Indisches Paradies

„Hey, der sieht ja bequem aus!“ meint Merlin als er nach drei Stunden des Wartens auf den Sleeper Bus, die Abteile des riesigen Vehikels betritt.

„Aber Hallo!“ meine ich.

Tatsächlich sieht das Innere des Busses total behaglich aus, jeder hat seine eigene kuschelige Pritsche und kann sich durch einen Vorhang vom Rest der Fahrgemeinschaft abkapseln. Ich hätte mir weitaus schlimmeres vorgestellt. Gokarna, unser Urlaubsziel, kann kommen!

Prompt werfe ich mich auf mein schmales Bett, packe meine Decke und mein aufblasbares Kissen aus und bin bereit für eine entspannte Nacht. Dann wird der Motor gestartet, der Bus fährt an und ab diesem frühen Zeitpunkt der Geschichte weiß ich bereits, dass dies definitiv KEINE entspannte Reise werden wird.

Der Busfahrer fährt wie vom Teufel besessen über die ohnehin schon miserablen, indischen Landstraßen, schmeißt sich voller Eifer in die scharfen Kurven um gibt extra Gas, um über die großen Straßenhuckel zu rasen. Alles getreu dem Motto: Es gibt nur ein Gas: Vollgas!

Ich werde hin und her geworfen, fliege für kurze Zeit in der Luft und bekomme rechtzeitig mein Handy zu fassen, ehe es das Abteil hinunterfällt!

Vielleicht will der Busfahrer einfach nur die attraktive Urlauberin aus Israel beeindrucken, die sich zu ihm in die Fahrerkabine gesetzt hat, um das pure Busfahrer-Feeling live mitzufühlen, aber geht das nicht ein paar Tacken entspannter?! Nö! Nach einer halben Stunde sitzt die hübsche Israelitin immer noch dort und man hört sie, selbst durch die geschlossene Tür zwischen Fahrer und Passagieren, laut aufjubeln, lehnt sich der Bus in eine scharfe Rechtskurve.

Ich kralle mich energisch ins Futter meines Bettes, werde zwar so nicht mehr durch die Gegend geworfen, jedoch bremst nun der Fahrer und diese Aktion lässt einen erst nach hinten und dann, beim erneuten Anfahren nach vorne rutschen. Erst kommt es einem so vor schrumpfe man, bis man schließlich auseinandergezogen wird. Wunderbares Gefühl!

Das ändert sich auch nicht, als das hübsche Mädchen aus der Fahrerkabine tritt. Der Fahrer ist nach wie vor vom Teufel besessen.

Schlafen ist komplett unmöglich, mein Magen fühlt sich flau an und jedes Aufrichten des Körpers bedeutet zu riskieren, sich irgendwo zu stoßen. Es bleibt einem nichts Anderes übrig als liegen zu bleiben.

Die Stunden vergehen im durchschüttelnden Dämmerzustand, bis die Uhr vier läutet.

„Gokarna! Endstation!“ schallt es von vorne. Der Bus hält.  Eine Wonne für unsere zerrütteten Köpfe! Wir torkeln aus dem Höllen-Gefährt und sehen….nichts. Es ist schließlich dunkel.

„Also ich konnte gut schlafen!“ grinst Skrollan.

„Ich auch!“ freut sich Toni.

„Ihr seid verrückt!“ knitscht Merlin.

„Hmm“, grummle ich müde in meinen Dreitagebart hinein und schließe den Gürtel meiner Hose.

Der Rest der Gemeinschaft, mittlerweile sind Helen und Sarah von unserer Partnerorganisation „Sakhi“ mit dabei, hat zerzauste Haare und ist sehr übellaunig..

Wir können Schemen kleiner Gebäude und winzige Kühe (man könnte sie beinahe für Hunde halten) erspähen, eine Kuh steht auf einmal direkt hinter Tine, die beinahe einen Herzinfarkt erleidet, als sie sich umdreht. Sie hüpft sogar ein bisschen in die Luft. 🙂 Unsere Gruppe geht durch das aufwachende Dorf, denn schon jetzt läuten kleine hinduistische Goldglocken, die zur morgendlichen Puja rufen.

Wir hören bereits das Meer rauschen, aber entscheiden uns vorerst ein Hostel zu suchen, wo wir uns die nächste Zeit ausruhen können. Wir sind nämlich auf gut Glück nach Gokarna gekommen, haben lediglich die Hin-und Rückfahrt gebucht und stehen somit ohne Bleibe da. Die Internet-Portale zeigen nicht alle Möglichkeiten an, weil manche Unterkünfte so klein sind, dass sie keine Website haben. Zudem sind wir jung und habens einfach drauf spontan zu sein. 😀

Total abgenervt und müde schleichen wir von Hostel zu Hostel und nehmen das Erstbeste, das Platz für sieben ausgelaugte Freiwillige bietet, auch wenn dort nur warmes Wasser von 10 Uhr abends bis 6 Uhr morgens gibt. „Nur einen Tag“, schwören wir uns und ziehen in das ziemlich verdreckte und überhaupt nicht schöne Fremdenheim ein.

Kurz darauf falle ich in einen grausigen drei-Stunden-Schlaf, der mich müder als vorher dastehen lässt.

„Was ein doofer Urlaub“, denke ich, während wir uns startklar für eine erste vorsichtige Expedition machen. Doch als wir vor die Türschwelle treten umspült mich die kleine Stadt mit all ihren Gerüchen, Farben und Individuen und scheint mich direkt aufzunehmen in den Pulk an unterschiedlichen Nationen und Menschen…

Gokarna ist sowohl bekannt als Wallfahrtsort für Hindus, als auch als das El Dorado für Touristen aus aller Welt. Die Tempelstadt wird in vielen hinduistischen Schriften erwähnt, weil der Gott Shiva hier aus dem Ohr der Kuh Prithvi herausgekommen sein soll. Auf Sanskrit bedeutet Gokarna übrigens „Kuhohr“ und liegt auch an einem ohrförmigen Zusammenfluss der Flüsse Gangavali und Aghanashini.

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Dem nicht genug gibt es hier ziemlich viele Kühe, die sich sogar streicheln lassen! Unter diesen ganzen similären Zusammenhängen muss ja die Geschichte mit Shiva wahr sein!

Gokarna ist ein Ort der Verschiedenartigkeit, der zugleich Pilgerstätte und Urlaubsort ist.

Dabei befinden sich die Hindus öfters in der Innenstadt, die entlang zweier Hauptstraßen mit vielen süßen Geschäften und altertümlichen Gemäuern verläuft. Die Touristen findet man häufig an den Stränden, wo hauptsächlich Kokos- und Bananenpalmen wachen. Vor zehn Jahren erst entdeckten Westler diese Orte für sich. Davor wurden sie selten von den Einheimischen benutzt, bis man schließlich das große Geld roch und viele Restaurants an den Stränden errichtete.

Und in eben jene zieht es uns jetzt, um ein Frühstück einzunehmen. Wir laufen durch die Innenstadt, der frühe Morgen lockt die Hindus aus ihren Schlupflöchern, die Straßen sind voll von indischen Schulklassen und Pilgern. Es riecht Gewürzen und kokelnder Flamme, Glocken bimmeln und Motoräder drängeln sich hupend zwischen der Masse an Menschen hindurch.

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Dann erreichen wir den Main-Beach, der schier endlos am Horizont verschwinden zu scheint. Wir atmen die Meeresluft ein und als Merlin anfängt auf das arabische Meer zuzulaufen, kann ich nicht anders, als ebenfalls die Beine in die Hand zu nehmen und auf das blaue Nass Kurs zu nehmen. Ich werde schneller, überhole Merlin und bin der Erste dessen Füße vom Salzwasser umspült werden.

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Es ist warm, perfekt zum Baden, doch vorerst müssen wir Wasserratten uns zügeln. Erst frühstücken, dann planschen! Wir kehren in ein kleines Café ein, es hat eine riesige Speisekarte, bietet indisches, italienisches, israelisches und grundsätzlich kontinentalisches Essen an, plus unzählige Shakes und Lassis. Ähnlich große und variierende Menüs hat fast jedes Restaurant, was die Suche nach Essen in den zukünftigen Tagen niemals langweilig machen soll.

Als alle am Essen sind, überlegen wir, wo wir unsere endgültigen Zelte aufschlagen sollen. In der Stadt bleiben, wollen wir nicht, so viel steht schon mal fest. Die letzte Generation an Freiwilligen hat ihre Zeit in Gokarna am Om-Beach, den wohl bekanntesten Strand hier, verbracht, doch irgendwie klingt dieser überlaufen und einfach mit dem Mainstream mitzuschwimmen ist nichts für uns.

Mit großer Mehrheit entscheiden wir uns eine Entdeckungsreise Richtung „Kudle Beach“ zu unternehmen. Dieser klingt uns weniger belebt und deswegen genau richtig! Fünfzehn Riksha-Minuten später, laufen wir einen steinigen, waldigen Abhang hinunter, bis dieser schließlich das freigibt, wonach wir gesucht haben.

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Paradiesisch liegt die glitzernde arabische See vor uns, kleine Kühe sonnen sich am feinen weißen Strand, genauso wie etliche junggebliebene 69 Hippies. Große Wellen schlagen auf die Küste hernieder, mutige Badebesucher reiten auf ihnen. Wir haben 32 Grad, die Sonne brutzelt auf uns herab und der Strand ist beinahe leer. Kokospalmen wiegen sich im seichten Wind, an ihren Stämmen wurde ein kleiner Slagline-Parcours aufgespannt, wo durchtrainierte, ausländische Einsiedler mit Leichtigkeit über die Seile schweben scheinen. Eben dort lassen wir uns an einem schattigen Plätzchen nieder. Ich atme tief die salzige Seeluft ein, fühle den heißen Sand unter meinen Füßen und höre den leisen, melodiösen Klängen einer Gitarre zu, die abwechselnd von ein paar Personen mit Hippie-Hipster-Akzenten gespielt werden. Ich will hier nicht mehr weg!

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Wir schmeißen uns in unsere Badesachen, rennen dem Wasser entgegen und das erste Mal umgibt mit das arabische Meer vollkommen. Ich tauche unter, mache einen Freudensalto unter Wasser und komme prustend an die Oberfläche.

„Bäää, salzig!“

„Was? Echt? Also das hätte ich jetzt „überhaupt“ nicht erwartet“, lacht Merlin.

Wir werfen uns den Wellen entgegen, werden von diesen entweder umgeworfen, oder tauchen elegant unter ihnen hindurch, bis wir uns müde auf den Rücken legen, uns die Mittagsmüdigkeit erfasst und wir einfach nur gen blauen Himmel starren.

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Kurz darauf entscheiden wir uns nach einer geeigneten Unterkunft zu suchen. Viele kleine Strandhütten aus Bananenästen stehen nicht weit entfernt vom Strand, ebenso wir richtige Strandhäuser und Hostels. Bei einem bleiben Merlin und ich länger stehen. Es ist luxuriös, hat drei bequeme Betten, ein eigenes Bad und einen Balkon, der direkt aufs Meer zeigt. Und das Ganze zu einem annehmbaren Preis! Egal, ob die anderen die Strandhütten vorziehen, wir nehmen den Luxus, nachdem wir in letzter Zeit zu oft in einfachsten Verhältnissen gelebt haben. 🙂

Am liebsten würden wir sofort einziehen, doch wir haben noch eine Nacht in unserem Horror-Hostel zu verbringen.

So warten wir auf den Sonnenuntergang, der direkt über dem Meer gleißend in glänzenden Farben untergeht. Es wirkt wie im Paradies. Seltsam, dass in zwei Tagen Weihnachten ist. Diese ganze Situation wirkt so abstrus und doch will ich es in diesen Momenten nicht anders haben. Ob das in zwei Tagen auch noch so sein wird?

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