Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Wie seltsam doch die Weihnachtszeit dieses Jahr war. Erst verbringen wir die ersten 10 Tage des Dezembers am abgeschiedensten Ort dieser Welt, hocken in Dallapalli und verpassen den ersten und zweiten Advent. Weihnachtsstimmung kommt dort nie auf, fast scheint es so als würde man uns von dieser isolieren.

Dann, wird man zurück in sein wirkliches Leben geworfen, findet plötzlich Weihnachtsverziehrung, sowie einen Adventskalender aus von daheim geschickten Paketen und pult mit einem Messer nun jeden Morgen die klebrige Schokolade, die die Wärme Indiens nicht verkraftet hat, aus ihrem Türchen. In der Stadt ist kaum etwas vom Weihnachten zu erspähen, nur riesige Einkaufshallen haben sich das Ding mit dem Weihnachtsbaum in der Vorhalle von westlichen Malls abgeschaut und haben nun große geschmückte Plastikungeheuer aufgestellt. Davor können dann die reichen Inder Selfies schießen und froh ihrer Bekanntschaft mitteilen bei diesem „Weihnachten“ auch dabei zu sein.

Und jetzt sind wir am Kudle Beach in Gokarna. An einem endlosen, paradiesischen Strand, wo wir jeden Tag ins Wasser springen und die Sonne unsere weißen Körper braun brutzelt. Es gibt keine Plätzchen, keine Weihnachtslieder, keinen Weihnachtsbaum, keine zugeschneiten Straßen, nein, es gibt genau das Gegenteil. Melonen, relaxte Bob Marley Musik, Palmen und heißen Sand unter den Füßen.

Selten war die ganze Situation so verwirrend, wie diesem Augenblicken, wenn man sich versucht klar zu machen, dass gerade Dezember ist.

 

Sarah: „Ey, morgen ist Weihnachten.“

Ich (setze erstaunt die Sonnenbrille ab): „Bei bestem Willen, das kann ich nicht glauben.“

Merlin: „Daheim schneit es.“

Skrollan (im Bikini): „Sieht hier irgendwer einen Weihnachtsmarkt? Habe Bock auf Glühwein.“

Tine (auf ihr Handy zeigend): Ach, wie süß! Mein Hund daheim hat eine Weihnachtsmütze auf!“

Auch der Fakt, dass ich in meinem luxuriösem Hostel, morgens in einem großen lichtdurchflutenden Zimmer aufwache, ich Umrisse von Palmen sehe, das Meer rauschen höre und ich mich entspannt, ohne zu frösteln, in mein Kissen kuschle, macht die ganze Situation noch merkwürdiger.

Selbst am 24. sind wir uns lange uneinig, was wir jetzt empfinden sollen. Ab und zu sieht man braungebrannte Menschen mit Weihnachtsmütze durch die Gegend laufen, die sie von den kleinen Strandwanderhändlern, die normalerweise Ketten verkaufen, erworben haben, aber wirklich winterliche Stimmung kommt dabei bei bestem Willen nicht auf. 😀

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Erst gegen Abend, als wir uns entscheiden, heute gut zu essen und Merlin einen dieser Papierballons kauft, die man unten anzünden kann und diese elegant gen Himmel fliegen, spüren wir ein leichtes Kribbeln.

Mein Weihnachtsschmaus besteht dieses Jahr aus einem Zimt-Chai, einem Oreo Shake, Tofu Pakoda und Butter-Knoblauch Naan. Es mundet wunderbar und ich bin froh die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Die letzten Tage hatte ich leider immer wieder etwas Pech bei der Wahl meiner Speisen. Wie ich erneut festgestellt habe, sollte man lieber keine bestellte Pizza in Indien essen. Restaurants mögen richtig leckeres indisches Essen machen, italienische Kost jedoch, davon haben sie wahrlich leider keine Ahnung. 😀

So verspeisen wir unser Mahl, es wird dunkel, viele von uns erzählen von ihren Weihnachtsritualen daheim und amüsieren uns köstlich über passierte Malheure während der Festlichkeiten.

Dann ist es soweit. Wir wollen unsere Laterne steigen lassen. Wir zünden sie an, doch:

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Merlin: „Lass sie fliegen!“

Sophie Meret: Lass sie frei!“

Ein Windzug erfasst die Laterne und zieht sie gegen Boden.

(Allgemeiner Aufschrei aller Anwesenden.)

 

Alisa: „Das fliegt ja nicht so gut!“

Helen: „Du sollst fliegen!“

Merlin: „Flieg doch, du doofes Ding!

 

Erneut erfasst der Wind das Papier!

Skrollan: „Noeeeeiiinn!“

Merlin: „Gleich brennt es uns ab. Dann haben wir zumindest ein schönes Lagerfeuer.“

Alisa: „Au ja!“

(Ablehnendes Gemurmel.)

 

Sarah: „Manno, es will einfach nicht fliegen!“

Skrollan: Ohoh! Huiuiui!“

Alisa: „So, wenn wir jetzt alle loslassen, klappt es bestimmt! Eins, zwei, drei!“

Die Laterne senkt sich gegen Boden.

 

Skrollan: „Ich glaub, das Ding ist kaputt.“

Helen: „Merlin, wo hast du das gefunden? Das fliegt nicht.“

Merlin: „Gefunden? Ich hab das gekauft.“

 

Die Gemeinschaft beschließt auf die Knie zu gehen, in der Hoffnung, das dort kein Wind ist. Eine starke Windboe zuckt durch die Anwesenden.

 

Skrollan: „Also hier ist auch Wind. War ne gute Idee, klappt aber nicht so.“

Alisa: „Jaa….Mist! Ich würde sagen, wir halten es noch einmal hoch, dann sieht es für die Nachwelt wenigstens so aus, als würde es fliegen.“

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Gesagt, getan. Wir halten also die vor sich hin brennende Laterne gen Himmel, ein wahnsinnig schönes Bild, und stellen uns vor sie würde fliegen. Alle sind trotz des Fehlversuches bei bester Stimmung, denn mittlerweile stehen ziemlich viele Leute um uns herum und überlegen wohl, was diese komischen Deutschen da veranstalten, dass sie es nicht gebacken kriegen eine Laterne fliegen zu lassen.

Dann kommt der Höhepunkt des Abends. Sarah hat von ihrer Familie kleine Weihnachtsutensilien via Paket bekommen, hat diese mitgenommen und gemeinsam kommen wir auf die Idee, doch eine kleine Weihnachtsfeier zu machen. Wir breiten eine Weihnachtsserviette auf dem Sand aus, stecken kleine Kerzen drumherum und stellen eine große, mit Rentieraufdruck, in die Mitte. Sarah hat sich Tannenzweige schicken lassen, die wir nun auch auf die Serviette zu der großen Kerze legen. Nun setzen wir uns, in einem Kreis um unseren kleinen Altar und irgendwie kommen wir uns vor, als seien wir eine Sekte, bereit ein Opfer für ihre Götzenbilder darzubringen.

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Wir beginnen zu singen. Erst leise, dann lauter. Wir singen vom Rudolf dem Rentier, vom Tannenbaum, den Kinderlein die kommen sollen und den Schneeflocken im weißen Rock. Bald darauf stimmen wir Lieder an, die wir auf dem Vorbereitungsseminar gesungen haben und ich fühle mich in genau diese emotionale, wunderbare Zeit zurückversetzt. Eine leichte Gänsehaut überzieht meinen Körper, ich blicke in die Gesichter aller Anwesenden und..fühle mich wohl, geborgen, wie bei meiner Familie, wenn diese Weihnachten feiert. In diesem Augenblick, will ich nirgendwo anders sein. Ich will dort sein, wo das Meer rauscht, wo neun Personen mitten im Sand sitzen, vor sich hinsingen und ständig darauf Acht geben müssen, dass ihre Kerzen nicht vom Wind ausgepustet werden.

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In dem Moment habe ich überhaupt keine Lust auf Gänsebraten, Weihnachtsbaum und all das Zeugs, weil ich begreife, das Weihnachten für mich gerade überhaupt nicht das sein muss, was es sonst immer war. Ich brauch gerade keine Geschenke, die es aufzureißen gilt, ich will einfach bei meinen Freunden hier am Strand sein und mich zwischen ihnen wohl zu fühlen.

Weihnachten besteht aus Menschen die man lieb hat, begreife ich, auch wenn das irgendwie kitschig klingt, weil´s irgendwie alle sagen. Familie, Freunde, das ist es, was zählt und nicht der Gänsebraten, oder der Weihnachtsbaum, auch wenn es doch sehr sehr schön ist, als Sarah noch kleine Schoko-Weihnachtsmänner präsentiert, auf die alle ziemlich heiß sind.

Nachdem wir unser Ritual beendet haben, schauen wir uns den endlosen Sternenhimmel an, legen uns in den Sand und verweilen noch ein bisschen, bis wir uns entscheiden schlafen zu gehen. Nur eine, Alisa, scheint so gebannt von den Sternen zu sein, so weit weg in einer anderen Welt zu schweben, dass Helen, bereits auf dem Heimweg, sich wieder umdreht und ihre Freundin aufpicken muss, ehe die kleine Träumerin bis morgen dort liegenbleibt.

Ich laufe am Wasser entlang, zurück zu meiner Residenz und beim Gedanken übermorgen bereits wieder aufzubrechen, graust es mir. Mit Abstand ist das der schönste Strand, den ich bisher gesehen habe und jetzt auch ganz bestimmte Erinnerungen mit ihm verbinde.

In den nächsten Tagen werden wir noch reichlich Gokarna erkunden, an den Steilküsten entlang schlendern und andere Strände auskundschaften, doch keiner wird an den Kudle Beach rankommen.  Laut einer indischen Instagram-Bekannten sei dieser Strand einer der Schönsten in ganz Indien und da schaut man doch etwas traurig drein, wenn man eben diesen verlassen muss.

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Aber die Erinnerung an ein ganz bestimmtes Weihnachten wird bleiben und mit ihm die Erkenntnis, dass man alles richtiggemacht hat mit der Entscheidung nach Indien zu gehen.

In dem Sinne: Frohe Weihnachten.:)