Leben abseits städtischer Zivilisation

9 Tage. So lange waren wir in Dallapalli. Länger als manche Menschen irgendwo Urlaub machen. Innerhalb dieser anderthalb Wochen ist uns der Alltag auf dem Dorf in Fleisch und Blut übergegangen und hat uns mit seinem komplett anderen Lebensstil sehr bewegt. Da wir nach Tag fünf beinahe alle Aufgaben, die uns daheim aufgetragen worden waren, geschafft hatten, blieb eine große Arbeitslosigkeit bei uns hängen und so blieb uns oft kaum mehr übrig, als einfach nur da zu sitzen, und dem vermeidlichen Stillleben des Dorfes zuzusehen. Natürlich haben wir versucht mehr Dinge zu schaffen, sodass wir in den letzten Abenden unserer Reise versuchten den jüngeren Leuten Englischunterricht zu geben.

Das klappte bedingt gut, aber sorgte dafür, dass wir das Vertrauen der jüngeren Männer erworben und im Dorf insgesamt besser aufgenommen wurden. Unsere Müllsammelaktion machte uns bei den Kindern beliebt, die jedes Mal, wenn sie uns sahen, laut und begeistert „Hi!!“ riefen und die wenigen Englischstunden mit der älteren Jugend verschafften uns freundliche Blicke dieser, die uns davor noch seltsam musterten. So gelang es uns in Gebiete vorzudringen, die uns davor scheinbar verschlossen schienen und von eben jenen versteckten Plätzen des Alltags im Bergdorf, möchte ich erzählen.

 

Der Tag begann für uns gegen sieben. Da dieses Mal keine helfenden Kräfte, wie Padma aus Poolabanda, dabei waren, mussten wir alles selbst machen.

Eine der Hauptaufgaben einer jeden Frau in Dallapalli ist es Wasser aus den Pumpen zu holen. Dafür nimmt man gut zwei 10Liter Eimer mit und befüllt diese mit Wasser. Sind diese voll, so hieven sich die Frauen die Eimer auf den Kopf und tragen sie so zurück. Das war nun auch unsere Aufgabe, die bereits nach dem Aufstehen begann.

Wollte man kochen, so brauchte man Wasser. Wollte man abwaschen, so brauchte man Wasser. Wollte man sich duschen, so brauchte man ebenfalls Wasser. In der Stadt kommt dieses aus der Leitung und dadurch kann ich zumindest schwer einschätzen wie viel ich tätlich verbrauche.

In Dallapalli jedoch habe ich eine ungefähre Vorstellung bekommen. Bereits in den ersten beiden Morgenstunden schleppten wir ungefähr vier Eimer hinauf zur Community-Halle, um uns Essen zu machen, zu duschen und zu trinken. Es schien so, als ob allein durch das Wasserholen ein Viertel des Tages für die Frauen draufzugehen schien. Übrigens schaffte ich es mit der Zeit auch einen Eimer auf dem Kopf zu tragen OHNE etwas zu verschütten. Dass ein junger Mann dieser Tätigkeit nachging, amüsierte die an den Pumpen stehenden Frauen sehr, weil das normalerweise ihre festgeschriebene Arbeit ist.

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Die meisten Männer sind bereits vor sieben Uhr auf den Beinen um zu ihren Arbeitsplätzen zu laufen. Diese können drei bis sieben Kilometer entfernt liegen. Einmal hin und zurück und Schwupps hast du ohne irgendwas Anstrengendes gemacht zu haben deine tägliche Schrittvorgabe erreicht.

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Eines Tages folgten wir Siranji, einem Dhaatri-Mitarbeiter zu seiner täglichen Arbeit tief in den Bergen. Er hatte Getreide zu ernten, Kuhmist zu schleppen und Holz zu hacken, lud sich beispielsweise 50 Kilo Äste auf den Rücken und lief damit quer durch die Pampa, nur einen schmalen Pfad folgend. Zu beiden Seiten gähnender, struppiger Abgrund. Ich musste schon so aufpassen, dass ich nicht ausrutschte und hinunterfiel.

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Jede Tätigkeit wird dem Überleben im Dorf gewidmet. Das Getreide, das man erntet, wird für den eigenen Konsum an Lebensmitteln gebracht. Das Holz, das man an steilen Abhängen hackt und es mehr als drei Kilometer zurück zum Dorf schleppt, wird zum Heizen benötigt, ebenso wie der Kuhmist, den man unter anderem zum Düngen der Felder benutzt. Zudem benötigt man an seinem Arbeitsplatz auch Wasser, weshalb man dieses ebenfalls aus der Pumpe holt und es dann kilometerweit zu einem Platz mitten in der Wildnis bringt.

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Meist haben die Arbeiter eine kleine Holzhütte, irgendwo in der Pampa stehen, wo man sich fragt, wie man die Materialien bitte dorthin bringen konnte. Alles allein durch pure Muskelkraft.

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Jeden Tag in der Woche wird für das Dorf gearbeitet, die Männer wechseln wöchentlich ihre Tätigkeiten, mal ist man einfacher Bauer, der Getreide erntet, dann Kuhhirte und in der nächsten Woche vielleicht Jäger.

Siranji zeigte uns am letzten Tag sein Jagdgewehr, dass wohl noch aus Napoleons Zeiten stammte. Es war ein riesiger Vorderlader, wo man noch Schwarzpulver, sowie Kugel in den Lauf stecken musste, um schießen zu können. Damit würde man Affen und Wildschweine jagen, so unser Freund.

Übrigens sind die Dörfler größtenteils keine Vegetarier und essen so gut wie alle Fleischarten, da sie weder Hindu, noch Moslem sind. Aus dem Grund essen sie auch ihre Kühe, nach deren Tod.

Insgesamt können Merlin und ich uns dieses harte Arbeiten in den Feldern nicht ganz für uns vorstellen. Man arbeitet Tag für Tag für die Gemeinschaft, trägt Unmengen an Kilos durch die Gegend, die innerhalb einer Woche aufgebraucht sind und kaum Freizeit. Diese wird dann in den Abendstunden durch exzessives Volleyballspielen genutzt, wo wir uns das ein oder andere Mal fragten, woher die Leute, nach mehr als 20 Kilometern laufen und schweißtreibender Muskelarbeit, die Energie nahmen, jetzt noch Volleyball zu spielen.

Für uns bleibt bei diesem Tagesablauf zu wenig Zeit für einen selbst. Einfach mal nur für sich sein und seinen Gedanken nachzuschweifen. Wenn wir nach der maslowschen Bedürfnispyramide gehen würden, würde es als Selbstverwirklichung bezeichnen, was den Menschen meiner Meinung nach fehlt, um ein glückliches Leben, ohne Probleme, zu leben….

Das alltägliche Leben in Dallapalli hat sich wohl seit mehreren Jahrhunderten nicht verändert, jeder muss wohl lediglich dafür gearbeitet haben, dass er am nächsten Tag noch am Leben ist. Jeder hilft mit, selbst die Kinder, die entweder Wasser schleppen, Kochen, oder alleine auf die Ziegen aufpassen. Von Anfang wird man zu seinen Vorfahren erzogen, wahrscheinlich immer auf die gleiche Weise. Man wird so lange betüddelt, bis man fähig ist zu laufen, ab dem Zeitpunkt wird man angelernt, das zu tun, was alle machen. Nebenbei darf man noch etwas mit seinen Freunden spielen und zur Schule gehen, aber wäscht bereits mit fünf Jahren die Wäsche der Familie, oder geht mit dem Vater in den Wald zum Holz hacken. Würde man die Kinder, wirkliche Kinder sein lassen, würden Arbeitskräfte fehlen, die wichtig wären, um das Überleben zu sichern. Und niemand beschwert sich nur im Geringsten darüber. Wir tun das übrigens auch nicht. Klar Kinderarbeit hat immer eine Art negativen Touch, weil man oft an die kleinen Fabrikarbeiter denkt, die von morgens bis abends schuften müssen. Dallapalli Kinder werden langsam an Arbeit und Verantwortung herangeführt, es geht ihnen gut und sie haben sehr viel Zeit, um mit ihren imrpovisierten Spielzeugen zu spielen.

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Kinderkriegen scheint im Gegensatz zur europäisch deutschen Sichtweise auch eher normal und nichts Besonderes mehr zu sein. Man lernt früh, wie man mit Kindern umgeht da man schon als großes vierjähriges Schwesterchen sich um seinen vier Monate alten Bruder kümmert, ihn auf den Arm trägt und ihn zum Wasserholen mitbringt….

Es riecht nach Reis und Gemüse, dem Abendbrot, was die Frauen in der Zwischenzeit, wo die Männer Volleyball gespielt, gekocht haben. Es wird sich in dicke Decken eingewickelt, manche Männer erwärmen sich noch einen Eimer Wasser und sich in der Abenddämmerung zu duschen und gerade diese Zeit, ist die schönste Zeit des Tages im Dorf. Die Kühe sind zurück aus den Feldern, alle Menschen sind beisammen, unterhalten sich lebhaft über die Ereignisse des Tages und die Luft riecht irgendwie nach Bauernhof und Lagerfeuer. Man fröstelt bereits ein wenig und kuschelt sich in einige Decken die nach Rauch stinken.

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Gegen acht Uhr abends endet der Tag, jeder zieht sich in seine kleine kuschlige Hütte zurück, oder sitzt mit seinen Nachbarn um ein kleines rauchendes Feuer und beobachtet die immer mehr werdenden Sterne am Himmelszelt…