Das indische Kastensystem

„Ten bananas, please“, sage ich zum Bananenverkäufer.

„Hm, fourty“, meint dieser, wackelt mit diesem Kopf, zeigt mir den Ansatz eines zahnlosen Lächelns.

Ich gebe ihm seine vierzig Rupien, nehme meine Bananen und wünsche dem Mann, mit dem krausen abstehenden Haar einen guten Tag. Er nickt mir ernst zu. Verstehen tut er mich vermutlich nicht, aber das ist ihm wohlmöglich auch egal. Er hat zerfressene graue Hosen, sowie immer das gleiche Hemd an und sprechen scheint nicht unbedingt seine Lieblingsbeschäftigung zu sein. Er steht immer hier, zwischen streunenden Straßenhunden, neben dem stinkenden Kanal, der nach zehn Metern in unseren Fluss mündet und verkauft Bananen und Äpfel. Bei ihm ist es billiger als bei der Konkurrenz, die nicht weit entfernt steht.

Während ich mich entferne und vom Papa-Hund unserer Straßenhundfamilie nach Hause geleitet werde, geht mir dieser Mann einfach nicht aus dem Kopf. Seit wann verkauft er schon Bananen? Gedenkt er jemals den Job zu wechseln? Werden seine Kinder das auch noch tun?

Ich weiß es nicht, ich habe keine Ahnung von seinem Leben, doch habe ich die starke Vermutung, dass er dieser Beschäftigung schon immer nachging, in Zukunft auch nachgehen wird und auch nachgehen muss, sobald er nicht stirbt. Er kann nicht einfach die Bananen auf dem Boden werfen, den Job kündigen und sagen: „So, jetzt starte ich ein Autounternehmen mit zehn Mitarbeitern “, weil es einfach dem indischen System widerspricht auszubrechen. Klar, wird es auch der nicht studierte Bananenverkäufer in Deutschland schwer haben, ein Autounternehmen ins Leben zu rufen, warum sollte er sich 1. dafür interessieren und 2. das Geld dafür herhaben. Trotzdem hätte er zu mindestens die Chance dazu, die in Indien nahezu gering ist.

Und warum? „Aufgrund des Kastensystems“, vermute ich, während ich mich von den Hunden verabschiede und durch die Tore des Offices laufe, bereits eine Banane schälend. Ich weiß bisher viel zu wenig über die Kasten und das möchte ich jetzt ändern. Auf der Stelle setze ich mich von meinen PC und beginne zu recherchieren….

Das indische Kastensystem beschreibt im Grunde nichts anderes als die Abgrenzung von gesellschaftlichen, sozialen Gruppen. Von Geburt an wird jeder Mensch einer Kaste, oder einer „Varna“, wie der Inder sie bezeichnet, zugeordnet. „Varna“ heißt in Sanskrit so viel wie „Farbe“, denn einst, vor mehr als viertausend Jahren unterschied man gar nicht nach sozialer, oder wirtschaftlicher Herkunft, sondern vielmehr nach heller, oder dunkler Hautfarbe. Später wurde die hellere Gruppe in drei Gruppierungen, die Brahma (Priester), die Kshatra (Krieger) und die Vis (gemeine Volk) unterteilt.

Die dunklen Hauttypen, bezeichnete man als Unberührbare. Das kann ich auch noch heute auf den Straßen sehen. Arme Leute in Indien, die einer „niederen“ Aufgabe nachgehen, sind häufig etwas dunkler als die über ihnen.

Jede Varna wird zudem nochmals in ganz spezielle Gruppen, die „Jati“ unterteilt. Diese beschreiben im Endeffekt deinen Beruf, den du nachgehen musst. Wenn du ins gemeine Volk hineingeboren wirst, könntest du beispielsweise in die Jati-Gruppe der „Dhobi“, das bedeutet Wäscher, oder der „Ghandi“; Perfümverkäufer, geraten, wo du auf ewig bleiben musst. Du bleibst für immer jemand, der die Wäsche wäscht, auch wenn du vielleicht gerne etwas Anderes machen möchtest. Unter anderem wäre das auch sehr unvorteilhaft als Hindu sich seiner Bestimmung zu widersetzen. Das Kastensystem ist nämlich eng verwurzelt mit den Glaubensvorstellungen des Hinduismus, über den ich bereits einen Beitrag verfasst habe.

Wir damals bereits erwähnt, ist man an seinen ewigen Kodex, den Dharma, gebunden. Hältst du dich an deine ganz eigene individuelle Weltordnung des Dharmas, hat das positive Auswirkungen auf dein Karma, das durch vorbildliches Benehmen steigt und deine Chance erhöht im nächsten Leben etwas Besseres zu sein, oder gar ins Nirwana einzutreten.

Wiedersetzt du dich deiner Bestimmung, bekommst du schlechtes Karma und die Möglichkeit besteht, dass du als niedrige Lebensform wiedergeboren wirst und davor, im Übergang zwischen Tod und Leben, durch grausame Höllen geschickt wirst.

Dementsprechend sind der Dharma und die verschiedenen Jati-Gruppen kaum voneinander zu trennen. Deine Weltordnung sieht es vor, dass du in der Kaste des gemeinen Volkes, in Gruppierung der Friseure hineingeboren wirst. Schneidest du allen brav die Haare, bekommst du gutes Karma, was für Hindus sehr erstrebenswert ist. Den Job hinzuschmeißen würde folglich bedeuten, dass dich die göttliche Fügung straft…

An erster Stelle des Kastensystems stehen traditionell gesehen die Brahmanen. Sie sind die intellektuelle Elite, sowie die Ausleger der heiligen hinduistischen Schriften. Ihnen haben alle zu huldigen. Ob das heute, in Zeiten der Globalisierung immer noch der Fall ist, lässt sich schwer sagen, doch dazu später mehr.

Danach kommen die Kshatriyas. Traditionell gehören hier Krieger, Politiker und höhere Beamte dazu. Darunter stehen die Vaishyas, die Händler und Kaufleute. Noch weiter unten befinden sich die Shudras, einfache Handwerker und Tagelöhner.

Und das Schlusslicht, nun ja, bilden die Unberührbaren.

indiengrafikkastensystemjpg100~_v-gseapremiumxl.jpg

Übrigens hat keine indische Institution und keine Schrift jemals die Kastenordung geschaffen, oder verordnet. Erst als britische Kolonialherren mit den asketischen Brahmanen in Kontakt kamen und diese, aufgrund ihrer Ausbildung, die englische Sprache beherrschten, hielten die Briten das von den Priestern dargestellte System, in dem diese selbst die höchste und damit elitärste Kaste darstellten, als soziale Realität und projizierten es auf die gesamte Bevölkerung, die von dem Konstrukt im Zweifelsfall noch nie gehört hatte.

Ab dem Zeitpunkt setze sich das System durch und viele glauben, dass es so schon immer gewesen sein mochte. Wären die Engländer also nicht dagewesen, hätte das Kastenwesen vielleicht nie diese festgesetzten Maße von heute erreicht.

Oft begründet man die Entstehung der Kasten mit dem Mythos des Purusha, dem göttlichen Urmenschen, aus dessen Körperteilen die ersten Kasten entstanden sein sollen.

„Sein Mund wurde zum Brahmanen, seine beiden Arme zum Krieger, seine beiden Schenkel zum Vaishya, aus seinen Füßen entstand der Shudra.“

purusha

Purusha, der Urmensch

Insgesamt kann man dieses System sehr gut mit der Ständegesellschaft aus dem französischem Absolutismus vergleichen. Ganz oben steht der König, gefolgt von Priestern, Soldaten, Kaufleuten und dem einfachen Volk. Dazu bilden die ersten beiden Varnas nur 10% der Bevölkerung, was zu Zeiten von Ludwig dem 14. auch der Fall war, wenn nicht sogar noch deutlich weniger Leute den Adel ausmachten. Der Adel gab sich nicht mit dem gemeinen Pöbel ab und Brahmanen auch nicht mit den ganz untersten Kasten, weil die seit jeher als unrein gelten. Brahmanen sind besonders rein und sauber, wohingegen jene Jatis, die mit schmutzigen Berufen, wie Wäscher und Friseure, zu tun haben, wie, als unrein gelten.

staendepyramide2

Damit wird auch durchaus die körperliche Reinheit in Verbindung gebracht, weshalb es den Unberührbaren beispielsweise noch heute verwehrt bleibt einen Zugang zu den Tempeln zu bekommen.

Unberührbare leben meist nämlich auf der Straße, sind jedoch ein wichtiges Kriterium dafür, dass Indiens Straßen nicht voll von Müll sind. Allein 9000 Tonnen Müll entstünden täglich in Neu Delhi, der Hauptstadt und diese Massen an Abfall kann man ja nicht einfach liegen lassen. Recycling-Anlagen gibt es nach wie vor nicht, weshalb der ganze Müll auf der Straße landet und liegen bleiben würde, gäbe es nicht die Müllsammler, die traditionell aus der Varna der Unberührbaren kommen. Seit Jahrhunderten sammeln diese Leute schon Abfall. Im 17. Jahrhundert waren es noch Knochen, Lumpen und Papier, nun Plastik, Metall und Elektroschrott. Sie trennen die Stoffe voneinander und verkaufen diese dann weiter.

Die höheren Kasten geben sich nicht mit Müll ab. Einerseits ist er unrein, und Unreinheit will man nicht um Haus haben und andererseits ist der Abfall ein gutes Geschäft für die Unberührbaren, die so gesehen ein vereinfachtes Recycling betreiben. Drum ist das Kastensystem vielleicht auch eine Erklärung warum Indien im Müll versinkt. Dieser wird auf die Armen geschoben, die sich damit abfinden sollen…Dies ist jetzt nur Theorie. Natürlich gibt es auch Menschen, die keine Unberührbaren sind und trotzdem Müll sammeln. Am Strand von Mumbai haben einige Leute freiwillig angefangen Abfall aus dem Sand zu fischen. Mittlerweile ist dadurch eine riesige Aktion entstanden wo sehr viele Freiwillige den Müll vom Strand schaffen…

Eine strikte Separation der Kasten ist heutzutage nur noch auf dem Land möglich, da in der Stadt zu viel Anonymität herrscht und du erst dann über die Kaste eines Menschen Bescheid weißt, kennt man ihren Beruf. Zudem ist eine stete räumliche Trennung fast sowieso unmöglich. Diese findet man heutzutage deutlich eher nach wirtschaftlichem Status. Wer reich ist, geht mit Reichen in die Schule; wer arm ist, lebt in Armenvierteln, besucht schlechtere Schulen und hat somit auch im Berufsleben eine schlechtere Position.

Der Wohlstand sagt jedoch wenig über deine Kaste, da diese sich rein theoretisch nicht nach „reicher Oberschicht“ und „armer Unterschicht“ richtet. In der Praxis ist es jedoch so, dass durch jahrhundertelange Ausbeutung der unteren Kasten, sich die Armut eher bei den Shudras und den Unberührbaren wiederfindet.

Heutzutage sind alle Benachteiligungen, die durch das Kastensystem entstehen, gesetzlich verboten und eigentlich könnte jeder jeden Beruf ausüben. Ein nahezu geringer Prozentsatz an Brahmanen ist überhaupt noch Priester. Viele von ihnen sind arbeiten mittlerweile als Köche in besseren Restaurants, da es immer noch sehr viele höhergestellte Leute gibt, die keine von „Niederkastigen“ zubereiteten Speisen essen würden. Auch sehr viele Menschen aus der Kriegerkaste sind gar keine Soldaten mehr und auch Mahatma Gandhi, der eigentlich aus der Vaishya-Kaste kam, führte Indien, als religiöse Führerfigur, in die Unabhängigkeit. So gesehen, das Kastensystem auf dem absteigenden Ast, aber trotzdem nicht völlig aus dem praktischen Leben verschwunden, besonders, da es noch heute wichtige soziale Aufgaben erfüllt. Die Unberührbaren, halten im Schluss ganze Grundgerüst Indiens zusammen. Wer würde ihre Aufgaben erledigen, wenn sie aus freien Stücken entscheiden könnten das Müllsammeln aufzugeben? Bestimmt niemand.

Und so lange die Leute an die Karmalehre glauben, bin ich für meinen Teil der Meinung, dass die Kasten nicht verschwinden werden. Auch zieht man es noch vor in derselben Kaste zu heiraten und auch zu flirten.

Fun Fact: Auf indischen Websites zur Partnersuche finden sich oft Suchfunktionen nach Kastenkriterien. Hab das persönlich noch nie ausprobiert, aber interessieren, wie das Ganze aussieht, würde es mich schon. 😀

Es ist schwierig auf der Straße etwas über das Kastensystem herauszufinden. Darüber wird geschwiegen und möglicherweise auch nicht gern geredet. Ich würde mich dabei auch irgendwie komisch vorkommen, früge ich meinen Bananen-Verkäufer-Freund nach seinem Status. Möglicherweise würde er mir dann kein Obst mehr verkaufen…

Das wars für´s Erste mit dem indischen Kastensystem. Vielleicht finde ich im Laufe des Jahres noch mehr dazu heraus. Ich hoffe, dass dieser etwas andere Eintrag einige Leute gut informiert hat und hoffe auch auf einige Anmerkungen seitens meiner indischen Freunde. Habe ich alles, von der Theorie her, gut beschrieben, oder habe ich mit einigen Dingen unrecht? Ich freue mich auf konstruktive Kommentare. J