Einmal nach Poolabanda und zurück

Tag 4

„Wir gehen heute nach Poolabanda!“ sagt ein grinsender Bonjibabu.

„Wow, wie cool!“ ich freue mich wie ein kleines Kind.

„Also die Betonung liegt auf „gehen“,“ mischt sich Gayathri dazwischen.

„Och nö!“ mein Lächeln verzieht sich zu einem Schmollmund.

Wir erinnern uns zurück: Das letzte Mal als wir in Poolabanda, dem etwas größerem Nachbardorf Dallapallis, waren, sind wir dort mehr als eine Stunde mit dem Bus hingefahren. Daran habe ich noch sehr gute Erinnerungen, immerhin bin ich im überfülltem Bus, wegen meines Rucksacks umgefallen und habe einen armen Inder unter mir begraben.

Dallapalli liegt auf dem Berg, Poolabanda liegt diesem zu Füßen in einem kleinen Tal. Für uns heißt das also stundenlanger Abstieg.

Man kann unsere Begeisterung förmlich an unseren müden Gesichtern ablesen, dabei haben wir wirklich ausgezeichnet geschlafen. Bevor unser dritter Trip begann habe ich beinahe drei schlaflose Nächte in Hyderabad zubringen müssen. Warum genau ist mir bis heute nicht ganz klar, aber vor allem lag es am nervigen Gebell eines Hundes mitten in der Nacht.

In den Bergen hört man kein Bellen und kein hupenden Verkehr, es ist stockduster und so schläft man selbst auf 2 Zentimeter dünnen Decke, wie ein Stein.

Bereits bei der Erwähnung eines, mindestens 6 Kilometer langen Geländeabstiegs wird uns ganz komisch, aber dennoch raffen wir uns auf, packen Wasser, Kamera und Geld in unseren Rucksack und sind bereit zum Aufbruch. Schließlich ist neben der ganzen Wanderung ein ganz spezieller Arbeitsauftrag zu erfüllen. Schauen, ob sich der Weg für einen ausgeschilderten Wanderweg für Öko-Touristen eignet. Unser Weg wird von Merlins Handy aufgezeichnet, sodass wir am Ende wissen, wie wir gelaufen und wie weit wir gelaufen sind.

„Brauchen wir noch irgendwas?“ fragen wir Gayatrhi.

„Nö, nö!“ meint diese. In Wahrheit hätten wir eigentlich noch ein paar warme Sachen für die Ruckreise mitnehmen sollen, schließlich haben sie und Bonji dicke Pullover in ihren Taschen, aber anscheinend haben sie nicht das Bedürfnis diese Info an uns weiterzugeben.

Wir brechen auf, laufen über grüne Hügel und Täler. Wir begegnen einigen grasenden Kühen und noch erinnert dieser Ausflug an eine wunderschöne Wanderung durch den Harz in Deutschland.

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Bald darauf geraten wir abseits der Wege und schlagen uns mitten durchs Gebüsch, einen kleinen steinigen Trampelpfad vor uns.

Merlin und ich erzählen viel über alte, längst vergangene Geschichten, die wir einst erlebt haben, um uns irgendwie davon abzulenken, dass wir wieder einmal nur FlipFlops tragen, die ständig im Begriff sind dem Weg nicht Stand zu halten, unter dem ewigen Laufen in den mit Steinen und Wurzeln gespickten Abgrund.

Mir fällt eine süße Geschichte ein: Als ich mal mit vielleicht acht, neun Jahren mit der ganzen Familie durch die Berge der Slowakei gewandert bin, haben sich bestimmte Mitglieder nach einer ohnehin schon sehr langen Exkursion dazu entschieden nochmal eine genauso anstrengende zu machen.  Unter dieser kleinen Gemeinschaft war ich zu finden und so krackselten wir über Stock und Stein, über Bergflüsse und Wurzeln, bis am Ende Klein-Leo keine Steine mehr sehen wollte, weil diese ihn nur noch nervten, obwohl er damals wirklich gute Wanderschuhe trug. Dafür würde ihn sein 10 Jahre älteres Ich noch beneiden.

Am Ende dieser Reise warteten bereits die anderen Familienmitglieder am Fuße des Berges und hatten etwas ganz Besonderes für den Kleinen. Einen Kinder-Schokoriegel. Klar, das klingt irgendwie nicht besonders toll, schließlich war es nur ein einfaches Stück Schokolade, aber damals habe ich mich zum Abschluss dieser beschwerlichen Reise so darüber gefreut, dass ich mich heute kaum noch an die Wanderung erinnern kann, dafür aber an den Schokoriegel. Manchmal sind es eben die kleinen Dinge, die uns im Gedächtnis bleiben….

„Also ich bin mir sicher, dass wir in Poolabanda keinen Kinder-Schokoriegel bekommen werden, aber können wir uns auf ne Cola einigen?“ kichert Merlin.

„Deal! Eine Cola klingt gut!“ meine ich und freue mich schon auf unsere kleine Belohnung.

 

Anfangs sind wir zu fünft. Ein Bewohner Dallapallis, den ich davor noch nicht kannte läuft mit uns, doch nach einer Stunde, verabschiedet er sich plötzlich und nimmt eine Abzweigung mitten ins Nichts.

„Er ist Lehrer und geht jetzt zur Schule in einem anderen kleinen Dorf“, sagt Gayathri auf unsere Nachfrage hin.

„Das ist sein täglicher Schulweg?!“ wir staunen nicht schlecht. Tagtäglich muss er über anderthalb Stunden laufen, um zu seinem Arbeitsplatz zu kommen. Und dann muss er ja auch noch zurück! Wir sind schwer beeindruckt.

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Gayatrhi erzählt uns, dass jeden Mittwoch ein riesiger Markt in Dallapalli tagt, wo jeder irgendetwas verkauft. Für diesen Markt kommen selbst Leute aus Poolabanda den Berg hochgelaufen. Für die ist das völlig normal einfach vier Stunden zu wandern, um vielleicht eine Stunde durch den Markt zu bummeln, um danach wieder hinabzusteigen. Einkaufen, dauert in den Bergen Andhra Pradesh´s eindeutig länger als bei uns.

Dann fällt das Thema irgendwie auf das indische Kastensystem und Gayathri, als Mensch, der in den mittleren Kasten aufgewachsen ist, erzählt uns von ihren Eltern, die es furchtbar finden, dass sie Freunde aus den unteren Kasten hat. Nach Besuch bei ihren „unterklassigen“ Freunden, soll sie, bevor sie in ihr Elternhaus tritt, mindestens einmal einen Tempel besuchen, sich reinigen und dann noch eine Runde beten, um den Schmutz der Unreinen loszuwerden.

„Völliger Schwachsinn!“ meint unsere Begleiterin. „Es sind Menschen, wie du und ich und nur, weil sie in eine theoretische Kaste hineingeboren werden, sollen sie weniger wert sein, als die anderen? Das verstehe ich nicht.“

„Wir auch nicht,“ beteuern wir. Es ist spannend zu beobachten, dass es tatsächlich immer mehr Leute gibt, die sich der Tradition und auch der Religion lossagen. Denn, wie uns Gayathri erzählt, musste sie zu ihren Schulzeiten, mittlerweile ist sie 25, jeden Tag vor fünf Uhr aufstehen, um zu beten und allerlei Pujas zu machen. Dem hat sie sich mittlerweile, als Atheistin, entwöhnt, aber dennoch fragen sie ihre hinduistischen Eltern immer wieder, warum sie dies nicht mehr tut, obwohl ihr dadurch die Götter wohlgesinnt wären.

Sie erzählt fröhlich weiter, doch leider schweifen meine Gedanken ab dem Zeitpunkt ab, an dem ich mit dem großen Zeh gegen eine Wurzel stoße und er anfängt zu bluten.

„Oh, sieht so aus, als wäre dein Nagel gespalten“ meint Merlin trocken.

Ja, danke für die große Aufmunterung. Durch das langsam trocknende Blut kann ich nicht erkennen, wie es meinem Nagel ergangen ist, aber ich hoffe, dass Merlins Ausruf falsch ist. In den nächsten Stunden werde ich mit genau dem selben Zeh gegen noch zwei weitere Wurzeln treten und wodurch meine Gedanken noch weiterabschweifen als ohnehin schon.

 

Dann, nach viereinhalb Stunden und neun Kilometern Wanderung, sehe ich Kokos-Palmen auftauchen und höre fröhliches Kinderlachen. Wir sind da! Selten war ich so froh ein Dorf zu erreichen, das Leben kehrt in unsere Beine zurück, die mittlerweile angefangen haben zu zittern, wir erreichen das Dhaatri-Office und lassen uns völlig ausgelaugt auf den Boden fallen.

Unsere Ankunft spricht sich herum und im Nu scharen sich mir wohl bekannte Kindergesichter um uns herum und tatsächlich scheinen sie mich zu erkennen, zerstreuen sich aber schnell wieder, da die Schulglocke bimmelt.

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Wir bummeln durch das Dorf, entdecken einen Shop und kaufen unsere wohlverdiente Cola. Ob ich mich an diese noch in zehn Jahren erinnern werde? Wer weiß.

Wir sind hergekommen, um ein kleines Meeting mit den Dörflern zu veranstalten. Da sind wir so gut wie ausgeschlossen, da alles auf Telugu besprochen wird. Derweil spielen wir unser Lieblingskartenspiel „Shithead“ und streicheln meinen poolabandischen Lieblingshund, der mich wiederzuerkennen scheint. Zumindest wedelt er glücklich mit dem Schwanz. 🙂

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Meinem Zeh scheint es, nach ausgiebiger Waschung, ganz gut zu gehen. Meine Schreckensszenarios bleiben aus, worüber ich froh bin und gebe zur Feier des Tages Kekse aus.

„Ach übrigens, es kann sein, dass wir keine Fahrgelegenheit nach Dallapalli mehr bekommen. Vielleicht laufen wir die letzten sechs Kilometer zurück“, gesteht Gayathri uns, nach dem das Meeting beendet ist. Wir sind geschockt. Unsere Blasen an den Füßen wollen ebenso wenig laufen wie wir, zudem wird es nach und nach kälter, wir sitzen in T-Shirts vor den gut eingepackten Indern und frösteln bereits ein wenig. Es wurde von Anfang an gesagt, dass man zurück den Bus nehmen würde, aber diese Entscheidung scheint nun wohl auf der Kippe zu stehen.

Die Zeit vergeht, die Dörfler unterhalten sich reghaft mit unseren Leuten, die keineswegs Aufbruchsstimmung zeigen und ich male mir derweil schon aus, wie wir gegen Mitternacht über die Einöde laufen, uns gegenseitig fest umklammernd, um uns Wärme zu spenden, mit einem spannenden Hörbuche als Mitternachtsleküre.

Dann, als hätten sie Hummeln im Hintern, springt die indische Gemeinschaft auf und verkündet, dass ein Bus kommen würde und in der Tat steigen wir wenig später in eben dieses klapprige Vehikel. Über eine Stunde fahren wir Richtung Dallapalli und erst jetzt wird mir bewusst, wie lange ich damals mit dem Rucksack auf den Schultern, in der Masse stehen musste. Damals schien die Zeit, unter den Einfluss von ganz viel Adrenalin, beinahe zu verfliegen. Hinter uns geht die Sonne langsam und gleißend unter und erschöpft nicken wir uns zu. Im Endeffekt eignet sich die Strecke von Dallapalli nach Poolabanda als Wanderweg für fortgeschrittene Spaziergänger, die mehr wollen, als einfach nur auf den Berg zu steigen, um sich zu betrinken.

Jedoch sollten sie lieber auf gemeingefährliche Wurzeln aufpassen und besser Wanderschuhe anziehen….