Nichts bleibt, wie es ist…

 

Tag 1

„Im Endeffekt kann Dallapalli sich nicht vor sich selbst schützen“, hauche ich abfällig.

„Nein, das kann es nicht“, Merlin schüttelt entgeistert den Kopf.

Wir sitzen vor der Community-Halle, unserem vorrübergehenden Heim in Dallapalli, dem kleinen mittelalterlichen Dorf, tief in den Bergen. Völlig entgeistert. Das ist der richtige Ausdruck, um meine Gedanken zu beschreiben.

Kennt ihr das? Man ist unterwegs, hat viele beschwerliche Hindernisse hinter sich und stellt sich vor, dass, wenn man sein Ziel erreicht, sich erstmal genüsslich ausruht?

In meiner Vorstellung würde ich mir seufzend den schweren Rucksack vom Rücken hieven, einen Chai trinken und träumerisch in die Landschaft schauen, die unglaubliche Landschaft des Dorfes genießen… Nun bleibt von dieser Vorstellung nur eine vage Erinnerung. Wir sitzen einfach nur da und können unseren Augen kaum glauben. Warum sagt man das Eine und tut dann das Andere? Das scheint mir die Frage des Tages zu sein. Warum?

 

Beginnen wir am Anfang der Geschichte, einen Tag vorher, wo uns ein feixender Ravi mit wippenden Schnurrbart offenbart, dass wir diesen dicken, fetten Computer vor unseren Füßen, doch bitte mit auf unsere zehntägige Reise ins Dallapalli der angeblichen Ausnahmezustände und voller Regierungsbeamte, mitnehmen sollen. Auf dem Computer sei das System für´s Ausmessen der Berge gespeichert und da es im Dorf kein Internet gibt, könne man eben jenes Programm nicht einfach per Mail schicken.

„Großartige Idee! Ist ja nicht so, als ob wir nicht schon zwei riesige Backpacks auf dem Rücken haben und eine 20 Stündige Reise vor uns haben. Ravi, du killst uns mit diesem Paket!“ versucht Merlin unserem Zweitchef davon zu überzeugen, doch jemand anderes mit dieser Aufgabe zu beauftragen. Dieser jedoch grinst nur wie verrückt, wie einer dieser Lehrer, die es nahezu genießen der müden Klasse mitzuteilen, dass sie übers Wochenende doch bitte Hausaufgaben machen sollen und macht sich daran den PC, sowie den Bildschirm und die Tastatur in Pappkartons einzupacken.

„Gern geschehen!“

 

So stehen wir also wenig später, vollbeladen und angespannt am Bahnhof und warten auf unseren Zug, der uns nach Visakhapatnam bringen soll. Die Spannung, zumindest bei mir, ist unübersehbar groß, habe ich jetzt schon Angst, dass der Computer-Pappkarton nirgendwo in den schmalen Gängen unterkommen kann.

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Der Zug kommt mit lautem Getöse angefahren, wir steigen ein und stehen erstmal im Stau. Dass die Chai-Verkäufer-Marktschreier immer dann ihren Tee verkaufen wollen, wenn alle einsteigen und dann auch noch gegen den Strom schwimmen, um ihr altbekanntes Lied zu singen, ist mir nach wie vor schleierhaft.

 

Chai-Verkäufer (monoton schreiend): „CHAI, KOFFEE! CHAI, KOFFEE! CHAI, KOFFEE!“

Ich (genervt): „Das Einzige, was ich will ist EINSTEIGEN!“

Chai-Verkaufer (unbeirrbar): „CHAI, KOFFEE! CHAI, KOFFEE! CHAI, KOFFEE!“

Merlin: „Ich will jetzt keinen Chai! Gott, so vergrault man schon ganz am Anfang seine Kundschaft!

Chai-Verkäufer (unerschütterlich): „CHAI, KOFFEE! CHAI, KOFFEE! CHAI, KOFFEE!“

Ich (bitterböse): Langsam nervt´s!

 

Doch die Verkäufer beachten uns nicht, auch weil wir sie auf Deutsch beschimpfen und sie uns so, bei guten Grund, nicht verstehen können. Bald jedoch sitzen wir an unseren Sitzplätzen, selbst der Computer ist verstaut, meine Anspannung fällt von mir ab und jetzt könnte ich sogar einen Chai vertragen…

Am nächsten Morgen, nach einer mehr oder minder schlaflosen Nacht, steigen wir vom Zug in den Bus, mein Rucksack ist viel zu groß für die obere Ablage, sodass ich ihn vorne beim Fahrer ans Gerüst festschnüre.

Wir stellen fest, dass Inder uns gegenüber zwar sehr aufgeschlossen, hilfsbereit und nett sind, aber sich gegenseitig total doof finden. Der Busfahrer streitet sich mehrmals lautstark mit angriffslustigen Passagieren und das sehen wir nicht das erste Mal. Überall auf der Straße gibt es immer wieder kleine Keilereien, wo insbesondere die indischen Männer besonders aggressiv wirken. Das ist wohl ein Grund, weshalb mir jede neue Bekanntschaft zu verstehen gibt, dass ich Acht auf komische Leute geben soll.

„Vertraue niemanden“, so das Motto von Liz, meiner Uber-Freundin.

 

Nach drei Stunden sehen wir unseren Ausstiegspunkt, ich erhebe mich, laufe zu meinem festgeschnürten Rucksack und versuche den Knoten zu lösen. Verdammt es geht nicht! Doppelknoten!!

100 Meter bis zum Ausstieg. Wenn wir nicht rechtzeitig aussteigen, wird der Bus auf jeden Fall weiterfahren! Ich reiße an den Riemen, nichts löst sich! Die Dame neben mir versucht es auch, doch auch ihre Fingernägel, die im Gegensatz zu meinen, nicht abgeknabbert sind, bewirken nichts.

50 Meter!

„Na los!“ zischt Merlin, dem die ganze Situation etwas peinlich ist. Wir werden von allen Leuten angestarrt. Egal!

Ich hebe den Rucksack an, um das Gewicht vom Knoten zu nehmen. Das hilft auch nichts! Mein Herz pocht, Schweiß rinnt mir über die Stirn.

20 Meter!

„Oh je, oh je, oh je! Verdammt, verdammt, verdammt!“ schreit es in meinem Kopf!

Die einzige Möglichkeit besteht darin die Riemen durchzuschneiden! Messer! Wir brauchen ein Messer! Hatte Merlin nicht eins mitgenommen?

10 Meter!

Ich blicke hoch zu Merlin. Nein, es würde jetzt zu lange dauern, ihn jetzt nach seinem Taschenmesser zu fragen.

Dann entsinne ich mich eines anderen Mittels. Beherzt, mit letzter Willenskraft verbeiße ich mich in den Knoten, ziehe und wirre wie ein Löwe an seinem erlegten Mahl und tatsächlich öffnen sich die Strippen! Ein Hoch auf meinen Zahnarzt und meinen Kieferorthopäden, dass meine Zähne so stark sind!

3 Meter!

Der Knoten ist aufgelöst, gerade zur richtigen Zeit! Ich springe auf die Beine, hieve mir den Rucksack auf den Rücken und springe aus dem Bus! Geschafft!

„Also wenn man dich und deinen Rucksack dabeihat, dann werden die Reisen wohl nie langweilig!“ schnauft Merlin total geschafft.

„Das kannst du wohl laut sagen!“

 

Und jetzt setzen genau die Gedanken ein, die ich vorher schon versucht habe zu beschreiben. Dies ist der Punkt, wo man sich wünscht sein Ziel zu erreichen, seinen Rucksack abzustreifen und umzufallen.

Doch dies wird nicht geschehen…

Wir erreichen Dallapalli, die roten Dachziegel strahlen in der warmen Mittagssonne, von Weitem ist fröhliches Kinderlachen zu hören und die Aussicht, die sich vom Dorf aus auf die gewaltige Berglandschaft bietet ist phänomenal.

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Dann erreichen wir den Vorplatz unseres Heims und uns vergehen die schönen Gedanken.Vor gut anderthalb Wochen hat hier ein Treffen mit Bhanu, unserer Chefin, stattgefunden. Skrollan und Toni waren auch dabei, als unter anderem eine niegelnagelneue Nähmaschine ins Dorfleben gebracht wurde und über die neusten und heißesten Themen geredet wurde. Und nun, anderthalb Wochen später, sieht man noch die Spuren des Treffens. Überall liegt Müll, Plastikbecher, Papierschnipsel, dreckige Stofffäden…

Wir verstehen die Welt nicht mehr. Die Dorfbewohner und unsere Organisation sind gegen das Wegwerfen von Müll durch Touristen, schaffen es mit diesem Thema sogar zum obersten Gerichtshof Hyderabads und in die Zeitung, bringen es aber im Endeffekt selber nicht fertig ihren eignen Abfall aufzuräumen? Vor nicht allzu langer Zeit haben wir Plakate entwickelt, die Touristen davor warnen sollten, Müll in die Gegend zu schmeißen. Wir versahen die Poster mit unseren Abfallbildern der letzten Monate und entwickelten Slogans, wie: „Nicht auf meinem Grundstück!“, oder „Verschmutzt nicht unsere Zukunft!“

 

„Nicht auf unserem Grundstück! Wir machen das schon selbst!“ witzelt Merlin.

Unsere erste Aktion in Dallapalli wird es sein uns zwei Mülltüten zu schnappen und den Müll, den der Kongress dort hinterlassen hat, einzusammeln. Am Ende haben wir zwei dicke volle Beutel und stellen sie demonstrativ vor unser Haus. Ich mache davon Fotos. Meine ersten für diese Reise. SO habe ich mir diese ersten Bilder nicht vorgestellt. In meiner Vorstellung hätte ich gut und gerne die atemberaubende Weite, oder eins der vor sich hin gackernden Hennen mit ihren Küken fotografiert, aber doch nicht den Müll eines Treffens, das unsere Chefin organisiert hat.

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Dass dieser nach wie vor hier liegt, spricht auch total für den unbedingten Willen der Bewohner ihr Dorf sauber zu halten….

Wir schlendern durch die Siedlung und irgendwie ist unser Blick nun klarer für das Unschöne, für das Hässliche, was ich die beiden letzten Male wohl ignoriert haben muss, denn überall sehen wir alte, verdreckte Plastikbehälter, die schon halb versandet sind. Touristen schlendern selenruhig durchs Dorf und beäugen die Bewohner, als seien sie eingesperrte Tiere im Zoo.

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Wie John, der Pfarrer aus Visakhapatnam, beispielsweise, der auf meine Frage hin, was er hier mache, Sightseeing betreiben will.

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Das einst so ruhige Dorf hat sich verändert. Aber die Dörfler scheinen auf uns so zu wirken als wollten sie diese Veränderung. Touristen halten an und erkundigen sich nach einem schönen Aussichtspunkt, die Leute geben ihnen bereitwillig Auskunft, anstatt sich geschlossen dagegen zu stellen, wie WIR es eigentlich wollten. Vom Anfang bis zum Ende unserer Reise wird sich uns die Frage stellen, ob die Einwohner überhaupt unsere Hilfe wollen? Oder ist es möglicherweise doch ganz nett für sie, wenn mehr Leute kommen, denen man theoretisch was verkaufen könnte? Ist es nicht eher so, dass wir als Stadtleute in dieses gar mittelalterliche Dorf kommen, uns nach vier Tagen super erholt fühlen, aufgrund der wohl für Jahrhunderte stehen gebliebenen Zeit und der schönen Aussicht und deswegen nicht wollen, dass sich dieses Dorf jemals der Industrialisierung beugt? Am Ende bleibt nichts wie es ist, Veränderung ist nötig, um sich weiter zu entwickeln und warum nicht auch Dallapalli? Klar, so wie es momentan läuft, ist das nicht erstrebenswert, zumindest für uns, denn den Leuten hier fehlt es nach wie vor an der Kenntnis, was Plastik und Co alles anrichten kann, sodass ihnen die Verschmutzung kaum auffällt.

Doch diese Kenntnis werden wir in den nächsten Tagen versuchen einigen Menschen zu vermitteln…

Und natürlich gibt es großartige Neuigkeiten! Es gibt Hundenachwuchs im Dorf! Fünf kleine süße Welpen! Und total tolle Baby-Ziegen! Aber darüber reden wir im nächsten Beitrag. 😀