Totenfeier

Ich warte auf ein Taxi, dass mich zu meinen Freunden bringt. Es kommt, ich steige ein, begrüße den Fahrer, bedanke mich, dass er mich aufgenommen hat und will schon meine Kopfhörer aufsetzen, als sich eine warme Hand von hinten auf meine Schulter legt.

„Hey“, sagt das Mädchen auf den Rücksitz.

„Hallo“, meine ich.

„Woher kommst du? Tut mir leid, ich war neugierig und musste einfach Hallo sagen.“

„Kein Problem. Ich komme aus Deutschland. Ich arbeite hier für ein Jahr für eine NGO.“

„Wie spannend, erzähle mir mehr“, meint sie rückt näher an den Vordersitz heran.

So vertiefen wir uns in ein angenehmes Gespräch, bis sie aussteigt, mir entschieden die Hand reicht und in der Nacht verschwindet…

So lernte ich vor zwei Monaten Liz kennen, ein indisches Mädchen, dass bei Amazon arbeitete und mir gestand hilfloser denn je zu sein, da sie vor nicht allzu langer Zeit ihre Mutter verlor, zu der sie eine sehr starke Bindung hatte.

Eine Zeit lang kommunizierten wir über Facebook miteinander, bis ich es schließlich schaffte ein indisches Whatsapp-Profil auf meinem Handy zu installieren, was das Unterhalten um einiges leichter machte. Zur Feier des Tages eröffnete sie mir daraufhin, dass in naher Zukunft der 1. Todestag ihrer Mutter gefeiert werden und es ihr viel bedeuten würde, käme ich zu dieser Totenfeier. Ich stimmte sofort zu, obwohl ich nie einer Beerdigung, noch einer solchen Jahrestagsfeier für die Toten, beigewohnt hatte. Skrollan, Toni und Merlin durften auch kommen, doch als der Tag der Feier immer näherkam, war klar, dass ich alleine gehen würde. Die Mädels wurden überraschend nach Dallapalli abgerufen und Merlin… nun, ja, war mit seinem operierten Fuß ein halber Invalide. Drum entschloss ich alleine zur Totenfeier zu gehen…

 

„Sage mal, bist du aufgeregt?“ fragt mich Merlin.

„Ich? Ach was….“, sage ich, während ich kreuz und quer durch die Wohnung laufe, überlege, was ich anziehen soll und panisch vor mich hin brumme.

 

„Ich muss dringend zum Friseur! Vielleicht lass ich mir den Bart noch schneiden. Hab ich dafür überhaupt genügend Zeit? Denkst du das ist nötig?“

 

„Nein, du bist „überhaupt“ nicht aufgeregt, oder so“, kichert Merlin. „Das sieht man dir auch „gar nicht“ an.“

Ich werfe ihm einen Todesblick zu, aber weiß genau, dass er Recht hat. Ich bin aufgeregt, schließlich gehe ich gleich auf ein….ja was eigentlich? Ist das ein Date? Nein. Dann würde ich ja alleine mit Liz sein und nicht zufällig ihre ganze Familie kennenlernen.

 

Ich entschließe mich zum Friseur zu gehen, der 500 Meter von uns entfernt, einen Laden betreibt, der für deutsche Verhältnisse sehr billig ist. 100 Rupien, also knapp 1,30 Euro bezahlt man fürs Haareschneiden und wenn man spendabel ist, lässt man sich auch den Bart für dreißig Rupien mehr, richten. Nach einer halben Stunde sehe ich ganz vernünftig aus, zahle meinen Anteil ziehe mich daheim um und mache mich auf den Weg. Ich werde zu früh bei Liz aufkreuzen, die sich darüber jedoch sehr freut, als ich ihr die Nachricht überbringe. Auf die Frage, warum ich so früh erscheinen würde, antworte ich kichernd mit „German spirit.“

Dann jedoch verschärft sich meine Nervosität. Warum das? Nun ja. Seht selbst..

 

Liz: „Ach übrigens: Was, wenn mein Vater fragt, wie wir uns kennengelernt haben? Was sagst du?

 

Ich: „Was sollte ich denn sagen? Zufällige Begegnung? Wir haben uns irgendwo getroffen und haben uns sofort verstanden?

 

Liz: „Das schaut so aus, als würden wir uns daten.“

 

Ich: „Wie wär´s mit der Wahrheit?“

 

Liz: „Er erlaubt mir nicht alleine Taxi zu fahren, Süßer, Das ist das Problem. Sagen wir, wir haben uns auf einer Charity-Aktion getroffen.“


Ich: „Einem Festival für Charity-Aktionen!

 

Liz: „Und worum ging es da? Kinder?“

 

Ich: „Genau! Ein Event um Kinder aus Ureinwohnergebieten zu schützen!“

 

Liz: „Super Geschichte! So machen wir das! Ich freu mich auf dich.“


Ich: „Bin gleich da!“

 

Das gibt meiner Aufregung den Rest. Was, wenn mich ihr Vater fragt, wie wir uns kennengelernt haben und ich unsere zusammengesponnene Geschichte vergesse? Wie unangenehm wäre das!

Ich trete vor Liz´Haus, sie erwartet mich bereits, begrüßt mich euphorisch und zieht mich in ein Zimmer voller Sofas.

„Du wirkst etwas aufgeregt. Alles gut?“

„Ich? Aufgeregt? Ach was, alles super!“ versuche ich den Schein zu wahren, aber ich sehe in ihren Augen, dass sie mir nicht glaubt. Ich bin ein schlechter Schauspieler.

Wir unterhalten uns gut zwanzig Minuten, ehe wir auf´s Dach des Hauses steigen, wo bereits mehrere Reihen Stühle stehen und zwei kleine Flutlichtanlagen die Nacht erleuchten, ganz zum Wohlergehen tausender Insekten, die magisch vom Licht angezogen werden und sich auf den Gästen niederlassen. Innerhalb einiger Stunden würden unzählige Stühle in den Schatten gerückt werden, sodass die einstige Stuhlposition, im Endeffekt sehr seltsam aussah.

 

Ganz vorne ist ein kleiner Schrein errichtet worden. Neben Kerzen und Blumen steht ein Bild von Grace, der Verstorbenen. Ich kann den Blick nicht von ihr lassen, ich weiß nicht warum. Ich kannte diese Frau nicht, weiß nur ihren Namen und trotzdem bin ich nun auf ihrer Todesfeier. Vielleicht erhoffe ich mir, durch genaueres Hinsehen, etwas von ihrer Seele aufzusaugen, oder so. Ich habe keine Ahnung. Die Reihen füllen sich, ich lerne Liz Freunde kennen und auch ihren Vater, einen etwas korpulenteren Inder mit Atze-Schröder-Brille, der zu meinem Glück nicht fragt, wo wir uns denn kennengelernt haben. Liz hatte nie guten Kontakt zu ihm. Erst als ihre Mutter vor einem Jahr starb, bauten sie ein einigermaßen freundschaftliches Verhältnis zu einander auf…

Uns wird ein Programmzettel in die Hand gedrückt und zu meiner Überraschung stelle ich fest, dass ich unter Christen bin.

Und ich habe mir schon den Kopf zermartert, wie ich mögliche hinduistische, oder muslimische Bräuche meistern könnte, doch das ist jetzt wohl nicht mehr nötig.

Vor die dreißig-köpfige Gemeinde tritt nun ein Priester, Rev. A. Bennet und hält eine fröhliche Rede.

„Das Leben ist eine Reise, liebe Menschen! Es beginnt mit dem Leben und endet mit dem Tod. Und Grace hat die Reise geschafft. Sie darf sich ausruhen und kommt vielleicht irgendwann in die Ewigkeit. Seht es einfach so. Sie macht eine verdiente Pause und das ist für alle guten Christen erstrebenswert!“

Priester A. Bennet erinnert mich sehr an einen dieser typischen afroamerikanischen Prediger, die die Massen an Gläubigen mit ihren Reden begeistern und daraufhin ein kräftiges „Halleluja!“ im Gospel-Stil anstimmen. So wirkt er zumindest, kann aber trotz sprießender Euphorie die indische Gemeinde nicht wirklich zum Lachen bringen.

Es werden Lieder gesungen und kleine Reden von Angehörigen gehalten. Man versucht glücklich zu sein, aber spätestens als die Schwester der Verstorbenen bei ihrer Rede anfängt zu weinen, ist es mit Liz vorbei, sie stürmt mit Tränen in den Augen vom Dach, wird aber danach unfreiwillig zurückgeholt, damit der Priester die restliche Familie segnen kann.

Liebend gern hätte ich sie in diesen Momenten ihrer Trauer umarmt, doch ob das so gut, bei ihrer Familie angekommen wäre? Ich weiß ja nicht.

 

Nach dem Gottesdienst, wird Essen gebracht, sehr leckeres Biriyani, bei dem ich mich tatsächlich zügeln muss, nicht zu viel zu essen.

Viele schauen mich dabei irritiert an und sind total geschockt, dass das Essen mir nicht zu scharf ist, aber ich versichere ihnen, dass ich absolut keine Probleme damit habe.

 

Es kommt zu kleinen Small-Talk-Runden, und da mir meist immer dieselben Fragen gestellt werden, bin ich es schon fast leid immer dasselbe zu sagen:

 

„Also, ich bin Leo, komme aus Deutschland, arbeitete für ein Jahr für eine NGO und ja ich mag Indien total. Die Leute sind total nett und hilfsbereit und nein, mir ist das Essen nicht zu scharf. Ob ich alleine hier bin? Nein, es sind noch drei andere in meinem Projekt und wir schlafen alle in einem Zimmer. Komme ich damit zurecht? Total.“

Ich werde zu einer alten, ganz herzzerreißend süßen Tante gesetzt, die mich auf der Stelle umarmt und mich so freundschaftlich empfängt, als sei ich längst Teil dieser Familie. Dieses tiefe Vertrauen in den Menschen, beeindruckt mich zutiefst, meine Nervosität sinkt gegen Null und ich unterhalte mich herzlich mit der alten Dame, die sich richtig freut, als ich ihr meine wenigen auswendiggelernten Telugu-Wörter aufsage. Jedem, der vorbeikommt, gibt sie erstmal Auskunft über mich, sodass mich in kürzester Zeit die gesamte Großfamilie kennt.

„Schaut mal, das ist Leo aus Deutschland! Ein Freund von Liz!“

Ich darf dann begeisterte Hände schütteln, wünsche Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen und Großeltern einen guten Abend und grinse wie verrückt.

Den kleinen Kindern wird dann erstmal erklärt wo Deutschland liegt und diese schauen mich dann ungläubig, mit großen brauen Kinderaugen, an und staunen.

Liz erkundet sich die ganze Zeit nach meinem Wohlergehen und meint schließlich, dass ich gehen müsse. Sie sei sehr besorgt, dass kein Taxi mehr kommen und ich verloren gehen würde. Ich versuche ihr zwar zu erklären, dass um 9:00 abends jederzeit noch Taxis kommen würden, schließlich bekäme man noch um Mitternacht eine große Auswahl an Fahrzeugen zu Verfügung gestellt, ich hätte da Erfahrung, doch ihre Sorge um mich ist zu groß. So bestelle ich mir ein Uber-Fahrer und verabschiede mich vom gutmütigen Großmütterchen.

„Gott möge dich segnen“, meint sie zum Abschied.

„Dich auch!“ erwidere ich und muss zugeben, dass das nicht die beste Verabschiedung aller Zeiten war.

 

Gemeinsam stehe ich mit Liz am Eingang und warte. Als das Taxi nur noch zwei Minuten vom Zielort entfernt ist, heiß es Lebewohl zu sagen, sie gibt mir die Hand und gesteht mir, dass es ihr unendlich viel bedeutet hat, dass ich da war.

„Meine Familie mag dich“, stellt sie fest. „Siehst du, du hättest gar nicht so aufgeregt sein müssen. Ich hoffe, wir sehen uns wieder…“

„Auf jeden Fall. Es wäre mir eine Ehre“, lächele ich und hätte Liz gerne umarmt, doch stattdessen verharren wir peinlich lange in der Handschüttelgeste, lassen uns los und schütteln uns nochmal die Hände. Ich habe überhaupt keine Ahnung, was gerade angemessen wäre, grinse peinlich berührt, lasse ihre Hand los, hauche ein „Bye“ und gehe los, aber nicht ohne mich das ein oder andere Mal umzudrehen, bis ich hinter einer Ecke verschwinde und Liz aus den Augen verliere…

 

So endet meine erste Totenfeier überhaupt und ich muss mir eingestehen, dass ich diese relativ gut gemeistert habe, auch wenn meine Aufregung mir fast die Worte geraubt hätte. Doch gerade diese kleinen Erlebnisse sorgen, dafür, dass Indien nach wie vor nicht langweilig wird….