Alltagsleben – Kleine Geschichten für zwischendurch

Das Leben in Hyderabad geht weiter. Nach jeder Reise, sei es nach Dallapalli, oder Gokarna ist es meist immer so, dass man sich überhaupt nicht auf diese Stadt freut. Man hat schon gar keine Lust die anstrengende Reise, die meist länger als 12 Stunden dauert, auf sich zu nehmen. Am liebsten würde man genau da bleiben, wo man gerade ist, doch hat Hyderabad uns nach langer Zeit endlich wieder, möchte man gar nicht wieder weg.

Die kleinen Geschichten die zwischendurch passieren schweißen einen an diese Stadt.

Zudem hat man das Gefühl endlich das machen zu können, was man möchte. Die Eingewöhnungsphase ist vorbei, man kennt die Leute, seine Aufgaben und kann neue Dinge angehen, an die man vorher nie dachte.

 

In Indien Kuchen backen

Ich laufe mit einem wunderschön lecker aussehenden Schokoladenkuchen am stinkenden Fluss vorbei, weiche hupenden Autos aus und bemerke komische Blicke von allen Seiten. Wann sieht man auch schon einen Weißen mit einem Kuchen durch die Gegend laufen. Das habe ich mir vorher auch nie erträumt.

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Ich biege in das Army-Viertel ein, suche Block F, finde Apartment 187 und klingle. Die Tür öffnet sich spaltbreit, eine Frau schaut aus den Schlitzen.

„Hallo! Hier ist ihre Kuchen-Lieferung von der deutschen Bäckerei!“

„Ach, genau, komm rein, wie viel kostet dieser?“

„200 Rupien.“

 

Nach zehn Minuten bin ich den Kuchen los und 200 Rupien reicher. Glücklich mach ich mich auf den Weg nach Hause, wo Merlin bereits den nächsten Kuchen backt.

Zusammen mit den Mädels hatten wir die Idee eine „German Bakery“ zu eröffnen. Die Inspiration erhielten wir durch unsere Vorfreiwilligen, die viele kleine, selbstgeschriebene Kochbücher als ihr Vermächtnis in unseren Schränken zurückließen und durch den Vertrag mit Bhanu. Dort wurde niedergeschrieben mindestens zwei Kuchen pro Woche zu backen. Daran hielten wir uns Monat für Monat und bald darauf schmecken diese den Arbeitern im Office so gut, dass sie vorschlugen, dass wir doch expandieren könnten. Beispielsweise ins Army-Viertel nebenan.

So schrieben die Mädels Backrezepte auf, kopierten sie und gaben uns, den Jungs, die Aufgabe damit loszuziehen, an Türen zu klopfen und zu fragen, ob man denn nicht Interesse an deutschem, selbstgebackenen Brot, oder Kuchen hätte.

An Türen klopfen, um seine Sache zu presentieren. So etwas hatte ich noch nie gemacht, besonders nicht an indischen Türen. Merlin hingegen schon, worüber ich echt glücklich war.

So standen wir, wie die Zeugen Jehovas, vor der ersten Tür und betätigten die Glocke.

„Hallo, ich bin Merlin, das ist Leo. Wir kommen von Dhaatri, einer NGO fünf Minuten entfernt von hier, die Hilfe für Ureinwohnern in Andhra Pradesh anbietet. Wir haben dieses Jahr eine deutsche Bäckerei aufgemacht. Wollen sie vielleicht etwas vorbestellen? Kuchen? Cookies? Brot?“

Merlin zeigte der Person unseren Rezeptzettel. Diese schaute sich ihn an, lächelte stimmte zu bald etwas zu kaufen.

So ging es zwei Stunden weiter. Wir gingen von Apartment zu Apartment, Haus zu Haus und boten unsere Waren preis. Viele gaben uns unsere Zettel sofort wieder zurück, manche waren eingeschüchtert und manche sprachen kein Englisch. Andere hingegen waren sehr interessiert und nahmen unser Angebot dankend an.

Und dann gab es jene, die zu viele Fragen stellten. Zwischenzeitlich probierte ich auch mal mein Glück, bisher hatte Merlin immer gesprochen. Ich klingelte, die Tür ging auf, ein grimmiger Mann mit weißen, fleckigen Unterhemd stand vor mir. Ich stotterte die, uns mittlerweile eingefleischten, Sätze herunter, erwartete jedoch keine gewiefte Gegenfrage:

“What about the price-performance ratio of the cakes? “

„Please what?“

“What about the price-performance ratio of the cakes? “

„Öhhh …“

Augenrollend stibitze sich der Mann eine Karte aus meiner Hand und schloss die Tür.

„Lass mich das lieber machen. Bei deiner Nervosität fliehen die Leute eher, als dass sie was kaufen“, meinte Merlin.

„Wo du recht hast, hast du recht.“

Bald darauf kochte und dampfte unsere Küche. Skrollan und Toni hatten einiges zu tun, da tatsächlich sich Leute unter der angegebenen Nummer auf den Zetteln meldeten. In der Tat rechnet sich dieses Geschäft mittlerweile sehr gut, obwohl wir das Geld natürlich der NGO geben müssen. So bezahlen sich Reisen nach Dallapalli deutlich leichter…

 

 

Kygo in Hyderabad

Im November freuten wir uns alle auf ein bestimmtes Ereignis. Kygo, ein norwegischer DJ und Star von Welt, wollte in Hyderabad ein Konzert geben! Jeder von uns kannte seine Lieder und so gaben wir gerne zwanzig Euro für eine Karte.

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„Das wird so riesig!“ freute sich Toni.

Gut gelaunt machten wir uns also auf den Weg zur Sunburn-Arena, einem riesigen koloseumänlichen Konstrukt in das wohl mehr als 20.000 Leute passten. Dort angekommen, wunderten wir sehr darüber, dass kaum jemand da war. Wir gingen an riesigen Stromgeneratoren vorbei, sahen die gewaltigen Aufbauten innerhalb der Arena, wurden jedoch daran vorbeigeführt, durch die Ticketkontrolle gelotst und standen vor einem stinknormalen Kricketfeld, die Arena im Rücken. Mehr Polizisten als Partygänger umwirbelten uns. Konnte es sein, dass die Inder Kygo nicht kannten? Warum kam dieser Weltstar dann hierher? Was mochte dieser in Anbetracht eines ihm zugestandenem Kricket-Feldes nur denken?

Wir wussten es nicht, betraten aber trotzdem frohen Mutes den Acker. Eine große Bühne war aufgebaut und Absperrungen davor errichtet worden. Maximal zwanzig Leute standen verstreut in der Gegend herum.

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„Passiert das gerade wirklich?“ fragte ein sehr niedergeschlagener Merlin, der mit einer großen Party gerechnet hatte.

Vorsänger Kygos traten auf die Bühne, spielten sich in Kopf und Kragen und wurden nur von wenigen bejubelt. Fast glaubten wir schon umsonst hierhergekommen zu sein, doch unterschätzten wir die Inder gewaltig. Hatten wir ernsthaft geglaubt, dass das Partyvolk schlechthin sich einen Weltstar entgehen lässt? Sie kamen spät, die Massen, aber sie kamen und im Nu standen mehr als 6000 begeisterte Menschen vor der Bühne und jubelten.

„Kygo! Kygo! Kygo!“ schrie die Masse, manche kreischten wie verhaltensgestörte Teenager.

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Und dann kam er, Kygo und brachte den Boden unter den Leuten kochen. Feuer spuckte um die Bühne herum, der Bass dröhnte laut aus den riesigen Lautsprechern und die Menschen rasteten aus. Sie tanzten, grölten mit und waren indes völlig von uns begeistert und umarmten uns. Hier sah ich zum ersten Mal, wie sich Menschen küssten.

Indien ist ein Land, wo körperliche Nähe kaum geduldet ist, viele Ehen sind arrangiert und nicht mehr als heiße Luft. Man spürt kaum Liebe zwischen Mann und Frau und drum war es in diesen Augenblicken schön zu beobachten, wie sich Menschen gegen althergebrachte Tradition wehrten und auf den Putz hauten.

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Nach zwei Stunden Ektase verabschiedete sich Kygo mit einem Feuerwerk an Emotionen  und kurz darauf, ich weiß nicht, was uns dazu geritten hat, befanden wir uns auf dem Weg ins Hylife, unseren Lieblingsclub. Manche mögen behaupten, ein Konzert sei genug, danach wäre man bereits ausgelaugt, aber nicht wir. Zudem gab es tatsächlich genauso verrückte Menschen, man erkannte sie an ihrem Kygo-Handbändchen, die auch noch mehr feiern wollten.

So auch ein wundersames Mädchen mit fein verzierten, aufgemalten Blüten im Gesicht, das mich als Kygo-Fan identifizierte. Sie brachte mich an die Bar und fragte mich, ob sie mir einen Shot spendieren könnte. Da sagte ich nein. Wann bekam man als junger Mann schon so ein Angebot? Sonst musste man den Frauen einen ausgeben, doch sie drehte den Spieß um. Fand ich toll! Wir stießen an und tranken. Danach begaben wir uns auf die Tanzfläche, kamen uns näher und tanzten wie verrückt. Plötzlich drehte sie sich um und verschwand in der Menge. Sekundenbruchteile stand ich einfach nur da. Das war mein Fehler. Denn als ich aufbrach, um nach ihr zu suchen, war es zu spät. Ich fand sie nicht mehr. Die ganze Nacht suchte ich akribisch nach diesem Mädchen, doch es schien wie vom Erdboden verschwunden zu sein. Da bekommt man schon einen Drink spendiert (was schon wahnsinnig selten passiert) und dann kann man sich nicht mal näher kennenlernen. Schade.

So endete dieser verrückte Abend, der uns allen noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

 

 

 

Wasserprobleme

In letzter Zeit war ich damit beschäftigt Filmschnipsel vorgelegt zu bekommen.

Es handelte sich um Ausschnitte eines Dorfbesuchs in Rajastan. Bhanu war dort gewesen, seitens eines Bergbaukongresses vieler gleichgesinnter NGO´s und befragte die Einwohner eines Dorfes, nahe eines Bergbaugebietes, nach ihrem Wohlergehen.

Dies ließ sehr zu wünschen übrig. Warum? Die Menschen hatten nichts mehr zu trinken. Die Brunnen waren entweder versiegt, oder kontaminiert mit Chemie-Abfällen des Bergbaus. Alle Bewohner des Dorfes litten darunter und hatten Ausschläge an Händen und Füßen. Viele berichteten von Fieber und Erbrechen. Erzählten sie dies den Regierungsbeamten so lächelten diese nur darüber und taten gar nichts. Meine Aufgabe war es englische Untertitel einzusetzen, da die Menschen Hindi redeten. So saß ich Stunden um Stunden mit Gayathri zusammen, sie übersetze, ich schrieb und erfuhr immer mehr vom Leid der Leute.

Drum werden sich unsere Projekte in Zukunft nicht nur mit dem Müllproblem auseinandersetzen müssen, sondern auch mit den immer mehr zunehmenden Wassermissständen der ländlichen Bevölkerung, die von der Regierung im Stich gelassen werden.

Apropos Müll: In Dallapalli scheint gerade alles den Bach runterzugehen. Immer mehr Touristen kommen und legen sich mit den Dorfbewohnern an. Diese haben Transparente an den Weggabelungen aufgestellt, die Touristen fernhalten sollen, die ignorieren diese aber komplett. Hierzu gab es auch Filmschnipsel, die von mir zusammengeschnitten werden sollten. Ich verstand kein Wort, aber es ging nicht an mir vorbei, dass diese Leute sehr sehr sauer waren. Wirklich gut gefilmt war die Sache nicht, aber ich versuchte mein Bestes. Bahnu schien angetan und vielleicht wird es in Zukunft mehr Filmprojekte für mich geben. Darüber wäre ich wahnsinnig glücklich…:)