren Ursprung zu erfahren und hoffe, dass ich auch mit einigen unnützen Fakten, wie der Begriffsbildung des Wortes „Hindu“ Interesse wecken konnte. Es gibt noch so viel mehr zu erzählen, beispielsweise über die verschiedenen Götter und Lehren und ich würde es sehr feiern noch einen Eintrag darüber zu verfassen. Drum würde ich mich über positive Zustimmung freuen, damit ich weiß, dass auch ihr mehr darüber wollt.  Da ich mittlerweile auch einige Leser aus Indien habe, würde es mich total interessieren, was für sie der Hinduismus ausmacht und ob ich irgendetwas falsch vermittelt habe. 🙂

In dem Sinne: Achtet gut auf euer Karmapunkte-Konto! 😀