Hampis Untergang?

Wie unglaublich ist es eigentlich mit einer Person in den Urlaub zu fahren, bei der man vor zehn Monaten noch glaubte sie nie wieder zu sehen?  Ziemlich verrückt, dass sich Tine´s und mein Weg doch noch gekreuzt haben, nachdem wir vom Bewerbungswochenende einer anderen Organisation kamen, sie für Indien angenommen wurde, ich dort aber kläglich an dieser Hürde angenommen zu werden scheiterte.  Stattdessen wurde ich von den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners genommen.

Drum ist es doch schon sehr skurril, dass Skrollan, Merlin, Toni und Ich jetzt in ihrem indischen Heim in Hyderabad mit unseren großen Rucksäcken sitzen und Burger einer ominösen, amerikanischen Burgerkette dinieren.

Unser Weg führt uns alle nach Gokarna, einem Paradies für Backpacker und sinnsuchende Hindus. Um dort hinzupilgern, haben wir uns einen besonders langen und anstrengenden Weg überlegt: Erst fahren wir mit dem Zug über Nacht nach Hampi, was direkt auf dem Weg nach Gokarna liegt, bleiben dort neun Stunden und nehmen dann einen Sleeper Bus, der uns in die heilige Pilgerstadt bringen wird. Einfach geht anders.

Aber an der Zwischenstation Hampi liegt mir besonders viel, sind dort doch Leute, die ich im September kennenlernen durfte und die sich in dieser Zeit zu Freunden entwickelten. Für mich hängt Bedeutung an diesem Ort. Deswegen nehme ich, für meinen Teil, die längere Reise gerne in Kauf, auch um Tine und Toni, die damals nicht dabei waren, zu zeigen, wie schön Hampi ist.

Wir steigen in den Nachtzug, ein paar Leute haben sich auf unsere Plätze gesetzt, wir verscheuchen sie, so gut es geht, was zu einem großen Kuddelmuddel im Gang führt. Wenig später haben jedoch alle ihren rechtmäßignzes Abteil und so kann die Fahrt losgehen. Problemlos und gemäßigt fährt das riesige rauchende Ungetüm seinen Weg und 12 Stunden später, erreichen wir halbwegs ausgeschlafen den Bahnhof von Hospet. Dort werden wir von unzähligen Rikshafahrern belagert, die schon genau wissen wo wir hinwollen. Ins zehn Kilometer entfernte Hampi. Wir ordern zwei Rikshas, ein Fahrzeug ist für uns zu klein, da unsere Rucksäcke ein großes Hindernis dabei darstellen würden und tuckern in einer gemütlichen Tschu-Tschu-Fahrt der kleinen Tempelstadt entgegen. Unser Fahrer hat genau diese Hampi-Stimmung und genau diesen Hampi-Slang, den ich in letzter Zeit wahnsinnig vermisst habe: Locker vom Hocker und total entspannt. Don´t worry, be Hampi!

Wir fahren durch ein von mir getauftes Niemalsland, kleine Orte, die sich nicht entscheiden können, ob sie eine stinkende Stadt, oder ein Naturdörfchen sein wollen, bis wir schließlich die riesigen hampianischen Felsformationen vor uns aufragen sehen. Ich grinse wie verrückt, als wir Hampi erreichen und ich im Augenwinkel einen alten Bekannten wiedersehe. Suresh, der T-Shirt-Verkäufer, wie er leibt und lebt.

Wir lassen uns direkt vor´s „Chillout“ unserem damaligen Lieblingsrestaurant bringen, lassen dem Fahrer ein bisschen Geld da und…huch?! Was ist denn hier los? Alles wirkt ausgestorben.

Der Kellner des Cafés tritt vor die Türschwelle: „Tut mir leid Leute, diese Seite von Hampi gibt es nicht mehr.“

„Was?“ fragen wir geschockt.

Hampi besteht aus zwei von einem Fluss getrennten Seiten, die, durch eine kleine Fähre, die zwischen den Ufern hin und her tuckert, verbunden sind. Die eine Seite ist geprägt durch die gewaltigen Tempelanlagen, eine große Ladenstraße und vielen kleinen, süßen Restaurants.

Die andere durch ihre Felslandschaft und einigen kleineren Shops.

Erstere wirkt nun wie eine Geisterstadt, die Ladenstraße verschlossen und vernagelt, die Tempelanlagen zwar gut besucht, aber trotzdem nicht so wie damals.
„Oh fuck, Mann!“ meint ein fröhlicher Ravi, als wir ihn auf der anderen belebteren Seite in einem Wirtshaus wiedertreffen. „Die Regierung war hier und hat alles eingezogen, was es für illegal erklärt hat.“ So sehr wir uns auch freuen unseren indischen Macho namens Ravi, der von Tisch zu Tisch tänzelt und dabei oftmals nur Augen für die gut aussehenden Frauen der hier Anwesenden hat, wiederzusehen; wirklich glücklich sind wir nicht, über die Enteignung der einen Seite..

Wir spielen Karten, Ravi spielt halbherzig mit, währenddessen er andere Gäste bedient, dort flirtet was das Zeug hält und „Wunderbar, wunderbar“ vor sich hin trällert, kommt er wieder an unseren deutschen Tisch.

Wir laufen die kleinere Ladenstraße der zweiten Seite entlang, als wir Jungs plötzlich aus dem Verkehr gezogen werden. Zwei Männer stehen vor uns, betiteln sich als Ohrenärzte, die gerne Ohren säubern und machen sich gleich darauf an Merlins Ohr zu schaffen und fördern allerlei Ohrenschmalz zu Tage. Ich stehe daneben, peinlich berührt und hoffe, dass sie mich übersehen. Pustekuchen! Einer ruft mich zu sich, zeigt mir seinen langen Stab, den er gleich in mein Ohr versenken wird und beginnt sein Werk. Ich muss gestehen, dass das mit Abstand die erste wirklich richtige peinliche Aktion ist, die ich bisher in Indien erlebt habe. Wir stehen am Straßenrand, Leute stehen vorbei und wir lassen uns unsere Ohren säubern. Zudem befördert mein Ohrenputzer kleine schwarze Steinchen aus meinem Ohr an die Oberfläche. Er meint, diese könnten durch Shampoo, Dreck und andere Partikel entstehen und gesteht mir dann, dass das Entfernen eines solchen Steins 500 Rupien kosten würde, nachdem er bereits fünf herausgeholt hat. Ich, ziemlich perplex und unzufrieden mit der Gesamtsituation (Hat der diese Dinger gerade echt aus meinem Ohr herausgeholt? Really? Ganz wirklich echt?) bin mächtig verwirrt, handle den Preis um ein Fünftel herunter, gebe ihm sein trotzdem sehr hohen Wucherpreis und mache, dass ich so viel Abstand wie möglich zwischen mich und dem Ohrenputzer bringe.

„Also ich kann jetzt schon viel besser hören und du?“ fragt Merlin.

„Ähh…ne!“ stottere ich und hoffe insgeheim diesem Typen, der fremden Leuten ohne Handschuhe und Schutzausrüstung Ohrenschmalz, sowie komische Steinchen aus den Ohren holt, nie wieder zu begegnen!

Am Ende werde ich jedoch einem anderen begegnen, der sich nochmals an meinen Ohren zu schaffen macht, obwohl ich mehrmals gestehe, bereits eine Behandlung gemacht zu haben.

„Don’t worry! Nur die Gesundheit zählt! Nicht das Geld!“ meint er, währenddessen er mir nochmals drei Steinchen aus den Ohren pult und ich mich irgendwie hinters Licht geführt fühle. Der Letzte meinte doch, dass alles  sauber wäre. Hmm. Da ist doch was im Busch!

„Das macht dann 2000 Rupien!“

„Äh, ich hab das Geld nicht!“ lüge ich. In Wahrheit habe ich mehr als 5000 Rupien dabei, glaube aber in einen gemeingefährlich Trickbetrug hineinzupoltern.

„Ich kann dir 50 Rupien geben und morgen den Rest.“

„Wie lange bist du hier?“

„Eine Woche. Morgen, gegen 12,  gebe ich dir das Geld.“

„Deal!“

Schnell mache ich Kehrt, mich der Lüge schuldig fühlend und gebe Fersengeld!

Dann ruft plötzlich jemand meinen Namen, ich fahre herum und sehe Ravi vor mir. Stoffverkäufer-Ravi, versteht sich. Nicht Flirt-Ravi!

Mit ihm habe ich mich im September gut, bei einem Chai unterhalten und er ist momentan das Gesicht, was ich jetzt am liebsten sehen will. Wie in alten Zeiten, lässt er Tee aufkochen, holt Kekse und begrüßt mich feierlich. Er erzählt mir von der geschlossenen Seite. Damals war sein Laden noch dort, den musste er aufgeben und zahlt hier jetzt deutlich mehr Steuern als vorher. Er habe sogar sein Handy verkaufen müssen, damit er einigermaßen über die Runden kommt. Ich sei sein erster Kunde, wir haben es wohlbemerkt drei Uhr nachmittags und so könne es nicht ewig weitergehen. Auch, als ich Suresh wiedertreffe, höre ich genau dieselben Klagen. Im Januar soll es eine endgültige Entscheidung geben, was mit der geschlossenen Seite passieren soll. Sollte sie wirklich schließen, so hält ihn nichts mehr in Hampi, wie viele andere auch. Er würde dann nach Gokarna umsiedeln, was für ihn die letzte Möglichkeit wäre, um seinen Kindern eine bessere Lebensgrundlage zu verschaffen. Das würde Hampi die Seele rauben, wenn die Einheimischen wegziehen würden. Klar, die alte Königstadt wäre immer noch da, würde weiterhin die Jahrhunderte überdauern, wäre aber nicht mehr Dieselbe. Für mich bestand Hampi aus Leuten, wie Ravi, Suresh und auch Vickie, dem Trommelverkäufer, der sich sofort an mich erinnert und mich zu einer Trommelsession einlädt. Ohne diese Menschen gäbe es „Don´t worry, be Hampi“ nicht mehr.

 

Ich schlendere durch die Tempelanlagen, groß und majestätisch liegen sie vor mir, genauso wie ein indischer Elefant, bemalt mit hinduistischen Symbolen.

Müde trampelt er auf der Stelle, währenddessen ihn die Touristen fotografieren. Pflichtbewusst gibt er das Geld, dass in seinen Rüssel gelegt wird, seinen Trainer, darf aber die Bananen, die ihm gegeben werden behalten. Müde sieht er aus. Kein Wunder, denn als heiliges Tier und Symbol für den Gott Ganesha, hat man kein entspanntes Leben. Ständig wollen Leuten einen anfassen und sich dann auf hinduistische Weise bekreuzigen. Das ist bestimmt kein Zuckerschlecken.

Ich nähere mich ihm auf zwanzig Zentimeter Abstand, er ist riesig, wäre in der Lage alle Umstehenden umzutrampeln, tut er aber nicht. Dazu ist er in zu gutes Tier, oder hat viel zu sehr Angst vor der Peitsche seines Trainers. Gut zwanzig Minuten stehe ich einfach nur da und beobachte ihn. Spannendes Tier.

Dann werde ich durch eine Whatsapp-Nachricht wieder in die Welt der Menschen gerissen. Wir müssen los! Nur unfreiwillig verabschiede ich mich von Hampi, wer weiß wie es in zwei Monaten hier aussehen wird. Entweder geht alles gut, oder alles wendet sich zum Schlechten…

Wir schnappen uns unsere Backpacks, fahren wieder nach Hospet und warten auf den Bus. Der lässt sich aber gehörig Zeit…

Fortsetzung folgt…