Glück

„Vielleicht ist Glück der Grund, warum Menschen leben. Ohne Glück wäre das Leben wirklich widerlich.“

Liz

„Ich glaube an Liebe, Freude, Ehrlichkeit und Loyalität. Ich glaube an Menschen, denen ich im Leben begegne.“

Liz

„Fragt einen indischen Freund, was für ihn Glück bedeutet, was ihn glücklich macht und wie sehr er von seinem eigenen Glück abhängig ist. Was bewundert ihr an dieser Person und inwiefern möchtest du sie näher kennenlernen?“

So, im ungefähren Wortlaut, stand es in der Einladung für´s Zwischenseminar.

Dieses findet immer dann statt, wenn sich das Jahr langsam, aber sicher zur Mitte neigt. Die indischen Freiwilligen der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ werden an einem Ort zusammenberufen, es gibt einen regen Austausch zwischen ihnen und es wird, seitens der Organisatoren versucht, aufgetretene Probleme bei der Arbeit aus der Welt zu schaffen.

Bereits in Deutschland, beim Vorbereitungsseminar, beschrieb man dieses Zwischentreffen als sehr sinnbringend, da man durch Berichte seiner Freunde in anderen indischen Städten aufgemuntert und dazu motiviert wurde neue Kraft zu schöpfen und sich voller Vorfreude auf´s neue halbe Jahr zu stürzen.

Eine Aufgabe, die es vor diesen fünf Tagen zu erledigen galt, war es nun eine indische Person zu ihrem Glück zu befragen. Wirklich lange grübelte ich nicht über der Frage mit welcher Person ich reden würde. Zwar hatten wir in den letzten fünf Monaten viele Kontakte aufgebaut, aber die nötige Tiefe und das gegenseitige Vertrauen waren nur bei einem Menschen vorhanden und unter diesen gab eben nur ein Mensch, ein Mädchen, auf dessen Mutters Todestagsfeier ich anwesend war, wodurch ich Einblicke in ihre echte, unverfälschte Gefühlswelt erhaschen konnte: Liz. Das Mädchen aus dem Taxi. Ihrerseits 25 Jahre alt, sensibel, nachdenklich und begeisterte Schokoladenliebhaberin. Vor mehr als einem Jahr verstarb ihre Mutter, zu der sie ein sehr enges, inniges Verhältnis gehabt hatte. Dann, Monate später begegnete sie mir zufällig auf einer Taxifahrt zu ihrer Tante, war sehr interessiert an meiner Arbeit und siehe da, bald darauf befand ich mich mittendrin in ihrer Welt, der der Verwandten und ihrer Bekannten. Klar hätte es durchaus schönere Anlässe geben können, sich zu treffen, als ein einjähriger Todestag, aber das indische Leben spielt eben oftmals anders…

Einen Tag vor dem Zwischenseminar, dass übrigens zu unseren Gunsten in Hyderabad, in der Abhaya-Waldorfschule, stattfinden würde, (viele Freiwillige mussten aus Bangalore, Kalkutta und Pune anreisen) fragte ich mich jedoch ernsthaft, was ich dort sollte. Ich hatte keine Probleme, die es zu besprechen galt, ich hatte just in diesem Moment überhaupt keine Lust auf Menschen und irgendwie hätte ich liebend gern an den kleinen Filmen weiter geschnitten.

So war meine, sowie Merlins Stimmung, nicht gerade am Höhepunkt. Die idyllische Umgebung der Abhaya-Schule, die etwas weiter in den Vorortgebieten Hyderabads lag, konnte auch nichts daran ändern….

Dann trudelten jedoch einige der Menschen ein, die ich seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen hatte. Unglaubliche zehn Tage verbrachte ich mit ihnen, im Juli des letzten Jahres, zu Zeiten des Vorbereitungsseminars in Deutschland und diese Tage hatten uns seltsam aneinandergeschweißt. So verschieden wir auch sein mussten, wir waren trotzdem gleich in der Sache.

So schlecht gelaunt ich vorher auch war, sie, die Leute, wiederzusehen war richtig schön.

Das Seminar begann, wir redeten über unsere Einsatzstellen (die meisten waren in Schulen und Camphills untergekommen) und deren Probleme, die teils unlösbar zu sein schienen und jene Leute vor große Fragen und Herausforderungen stellte. Wir sangen, spielten Spiele und erzählten uns lustige Geschichten aus den letzten Monaten.

Gegen Ende des Seminars kamen jene Abende, wo wir unsere Personen vorstellen sollten….

Zusammen mit drei anderen laufe ich, den Sternhimmel über unseren Köpfen, durch die Dunkelheit. Ich beginne von Liz zu erzählen und lese, sozusagen als Einstieg, meine Totenfeier-Geschichte mit ihr vor.

Die restlichen Tage hatten wir viel über Rassismus geredet, der vor allem Leute des globalen Südens betraf. Leute aus dem globalen Norden/wir würden uns über jene stellen, die vermeidlich unterentwickelter und primitiver lebten. Stereotypen und Verallgemeinerungen waren dessen Folgen und man selbst sollte in Zukunft aufpassen, dass man selbst weniger auf ganze Völkergruppen verwies, sondern vielmehr auf Individuen. Vielleicht schien es deswegen so wichtig greifbare Personen zu nehmen und sie nach ihrem Glück zu fragen..

„Vielleicht ist Glück der Grund, warum Menschen leben. Ohne Glück wäre das Leben wirklich widerlich. Glück ist alles. Ich glaube an Liebe, Freude, Ehrlichkeit und Loyalität. Ich glaube an Menschen, denen ich im Leben begegne.“

Ich höre kurz auf über Liz´ Vorstellungen vom Glück zu lesen und schaue in die Gesichter der anderen. Sie blicken ins Leere, gedankenvertieft. Vielleicht gerade selbst darüber nachdenkend, was Glück für sie ist. Oben am Himmel schimmert ein Stern im rötlichem Licht.

„Vielleicht der Mars?“ denkt Moritz.

Ich lese weiter: „Ich habe alles von meinen Eltern, ich bin gesichert, aber ich bin nicht glücklich mit allem was ich habe. Ich habe Mom verloren, es hat mich in Stücke gerissen. Seitdem fällt es mir schwer für irgendwas Glück zu empfinden. An Weihnachten waren alle da, außer meiner Mutter und das hat mich fertiggemacht.Dementsprechend habe ich mittlerweile kaum noch Anteil an meinem eigenen Glück. Ich liebe sie mehr als mich.“

Ich höre lautes Einatmen. Es ist ein schwieriges Thema, ohne Frage. Selbst für mich ist es schwierig zu lesen.

„Mich treibt der Gedanke an irgendwo jemanden zu finden, den ich genauso lieben kann, wie meine Mutter. Vielleicht habe ich deswegen schon mein Hochzeitskleid, aber keinen Mann…Mich treibt der Gedanke an irgendwann wirklich glücklich zu sein.“

Das war´s. Mit jedem ausgesprochenen Wort fühle ich mich schlechter es ausgesprochen zu haben. Liz

Gedanken wirken so aussichtslos, kaum passend für ein vermeidlich „glückliches“ Thema, doch hat sie sich dafür bereit erklärt, die Fragen zu beantworten.

„Wie oft habt ihr in letzter Zeit geredet?“ fragt Iruna.

„Anfangs ziemlich viel. Jetzt… Naja…kaum noch“, antworte ich.

„Wirkte sie, als ihr öfters geschrieben und geredet habt, glücklicher, als danach?“

Ich zögere: „Ja…“

Am letzten Tag des Seminars fahren wir mitten in der Nacht los, um den Sonnenaufgang in den Bergen Hyderbads zu beobachten. Wir steigen auf die riesigen Felsen, uns offenbart sich eine schlafende, von Smog eingehüllte Stadt. Es wirkt abstrakt, hinter einer großen Steinformation schwarze, graue Hochhäuser aufregen zu sehen, es wirkt so, als hätte die Apokalypse zugeschlagen.

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Jeder denkt für sich darüber nach, wie er sich gerade fühlt und wie das nächste halbe Jahr aussehen soll. Anhand von Fantasiekarten des Gemeinschaftsspiels „Dixit“ versuchen wir aus den Bildern der Spielkarten Dinge für uns herauszuinterpretieren.

Ich bin wie der Zwerg, der vor einem riesigen Schimmer in einer Mine steht. Er wird hinrennen und sich den Schatz holen. So wie ich. Ich habe die erste Hälfte des Jahres viele Möglichkeiten freigelegt, die ich jetzt ernten möchte.

Ich bin wie ein Goldfisch im Glas voller leuchtender Glühbirnen. Viele Ideen schwimmen um mich herum, ich bin begeistert von ihnen, kann sie kaum fassen, vergesse manche auch wieder, aber bin trotzdem von jeder begeistert und werde manche umsetzen.

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Ich bin wie der Mensch, der vor einem 100 Meter großen Baum steht und sich fragt, wie er dort hochkommen soll. Das Müllproblem, schier unlösbar.

Und ich sehe zwei Ritter. Sie stehen für den Kampf, das Abenteuer in welchem ich mich befinde. Es soll weitergehen!

Die Sonne geht als roter Ball über der rauchenden Stadt auf und just in diesem Moment will ich nirgendwo anders sein. Ich bin glücklich mit meinen Gedanken. Ich bin glücklich mit den Leuten um mich herum. Klar, vieles ist manchmal gar nicht so einfach, ich zähle die Monate, wann es für mich wieder in Deutschland geht und vermisse auch richtig guten Salat mit Pinienkernen und Balsamico-Essig…

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„Ein Meditations-Lehrer im Camphill hat auf meine Frage, was für ihn Glück ist, betont, dass Glück zwischen dem Denken passiert“, sagt Iruna, als ich mich neben sie auf den Stein setze.

„Wenn du lachst, den Sonnenuntergang bestaunst, singst…Wenn du denkst, denkst du zu viel darüber nach, wie du glücklich sein kannst, verpasst aber es zu sein.“

„Stimmt“ meine ich. Gemeinsam sitzen wir da, sehen zu, wie sich die Apokalypse in menschliches Dahinsausen verwandelt und beobachten einen Bagger, der tief unter uns Steine behämmert. Wir philosophieren darüber,wie es wohl den Steinen ergehen mag, verkloppt zu werden. Wir kichern ausgelassen über unsere bescheuerten Ideen.

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Das Seminar steht vor dem Ende, wir verabschieden uns. Viele der Menschen werde ich erst wieder in einem halben Jahr wiedersehen, doch einige werden mich auf meinem Weg begleiten, sei es durch Reisen, oder hängengebliebene Gespräche, über Glück, Stereotypen und Probleme.

Vielleicht ist gerade deswegen dieses Jahr eines der Besten seit langem. Weil ich weniger nachdenke und einfach erlebe…fühle.

Vielleicht ist Glück auch eine beständige Wechselwirkung von Problemen und Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt um glücklich zu werden. Wenn ich es meistere mit den Kindern aus Dallapalli den störenden Müll wegzuräumen, wenn ich nach langer Zeit wieder im Meer baden gehen kann, ja wenn ich nach harter nerviger Filmschneidearbeit, den letzten Schnitt mache, ja dann bin ich glücklich.

Und vielleicht sollte ich für mich selbst beschließen Liz aus dem ewigen Denken an ihre Mutter herauszuziehen. So kann sie nicht glücklich werden. Freundschaft hingegen kann vieles bewirken…