Hyderabad – Eine graue Stadt voller bunter Geschichten?

Viel zu oft habe ich im Negativen über sie gesprochen. Immer, wenn wir aus der Natur zurückkamen schimpfte ich über diese Stadt, weil sie so laut, so dreckig und überhaupt nicht grün genug sei. Und das ist einfach nicht gerecht, wie ich jetzt bemerke. Denn Hyderabad kann auch anders, bietet mehr als nur Grau und ist ein Ort an dem viele Geschichten hängen, auch wenn wir erst drei Monate hier sind. Drum hier nun, meine Damen und Herren, Hyderabad im Profil.:)

 

Alles eine Frage der Gewohnheit:

Irgendwann habe ich mal geschrieben, dass es mir schwerfiele die Trostlosigkeit der Stadt zu ertragen. Überall Müll, überall unverputzte Häuser, überall Gestank und, und, und. Das war, als ich gerademal einen Monat hinter mir hatte. Davor habe ich das alles gar nicht gesehen, sei es der aufregenden Eingewöhnung wegen. Plötzlich registrierte ich all das auf einmal und kam mir ganz schlecht dabei vor, Hyderabad so zu sehen, wie es nun einmal war. Jetzt, zwei Monate später, ist dem nicht mehr so, nein, vielmehr entdeckt man die Idylle in der Trostlosigkeit, die eigentlich gar keine mehr ist. Es ist normal geworden. Man nimmt es einfach hin, dass riesige graue Bauruinen einfach in der Landschaft stehen, ja man findet es sogar spannend in ein riesiges Loch voller Bauschutt zu starren, um die kleinen Arbeiterchen dort arbeiten zu sehen

Ja, zwei Monate Differenz klingen wahrlich nicht lang und es würde mir unvorstellbar vorkommen, dass sich ein ganzes Stadtbild vom Empfinden her, so schnell wandeln kann, wäre ich nicht hier. Ich bin es aber und kann bestätigen, dass es einfach wunderschön ist, mit Musik in den Ohren, durch Hyderabad zu fahren. Mit ganz viel Fantasie könnte es auch Berlin sein, durch das man braust, so viele Unterschiede findet man einfach nicht mehr.

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Die Leute, die mit ihrer Gitarre, oder ihren neugekauften Fernseher, auf ihrem Motorroller hupend durch die Gegend sausen, könnten genauso gut in der Berliner S-Bahn sitzen und dort würde man sich genauso darüber amüsieren, dass die Menschen ihren ganzen Krams mit auf Reisen nehmen. Man gewöhnt und entwöhnt sich an vieles. Neulich hat unsere Chefin von einer Geschäftsreise nach Amsterdam typisch deutsches Schwarzbrot und Käse mitgebracht. Merlin stürzte sich gierig darauf und für ihn schien es die größte Erfüllung zu sein, endlich wieder deutsches Brot zu essen. Mir jedoch mundete dieser Laib überhaupt nicht, ebenso wenig, wie der Käse. Ich war ganz entrüstet über mich selbst, dass mir deutsches Essen auf einmal nicht mehr schmeckte, ich aß lieber den Reis mit Samba und war mehr als zufrieden.

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Hyderabad schockt uns nicht mehr. Es ist ebenso zum Alltag geworden, wie das Essen und mittlerweile sind wir sowohl mit den Verkehrsmitteln, dem Verkehr, als auch den Vierteln vertraut und die Einheimischen mittlerweile mit uns. Neulich durfte ich von einer Familie, die einen kleinen Süßigkeitenladen betreibt, Fotos machen und seitdem werde ich immer sehr lieb angelächelt.

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Man lernt immer mehr Leute kennen und manche werden immer mehr zu Freunden. Wie der Konsulatschef, bei dem ich neulich noch einmal war. Er wird uns als mächtiger Kontakt erhalten bleiben und vielleicht backen wir ihm demnächst einmal einen Kuchen. 🙂

 

Uber, Riksha oder Bus?

„Nun, wie kommen wir denn jetzt am besten zu diesem großen Einkaufsmarkt?“ fragt Merlin.

„Mit dem Bus!“ sagen Skrollan und Toni.

„Mit Uber!“ erwidern wir Jungs.

„Quatsch, das ist viel zu teuer!“ entgegnen die Mädels.

„Uber ist aber viel entspannter!“ werfen wir ein.

Ja, in der Tat, unsere Gruppe ist in der Hinsicht recht gespalten, wenn es darum geht zu entscheiden mit welchem Verkehrsmittel wir wohin fahren, sind doch beide Parteien mittlerweile fest in ihrer Meinung.

Busfahren war anfangs noch aufregend, man musste damit klarkommen, dass Männer und Frauen getrennt sitzen und war erstaunt wie kräftig der Fahrer auf die Hupe drückte. Doch nun kennt man den Prozess des Hupens schon und für uns Jungs ist der gesamte Ablauf des Busfahrens nur noch nervig. Hier mal einige Kritikpunkte:

  1. Man steht mindestens 20 Minuten an der Bushaltestelle und wartet. Man weiß nie wann der Bus kommt, geschweige denn, dass der überhaupt kommt.
  2. Der Bus ist meistens proppenvoll, Menschen drängen sich zusammen, man hat ständig Hintern im Gesicht und muss sich immer durch die Massen kämpfen, um raus zu kommen. Wir haben schon Busse gesehen, wo die Menschen regelrecht raushangen, weil sie keinen Platz mehr hatten.
  3. Es ist warm. Durch die große Anzahl an Menschen und die fehlende Anzahl an Klimaanlagen, die Fenster sind die einigen Möglichkeiten Luft zu bekommen, erhitzt sich so ein Bus doch relativ schnell.
  4. Du kommst kaum voran. Die Vehikel sind riesig und wenn der Verkehr droht vollends zu erliegen, kommt man mit einem schnelleren Gefährt deutlich schneller durch die Stadt

Der einzige Pluspunkt ist, dass man kaum was für bezahlt. 12 Rupien sind nichts, weniger als 50 Cent gibt man für eine Fahrt aus und das ist nach wie vor, das Totschlagargument der Mädels, denn ein Uber-Fahrer ist meist nicht unter 150 Rupien zu bekommen. Klar, dass sind vielleicht auch nur 2 Euro, aber man rechnet mittlerweile nicht mehr in Euro, sondern so, wie es die Einheimischen tun würden und für 150 Rupien, kann man schon ordentlich viel bekommen. 10 Bananen, beispielsweise kosten an unserem Lieblingsstand 40 Rupien (Erstaunlich, in Deutschland kenne ich den Preis für Bananen nicht).  Drum könntest du dir mit 150 einen ganzen Haufen kaufen.

Längere Uber-Strecken kosten gut und gerne 300 Rupien und das wollen die Mädels nicht bezahlen.

Es ist jedoch ganz schön, wenn man ein Auto ganz für sich allein und keine Hintern im Gesicht hat. Ebenfalls gibt’s eine Klimaanlage, ein Radio, warme Sitze, alles was das Herz begehrt.

Wenn du beispielsweise um 14:50 los zum Haus deiner Freunde möchtest, bestellst du einfach ein Taxi vor deine Haustür und ganz sicher wird eins um 14:50 da sein und dich dorthin fahren, wo du hinwillst, dank Navigationsgerät. Zudem kann man da nette Leute kennenlernen, nimmt man Uber-Pool. Beispiel hierfür: Liz, die ich seit zwei Monaten bereits kenne und mich jetzt zum einjährigen Todestag ihrer Mutter eingeladen hat. Es gibt schönere Dates, zu schöneren Anlässen, aber so lernt man auch Leute kennen.:D

Zum Schluss gäbe es dann noch die gute, altbewährte Riksha, die ein Zwischending aus allem ist. Sie kostet um die 40 Rupien, nur maximal 10 Leute passen hinein und sie ist schnell und wendig. Problem: Wenn man mal am Straßenrand steht und wirklich eine benötigt, ist keine da. Läuft man aber einfach so die Straße runter, hält alle fünf Minuten ein Riksha-Fahrer an und fragt, ob du nicht ne Fahrgelegenheit brauchst. Meist sind Rikschas also immer zur falschen Zeit am falschen Ort.

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Übrigens versagen alle Fahrzeuge in der Rush Hour. Die beginnt gegen fünf Uhr nachmittags und endet gegen acht Uhr abends. Um die Zeit wollen alle 6 Millionen Einwohner Hyderabads nach Hause und wenn du in diesem Abschnitt ein Uber-Taxi bestellst, ist es sicher, dass es erst in einer halben Stunde ankommt und dann das Doppelte der Zeit brauchst. Das ist schon nervig, aber mit dem Bus, der noch voller ist als sonst, diese Strecke zu nehmen, ist tödlich. Hitze, Menschen, Gehupe, ständiges ruckartiges Anhalten, weil ein Motorrad sich entschieden hat den Bus zu überholen und direkt vor ihm zu fahren, macht Busfahren zur Rush-Hour zu einem Himmelfahrtskommando. Um die Zeit ist man lieber zuhause und schreibt Blog. 🙂

 

Freiwilligengemeinschaft

Doch trotz Rush Hour entscheiden wir manchmal gerne für das Risiko? Wofür? Für unsere Freunde. Insgesamt elf deutsche Freiwillige leben hier und mittlerweile hat man sie alle liebgewonnen und es macht Spaß mit ihnen ein neues Restaurant auszutesten, zu Wandern, Spiele zu spielen, oder auch ins Hylife, den Club, den wir bereits am dritten Tag nach unserer Ankunft besucht haben, zu gehen. Gemeinsam feiern wir Geburtstage und gehen zum Chor, des schweizerischen Einsiedlers Joe Koster. Man freut sich jede Woche auf´s Wochenende, wenn man endlich Stella, Lion, Moritz, Jurek, Toni, Fabian, Tine und den Nils wiedersehen kann, um mit ihnen irgendwas zu starten, da die meisten doch zu viel Arbeit haben, um sich unter der Woche zu treffen.

Auch ist es schön, dass man zusammen was erreichen kann. Der Chor unter der Führung des Schweizers Joe Koster, hatte zuletzt eine Aufführung, bei der „Lala-Land“-Lieder gesungen wurden und Merlin war mit Stella und Tine, als Sänger mit dabei. Tage davor übte Merlin jeden Morgen diese Lieder ein, die er zusammen mit den anderen singen würde und im Endeffekt machte sich das bezahlt. Zusammen mit den anderen, die nicht sangen, saß ich am Tag der Aufführung, mit gut 60 indischen Zuschauern im Saal einer großen Privatschule und hörte das, wofür der Chor und unsere drei Freiwilligen wochenlang geübt hatten. Und es klang gut! So gut, dass ich Gänsehaut bekam.

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Zusammen, wenn auch nicht unter der gleichen Leistung, hatten wir etwas erreicht und es war uns egal, dass nach unserer Gruppe ein sehr professioneller und bekannter Kinderchor an die Reihe kam, der viel besser singen konnte und mehr Applaus bekam. Der hatte das schon öfters gemacht, wahre Profis waren am Werk und die schienen gut darin zu sein, Mitleid zu erzeugen.

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Die Lehrerin der Kinder sang nämlich auch ein Lied, jedoch mit der Vorgeschichte, dass dieses Lied immer bei ihrer Oma lief, die dieses Jahr jedoch leider verstorben war. In allen Ehren würde die Enkelin nun dieses Lied singen und es klang auch gut, war aber eben nicht emotional, wie es bei uns der Fall gewesen war.

Total glücklich fuhren wir danach in ein Restaurant und stießen zum Wohle aller an und spottete gemeinsam über den Kinderchor… 

Hyderabad – Eine graue Ödnis?

Wir schreiben das zweite Mal im Hylife, unseren Lieblings-Club in Jubelee Hills, einem der drei Reichenviertel, wo es uns öfters hin verschlägt. In guten Erinnerungen an das erste Mal, wo wir komplett perplex über diese „zweite Welt“ waren, die uns mit Alkohol und Hotpants, statt Sitte und traditionellen Gewändern, in ihren Bann zog (Beitrag Gegensätze), feiern wir Skrollans Geburtstag. Wir unterscheiden uns sehr vom Rest, da wir nicht die teuersten Markenklamotten tragen und nicht einen fetten BMW vor der Tür stehen haben, nein, einige von uns sind nach wie vor in Flipflops unterwegs und sind mit der Riksha gekommen. Das sind damals auch, aber heute ist irgendetwas im Busch. Damals fanden die indischen Jungs nicht nur unsere Mädels spannend, sondern uns auch, sodass wir zusammen tanzten, tranken, schwitzten und uns in pure Ektase stürzten bis wir nicht mehr konnten. Jetzt lassen die Jungs und Jungs links liegen und irgendwie macht das so kein Spaß mehr.

Der Abend vergeht irgendwie, wir fahren heim und gehen schlafen. Am Morgen bin ich heiser, mir dröhnt der Kopf und ich kann kaum was hören. Beste Voraussetzung um einen Ausflug zu machen! Das meint zumindest Hanumanth, unser…ja,….äh…Hausmeister? Irgendwie ist er immer im Haus, schraubt mal hier, mal dort, aber steht sonst die ganze Zeit in der Gegend rum und wenn man ihn fragt, was heute so seine Ziele sind, zuckt er mit den Schultern. Doch heute kommt er punkt 9:00 Uhr ins Zimmer und fragt uns Jungs, ob wir denn nicht Lust auf ne Spritztour hätten. Wohin, will er uns nicht sagen. Merlin ist gleich Feuer und Flamme. Ich jedoch weiß nicht mal, ob ich es schaffe aufzustehen.

Trotzdem sitze ich wenig später irgendwie auf Hanumanth´s Motorrad und auf geht die wilde Fahrt. Mal wieder hupt, kreischt, und dröhnt alles, ich dachte zwar, ich hätte mich dran gewöhnt, aber mit leichten Schwindelerscheinungen, starker Müdigkeit und sehr empfindlichen Ohren ist Hyderabad nochmal ein gaanz anderes Erlebnis.

Wie fahren an mehreren Militärkasernen vorbei, merken wie grüner und leiser die Gegend wird, bis wir irgendwann auf die Autobahn abbiegen. Ohne Witz, in meinem Zustand hätte ich auf dem Motorrad einschlafen können, so geschafft war ich.

Dann halten wir plötzlich und wir sehen, wo uns unser Freund hinführen wollte. Ein riesiger klarer See liegt vor uns, wir laufen ihm entgegen, Libellen summen durch die Luft, klares Wasser plätschert um meine Füße und just in diesem Augenblick hätte ich einfach in den Fluten versinken können. Wir setzen uns an Ufer, Hanumanth holt eine Kokosnuss hervor, schlägt sie auf und verteilt das Fruchtfleisch. Während, wir die Füße ins Wasser halten und an unserer Kokosnuss knabbern, wird mir bewusst, dass Hyderabad keineswegs nur grau ist, wie ich es sonst immer beschrieb. 

Ich war bisher immer nur an den falschen Orten. Es gibt sehr viele Parks in der Nähe, wir waren da lediglich noch nie, da sie zu weit von uns entfernt liegen.  Dort möchte ich unbedingt hin, doch vielleicht lieber dann, wenn keine Club-Nacht mir in den Knochen liegt.

Doch jetzt wissen wir, Hyderabad kann auch bunt.

Eines anderen Tages werden wir auch mehr über die verschiedenen Viertel lernen und wie sehr diese für die verschiedenen Kasten der Inder stehen. Über das Kastensystem wird nämlich noch einiges zu schreiben sein. 🙂

Bis dann!