Together we are strong

Kurz nach dem Aufstehen stellt sich uns folgende Frage: Was machen wir heute?

Vögel kategorisieren? Müll sammeln? Nichts tun? Wir entscheiden uns für die zweite Variante und schnappen uns, nach einer ausgiebigen Dusche, wofür wir eine halbe Stunde lang Wasser aufwärmen mussten und dieses uns darauf hin über den Kopf schütteten und einem leckeren Chai, die Müllsäcke, die wir am Tag 2 in der nächstgrößeren Stadt von Dallapalli aus erworben haben und treten vor die Haustüre.

Im Radius von 20×20 Metern beginnen wir Plastikabfall zu suchen und finden längst verbuddelte Schätze im Herzen des kleinen, morgendlichen Bergdorfs. Zudem spüren wir auch neue Überreste, wie benutzte Spritzen, Medikament-Verpackungen und auch leere Tablettenbehälter auf. Das medizinische Camp von gestern war wohl doch nicht so sauber, wie wir anfangs noch vermutet hatten.

Nach einer halben Stunde haben wir vier Säcke vollgestopft und sind dabei keineswegs abseits unseres kleinen Umkreises geraten. Jeder von uns hat einen kleinen Sonnenbrand, etwas Rückenschmerzen und den Gedanken, dass falls wir uns jemals bei einem deutschen Abfallunternehmen bewerben sollten, definitiv sofort genommen werden würden, wenn dieses sieht, wo wir schon überall Müll gesammelt haben. 😀

Plötzlich hat Gayathri die zündende Idee einen Aufräumtag mit den Kindern Dallapallis zu veranstalten. So hätte man mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Einerseits wäre das Dorf sauberer, man hätte seinen Bildungsauftrag super gemeistert, den Kindern ein besseres Verständnis für Müll nähergebracht und unsere Organisation bekäme daraufhin eine gute Publicity.

Wir sind sofort überzeugt von dieser Idee, Gayathri spricht mit der Lehrerin der kleinen, beschaulichen Schule des Dorfes, die auf der Stelle ihre Schüler für diesen einen Tag freispricht. Wir kommen in die Schule und finden gut 16 Zweit-und Drittklässler vor, die uns total gespannt, von oben bis unten hin, mustern.

DSC_1873Einige kennen wir schon vom Sehen, haben jedoch nie mit ihnen gesprochen. Nach einander stellen sich die kleinen Racker vor, springen auf und geben ihr bisher gelerntes Englisch preis. Sie können schon ihren Namen und ihre Klasse sagen. Zudem können sie alle super bis zehn zählen.

Das kann ich mittlerweile auch schon. Also auf Telugu! Auf Deutsch und auf Englisch kann ich selbst verständlich noch weiter zählen.

Hier mal ein Live-Versuch, ob ich es immer noch schaffe auf Telugu bis 10 zu zählen: Okati, rendu, moodhu, naalugu, aidu, aadu, yedu….enamidhi, thommidhi, padhi!

Siehste, ich kanns! In dem Fall müsst ihr mir einfach glauben, dass ich nicht zwischendurch geschmult habe. 🙂

Nachdem sich jeder vorgestellt hat, wird ein Laptop aufgeklappt und wir schauen uns einige kleine Filmchen über Plastik, die wir daheim gedownloadet haben, an. Ganz gebannt schauen die Kinder auf den Bildschirm und irgendwie scheinen sie zu verstehen, worum es geht, obwohl ein Film auf Hindi und ein anderer auf Englisch ist.

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Zwei Videos seien hier auf jeden Fall mal verlinkt,  falls es jemanden interessiert, was Plastik alles so auslösen kann. 🙂

Plastic Planet

What really happens to the plastic you throw away – Emma Bryce

I Know – A Tamil Documentary About Plastic Waste

Nach jedem Film fragt Gayathri die Kinder was sie verstanden haben und anscheinend haben sie relativ viel mitbekommen, beachtet man wie viele sich zu Wort melden.

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Danach machen wir uns startfertig, ordnen die Kinder in Zweierreihen und marschieren im Gänsemarsch das Dorf hinunter. Als das letzte Haus hinter uns liegt, verteilen wir an jede Zweiergruppe eine Tüte und die gesamte Rasselbande schwärmt aus. Alles was nicht niet- und nagelfest ist wird eingesammelt und in die Müllbeutel geworfen. Alle Kinder scheinen riesigen Spaß zu haben und mich erinnert dieses Event doch tatsächlich an Ostern, nach dem Motto: „Na los, such das das Plastikei!“

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Kein Kind wirkt irgendwie desinteressiert, oder unmotiviert, nein alle machen mit und wie ein Schwarm Grillen, fegt die Kinderhorde über die Landschaft hinweg und hinterlässt nichts als Sauberkeit.

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Zwischendurch loben wir sie für ihre Arbeit, sammeln fleißig mit und verteilen als Belohnung für jede volle Tüte eine Neue. Innerhalb anderthalb Stunden haben wir uns über einen Kilometer vorgearbeitet und stehen nun vor dem Eingangstor, wo wir entschließen die Kinder von ihrer Arbeit zu befreien, auch deswegen, weil wir nicht wollen, dass sie durchs Eingangstor gehen und ein mit Alkoholflaschen gesäumtes Bergplateau vorfinden. Gestern sind gegen Abend wieder Touristen über die Zäune geklettert und haben Partie gemacht. Wir waren dabei und haben erneut den Spion gespielt, haben mit ihnen getrunken und sie fotografiert. Dieses Mal jedoch habe ich mir verkniffen ihr Fleisch zu essen. Einmal gegen sein Vegetarier-Kredo zu verstoßen, hat mir gereicht.

 

Wir machen ein gemeinsames Gruppenfoto mit den Kindern, wo wir eindeutig aufzeigen, dass wir den Müll nicht gut finden und lassen die Dallapalli-Kids danach nach Hause ausschwärmen. Das war ein richtig gutes Event! Wir fühlen uns sehr sehr glücklich, mit dem was wir gerade zusammen auf die Beine gestellt haben und glauben zum ersten Mal, dass das Müllproblem auf alle Fälle beseitigt werden kann! Zusammen. Wenn alle wirklich mit anpacken, kann man was bewirken. Man kann alleine viel über die Dinge meckern und versuchen sein eigenes Ding zu machen, aber so lange man nicht die Unterstützung der Menschen hat, kann daraus nicht viel werden. Und für diese kurze Zeit hatten wir Hilfe

Zusammen sind wir stark!

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Insgesamt haben wir mehr als 30 Müllsäcke vollbekommen und kratzen damit leider nur an der Oberfläche, wie Merlin, Gayathri und ich danach, beim Beseitigen der Party-Überreste feststellen, müssen. Der Abfall zwischen dem hohen Gras ist so verstreut und so viel, dass er definitiv von mehr als fünf exzessiven Großveranstaltungen kommen muss. Zu dritt schaffen wir noch fünf Säcke, sind danach aber fix und fertig. Wir stellen alle Müllsäcke zusammen, später würden die Dorfbewohner mit diesen zur nächstgrößten Stadt fahren und sie vor das Rathaus stellen, und fallen daheim erschöpft in unsere Schlafsäcke.

Gegen Abend trauen wir uns wieder an die Luft und können ein ganz besonderes Event live mitverfolgen. Das alltägliche Kuh-Spektakel. Nach einem harten Arbeitstag in den Feldern kommen hunderte Kühe, angetrieben von einem halben Dutzend Hirten, zurück ins Dorf. Ja, es grenzt nahezu an eine Völkerwanderung, jeder auf den sandigen Wegen tut gut daran der muhenden Horde auszuweichen. Im Nuh wird dem Dorf, dass vorher noch tief im Mittagsdusel steckte, belebt und überall rennen dicke bullige Tiere durch die Gegend, auf der Suche nach ihren Ställen, oder ihren verloren gegangenen Freunden.

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Besonders eine junge Ziege hat riesige Orientierungsprobleme und scheint ihre Herde verloren zu haben. Sie hat überhaupt keinen Plan wohin mit sich und entscheidet sich die volleyballspielende Dorfjugend zu fragen, wo sie denn jetzt hinsoll. Es sieht schon ziemlich lustig aus, wie diese Ziege dort am Spielfeldrand steht und klagend vor sich hinmeckert. Gerne hätte ich ihr den richtigen Weg zu ihrer Familie gezeigt, aber mir scheint die Zicke nicht zu vertrauen. Schade.

Der Abend wird zur Nacht, ich entscheide mich, mit Musik in den Ohren, durch das einschlafende, von Lagerfeuern gezeichnete Dorf zu laufen. Ich schaue gen Himmel. Bis weit über den Horizont sehe ich nichts als leuchtende Sterne am weitentfernten Himmelszelt. Ich schaue gebannt nach oben, in der Hoffnung vielleicht eine Sternschnuppe zu erhaschen, diese bleibt aus, doch trotzdem fühle ich mich glücklich im Angesicht von Milliarden von leuchtenden Himmelskörpern, die in diesen nächtlichen Momenten so nah zu sein scheinen. Ich muss grinsen. Der heutige Tag, war tatsächlich sehr erfolgreich, wir haben zusammen etwas geschafft, was allen im Endeffekt irgendwie geholfen hat. Zusammen sind wir stark…

Gähnend mache ich mich auf den Rückweg, der Schein des Mondes, der so durchdringend und kraftvoll ist, dass ich einen Schatten werfe, geleitet mich durch guttuende Stille hinein in die Dunkelheit der Community-Halle und einen sehr erholsamen Schlaf…