Von verschwundenen und intriganten Hunden

Traurigkeit, Erbitterung, Bestürzung, genau vermag ich die Gefühle nicht zu beschreiben, die mich vor zwei Tagen erfassten, als ich durch die Straßen unseres Viertels lief. Die Abenddämmerung hatte eingesetzt, die Rush Hour war im vollen Gange, ich wich Motorädern, Kühen und Autos aus, versuchte so flach wie möglich, bedingt der vielen Abgase in der Luft, zu atmen und dachte über dies und das nach. An sich ziemlich entspannt, auch wenn es für den deutschen Leser nicht so klingt. Das Chaos ist einem mittlerweile geläufig, auch wenn es oft Tage gibt, an denen man wieder völlig aus der Bahn geworfen wird und es einem so vorkommt, als sei man gerade erst hier angekommen.

Auf jeden Fall laufe ich so meines Wegs, husche an einem kleinen Müllhaufen am Straßenrand vorbei, an sich nichts Außergewöhnliches, mein Blick will schon wieder woandershin schweifen, als ich doch etwas Ungewöhnliches an dieser Anhäufung bemerke. Erst weiß ich nicht was es ist, gehe näher ran und sehe die Leiche eines Hundewelpen unter blauen Plastiktüten und sonstigem Restabfall. Jemand muss den toten, kleinen Körper gesehen haben und dachte nicht etwa daran in zu vergraben, oder zu verbrennen, nein, er kehrte ihn, zusammen mit sonstigem Abfall, einfach zusammen, sich nicht weiter um den Toten kümmernd. Später würde dieser Haufen entweder im Fluss landen, in eine Nebenstraße gekippt, oder verbrannt werden.

In diesem Moment war ich richtig wütend auf diese Missachtung von lebendigen Individuen, wie konnte man einen Hund gleich mit Abfall setzen? Wo blieb da die Ehrfurcht gegen über den Mitlebenden?

Meine Wut verpuffte jedoch nach wenigen Sekunden. Was sollten die Leute denn machen?  Der Hund gehörte niemanden. Er war einfach plötzlich da gewesen, ein weiterer Quälgeist, zwischen all den vor sich hin lungernden Straßenhunden.  Im Endeffekt wurde er in eine Welt hineingeboren, in der auf längere Sicht kein Platz für ihn war. Er, die unkontrollierte Ausbreitung der Straßenhunde in den indischen Städten, war das Problem.

Den indischen Menschen in Secunderabad, dem Viertel, in dem wir leben, kann man im Grunde keinen Vorwurf machen, wenn ihr Leben, so wie sie es sich vorstellen, keine Hunde beinhaltet.

Vielleicht ist es aber doch deren Fehler die Hunderate im Viertel nicht zu reduzieren, sei es durch Organisationen, die die Hunde kastrieren und sterilisieren….

 

Wo wir auch bei unserer kleinen Hundefamilie in unserer Straße wären, über die ich in diesem Eintrag reden will. Durch Intrigen und Verluste sind die Monate seit dem letzten Streetdog-Beitrag geprägt, ja, man könnte beinahe denken es seien menschliche Geschichten, rund um Verrat und Intrigen.

Sechs Hunde an der Zahl waren einst in unserer Straße zuhause. Vater, Mutter und vier Kinder. Sie kamen uns immer näher, wurden nach und nach zahm. Der Vater lief gut und gerne einen Kilometer mit mir ohne, ohne Befehle von mir dazu bekommen zu haben, stets bedacht auf eine Streicheleinheit. Die Kinder waren nach wie vor scheu und etwas befangen mir gegenüber, aber wedelten trotzdem ausgelassen mit dem Schwanz, wenn sie mich sahen. Es ging ihnen gut, sie hatten genug zu essen und eine Straße erwischt, die relativ ruhig war, fern von möglichen Gefahren.

Dann jedoch, zu dieser Zeit war bei uns gerade zwanzig Leute im Office, mich nervte ein Ureinwohner, der unbedingt meine Kopfhörer wollte und auf körperliche Nähe aus war (hier mehr: ) ,tauchte plötzlich ein großes Vehikel aus dem Nichts auf, zwei Männer sprangen mit großen Netzen herab und versuchten damit zwei der Kinder einzufangen.

Ich lief aus dem Haus, hörte die Hunde fiepen, rannte auf den Transporter zu und sah, wie beide Hunde in den Netzen kämpften.

„Was soll das?! Was macht ihr mit denen?! Lasst sie hier.“ protestierte ich.

„Sterilisation.“ meinte einer.

„In zwei Tagen sind sie wieder da“; ergänzte ein anderer.

„Oh“, sagte ich.

In dem Sinne taten sie den Hunden nur Gutes. Schön, dass es doch indische Organisationen gab, die sich dieser Aufgabe widmeten und so nicht noch mehr leidende kleine Hunde auf die große weite Welt kamen.

„Alles klar, aber bringt sie bitte zurück. Ich mag sie nämlich sehr“, gestand ich.

„Willst du sie kaufen?“ Der eine musterte mich neugierig mit hochgezogener Augenbraue.

„Was? Nein.“

Ich musste in den Augen derer wohl ein sehr seltsames Bild abgegeben haben. Da geht man seiner ehrenvollen Aufgabe nach, ahnt nichts böses und in irgendeiner kleinen, indischen Nebenstraße kommt plötzlich ein weißer, völlig aufgelöster Junge angerannt und verkündet, die gerade eben gefangenen Straßenhunde, die keiner mag, sehr zu mögen. Sehr seltsam!

Nur ungern ließ ich den Transporter mit einem kleinen Teil der Hundefamilie im Kofferraum ziehen und wartete. Zwei Tage vergingen, die Hunde kamen nicht wieder. Eine Woche verstrich, nichts war passiert. Noch heute, knapp zweieinhalb Monate später sind sie immer noch verschollen und die wahre Absicht der Hundefänger unklar. Entweder wurden die beiden Kinder tatsächlich kastriert, oder, was wahrscheinlicher ist getötet, oder da ausgesetzt, wo sie niemanden stören würden.

So waren es nur noch vier, von sechs, die da einst waren und das bemerkten auch andere Straßenhunde, die ein sehr verlockendes Gebiet sahen, dass vorher noch deutlich schwieriger zu erringen war. Nun jedoch bestand Anrecht auf Territorium und so schlichen sich zwei schwarze Hunde aufs Gelände, bedacht die Familie zu verdrängen. Ständig gab es Rangeleien zwischen beiden Parteien und oftmals mischten wir uns ebenfalls ein und schlugen uns auf die Seite der „La familia“.

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Anfangs vertrieben wir die Eindringlinge noch ganz gut, doch unsere Verteidigung wies Lücken auf. Die Nacht. Dort waren sie stärker. Zudem fand die Mutter plötzlich einen der Übeltäter besonders anziehend und es dauerte kaum eine Woche, ehe sie zum Feind überlief. Sie schlief mit den schwarzen Hunden, war plötzlich sehr, sehr aggressiv gegenüber ihrem Mann und ihren beiden Kindern, die überhaupt nicht verstanden, was hier gerade passierte. Der Vater, sehr irritiert von diesem Verrat, versuchte, die wohlmerkt läufige Hündin, zurückzuholen, doch die wollte auf seine ziemlich sexuellen Rückeroberungsversuche nicht anspringen.

So war die Familie auf drei Mitglieder, mittels eines miesen Verrates, geschrumpft und wer behauptet, dass Hunde nicht mitbekämen würden, wenn ein Teil ihrer Gruppe fehlt, liegt falsch. Die beiden Kinder langweilten sich „tierisch“ ohne ihre Mutter, versuchten sogar mich zu motivieren mit ihnen zu spielen. Sie fanden einen langen Stoff, brachten ihn zu mir, ich umfasste das eine Ende, sie das andere und so spielten wir sehr verbissen Seilziehen.

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Was wohl die übrigen Menschen in der Straße von mir denken mussten. Mir war das jedoch herzlich egal.

Trat ich vor die Haustür, so stand stets eines der Kinder vor der Schwelle und jammerte, als wollte es seinen ganzen Herzschmerz bei mir loswerden. Vielleicht wollte es mir auch einfach nur vermitteln, doch endlich diese bescheuerten Besatzer loszuwerden und das versuchte ich auch einige Male. Hierbei war es erstaunlich wie gut die „La familia“ auf Angriff schaltete, rannte ich auf die schwarzen Hunde zu. Die Hunde verstanden genau, was ich vorhatte, erkannten mich als mächtigen Freund, obwohl sie nach wie vor sehr scheu waren und rasten zähnefletschend auf die Eindringlinge zu, die natürlich das Weite suchten. Danach war es nahezu süß, wie sie sich schwanzwedelnd über den Sieg freuten und mir fröhlich zu jaulten.

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Danach dauerte es nicht mehr lange bis die Mutter, diese Intrigantin, wieder die Seite wechselte, um die Zeit mochte sie wohl nicht mehr läufig sein. Alles war so, wie vorher, sie verstand sich super mit ihrem Mann, der ihr ihren Seitensprung verzieh.

Dann jedoch kam die dritte Dallapalli-Reise. Danach war ein Kind spurlos verschwunden. Entweder war es wieder in die Fänge der Menschen geraten, oder der der Hunde.

Nun also ist vo, einstigen Glanz einer siebenköpfigen Hundefamilie nicht mehr viel übrig. Lediglich drei sind noch da und kämpfen ums Überleben.

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Andere machen sich dafür breit und besonders einer dieser neu Dazugekommenen, macht einem die Nacht beinahe unerträglich, da dieser nicht weit weg von unserer Tür steht und unfassbar ignorant durch die Gegend bellt, ohne einen wirklichen Grund zu haben.

Dies hat mich schon oft gegen Mitternacht aus dem Bett rollen und auf die Straße rennen lassen, dem Übeltäter auf der Spur. Einmal folgte ich ihm bis zur Hauptstraße, wo bereits die Hunde-Machtkämpfe um Rang und Namen im vollen Gange waren. Ein Hund lag verdreht, blutend und tot auf der Straße, entweder vom Auto erfasst, oder von den anderen zerfleischt. Kein schöner Anblick.

 

Hundsein in indischen Armenvierteln, insbesondere Secunderabad, ist definitiv nicht schön. Für alle Beteiligten ist es so gesehen ein Minusgeschäft. Eine Seite leidet und die andere ist entweder genervt, oder muss mit den toten, stinkenden Überresten klarkommen. Das alles müsste nicht sein, gäbe es tatsächlich Organisationen, die sich der Hunde annehmen würden. Vielleicht gibt es diese tatsächlich, darüber kann man recherchieren, aber ob die sich im Endeffekt an ihren Kodex halten und die Hunde nicht doch lieber töten?  Wer weiß…

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