Im Krankenhaus – Die OP….

Die Uhr tickt. Und tickt. Und tickt. Der Sekundenzeiger wandert beharrlich weiter, aber die Zeit will einfach nicht vergehen. Quälend lang vergeht eine Minute. Es herrscht absolute Stille, nur das Piepen der Geräte, die den Herzschlag und den Puls der Kranken messen, ist zu hören. Ich sitze einfach nur da und warte. Es wird langsam dunkel. Der Abend wird zur Nacht. Ich schaue aus der riesigen Fensterfront hinaus, sehe wie sich tausende Lichter über der Stadt erheben und rasend über die Straßen fegen. Bei ihnen scheint die Zeit geradezu zu verfliegen.

Ich komme mir vor wie im Nachmittagsunterricht im Winter. Man sitzt gegen 17:10 immer noch in der Schule, es wird dunkel, du würdest am liebsten total woanders sein und doch musst du noch die letzten zwanzig Minuten im Seminarkurs „Literarische Welten“ aushalten und dir einen Vortrag über „Effi Briest“ anhören. Zäh streckt sich dabei die Zeit, am Morgen hast du in Deutsch ein mit der Note 3 bewertetes Diktat zurückbekommen und ärgerst dich jetzt immer noch darüber, da Deutsch eigentlich dein bestes Fach ist. Du bist total fertig, deine Essensbox, die du am Morgen mit beschmierten Broten bepackt hast, ist leer, du hast Hunger und bist total müde. So ungefähr die Gefühlslage just in diesem Augenblick.

Dann, nach lähmenden 50 Minuten hat das Warten ein Ende! Die Tür wird aufgeschoben und Merlin wird auf einem Krankenbett ins Zimmer gefahren. Wie, als wenn die Schulglocke zum Feierabend bimmeln würde, erwacht mein Körper zu neuer Stärke und rennt dem ermatteten Körper meines Freundes entgegen und…

 

 

Bevor es an dieser Stelle weitergeht, lasst uns ganz am Anfang der Geschichte beginnen. 😛

 

„Du, Leo, ich weiß, das geht jetzt wahnsinnig schnell, aber heute schon soll ich ins Krankenhaus. Würdest du mitkommen?“ fragt Merlin etwas leidend.

„Natürlich! Ich lass dich nicht allein. Ich komme auf jeden Fall mit!“ sage ich entschlossen und meine es auch genauso wie ich es sage.

Merlin hat in letzter Zeit etliche gesundheitliche Rückschläge erlitten, die ihn momentan mehr als nur verzweifeln lassen. Probleme mit dem Magen, Probleme mit dem Rücken und jetzt auch Probleme mit dem großen Zeh. Sein Nagel ist ins Nagelbett eingewachsen, tut weh und dieser Schmerz kann nicht einfach durch Antibiotika gelindert werden, wie es die Ärzte schon bei seinen anderen Problemen versucht haben. Die Betonung liegt hier eindeutig auf „versucht“, da die kleinen bunten Pillen bisher nichts bewirkt haben. Statt zu untersuchen und nach dem Quell des Schmerzes zu forschen, scheint es dem allgemeinen indischen Arzt die beste Methode zu sein den Körper mit Chemie vollzupumpen, wo man eigentlich auch gar nicht weiß, was man da jetzt genau nimmt. Der Arzt verschreibt dir was, dass du dann in der Apotheke abholen kannst. Dort überreicht man dir irgendwelche Pillen, ohne eine Art Beipackzettel, oder Gebrauchsanweisung.

„Nimm das einfach“, so das Motto des Allgemeinmediziners. So haben wir das bisher zumindest erlebt.

Für den Zeh wurden anfangs auch „Painkiller“ verschrieben, aber es war klar, dass das nicht ewig funktionieren würde.

Durch einen gewissen Doktor Adi, den wir mal wieder, wie das ein oder andere Mal auch, beim Chor kennengelernt haben, hatten wir nun Zugang zu allerlei Ärzten und Krankenhäusern und eben dieser Doktor Adi vermittelte uns über einen bekannten Arzt einen weiteren Arzt, der Merlins Problem anpacken würde. Hätten wir diesen Kontakt nicht gehabt, wären wir, entweder noch auf der Suche, oder würden ewig, bis Merlin wieder genesen wäre, warten. Ohne Kontakte, so stellen wir fest, läuft in Indien wenig.

So machen wir uns gegen fünf Uhr nachmittags auf, ich, so vorhersehend, wie ich nun mal bin, stecke ein Ladekabel in meinen Rucksack, in der Hoffnung, dass der Ola-Fahrer (Ola ist ein naher Konkurrent von Uber und weitaus organisierter) einen Anschluss hat, wo ich mein Handy aufladen kann. Das habe ich seit gestern nicht mehr aufgeladen nagt schon gefährlich an der 20% Marke. Wir steigen ins Auto ein und siehe da: Das Auto hat keinen Anschluss. Na super!

Wir brechen auf, den Sonnenuntergang im Rücken und die anbrechende Rush Hour vor uns, doch ein Glück sind wir der besonders anstrengenden Autostillstandsphase noch eine halbe Stunde voraus, sodass es nur eine halbe Stunde benötigt, bis wir schließlich vor den Toren des MaxCure-Krankenhauses stehen, ich auf beiden Beinen und Merlin, etwas Flamingo-artig, auf anderthalb. Wir treten ein. Die Rezeption, sowie der Wartebereich sind im normalen Weiß gehalten und erinnern an ein klassisch europäisches Krankenhaus, nur die Leute unterscheiden sich etwas. Wir nehmen neben einen Inder Platz, der mehr Haare in den Ohren hat, als auf den Kopf und warten auf den Kontakt, den uns Doktor Adi vermittelt hat.

„In Fünf Minuten“, hieß es in seiner Whatsapp-Nachricht, würde er da sein. Hmm. Das waren wohl indische Minuten. Nach einer halben Stunde sitzen wir immer noch da und starren die Wandtafel mit den Namen der Ärzte des Krankenhauses an. Uns fällt auf: Ein Haufen Leute heißt mit Nachnamen „Reddy“ und „Kumar“. Diese Namen haben wir schon häufig auf der Straße gelesen und sind wohl die Prototyp-Nachnamen Indiens. Heißen die Leute in Deutschland „Schmidt“ oder „Schneider“, so heißen sie in Indien „Reddy“, oder „Kumar“. Interessant. Zumindest für fünf Minuten. Danach umarmt uns die Langeweile mit beiden Armen. Wir rekeln uns müde auf den Wartestühlen, gähnen, sehen uns den sinkenden Akkustand unserer Handys an und, insbesondere ich, frage mich, warum ich nur ein LadeKABEL dabeihabe und keinen Adapter, um diesen in eine der vielen Steckdosen des Krankenhauses zu stecken. Manchmal, so sehe ich tragischerweise ein, bin ich doch etwas verpeilt.

Dann kommt er endlich! Doktor Kumar! Er schüttelt Merlin die Hand und zusammen fahren wir mit dem Aufzug einige Etagen höher, gehen einen schmalen Gang entlang, ich höre allerlei Geräte piepsen und plötzlich stehen wir in einem schmuddeligen Raum, der irgendwie schon nach Krankheit riecht. In einer Reihe stehen rostige Gitterbetten mit ausgeblichenen Bettbezügen, ein schummriges Licht strahlt auf uns herunter und überall stehen merkwürdige Geräte und Ampullen. Die Decke ist mit leichtem Schimmel befallen und irgendwie reizt es mich auf einmal meine Hände zu desinfizieren! Zum Glück hängen überall Desinfektionsflaschen an maroden Befestigungen. Auf einmal umringen vier Leute Merlins Fuß und fachsimpeln darüber, was nun zu tun sei. Ich werfe Merlin einen sehr irritierten, erschrockenen Blick zu, er erwidert diesen und wir können nicht anders, als leise verlegen zu lachen.  So etwas haben wir nicht erwartet.

Klar, hatten wir ähnliche Vorstellungen eines indischen Krankenhauses, aber wie es mit diesen Vorstellungen nun einmal ist, weiß man nie so richtig wie man sich etwas vorgestellt hat. Man erwartet es ungefähr so, hat aber keine Bilder davon im Kopf und ist im Endeffekt total geschockt von dem, was man sich eigentlich schon gedacht hat. Sehr seltsam. 😀

 

„Wir operieren heute“, beschließt Doktor Kumar, nach sorgfältiger Betrachtung des großen Zehs.

„Heute?!“ fragen, wir beide sehr geschockt.

„Ja. Mein Agent führt dich jetzt zu einem Doktor der Chirurgie. Der wird mit dir die Einzelheiten besprechen und auch die Operation durchführen.“

Ein lächelnder junger Mann tritt an unsere Seite und führt uns durch viele verschiedene Gänge, kranke Menschen, werden an uns vorbeigeschoben und währenddessen berichtet uns besagter Agent, dass, falls es zur Operation kommen sollte, wir mindestens zwei Stunden hierbleiben sollten.

„Oder ihr bleibt bis morgen. Kommt drauf an, wie heftig deine Schmerzen danach sind“, feixt er und geht freudigen Schrittes voran. Wir beiden schlucken. Es kommt drauf an, wie heftig die Schmerzen sein werden? Oje. Uns schwant Böses.

Wir betreten einen kleinen sterilen Raum, wo ein weiterer Arzt sitzt und erneut Merlins Fuß begutachtet. Wir lassen ihm mit unserer Chorbekanntschaft Doktor Adi telefonieren, der dem Arzt Merlins Krankengeschichte schildert. Zum Schluss will er nochmal mit mir sprechen und mir wird das Telefon gereicht.

„Pass gut auf Merlin auf und bringe ihn sicher nach Hause. Es könnte ihm sehr wehtun.“

„Natürlich…Ich pass auf ihn auf.“ Mittlerweile bin ich doch etwas ängstlich und angespannt, dabei bin ich nicht mal der Patient.

Bevor die Operation losgeht, müssen wir erst einmal zahlen. Mehr als wir erwartet haben. 20.000 Rupien. Das sind mehr als 260 Euro und leider haben wir nur knapp 12.000 Rupien dabei und müssen nun schleunigst einen Bankautomaten finden, der meine Giro-Karte annimmt, da ich bedauerlicherweise den Pin meiner Visa-Karte vergessen habe. Merlin hat kein Geld mehr und ist demensprechend auf meins angewiesen! Mehr als eine halbe Stunde irren wir planlos und verzweifelt durch die Gegend, auf der Suche nach einer guten Bank, doch wir finden einfach keine im Umfeld des Krankenhauses! Merlin versucht mehrere Male hartnäckig unsere Versicherung anzurufen, die nimmt zu allem Überfluss nicht ab, obwohl sie einen 24/7 Service verspricht! Unser Agent ist mit uns total am Ende seines Lateins, ich ärgere mich mal wieder über meine Vergesslichkeit und Merlin schimpf herzzerreißend über unsere Versicherung! Die einzige Möglichkeit ist der Geldautomat des Krankenhauses, der aber keine größeren Summen als 2000 Rupien auf einmal ausspucken will. Dazu erinnert er mich an ein müdes Faultier, so langsam schluckt er meine Karte, schaut sie sich lange prüfend an bis er sie erkennt und genauso lange brauch, um sie wieder auszuspucken, währenddessen ich schon am Hyperventilieren bin und energisch auf die Knöpfe haue. Zu allem Überfluss entscheidet er sich rülpsend nach 4000 Rupien alle zu sein, ich balle wütend die Faust aber sehe ein, dass ich mehr Schäden als der Faultier-Automat davontragen würde, schlüge ich jetzt zu.

Als wir dem Arzt bedauerlicherweise beichten müssen, dass wir nur 16.000 Rupien zur Verfügung stehen haben, blitzt erneut die unglaubliche Hilfs- und Aufopferungsbereitschaft der Inder durch, denn Doktor Kumar übernimmt die restlichen 4000 und bezahlt diese vorerst aus eigener Tasche. Die Operation, die gerade noch gefährdet war, kann losgehen!

Wir werden in ein anderes Krankenzimmer gebracht, wo bereits zwei ziemlich fertige Frauen in den 50ern liegen und vor sich hinvegetieren.  Merlin muss sich einen Hausfrauen-Kittel anziehen, muss Ketten und Uhr ablegen und plötzlich will sich eine Krankenschwester am Band um seinen Arm zu schaffen machen. Das Band, das für jeden für uns Freiwilligen eine ganz bestimmte Bedeutung hat. Es wurde uns mit den besten Wünschen für uns selbst umgebunden, jeder von uns trägt es mit Stolz und verbindet damit seine ganz eigne Symbolik. Und dieses Band soll ihm nun abgeschnitten werden.

„Aber es geht doch um meinen Fuß! Nicht um meine Hand!“ protestiert Merlin, der sowieso schon total irritiert dreinblickt. Dass so ein großes Hallo um seinen Zeh geben würde, hatten wir beide nicht vermutet.

Ich atme kaum merklich tief ein, als es zum Moment kommt, wo die Schere an seinem Handgelenk ansetzt und das Band durchtrennt. Wir sind beide untröstlich.

Dann wird er plötzlich von einem Typ dazu verdonnert sich zu waschen, er wird aus dem Raum geführt, komplett perplex und das Letzte, was ich von meinem Freund sehe, ist wie er im Hausfrauenkittel panisch durch die Gegend schaut und „Warum?!“ vor sich hin säuselt, was ihn irgendwie im Gesamtpaket wie einen geistig Verwirrten aussehen lässt.

Er ist verschwunden. Nicht mehr da? Ich will aus dem Raum gehen, um nach ihm zu schauen, doch die Krankenschwester hält mich auf.

„Er ist jetzt bei der Operation. Du darfst nicht in den Operationssaal.“

„Aber ich bin sein Freund! Es wäre besser, wenn ich bei ihm bleibe“, widerspreche ich ihr.

„Nein. Du bleibst hier.“

Ich werde zum Sitzen verdonnert. „Ich habe ihm nicht verabschiedet“, geht es mir durch den Kopf, währenddessen ich neben den stöhnenden, mittelalterlichen Frauen auf den Krankenbetten, sitze und warte. Ich schaue auf mein Handy. 8%. Damit kann ich mich wohl nicht beschäftigen. Also bleibt mir nichts Anderes übrig, als nichts zu tun. Ich warte und warte und warte….

Und nun, sind wir dort angelangt, wo wir am Anfang waren. Nach einer zehrenden Stunde des Wartens, wird Merlin in den Raum geschoben, er lächelt breit, winkt mir zu und lässt mich wissen, dass die Operation gut verlaufen sei und er kaum Schmerzen habe! Das lässt mich aufatmen! Er schildert mir detailliert von seinen Erlebnissen, mir steht der Mund offen und ich bin schon ein wenig stolz auf ihn, dass er seine allererste Operation so gut gemeistert hat. Bald darauf kann er aufstehen, noch tut sein Fuß nicht weh, dazu ist er viel zu voll mit Schmerzmitteln und gemeinsam humpeln wir heraus aus dem Gänge-Labyrinth des Krankenhauses. Zurück wollen wir auf keinen Fall, das schwören wir uns, während wir den äußerst unprofessionell verpackten Fuß in ein Taxi hieven und davonrollen….