Hyderabad – Ort der Toleranz 

Wir sitzen in Sid´s Auto und tuckern durch die Rush Hour Hyderabads. Ich habe auf dem Rücksitz, mit einem McFlurry-Eisbecher von McDonalds auf dem Schoß, Platz gefunden und sehe zu, wie die Stadt an uns vorbeizieht. Wir wollen zu einem „Lauf der Religionen“, der uns auf Facebook groß präsentiert wurde. Das wollen wir, in dem Fall Merlin und ich, uns nicht entgehen lassen. Unsere Vorstellung dieses Laufes ist es 1. sehr viel zu laufen und 2. sehr viel über Religion zu lernen. Sid, ein mittlerweile sehr guter Freund von uns, dem wir beim Chor kennengelernt haben, ist ebenfalls ganz gespannt was uns erwartet. Ihm könnte ich übrigens den ganzen Tag lang dabei zuhören, wie er Englisch redet. Man versteht jedes einzelne Wort, jeden einzelnen Satz, weil er nach Manier eines Sängers und wohlmöglich auch eines Schauspielers jedes Wort so betont, als sei es das schönste Wort der Welt.

„Hey Sid! Wie verstehen sich eigentlich Hindus und Moslems in Hyderabad“, frage ich auf einmal. Die Frage kommt nicht von irgendwo, nein, sondern hat ihren Grund. In letzter Zeit sind wir oft durch die riesigen Moslem-Viertel in Hyderabad gefahren, wo sich Burkas mit den traditionellen Hindu-Kleidern mischten und es überhaupt keinen Anschein gab, dass sich Hindus nicht mit Moslems verstehen würden. Zudem war es doch im Laufe der Geschichte immer wieder zu Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen in Indien gekommen, das zeigt auch das Bild, was wir in Deutschland über Indien haben, wenn man über diese beiden Religionen redet.

„Sagen wir es mal so: Ursprünglich komme ich aus Ahmedabad, das ist eine Stadt im Bundesstaat Gujarat. Dort war es normal Moslems nicht zu mögen. Man gab sich einfach nicht mit ihnen ab. Punkt! So war es eben. Dann bin ich nach Hyderabad gekommen und war von gerührt der Harmonie und dem Frieden, der zwischen beiden Parteien herrschte und ich kann euch versichern, dass man so etwas nicht oft in Indien findet. Die Hindus lernen sogar Urdu, die national verbreitete Sprache der Moslems, um sich mit ihnen zu verständigen.“

Ungefähr so, habe ich mir das schon gedacht. Klar, man sieht es immer wieder mit eigenen Augen, dass sich die beiden Parteien anscheinend sehr gut hier verstehen, aber von diesen kleinen Einzelheiten der Toleranz zu hören, verschönert das innere Bild, dass man mittlerweile von Hyderabad aufgebaut hat.

Die Spannungen zwischen Hindus und Moslems waren unter anderem der maßgebliche Grund, warum die Briten nach dem zweiten Weltkrieg, eine Zwangsumsiedlung aller Moslems nach Pakistan und aller Hindus nach Indien durchführten. Genau deshalb gibt es nach wie vor sehr komplizierte Beziehungen zwischen den beiden Staaten. Bei der Beantragung des Visums wurde man sogar gefragt, ob man Beziehungen nach Pakistan hätte, oder ob man Verwandte besäße, die mal dort gewesen waren. Hätte ich die Fragen mit ja beantwortet, wäre die Beantragung des Visums wahrscheinlich um einiges schwieriger geworden, als sie ohnehin schon war.

Der Hinduismus übrigens, bezog für mehrere Jahrhunderte lang eine eher untergeordnete Rolle in Indien. Mehr als 600 Jahre beherrschten die muslimischen Mogul-Kaiser fast den gesamten Subkontinent, der letzte Kaiser wurde erst mit dem Beginn der britischen Kolonialherrschaft abgesetzt und heute leben rund 160 Millionen Gläubige des Islams im Land. Damit gehört Indien zu der Region wo die meisten Muslime der Welt leben, aber dennoch unterdrückt werden und oft Opfer von inter-religiöser Gewalt gehören. Manche radikale Hindu-Nationalisten bezeichnen sie sogar als „Feinde der Nation.“

Wir kommen zum vereinbarten Treffpunkt, steigen aus und finden auf der Stelle sehr agile und optimistische Leute, einer NGO, namens „Rubaroo“ vor, die sich als Aufgabe gesetzt hat sexuellen Missbrauch von Kindern und Frauen zu bekämpfen. Sie organisieren diesen Lauf und während wir auf mehr Leute warten, unterhalten wir uns lebhaft, darüber das Frauen definitiv mehr Macht in Führungspositionen haben sollten. Zudem sind ihnen genau zwei Personen aus Deutschland sehr geläufig. Angela Merkel und…Hitler. Die meisten Inder scheinen Hitler irgendwie zu mögen und diese hier können mir auch erklären wieso:

„Alles hat immer zwei Seiten. Eine gute und eine schlechte. Eine schlechte Seite hatte Ghandi zum Beispiel auch. Ghandi war nicht gut, nein, er hat auch Schlechtes für unser Land hervorgebracht! Und Hitler war eine große Führungsperson!“

Das schon, ja, aber ich kann beim besten Willen nichts finden, was Hitler irgendwie gut machen könnte, auch wenn er ein großer Anführer war. Millionen von Tote kommen nicht von irgendwo her….

Die Inder lieben ihr Land, das merkt man auch bei der Vorstellungsrunde, wo wir jeweils unseren Namen und unseren größten Traum nennen sollen. Einer meiner Gesprächspartner will Indien wieder großmachen, ein anderer lebt seinen Traum bereits, nur weil er gerade in Indien und nicht irgendwo anders lebt.

Dann kommt die Frage wie ich Angela Merkel finden würde, man höre ja ständig von ihr, da sie beim G20-Gipfel stets eine wichtige Rolle einnehme und mit Frankreich und allen anderen Ländern so eine gute Beziehung habe.

Der Moment, wenn man sich mit Indern über deutsche Politik unterhält und sie sich fast besser auskennen, als man selbst. 😀

 Dann geht der Lauf los. Mit mehr als dreißig Leuten geht es durch den indischen Verkehr und schnell bemerken wir, dass dieses Ereignis mehr Publicity für „Rubaroo“ ist, als irgendetwas anderes.

Mit von der Partie: Ein britischer Diplomat, ein dicker reicher Mittelstands-Brite, wie er im Buche steht! Fehlt nur noch die Tasse Tee in der Hand und das Klischee wäre perfekt. Ständig wird er, zusammen mit einem Plakat der NGO, fotografiert und ausnahmsweise sind es nicht wir, die Aufmerksamkeit erzeugen. Aus unserem Glauben, kilometerweit zu laufen wird nichts. Wir besuchen innerhalb von zweieinhalb Stunden drei Plätze, die alle ungefähr 500 Meter auseinanderliegen. Erst halten wir bei einem Heim für Straßenkinder an. Warum? Nun, dieses Heim ist dem italienischen Priester Giovanni Bosco, meist Don Bosco genannt, gewidmet, der bekannt war für seine Theorien von Erziehungszielen und Erziehungsmitteln. Um zu zeigen, wie verwurzelt das Christentum in Hyderabad ist, betreten wir also das kleine Heim und wirklich gut finden wir das nicht. Die Straßenkinder werden jetzt von mehr als dreißig fremden Leuten begafft, wie in einer Art Zoo und drum verlassen wir als erstes das kleine Gebäude.

Nächstes Ziel ist ein 100 Jahre alter hinduistischer Tempel, wo wir uns setzen und darüber reden, das der Hinduismus, nicht nimmt, sondern gibt und allen ihre Freiheiten gewährt. Dann wird genau das Thema aufgegriffen, dass wir vorhin auch im Auto besprochen haben. Das gute Verhältnis zwischen Hindus und Moslems. Kein Moslem würde in Hyderabad Kuhfleisch essen, einfach weil es die Religion nebenan für sich als obersten Kodex gesetzt hat, die heiligen Tiere nicht zu verspeisen. Im Gegenzug würde kein Hindu Schweinefleisch, dass für die Moslems unrein ist, essen. 

Ein junger Mitarbeiter von „Rubaroo“ gesteht, dass er daheim drei Altare stehen hat. Einen hinduistischen Gott, eine muslimische Statue und Jesus. Wenn er aufsteht betet er zu allen dreien.

 Und warum ich das tue? Es ist egal welchen Gott ich anbete, sie sind im Endeffekt alle gleich! Es spielt keine Rolle. It doesn´t matter!“ Zustimmender, euphorischer Applaus, auch vom hinduistischen Priester des Tempels, der einen Übersetzer brauch, weil er nur Telugu spricht.

It doesn´t matter! It doesn´t matter! It doesn´t matter!” ruft es in meinem Kopf. Diese Leute sind so was von cool! Denen hätte ich „Nathan den Weisen“ geben sollen und nicht meinen Freund aus dem Konsulat, der das Buch schon etwas komisch beäugte, als ich ihm erzählte, dass es auch um Moslems gehen würde. Gut, er ist in dem Sinne auch etwas dadurch vorbelastet, dass er ursprünglich aus dem Norden Indiens kommt, der durchaus rauer und intoleranter gegen über Fremden sein soll, aber das ist Sid beispielsweise auch und auch der grinst wie verrückt, bei den Worten des „Rubaroo“-Mitarbeiters.

Der Rest des Laufes ist total geschenkt. Die beiden Hauptorganisatoren reden und reden und reden. Zwischendurch laufen wir zu einem muslimischen Markt und dort reden und reden und reden sie ohne Punkt und Komma weiter. Es wäre interessant gewesen, hätten sie mehr Inhalt in ihre Worte gelegt, denn das was sie sagen, ist eine Mischung aus Kitsch und Poesie. Merlin und Ich haben bald keine Lust mehr und als das hundertste Foto von der Gruppe zusammen mit einem „Rubaroo“-Tranparent, zum Wohle ihrer Publicity mit dem Quoten-Briten, gemacht werden soll, schleichen wir uns mit Sid heimlich davon.

Es ist schon spät, kein Restaurant hat mehr offen, obwohl sich ein kleiner Hunger bei uns breitmacht. Wir suchen verzweifelt nach einem Leckerbissen, finden aber nur eine lauwarme Dosencola. Die tut es für den Moment auch.

So brausen wir Cola schlürfend durch die Nacht, der Verkehr hat sich aufgelöst, es geht schnell voran und während wir an einer wiederkäuenden Kuh mitten auf dem Mittelstreifen vorbeifahren, wird mir klar, dass Hyderabad gar nicht so schlecht ist, wie anfangs gedacht.

Die Menschen hier sind unglaublich tolerant und aufgeklärt, wie es in anderen Gebieten nicht der Fall ist. Hier können Hindus, Christen und Moslems zusammen, ohne Probleme leben, sie unterstützen sich gegenseitig und lernen sowohl die Eigenarten als auch die Sprachen der anderen und genau diese Harmonie verspürt man ungeheuer gerne.

Hyderabad, da wo es egal ist, welcher Religion du nachgehst. It doesn´t matter….