Von medizinischen Sekten und ganz viel Antibiotika

Tag 3

„Guten Morgen! Aufstehen! Leo, Merlin, Gayathri, auf geht´s!“

Müde, schlage ich die Augen auf. Es ist halb sieben am Morgen, wir sind dick eingekuschelt in unsere Schlafsäcke und in meinem momentanen Dämmerzustand vermag ich nicht die Stimme auszumachen, die mich gerade doch ziemlich laut und harsch aus dem Schlaf geholt hat.

„Aufstehen!“ ruft es nochmal.

Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen, erhebe mich und erkenne den Unruhestifter! Bonjibabu steht vor uns grinst über beide Backen und schaut mich voller Tatendrang an. Was macht er hier um diese nächtliche Urzeit?

„Jetzt kommt das medizinische Camp“, offenbart er uns aufgeregt.

„Aber Bonji, die Leute wollten doch erst gegen zehn kommen!“ protestiert ein ziemlich unausgeschlafener Merlin.

„Jetzt nicht mehr“, meint unser kleiner Freund und plötzlich latschen fünf fremde Männer in die Community Halle und beginnen aufzuräumen. Prompt füllt sich der Raum mit mehr Leuten, zwei kleine Mädchen kommen mit Reisigbesen bewaffnet hinein und beginnen den Staub hinauszufegen.

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„Och nö“, seufze ich, streife mir den Schlafsack vom Körper und stopfe ihn in meinen Rucksack.

Bereits vorgestern, am Tag der Anreise, haben wir erfahren, dass eine Organisation aus Visakhapatnam herkommen will, um den Menschen aus den Dörfern eine freie ärztliche Behandlung zukommen zu lassen. Sie seien dafür zuständig, dass rund um Dallapalli Brunnen ausgehoben und Wassertanks entstanden sind. Alle Mitglieder dieser Versammlung würden einem gewissen Sathya Sai Baba folgen. Dieser hatte einst verkündet die Reinkarnation eines Heiligen zu sein, gründete Hilfs- und Bildungswerke, unter anderem auch ein Krankenhaus in Bangalore, lebte fortan in sogenannten Ashrams, klosterähnlichen Meditationszentren, verkündete seine Lehren und war seitdem als eine Art Guru bekannt. Bis er vor fünf Jahren starb. Doch das schmälerte seinen Ruhm nicht, nein, mittlerweile kann man sein Gesicht auf jedem Brunnen in Dallapalli und auch Poolabanda bestaunen, da seine Organisation, die nun, an diesem Sonntag zu uns gekommen ist, nach wie vor in Indien tätig ist.

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An sich befürworte ich diese Aktion. Man sieht dann doch sehr viele Ureinwohner mit Schnupfnasen und kratzigem Husten durch die Gegend laufen, einige halten Verletzungen einfach aus, binden einen Verband drum und glauben, das reiche um Schlimmeres zu verhindern, sind sie sich bisher immer noch im Unklaren, was eine Infektion auslösen kann. Drum finde ich es gut, dass nun Leute kommen und den Menschen hier ein medizinisches Bewusstsein zu geben.

„Immerhin tun wir es für eine gute Sache!“, versuche ich Merlin aufzuheitern der gähnend und murrend sein Zeugs zusammenpackt. Für diesen Tag werden wir in Bonjibabus Haus unsere Sachen lagern, damit die Ärzte die Community-Halle für sich und ihre Zwecke nutzen können.

„Hmmm“, grummelt Merlin, der doch gerne später aufgestanden wäre.

Bisweilen wird ein riesiges Zelt vor unserer Halle aufgebaut und wuchtige Tische in den Vorgarten gestellt. Helfen dürfen wir leider nicht, drum genießen wir voller Inbrunst die morgendliche, warme Sonne. Der Winter ist in Dallapalli eingekehrt. Was heißt das genau? Nun ja, heftiges Schneetreiben bleibt vorerst aus und sowieso ist es tagsüber über 25 Grad, die Sonne ballert kräftig auf uns herab und wir müssen aufpassen uns immer gut mit Sonnencreme einzuschmieren, aber des Nachts, wird es selbst im Pullover kaum aushaltbar. Drum schlafen wir auch mit mehreren Lagen Klamotten und dicken, warmen Schlafsack. Tagsüber heiß, nachts kühl. Das ist der indische Winter. 🙂

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Ich behalte ein Viertel meines Frühstücks und gehe ins Unterdorf zu meinen neuen Freunden. Fünf kleine Hundewelpen, sie mögen gut fünf Wochen alt sein, rekeln sich dort, zu Fuße eines kleinen Holzberges. Wir haben sie am ersten Tag entdeckt, wie sie ungelenk durch die Gegend getapst sind und sich nur zu gern von uns streicheln ließen. Die Mutter scheint ihre Wonneproppen aufgegeben zu haben, so hält sie sich gerne so weit weg wie möglich von ihnen auf und kommt nur ein Mal am Tag vorbei, um ihnen Milch zu geben. Uns ist nicht klar, ob am Ende unserer 10 Tage noch alle von ihnen leben werden, wenn sie keine mütterliche Nahrung mehr bekommen. Es ist sowieso erstaunlich wie sie die kalte Nacht überstehen.

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Ich gebe ihnen meinen Reis, im Wissen, dass dieses Fressen vielleicht noch gar nicht so gut ist, für die Kleinen, aber sie fallen gierig darüber her und tun so, als würden sie diese Kost bereits verkraften. Als ich auf die Straße zurückkomme, beäugen mich die Dorfbewohner mit düsteren Blicken. Ich hätte ihre Kühe, Ziegen und Hühner füttern können, sie hätten mich angestrahlt, dass ich mich so gut, um ihre Nutztiere kümmere, aber Hunde sind bestenfalls ein Spielzeug für die Kleinkinder. Man brauch sie hier nicht, sie nerven nur und gieren nach dem Essen für das die Menschen hier hart gearbeitet haben. In dem Sinne muss ich wohl „den Feind“ versorgt haben, so zumindest wären die merkwürdigen Blicke zu erklären. Nicht desto minder, werden wir noch häufig hier vorbeischauen….

Als ich zurückkomme, halten zwei riesige Busse vor den Toren Dallapallis, viele plappernde Menschen steigen aus und machen sich rund um die Community Halle breit. Natürlich sind wir als Weiße für sie der totale Blickfang, es wird Smalltalk betrieben und es werden Selfies gemacht und dabei stelle ich fest, dass diese Menschen echt wahnsinnig nett sind. Vielleicht etwas fanatisch, was ihren „Gott“ angeht, denn bevor sie sich in die Ärztekittel schmeißen und die Dorfbewohner empfangen, errichten sie einen Schrein für ihren heiligen Baba und beten inständig um gutes Gelingen. Wir beiden Deutschen stehen daneben und müssen uns ein Grinsen verkneifen. Wir kommen uns irgendwie vor, als seien wir mittendrinn in einer Sekte voller komischer Leute.

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Schließlich trudeln die ersten Ureinwohner ein und…wow! Die Ärzte scheinen tatsächlich professionell zu sein, untersuchen die Hilfesuchenden, verschreiben ihnen Medikamente, geben ihnen Vitamine, Schmerzmittel, alles was das Herz begehrt.

Sogar Sehtests werden angeboten und es sieht schon ziemlich lustig aus, als  eine altertümliche Adivasi-Frau mit Ringen in der Nase ein hochtechnisiertes Sehtestgerät auf der Nase gesetzt bekommt, um der Ärztin zu sagen, ob sie die immer kleiner werdenden Buchstaben an der zehn Meter entfernten Wand noch sieht.

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Dann betritt Rambabu, ein athletischer junger Mann, den Schauplatz. Er ist immer dabei, wenn es darum geht Volleyball zu spielen, oder verrückte Dinge zu machen.

„Hey, was machst du denn hier? Du bist doch kerngesund!“ stellen wir fest.

„Ja, aber meine Mutter meinte, ich solle mal vorbeischauen. Wenn schon ein Arzt da ist, soll man diesen auch auskosten“, meint Rambabu.

Er geht in die Community-Halle und kommt wenig später mit Antibiotika und Schmerzmitteln wieder.

„Und warum musst du das jetzt nehmen?“

„Öhm, keine Ahnung. Zur Vorsorge wahrscheinlich.“

Irgendwie kommt uns das spanisch vor, einem topfitten Menschen Antibiotika anzudrehen. Antibiotika sind unumstrittlich sehr wichtig für kranke Menschen, es werden vorerst alle Bakterien, sowohl gute als auch schlechte, im Körper ausnahmslos getötet, was das Immunsystem folglicherweise sehr schwächt, aber mit der Zeit den Körper wiederaufbaut. Im medizinischen Gebrauch werden sie zur Behandlung bakterieller Infektionskrankheiten eingesetzt, Merlins operierter Fuß hier als Beispiel.

Doch Rambabu hat keine bakterielle Infektion und hat trotzdem ein Antibiotikum in die Hand gedrückt bekommen. Uns schwant nichts Gutes.

Spätestens als ein Arzt auf Merlins verbundenen Zeh zeigt, fragt was dort passiert sei und Merlin ihm von seiner Operation erzählt, wird die ganze Situation ziemlich merkwürdig.

Ohne sich den Zeh nur anzuschauen, drückt der Arzt Merlin ein Antibiotikum, sowie mehrere Paracetamol- und Iboprofentabletten in die Hand und meint, dass es damit bestimmt besser werden würde.

Als ein kleines Kind, vielleicht sechs Jahre alt, an den Stand eines Arztes kommt, wohl deswegen, weil es Magenbeschwerden hat und der Mediziner dem Kind ein Breitband-Antibiotikum und mehrere magengeschwürbekämpfenden Mittel verschreibt, ohne das Kind vorher genauer untersucht zu haben, bringt das das Fass von Merlin zum Überlaufen. Einem so schwachen Organismus ein so starkes Mittel zu verschreiben, ohne überhaupt zu wissen, ob es sinnvoll ist, ist schon beinahe gefährlich.

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Ich muss gestehen, dass ich selber nicht viel Ahnung von Medizin habe, aber meine Vorstellung von einer vernünftigen Behandlung sieht wahrlich anders aus. Schnell begreifen wir, dass das kein Einzelfall war. Die einzige Lösung für die wahrlich einfachen Probleme der Menschen, scheint für diese Ärzte das Antibiotikum zu sein, was man eigentlich erst dann einsetzen sollte, wenn es einem wirklich sehr schlecht geht. Aber da weder die indischen Ärzte, noch die Bergdorf-Bewohner irgendeine Ahnung von dem zu haben scheinen, was sie da in der Hand haben, nehmen es beide Seiten für gegeben an und das obwohl die Bewohner Dallapallis eigentlich ihre ganzen Medikamente vor der Haustür haben. Die ganzen Pflanzen, die ich einst fotografiert habe, haben meist alle einen medizinischen Nutzen. Manche kurieren Husten und Schnupfen und manche sind sogar gut, um Schmerzen zu lindern, aber die Menschen wissen es nicht mehr und ziehen die „westlicheren“ und vermeidlich besseren Methoden vor, die ihnen in diesem Fall wohl mehr schaden, als ihnen zu helfen. Leider kann in Indien der Arzt werden, der viel Geld besitzt und nicht der, der auch die ausreichende Bildung dafür hat zu erkennen, dass Antibiotika völlig gesunde Menschen krank machen könnte…

Ich finde es super, dass sich die Ärzte um diese Menschen kümmern und ihnen eine gewisse Vorsorge bieten. Leider ist es jedoch so, dass die Organisation von Dorf zu Dorf wandert und wohl erst in ein paar Jahren wieder in Dallapalli vorbeischauen wird. Nachhaltige Vorsorge ist damit nicht unbedingt gewährt, wie ich finde. Es ist nicht immer richtig Antibiotika zu verschreiben, aber trotzdem kann man mit ihnen Überleben fast schon garantieren.

Klar, kann ein kerngesunder Rambabu Medikamente zur Vorsorge bekommen haben, wäre es nicht so, dass allen Leuten gesagt wurde ihre Mittel in den nächsten Tagen einzunehmen und da, in dieser Tätigkeit, liegt mein eigentliches Problem:

Sowohl in diesem Feld, als auch beim Müllproblem fehlt es den Leuten an Wissen, Aufklärung und dem nötigen Feingefühl zu wissen, dass ein Mittel allein, nicht deine ganzen Probleme, die du es noch gar nicht hast, beseitigen kann…

Aber dieses Problem können wir nicht auch noch anpacken, im Endeffekt müssen wir das auch nicht. Dies ist eine Sache zwischen deutschen und indischen Gesundheitssystemen. Beide funktionieren am Ende. Irgendwie. So lange es den Menschen gut geht, ist alles im Lot  und die Inder haben wohl oder übel gelernt mit ihren Problemen zu leben, die Antibiotika anzunehmen. Sie kennen nichts anderes und am Ende würden sie dem Arzt vertrauen, den sie schon immer aufgesucht haben und nicht dem, der eine lange Behandlung über viele Sitzungen vorschlägt, statt Pillen zu verteilen.

Es ist keine Sache, die wir lösen sollen, aber dennoch etwas, die uns sehr bewegt, aber wir definitiv nicht besser machen können.  Der Müll allein stellt uns schon vor ein riesiges Mamutprojekt, das am nächsten Tag, jedoch Form annehmen soll….( und spätestens dann, gibt es auch wieder positives zu berichten. :))